Jordanien erleben!

Bericht zur Studienreise durch Jordanien

Im Herbst 2017 veranstaltete das PBF Sachsen eine Studienreise durch Jordanien. Im Bericht können Sie nachlesen, welche hochrangigen Persönlichkeiten Jordaniens die Teilnehmer trafen und welche Erfahrungen sie aus den Gesprächen mitnahmen.

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Blick über die Dächer Ammans

Amman

Vom 30. September bis 8. Oktober 2017 unternahm eine Gruppe, organisiert durch das PBF Sachsen der Konrad-Adenauer-Stiftung, eine Exkursion nach Jordanien. Ziel war es durch das Erleben und die Erfahrungen vor Ort, die bestehenden Konflikte der Region besser zu verstehen und Erkenntnisse für den Umgang mit der allgemeinen Flüchtlingssituation in Europa und Deutschland zu gewinnen.

Gleich zu Beginn der Reise begrüßte Frau Dr. Annette Ranko die Teilnehmer der Studienreise in Amman. Sie leitet das dortige Büro der Konrad-Adenauer-Stiftung und gab einen ersten Einblick in die Situation des Landes und die Arbeit der Stiftung vor Ort. Jordanien gebe sich allgemein als sehr säkular, doch auch hier seien immer noch Muslimbrüder bzw. deren Gedankengut in den Ministerien zu finden. Ein Schwerpunkt der Stiftungsarbeit vor Ort sei u.a. die Stärkung des Parteiensystems. Noch immer seien in Jordanien die Unterstützung der Familie oder des Stammes für die politische Karriere entscheidender und das Konzept von Parteien würde eher skeptisch betrachtet.

Durch die Unterstützung der jordanischen Studentin, Hiba Omari, in Dresden gelang es dem PBF Sachsen eine Reihe hochkarätiger Gesprächspartner für diese Studienreise zu gewinnen. Direkt im Anschluss an die Begrüßung durch Frau Ranko wurde die Reisegruppe im jordanischen Außenministerium empfangen. Dort stand Omar Al-Nahar, enger Berater des Außenministers, für den Austausch und Fragen zur Verfügung. Ein immer wiederkehrendes Thema war das Verhältnis der Religionen in Jordanien. Diesbezüglich betonte er, dass es keine Trennung oder Benachteiligung zwischen den Religionen gäbe und dass die gegenseitige Toleranz über allem stehe – eine Aussage, die von den kommenden Gesprächspartnern wiederholt und unterstrichen wurde. Al-Nahar selbst war der erste jordanische Diplomat in Israel nachdem 1994 der Friedensvertrag unterzeichnet wurde und ermöglichte interessante Einblicke in die jordanische Sicht auf die Region. Er verdeutlichte die schwierige geopolitische Lage Jordaniens. Trotz allem sei man um gute Beziehungen zu allen Nachbarn bemüht. Besonders die Beziehung zu Israel gestalte sich aber als schwierig, da das Land aus seiner Sicht kein Interesse an einer „Eingliederung“ in die Region zeige. Ein anderes, den Diskurs im Land bestimmendes Thema war die Wasserknappheit. Jordanien ist weltweit das zweitärmste Land bezüglich Wassers. Darauf angesprochen berichtete Al-Nahar vom Red Sea-Dead Sea Projekt, wo durch ein Kanal das Wasser einerseits (durch das Gefälle) zur Stromgewinnung genutzt, andererseits das weitere Absinken des Spiegels des Toten Meers verhindert werden solle. Derzeit würden Syrien und Israel die Wasserzufuhr für das Tote Meer blockieren indem sie die knappe Ressource übernutzen. Problematisch ist aber auch die Verschwendung von Wasser in Jordanien durch defekte Leitungssysteme und falsche Landwirtschaft, die immerhin 20% der Ressource verbraucht. Als deutsche Delegation interessierten die Teilnehmer auch die Erwartungen, die ein Land wie Jordanien an Deutschland und Europa hat. Diesbezüglich betonte der Berater, dass Jordanien Hilfe brauche, um den Frieden und die Stabilität inmitten der vielen Konflikte zu sichern. Außerdem wünsche man sich Zollerleichterungen für den Handel mit der Europäischen Union. Zum Abschluss des Tages wurde die kulturelle Seite des Landes in den Fokus gerückt und die Teilnehmer besuchten die König-Abdullah Moschee und tauschten sich mit dem dortigen Scheich über den Islam aus. Angeregt durch die Ehe-für-alle-Diskussion in Deutschland wurde auch Homosexualität im Islam thematisiert, die von dieser Religion abgelehnt wird.

Am zweiten Tag der Reise traf die Gruppe Patriarch Fouad Twal, bis 2016 Erzbischof von Zypern, Palästina, Jerusalem und Jordanien, im Zentrum „Sacred Heart Latin Convent“. Dieses kümmert sich um Kinder mit Behinderung aller Konfessionen. Auch er berichtete von einem überwiegend guten Miteinander von Christen und Muslimen. Die Priorität in seiner Arbeit sei immer der Ausbau von Schulen gewesen (Schule vor Kirchbau). Dabei betonte er, dass alle christlichen Einrichtungen, egal ob Krankenhäuser, Schulen oder Universitäten für alle Religionen und Konfessionen zugänglich und explizit nicht auf Christen beschränkt seien. Vor allem durch diese Arbeit, durch den Dienst am Menschen beweise man seinen Glauben. Nur gute Bildung verhindere eine Radikalisierung der Gesellschaft. Angesprochen auf die Flucht vieler Christen aus islamischen Ländern, antwortete Twal vehement: „Wir werden nie verschwinden, auch wenn wir wenige sein mögen. Das Heilige Land werden wir nicht allein lassen!“ Gleichzeitig beklagte er, dass Europa sich nicht um die (weltweite, besonders aber die hiesige) Verfolgung der Christen kümmern würde. Christen in Syrien hätten alles verloren, würden aber nie den Glauben aufgeben oder für den eigenen Vorteil konvertieren. In diesem Zusammenhang appellierte er, Religion müsse Teil der Lösung und nicht Grund für Konflikte sein.

Im Anschluss an dieses Gespräch fuhren die Teilnehmer an die syrische Grenze und bekamen die Möglichkeit das Zaatari Refugee Camp zu besichtigen. 76.000 Flüchtlinge – hauptsächlich Syrer – leben hier, sodass man es als viertgrößte Stadt Jordaniens bezeichnen könnte. Täglich werden außerdem 10 Kinder geboren. Die Bundesrepublik Deutschland finanzierte hier eine Kläranlage und baut eine Solaranlage auf. Die Flüchtlinge erhalten 40 JD pro Monat, mit denen sie innerhalb des Lagers zahlen können. Der durch verschiedene Initiativen neu errichtete Fußballplatz mit Kunstrasen ist weit und breit der einzige grüne Fleck. Mit diesen Bildern im Kopf zog die Gruppe das Fazit, dass in diesem Lager ein, den Umständen entsprechend, einigermaßen gutes (Über-)Leben möglich sei. Das deprimierende sei eher die Perspektive. Auf Jahre in einem Provisorium zu leben, ohne konkrete Aussicht auf Rückkehr oder wenigstens Arbeit ist unvorstellbar. Auf dem Rückweg nach Amman bekamen die Teilnehmer einen weiteren Blick in die Geschichte Jordaniens und besichtigten zwei Wüstenschlösser, die in der jordanischen Wüste liegen. Das im achten Jahrhundert erbaute Qusair 'Amra gehört seit 1985 zum Weltkulturerbe der UNESCO.

Der nächste Reisetag begann mit dem Gespräch mit HRH Prinz El Hassan bin Talal im Rathaus von Amman. Der Onkel des aktuellen Königs Abdullah II bin al-Hussein ist ein großer Intellektueller Jordaniens und setzt sich für den interreligiösen Dialog ein. In diesem Zusammenhang erinnerte er daran, dass alle drei Religionen (Christentum, Judentum, Islam) aus dem Levant stammen. Auch Prinz Hassan äußerte sich zur Situation der Region und wies auf die Unterschiede zwischen Israel und den angrenzen Ländern hin. Israel sein ein Erste-Welt-Land, wohingegen seine Nachbarn eine Dritte-Welt-Realität lebten. Die Schlüsselfrage sei dabei, wie man miteinander leben wolle. Als Beispiel für eine gute Zusammenarbeit bezüglich der Nutzung gemeinsamer Ressourcen nannte Prinz Hassan die Bodenseeregion. Dort würden 300 Städte die gemeinsame Ressource Wasser managen. Mit Blick auf Europa und die Weltöffentlichkeit vermisste Prinz Hassan eine globale Offenheit für Themen der arabischen Region. Weiterhin sei langfristig gesehen Krieg teurer als Frieden. Die Bevölkerung von Jordanien ist innerhalb von 27 Jahren (1990-2017) von 3,5 Mio. auf etwa 10 Mio. angewachsen. Ohne Frieden könne man nicht alle Bewohner der Region ernähren, denn abgesehen von der Wasserknappheit beeinflussen die kriegerischen Konflikte um Jordanien auch Handelsbeziehungen und Handelswege. Ein Land mit nuklearen Waffen werde, laut Prinz Hassan, allerdings nie Frieden schließen.

Im Anschluss an das Gespräch mit Prinz Hassan besuchten die Teilnehmer der Studienreise eine weitere Initiative der Königsfamilie. Königin Rania von Jordanien gründete 1995 die Jordan River Foundation zur Stärkung der Rechte von Frauen und Kindern und zur Unterstützung ihrer Persönlichkeitsentwicklung. Das Zentrum beherbergt verschiedene Projekte mit verschiedensten Ansätzen, unter anderem gibt es sozio-ökonomische Projekte für Frauen oder kunsttherapeutische Angebote für Kinder.

Eine weitere spannende Begegnung war das Gespräch mit der Botschafterin der deutschen Bundesregierung in Amman, Birgitta Siefker-Eberle. Da die Teilnehmer bereits einige Gespräche erlebt hatten und verschiedene Punkte in Erfahrung bringen konnten, erwies sich die objektive und sehr offene Einordnung dieser Informationen durch die Botschafterin, die bereits in Syrien und Libanon arbeitete, als sehr wertvoll. So stellte sie unter anderem fest, dass, auch wenn die jordanische Regierung sich weiterhin um eine Zusammenarbeit mit Israel bemühe, ein großer Teil der Bevölkerung den Friedensvertrag mit Israel nicht mehr unterstütze und dass das Land ohne die internationalen Geldgeber (die größten sind Saudi Arabien, USA und Deutschland) nicht überleben würde. Deutschland engagiere sich in der Entwicklungszusammenarbeit vor allem in der Unterstützung des Wassersektors und der Berufsausbildung. Außerdem gebe es mittlerweile einen Deal zwischen der Europäischen Union und Jordanien. Dieser erleichtere die Einfuhr von jordanischen Produkten in die EU, wenn 15% syrische Flüchtlinge in der entsprechenden Firma angestellt sind. Leider werde dieses Programm bisher nur von äußerst wenigen Unternehmen in Anspruch genommen. Angesprochen auf die religiöse Situation im Lande, bestätigte sie das überwiegend friedliche Miteinander. Wies aber gleichzeitig auf die sachte Zensur in den Medien hin, die sicherstellen solle, dass dieser Frieden nicht gestört wird.

Eine andere Facette Jordaniens zeigte sich den Teilnehmern in der King Hussein Medical City. Das Militärkrankenhaus versorge 8000 Patienten pro Tag, vor allem Mitglieder des Militärs und deren Angehörige. Auch Angehörige der deutschen Bundeswehr würden bei Bedarf dort behandelt. Besonderes Augenmerk wurde bei dem Rundgang auf das Rehabilitation Center gelegt, welches sich um Amputationen und die Wiederherstellung von Gliedmaßen kümmere. Etwa 20% der dort behandelten Menschen seien Opfer des Syrien-Krieges. Diesem Besuch schloss sich ein kultureller Teil mit einem Ausflug in die jordanische Wüste und der Felsenstadt Petra an. Vor allem Petra verdeutlichte sehr eindrücklich die lange und florierende Vergangenheit der Region. Die Blütezeit dieser Stadt war an die Pilgerroute nach Mekka und die Handelswege von v.a. Seidenhändlern gekoppelt.

Die letzten zwei Tage der Reise verbrachten die Teilnehmer im Westen des Landes am Toten Meer, wo sie unter anderem Frauke Neumann-Silkow, Programmleiterin der GIZ trafen. Diese berichtete noch einmal im Detail über die Wasser-Problematik – Zum Beispiel gingen bereits 40% des zur Verfügung gestellten Wassers durch kaputte Rohre und Versickern auf dem Weg zu den Menschen verloren. Auch bleiben die Wasseranbieter oft auf ihren Kosten sitzen, da Wasserzähler entweder nicht existieren oder manipuliert sind. So sagte Neumann-Silkow dann auch, dass wenn es ein rein technisches Problem wäre, die nachhaltige Wasserversorgung Jordaniens längst gelöst wäre. Zusammenfassend wurde von den Teilnehmern festgestellt, dass es weniger ein Erkenntnis- denn ein Exekutionsproblem sei. Den Baubeginn für das bereits erwähnte Red Sea-Dead Sea Projekt sieht sie – auch aufgrund der schwierigen Kooperation mit den Anliegerstaaten – nicht vor 2019/2020.

Zum Abschluss der Reise traf die Reisegruppe in Amman den Bruder des Königs, HRH Prinz Ali bin Al Hussein. Er ist Präsident des jordanischen Fußballverbandes sowie Gründer und Päsident des West-asiatischen Fußballverbandes, der West Asian Football Federation. Mit ihm sprachen die Teilnehmer über die integrative Kraft von Fußball und die jordanische Frauenfußballmannschaft. Abseits vom Fußballthema befragten die Teilnehmer auch ihn nach seinen Erwartungen an Deutschland oder Europa. Daraufhin erwiderte er spontan, dass die Bundesrepublik für Jordanien ein wichtiges Vorbild sei. Deutschland habe nach den zwei Weltkriegen am Boden gelegen und hätte in den vergangenen Jahrzehnten eine unglaubliche Entwicklung, sowohl wirtschaftlich als auch gesellschaftlich, vollzogen. Dies würde nach der hoffentlich baldigen Befriedung der Region auch seinem Land bevorstehen.

Autor

Johanna Hohaus

Serie

Veranstaltungsberichte

erschienen

Dresden, 18. Dezember 2017