Was ist ein Volk?

Im Rahmen der Reihe "Grenzen in Zeiten der Entgrenzung"

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Prof. Dr. Patzelt und das Publikum

Prof. Dr. Patzelt und das Publikum

Die dritte Veranstaltung der Reihe „Grenzen in Zeiten der Entgrenzung“ fand am 3. November im Dresdner Stadtmuseum statt. Die hohe Teilnehmerzahl der beiden Vorwochen stieg nochmals deutlich auf über 270 Teilnehmer an. Der Andrang war sogar so groß, dass einige Besucher keinen Platz mehr im Saal erhalten konnten. Referent des Abends war Prof. Dr. Werner J. Patzelt vom Institut der Politikwissenschaft der TU Dresden. Sein Vortrag beschäftigte sich mit der Frage was ein Volk ist. Eingeleitet wurde die Veranstaltung aber zunächst von Dr. Joachim Klose, welcher in seiner Eröffnung die Schwierigkeit der Frage umriss. Hierbei spannte er auch einen Bogen zum Vortrag von Prof. Hermann Lübbe aus der vorangegangenen Woche. In diesem wurde beschrieben, dass die zunehmende Globalisierung paradoxerweise gleichzeitig für stärker werdende regionale Abgrenzung gesorgt hat. Daran waren Fragen angeschlossen wie die, ob ein Volk überhaupt Grenzen braucht. Oder ob eine gemeinsame Sprache das einende eines Volks ist, wenn man, wie aktuell zu erleben ist, trotz derselben Sprache kein Verständnis zwischen den Menschen erreicht.

Seinen Vortrag begann Patzelt mit einer Bezugnahme auf den Staats-
rechtsgelehrten Georg Jelinek. Dieser stellte eine, die moderne Staat-
lichkeit zentral prägende, Formel auf. Nach dieser definiert sich ein Staat durch das gleichzeitige Vorhandensein eines Staatsgebiets, einer Staatsgewalt und eines Staatsvolks. Somit sei laut Patzelt klar, dass der Begriff des Volks eine herausgehobene Bedeutung für die modernen Nationalstaaten hat, da das Staatsgebiet und die Staatsgewalt ihren Sinn erst durch ihre Funktion für das Volk erhalten. Trotz dieser Wichtigkeit des Begriffs sind Diskussionen über ihn schwierig. Patzelt begründete dies dadurch, dass es sich um einen Allerweltsbegriff handle. Oberflächlich betrachtet scheint jeder zu wissen, was ein Volk ist. Will man nun aber eine tiefergehende Diskussion führen, so droht diese schnell verfänglich zu werden. Ursächlich dafür sei, dass das Wort „Volk“ vielfach Assoziationen zu völkisch rassistischem oder diktatorischem Sprachgebrauch hervorrufe. Um zumindest den Begriff ein wenig abzugrenzen erläuterte Patzelt kurz die Etymologie von drei, mit dem Volksbegriff verknüpften, Begriffen. Geklärt wurde hierbei die genauere Bedeutung der Wörter Nation, Ethnie und Rasse.

Nach dieser Einführung näherte sich Patzelt nun der Beantwortung der Frage – Was ist ein Volk? - indem er erläuterte, dass es, analytisch gesehen, zwei Möglichkeiten gibt ein Volk zu bestimmen. Die Erste sei dabei einfach zu verstehen. Bei ihr definiert sich ein Volk über biologische Abstammung. Als Beispiel hierfür nannte Prof. Patzelt die Bienen, bei wechen alle Tiere eines Stocks biologisch von einer Königin abstammen und dadurch ein Bienenvolk bilden. Aber auch bei Menschen gäbe es dieses Prinzip. Beispielsweise betrachtet sich das Volk Israel als direkt biologisch von Abraham, Isaak und Jakob abstammend.
Komplizierter sei nach Patzelt die zweite Art um ein Volk analytisch zu fassen. Bei dieser ist ein Volk eine Gruppe, welche zusammen gehören will, sich dabei selbst als Volk versteht und in diesem Prozess von anderen Gruppen abgrenzt. Diesem Vorgehen liegt das Gedankenkonstrukt zugrunde, dass alle Bürger eines Staates jeden Tag erneut quasi eine Volksabstimmung durchführen. In dieser entscheiden sich die Bürger dazu ein Volk zu sein. So stimmt beispielsweise ein Franzose jeden Tag wieder erneut darüber ab indem er in Gedanken bestätigt: „Ja, ich bin ein Franzose!“.

Der zweite Teil des Vortrags beschäftigte sich mit der Frage wie zu erklären ist, dass Menschen diese Entscheidung treffen. Patzelt gab drei Faktoren als Antwort. Einer davon war, dass sich ein Volk durch gemeinsame Werte und Spielregeln definiere. Traditionell sind diese oft in einer Verfassung zusammengefasst. Diese Vorstellung beruht in erster Linie auf Jean Jacque Rousseau. Er entwickelte das Konzept einer Zivilreligion, bei welcher sich die Bürger eines Staates, auf der Grundlage gleicher Werten und Normen, gegenseitig unterwerfen. Als Beispiel für einen solchen Verfassungspatriotismus beschrieb Patzelt die Vereinigten Staaten Amerikas. Griffig zugespitzt verglich er dabei die amerikanische Unabhängigkeitserklärung mit der Bibel oder dem Koran und das Nationalarchiv der USA mit einem Tempel. Besonders betonte Patzelt auch die Qualität des Deutschen Grundgesetzes und sprach sich für mehr Verfassungspatriotismus in Deutschland aus.
Als weiteren Faktor, welcher ein Volk konstituiert, nannte Prof. Dr. Werner Patzelt Historische Narrative. Was er damit meint erläuterte er anhand der europäischen Nationalstaaten. Diese haben die germa-
nischen Völker erfunden und definieren sich nun aufgrund deren Traditionslinien. Beispielsweise habe sich das Volk der Vandalen selbst nie so genannt oder als ein solches empfunden. Solche Narrative spielen bis heute eine starke Rolle, wie man an Staaten wie Frankreich sehen könne. Dieser trägt seine Bezugnahme auf das Volk der Franken und deren Geschichte sogar im Namen.
Als letzten Beweggrund,sich täglich dazu zu entscheiden ein Volk zu sein, nannte Patzelt die natürliche gemeinsame Abgrenzung. Teilweise sei dies instinktiv einfach. So würde laut Patzelt jeder verstehen, dass Bayern etwas anderes sein als Preußen und, dass Preußen etwas anderes sind als Schwaben. Manchmal stellt sich diese Unterscheidung aber auch als schwer zu verstehen dar. So zum Beispiel im Falle der deutschen Teilung. Hier grenzte sich die DDR von der BRD ab, indem sie behauptete, dass es ein eigenes Volk der DDR gäbe, welches von dem Volk der BRD zu unterscheiden sei.
Einen Vergleich mit der Natur ziehend behauptete Patzelt, dass es bei den meisten Tieren ein natürlicher Prozess sei sich in Gruppen von anderen abzugrenzen und dadurch eine Gemeinschaft zu bilden. Eine solche Unterscheidung zwischen „Wir“ und „Anderen“ sei auch für den Menschen natürlich. Sie sei sogar die Voraussetzung durch welche die Bildung einer Gemeinschaft überhaupt erst möglich wird. Den Höhepunkt des Vortrags stellte dieser Teil dar, in welchem Patzelt über diese Abgrenzungsprozesse sprach. Er erläuterte, dass er sie prinzipiell für gut und notwendig halte, aber auch die Gefahr von Freund-Feind-Einteilungen sehe. Dies müsse man verhindern. Um nicht Opfer dieses totalen Freund-Feind-Denkens zu werden stünde den Menschen aber der Altruismus als „Korrektiv“ zur Verfügung. Allerdings dürfe man auch nicht rein Altruistisch sein und dabei jegliche Kosten-Nutzen-Erwägung ignorieren. Die große Herausforderung für eine Gesellschaft sei also der Versuch beides, Abgrenzung und Altruismus, zusammen in ein faires und funktionierendes Verhältnis zu bringen, da beide ihre Notwendigkeit haben.

Während des Vortrages nahm Patzelt immer wieder Bezug auf aktuelle Themen. So zum Beispiel auch zum Abschluss seiner Rede, als er die weiterführende Frage stellte, warum über den Volksbegriff gestritten werden müsse. Hierbei beschrieb er ein gebrochenes Verhältnis der Deutschen zu ihrer eigenen Nation, bedingt durch den 2. Weltkrieg. Er Verglich es mit einer Wunde, welche zwar nicht mehr klaffend offen sei, wie er sagte aber auch „noch nicht so fest vernarbt, dass es nicht leicht wieder zu bluten anfangen könnte.“ Mit Sätzen wie diesen sorgte Prof. Patzelt mehrere Male für den Applaus des Publikums. So auch, als er darüber sprach, dass die Diskussion über Einwanderungs- und Flüchtlingspolitik nicht, wie bisher, ein Projekt der politischen Eliten sein dürfe, sondern die gesamte Bevölkerung einbezogen werden müsse. Die Kommunikation zwischen der Politik und dem Volk sei massiv gestört. Um dieses Problem zu beheben sprach sich Patzelt entschieden dafür aus, dass Einwanderungs- und Flüchtlingspolitik Themen sein müssen über welche in den Wahlkämpfen gestritten wird.

In der anschließenden Diskussion wurde weiter vermehrt über aktuelle Themen gesprochen. So ging es darum wie Europa mit der steigenden Zuwanderung umgehen soll oder welche Rolle Grenzen für ein Volk spielen. Hierbei wurde auf die nächste Veranstaltung der Reihe, mit Prof. Dr. Herfried Münkler am 10. November 2015, verwiesen, welche sich mit dem Thema „Staatsgrenzen und die militärische Schutzfunktion“ beschäftigen wird.
Ein weiteres Thema war die Frage welche Rolle die Religion bei der Integration von Flüchtlingen spielt. Hierbei würde immer die Gefahr bestehen, dass Religionen in Konflikt mit demokratischen Grundwerten geraten. Besonders mit Blick auf den Islam betonte Patzelt dabei, dass wir die Achtung unserer Grundwerte, wie beispielsweise dem der Gleichheit von Mann und Frau, von jedem einzelnen Menschen in Deutschland aktiv einfordern müssen. Vor allem betonte er aber, dass es dabei der falsche Weg sei den Islam zu verteufeln und sich von ihm abzuschotten. Viel eher müsse man offen auf ihn zugehen, da nur so die Chance auf einen friedlichen, gemäßigten Islam bestehe.
Besonders aus der Diskussion herauszuheben ist die Antwort Patzelts auf die Frage wie Deutschland auf die massive Einwanderung reagieren soll. Er beschrieb dabei eine mögliche Maxime der deutschen Integrationspolitik am Beispiel von Syrern mit folgenden Worten: „Aus nach Deutschland geflüchteten Syrern sollen zunächst deutsche Syrer werden und dann syrische Deutsche. Ihre Kinder sind dann sowieso Deutsche“

Von Lukas Dirscherl

Serie

Veranstaltungsberichte

erschienen

Dresden, 5. November 2015

Grenzen in Zeiten der Entgrenzung