Ein Praktikum im Land des Fußballs

Herrscht in Russland schon Fußballeuphorie? Was erwartet die nach Russland kommenden Fans abseits vom Fußballstadion? Dies sind die Eindrücke eines Praktikanten im Moskauer Büro der Konrad-Adenauer-Stiftung.

Die Fußballweltmeisterschaft in Russland steht kurz vor ihrem Beginn. Vielleicht kommt sie sogar zum genau richtigen Moment, jetzt, wo das politische Klima zwischen der deutschen und russischen Regierung so unterkühlt wirkt. Dass Fußball eine vereinigende Wirkung hat, haben wir in Deutschland bei der WM 2006 im eigenen Land bereits selbst erleben können. "Die Welt zu Gast bei Freunden" hieß das Motto damals. Wenn der Dialog auf politischer Ebene stagniert, erscheint es umso wichtiger, die Völkerverständigung zu fördern. Denn wenn man die Kultur und Lebensweise des anderen kennt, fällt es auch umso leichter, dessen politische Handlungen zu verstehen. So etwas Ähnliches muss ich mir gedacht haben, als ich mich dazu entschied ein Praktikum im Auslandsbüro Moskau der Konrad-Adenauer-Stiftung zu absolvieren.

Auf dem täglichen Weg zur Arbeit ist in Moskau allerdings noch kaum Euphorie zu spüren. An vielen Orten wird noch renoviert, gebaut und geputzt. Infotafeln, Süßigkeiten und eine bis zum Eröffnungsspiel herunterzählende Uhr im Zentrum der Stadt - sie alle tragen das WM-Logo. Doch in der U-Bahn, wo von der Oma bis zum Angestellten fast alle sozialen Milieus vertreten sind, lässt sich nicht erahnen, dass das große Fußballfest kurz bevorsteht. Betrübte Mienen prägen hier das Bild, die Menschen möchten nur schnell zum Arbeitsplatz oder nach Hause kommen. Von den Russen sagt man, sie laden gerne Gäste zu sich nach Hause ein. Vielleicht muss das momentane Stadtbild deshalb auch so interpretiert werden: Die Wohnung wird saubergemacht, und nur für die Gäste wird das gute Geschirr mit dem Tafelsilber auf den Tisch gestellt. Man möchte sich als ein offenes Land präsentieren.

Neulich, bei einem Spaziergang über den roten Platz, konnte man dann doch schon den Hauch von Vorfreude vernehmen, als eine Gruppe ausländischer Reisender einen Fan-Gesang anstimmte. An sich nichts Weltbewegendes, jedoch verleitete er die vorbeigehenden Menschen dazu stehen zu bleiben und für einen Moment zu lauschen. Natürlich wird es weiterhin Diskussionen um Korruption bei der WM-Vergabe, und schlechte Arbeitsbedingungen auf den Baustellen der Stadien geben. Rollt der Ball aber erstmal, wäre es schön, wenn möglichst viele Leute ebenfalls für einen Moment inne hielten, um dem zu lauschen, was die anderen Völker dieser Welt zu sagen haben. Die russischen Bürger haben alles vorbereitet für das Fest.

Autor

Wadim Weinberger

erschienen

Moskau, 13. Juni 2018