Jugendliche konstruieren Gerechtigkeit in Kolumbien

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Der gestrige Abend stand ganz im Zeichen der Opfer eines bewaffneten Konflikts. Die Psychologin Dr. Sol Yáñez informierte über ihre Arbeit als Trauma-Spezialistin im Friedensprozess in El Salvador und im Anschluss konnten die 15 Studenten von verschiedenen Universitäten Bogotas, die Teil unserer Gruppe Jugendliche konstruieren Gerechtigkeit sind, ihre Fragen stellen was in einer angeregten Diskussion mündete.

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Dr. Yáñez arbeitet seit 2001 in El Salvador, um Opfern des 13 Jahre währenden Bürgerkrieges im Land bei der Verarbeitung des Erlebten zu helfen und Gerechtigkeit in Form von Strafverfolgung der Täter zu erreichen. In diesem Zusammenhang wurde sie 2013 vom Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte als Sachverständige geladen und bereitete einige Opfer auf die bevorstehenden Zeugenaussagen psychologisch vor.

Die Studenten hörten interessiert zu als Dr. Yáñez von dem Konflikt in El Salvador, ihrer Arbeit im Allgemeinen und möglicher Lehren für die Situation in Kolumbien nach dem Abschluss des Friedensvertrags mit der FARC und der Vorbereitung eines Amnestiegesetzes referierte. Dabei steht für sie die sog. psychologisch-rechtliche Hilfe im Vordergrund. Das bedeutet, dass die Opfer die Möglichkeit haben müssen, über ihr Erlebtes zu sprechen, um dies verarbeiten zu können, aber auch Gerechtigkeit durch juristische Strafverfolgung der Täter erfahren müssen.

Nur auf diesem Wege sei ein andauernder Frieden möglich. Um dieses Ziel zu erreichen, sei es zudem unabdingbar, dass die Gesellschaft –beispielsweise in Form von Wahrheitskommissionen- die Wahrheit über die begangenen Taten erfährt. Zum einen, da es nach Dr. Yáñez ein sog. Recht auf Wahrheit gebe, zum anderen sei es ein Bestandteil des Verarbeitungsprozesses für die Opfer, dass ihr Erlebtes als Verbrechen anerkannt wird.

Danach fand eine angeregte Diskussions- und Fragerunde statt: Dabei interessierte die Studenten besonders, ob dieses sog. Recht auf Wahrheit der Gesellschaft denn tatsächlich zur Erreichung des Friedens verhelfe, oder diesen Prozess verhindere, da dadurch eine noch größere Kluft zwischen Tätern und Opfern entstehen könne. Dem widersprach Dr. Yañez vehement. Für sie stünden die Opfer und deren Würde im Vordergrund, zudem sei ein dauerhafter Frieden nur möglich, wenn eine Aufarbeitung des Vergangenen innerhalb der ganzen Gesellschaft stattfinde. Viele Taten kämen erst durch die Zeugenaussagen von Opfern ans Licht.

Dies sei zudem nötig, um sicherzustellen, dass solche Taten nicht noch einmal stattfänden. Sie verwies dabei auf die Erinnerungskultur mit Museen und Gedenkstätten in Deutschland.

Am Ende bestand Einigkeit darüber, dass sowohl Anwälte als auch Staatsanwaltschaft und Richter im Rahmen der Übergangsjustiz besser auf den Umgang mit Opfern vorbereitet werden müssten. Denn der Versuch, Gerechtigkeit durch Strafverfolgung zu erreichen, dürfe nicht ins Gegenteil umschlagen, indem die Opfer durch ihre Befragung vor Gericht noch mehr Leid erfahren.

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erschienen

Kolumbien, 9. März 2017