„Der einzelne Mensch steht im Mittelpunkt unserer Gesellschaft“

Veranstaltungsbericht

Im Rahmen der Reihe „Deutschland. Das nächste Kapitel“ fand am 2. November 2017 das Torgauer Schlossgespräch mit Bundespräsident a.D. Christian Wulff statt.

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Christian Wulff sprach zu der Frage: "Was hält uns heute und künftig zusammen?"

Christian Wulff sprach zu der Frage: "Was hält uns heute und künftig zusammen?"

Im gut gefüllten Plenarsaal von Schloss Hartenfels in Torgau sprach Christian Wulff zu der Frage, was uns heute und künftig zusammenhält. Dabei schilderte er seine Ansichten zu Deutschland und Europa im Jahr 2017.
Im ersten Teil seines Vortrags analysierte Wulff die aktuelle gesellschaftspolitische Lage und konstatierte, dass es keine Garantie für die Demokratie gebe. Unser System stehe momentan unter einem enormen Druck. Vor diesem Hintergrund müsse man sich einmal vergegenwärtigen, dass es erst seit 27 Jahren Frieden in der Europäischen Union gibt. In den letzten 100 Jahren zuvor war Europa von zahlreichen Kriegen und Konflikten geprägt, so Wulff. Als Beispiel nannte er die Schlacht von Verdun, den Zweiten Weltkrieg und die deutsche Teilung. Es sei wichtig, nicht an die konfliktreiche Geschichte, sondern an das friedliche Miteinander anzuknüpfen. Als Ursachen für die sinkende Strahlkraft der liberalen Demokratie und die steigende Unsicherheit der Menschen führte Christian Wulff den Terrorismus, die negativen Seiten der Globalisierung und Digitalisierung an.

Was muss nun geschehen, damit der gesellschaftliche Zusammenhalt wieder aktiviert wird und erhalten bleibt?

Für die Beantwortung dieser Frage müsse man mit einer Analyse der Bundesrepublik beginnen, so Wulff. Anschließend beschrieb er sehr anschaulich zahlreiche positive Eigenschaften und Fähigkeiten der Deutschen. Menschen wie Alexander von Humboldt würden zeigen, dass Deutschland ein neugieriges Land sein kann. Zudem seien wir industriell führend. Die Detailverliebtheit und Genauigkeit schätze man außerhalb des Landes sehr. Christian Wulff werde auf seinen Auslandreisen immer wieder auch auf die Weltmeisterschaft 2006 angesprochen. Deutschland sei als weltoffenes und respektvolles Gastgeberland wahrgenommen worden. Darüber hinaus habe die oft kritisierte Kleinstaaterei in Deutschland auch Vorteile mit sich gebracht. Der Wettbewerb der Länder habe die Bildung von Eliteuniversitäten gefördert.
Wulff betonte weiterhin, dass Deutschland schon immer ein Land der Aus- und Einwanderung gewesen sei. Ohne fremde Einflüsse hätten wir niemals den heutigen Stand erreicht. Homogene Staaten wären künstlich und würden nur zu Gewalt und Konflikten führen. „Multikulti“ sei gescheitert, aber Multikulturalismus sei die Zukunft, wenn man sich an gemeinsame Regeln hält. Es müsse Mitte und Maß zwischen Abschottung und falsch verstandenem Gutmenschentum gefunden werden.
Abschließend ging Christian Wulff auf Europa und die Europäische Union ein. Ihn besorge es, dass für dieses mutige Projekt nur so wenig Menschen einstehen würden. Die Europäische Union sei die Grundlage für die deutsche Einigung gewesen. Wir müssen uns selbst fragen, was uns Europa wert sei. Die zukünftigen Herausforderungen könne man nur gemeinsam oder gar nicht lösen.

Das Reformationsjubiläum solle uns Anlass geben, mit Mut dem eigenen Gewissen zu folgen. Trotz aktueller Schwierigkeiten in unserer Demokratie dürfe man nicht pauschal in Weltuntergangsszenarien verfallen. Man müsse sich Artikel 1 unseres Grundgesetzes vor Augen halten. Mit der Unantastbarkeit der menschlichen Würde steht der einzelne Mensch im Mittelpunkt unserer Gesellschaft.

Im Anschluss an den Vortrag stand der Bundespräsident a.D. bei einer Diskussionsrunde und einem Empfang dem Publikum Rede und Antwort.

Autor

Maria Bewilogua

Serie

Veranstaltungsberichte

erschienen

Dresden, 6. November 2017