Extremismusprävention im Senegal

Konferenz zum Beitrag der Religionen

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Am 5. und 6. Dezember 2017 fand in Dakar zum neunten Mal die jährlich stattfindende Konferenz zum Interreligiösen Dialog des Auslandsbüros Senegal der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) statt. Wie in den zurückliegenden Jahren wurde die Konferenz in Kooperation mit dem Timbuktu-Institut, dem langjährigen KAS-Partner ASECOD, der Universität Cheikh Anta Diop in Dakar (UCAD) und der Israelischen Botschaft im Senegal organisiert.

Die Veranstaltung gilt in Dakar inzwischen als fester Bestandteil des öffentlichen Jahreskalenders und bewegte knapp 200 Vertreter aus Politik, Wissenschaft, Militär, Religionsgemeinschaften und Zivilgesellschaft zur Teilnahme. Als Neuerung fand die Veranstaltung erstmals außerhalb des KAS-Gebäudes in Dakar statt und regte durch die zentrale Lage des neuen Tagungsortes im Stadtzentrum zusätzliche Autoritäten zur Teilnahme an.

Beitrag der Religionen zur Extremismusprävention

Thema der diesjährigen Konferenz war „Extremismusprävention durch Dialog und Solidarität: Das Beispiel Senegals in Afrika“. In drei unterschiedlichen Panels gingen religiöse Würdenträger und Wissenschaftler der Frage nach, weshalb der Senegal als multireligiöses und multiethnisches Land in Westafrika bisher von terroristisch motivierten Anschlägen verschont blieb und keine nennenswerten extremistischen Bewegungen im Land kennt. In Anbetracht der Tatsache, dass in zahlreichen Ländern Westafrikas in den vergangenen Jahren Terroranschläge Länder destabilisierten, z.B. in Mali, Burkina Faso oder der Elfenbeinküste, sollte untersucht werden, welche senegalesischen Besonderheiten zur Stabilität des Landes beitragen und welche Rolle insbesondere Religionen im Kampf gegen Radikalisierung und Extremismus einnehmen.

Austausch zwischen Religionen und Wissenschaft im Mittelpunkt

Die drei Paneldiskussionen widmeten sich folgenden Fragestellungen: „Beitrag der Religionen zur Extremismusprävention“, „Wissenschaftliche Erkenntnisse der Extremismusprävention“ und „Extremistische Umtriebe und Reaktionen in Politik und Gesellschaft“. Im Anschluss an die drei Podiumsdiskussionen konnten die Teilnehmer der Konferenz in unterschiedlichen Foren Handlungsempfehlungen erarbeiten, die im Anschluss an die Tagung an die politischen und religiösen Verantwortungsträger des Landes übermittelt werden. An der Eröffnungszeremonie am 5. Dezember nahmen neben Professor Ibrahima Thioub als Vertreter der Universität, dem ehemaligen Senator und ASECOD-Vorsitzenden Sidy Dieng, Dr. Bakary Samb als Direktor des Timbuktu-Instituts und Thierno Ka als Leiter des Islamischen Instituts in Dakar auch Mislav Hodic als Vertreter der Apostoli-schen Nuntiatur im Senegal sowie der deutsche Botschafter, S.E. Stephan Röken, und der israelische Botschafter, S.E. Paul Hirschson, teil. Der Ka-binettsdirektor des senegalesischen Ministeriums für Jugend und Bürgerschaftliches Engagement vertrat den Jugendminister und leitete durch die Eröffnungsveranstaltung.

Extremismusforschung an Universitäten nimmt zu

Professor Ibrahima Thioub von der UCAD betonte in seinen Ausführungen, dass die Extremismusforschung an den Universitäten des Landes seit Jahren zunehme und sich vermehrt wissenschaftliche Arbeiten mit Fragestellungen der Radikalisierung be-schäftigten. Ein Dialog brauche den offenen Austausch und das Aushalten unterschiedlicher Meinungen. Die Universität nehme dabei im gesamtgesellschaftlichen Diskurs eine wichtige Rolle ein und trage mit dazu bei, sachlich und fundiert über extremistische Bewegungen im öffentlichen Raum zu diskutieren.

Religionsgemeinschaften müssen in Verantwortung genommen werden

Der Leiter des Islamischen Zentrums in Dakar, Thierno Ba, betonte die friedliche Ausrichtung aller Religionen und forderte gleichzeitig, dass sich religiöse Würdenträger noch stärker gegen extremistisches Gedankengut positionieren müssten. Es dürfe keine religiöse Legitimation für Gewalt geben, dies eindeutig zu formulieren, sei auch die Aufgabe muslimischer Gelehrter, so Thierno Ba. Mislav Hodic als Vertreter des Heiligen Stuhls im Senegal wies in seinen Ausführungen auf die soziale Komponente von Radikalisierungsmotiven hin. Die Reduzierung der Armut und die Schaffung von menschenwürdigen Lebensbedingungen seien zentral, um Radikalisierung und Extremismus vorbeugen zu können. Hodic betonte außerdem, dass die voranschreitende Individualisierung und Egoismus mit dazu beitragen könnten, dass sich Menschen radikalisieren – auch da sie in extremistischen Gruppierungen ein Zusammengehörigkeitsgefühl erhielten und gegen die Konsummentalität ein Gefühl der Askese und des einfachen Lebensstils stellten.

Senegal und Israel arbeiten als stabile Länder zusammen

Der israelische Botschafter unterstrich die wichtige Rolle Senegals als Stabilitätsfaktor in der Region in Westafrika und machte deutlich, dass stabile Länder zusammen halten müssten. Während inzwischen weltweit zahlreiche Länder von terroristischen Akten bedroht würden, müssten die Länder zusammenarbeiten, die Stabilität exportieren könnten. Senegal und Israel seien Beispiele für solche stabilitätsfördernden Länder, so Paul Hirschson. Der deutsche Botschafter im Senegal, Stephan Röken, unterstrich, dass die Mehrzahl der weltweiten Konflikte wirtschaftliche, politische oder gesellschaftliche Motive hätten und seiner Auffassung nach keine religiöse Motivation in sich trügen. Er stellte die Frage, weshalb Religionen dennoch für extremistische Umtriebe zweckentfremdet würden und was Religionen leisten müssten, um dieser Pervertierung ihres Glaubens entgegen zu wirken. Er appellierte an die Teilnehmer, kein wörtliches Verständnis von Religion anzuwenden und die Nutzung des Verstandes zur Interpretation religiöser Texte als einen Auftrag Gottes anzusehen. Das religiöse Miteinander im Senegal hob der deutsche Botschafter ausdrücklich hervor. Wissen über Religion wichtig zur Vorbeugung von Extremismus

Der anwesende Bischof von Thies, Andre Gueye, stellte in seinen Ausführungen Möglichkeiten dar, wie einer Ra-dikalisierung vorgebeugt werden könnte. Hierfür sei die Kenntnis der eigenen Religion in historischer und inhaltlicher Tiefe vonnöten. Ferner gelte es, jede Religion vor einer Instrumentalisierung durch politische Akteure zu schützen und stets für den Austausch mit anderen Religionen offen zu sein. „Die Brüderlichkeit aller Religionen muss hervorgehoben werden“, so der Bischof von Thies. Sokna Mai Mbacke, eine junge Wissenschaftlerin des Timbuktu-Instituts, forderte in ihrem Impulsvortrag, dass Moscheen und Kirchen noch stärker als bisher in die Arbeit der Extremismusprävention eingebunden werden müssten. Die Aufklärung über den friedlichen Auftrag von Religionen müsse in kirchlichen- und Koranschulen noch stärker betont und an die Schüler vermittelt werden. In den drei Diskussionsforen wurden im Verlauf der zweitägigen Konferenz zahlreiche Handlungsempfehlungen von den Teilnehmern erarbeitet. Die wichtigsten Empfehlungen sind folgende:

Handlungsempfehlungen

Die Rolle der Eltern müsse gestärkt werden, da diese einen primären Erziehungsauftrag der Kinder haben und somit auch bei der Extremismusprävention eine wichtige Rolle einnehmen. Eltern können Wissen an ihre Kinder weitergeben – auch über die friedliche Ausrichtung von Religionen. Hierzu müsse innerhalb der Familien mehr Raum zur offenen Diskussion geschaffen werden.

Medien müssten sensibler und differenzierter über Extremismus berichten und verdeutlichen, dass Radikalisierungstendenzen nicht hinnehmbar seien. Die Rolle der Medien bei der Informationsvermittlung und Aufklärung über Extremismusprävention sei zu stärken.

Die Religionsgemeinschaften müssten sich noch stärker einbringen, um in ihren Einrichtungen, v.a. Erziehungs-einrichtungen, noch stärker auf die friedliche Ausrichtung ihrer Religion hinzuweisen und jeder radikalen Interpretation der Religion eine Absage erteilen. Der Austausch zwischen unterschiedlichen Religionsgemeinschaften müsse das ganze Jahr über konsequent fortgeführt werden.

Die sozialen Bedingungen für die Bevölkerung müssten sich verbessern. Die (Jugend-) Arbeitslosigkeit müsse gesenkt und die Armutsrate reduziert werden. Durch die Schaffung von Arbeitsplätzen und Perspektiven könne eine Radikalisierung vermieden werden. Religionsdialog im Senegal funktioniert – Extremismus bleibt Herausforderung

Der Senegal ist ein gutes Beispiel für einen gelingenden interreligiösen Dialog und für ein funktionierendes Miteinander unterschiedlicher Glaubensrichtungen. Bisher blieb das Land von terroristisch motivierten Anschlägen verschont, dennoch ist das Land prinzipiell auch im Fokus extremistischer Gruppierungen. Die Religionsgemeinschaften nehmen im Senegal bis dato eine wichtige Pufferfunktion gegen extremistische Einflüsse ein. Dies kann sich jedoch ändern – vor allem bei der jungen Bevölkerung – wenn die sozialen Probleme und die Ungleichheit zwischen der Stadt- und Landbevölkerung weiter zunehmen. Es bleibt daher eine zentrale Aufgabe staatlicher Institutionen, neben einer guten Regierungsführung auch die Reduzierung der (Jugend-) Arbeitslosigkeit weiter voranzutreiben. Parlamentariergruppe Interreligiöser Dialog in Nationalversammlung angeregt

Der Fraktionsvorsitzende der Koalition Benno Bokk Yakaar (BBY), der Präsidentenkoalition mit 125 der 165 Abgeordnetenmandate in der Nationalversammlung, nahm die Empfehlungen der Teilnehmer am Ende des zweiten Konferenztages entgegen und versicherte, dass die Vorschläge im politischen Entscheidungsprozess berücksichtigt würden. Er lobte die Arbeit der Konrad-Adenauer-Stiftung im Bereich des Interreligiösen Dialogs und kündigte an, eine Parlamentsgruppe zum Interreligiösen Dialog in der Nationalversammlung initiieren zu wollen.

Autor

Thomas Volk

Serie

Veranstaltungsberichte

erschienen

Senegal, 8. Dezember 2017

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Leiter des Auslandsbüros Senegal

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