Regierung Senegals gerät nach Schiffskatastrophe ins Wanken

Rücktritt zweier Minister, Präsident kündigt harte Sanktionen an

Drei Tage nach der schwersten Schiffskatastrophe Senegals traten der Transport- und der Verteidigungsminister zurück, ihre Ressorts waren unmittelbar für die Ursachen des Unglücks verantwortlich. In einer beispiellos ungeschminkten Ansprache an die senegalesische Nation am 1. Oktober versprach Staatspräsident Abdoulaye Wade genaue Untersuchungen der Ursachen der Katastrophe und kündigte exemplarische Sanktionen für die Verantwortlichen auf allen Ebenen an. Wade prangerte in seiner Ansprache vor allem die Unsitten der senegalesischen Gesellschaft an, deren Zusammenspiel zu dem Drama geführt haben: Nachlässigkeit, mangelndes Verantwortungsgefühl, Gleichgültigkeit und rücksichtsloses Profitdenken. Diese Unsitten seien in allen Gesellschafts- und Berufsklassen zu finden. Wade rief die gesamte Nation zum Umdenken auf und sagte, nur durch eine grundlegende Veränderung der Einstellungen und Handlungsweisen könnten in Zukunft ähnliche Katastrophen verhindert werden.

Schwerstes Schiffsunglück Senegals

Das schwerste Schiffsunglück der senegalesischen Geschichte hat fast 1000 Menschenleben gefordert. In der Nacht vom 26. auf den 27. September sank die Passagierfähre "Joola", die als einziges Schiff die Verbindung zwischen der Regionalhauptstadt Ziguinchor in Südsenegal mit der Hauptstadt Dakar gewährleistete. An Bord befanden sich vor allem Schüler, Studenten, Kinder und Familien, die am Ende der Ferienzeit aus der Casamance nach Dakar zurückkehrten, um Anfang Oktober zum Schulanfang wieder in Dakar und anderen Landesteilen zu sein. Außerdem befanden sich Touristen an Bord, Händler und Soldaten einer Einheit, die im Rahmen der Ecomog Friedensmaßnahmen im Kongo intervenieren sollte.

Die Ursachen des Untergangs der "Joola" werden derzeit von einer Untersuchungskommission erforscht. Als offiziellen Grund nannte die Premierministerin in einem Fernsehinterview zunächst einen Sturm, keinesfalls handele es sich um mechanisches oder menschliches Versagen. Jedoch wurde schon am Tag nach der Katastrophe deutlich, dass die Fähre hoffnungslos überladen war. Die normale Kapazität beträgt 550 Personen, in Ziguinchor aber gingen allein schon 796 Passagiere an Bord, ganz zu schweigen von den geladenen Autos und Handelsgütern. Vor der Ausfahrt aus dem Flusshafen in Ziguinchor fiel Beobachtern auf, dass das Schiff bereits mit Schlagseite auslief. Diese verstärkte sich in Carabane, einer Insel im Mündungsbereich des Casamanceflusses, wo noch einmal mehr als 200 Personen an Bord gingen und zusätzliche Handelsgüter geladen wurden. Schließlich befanden sich offiziell mindestens1034 Menschen auf der "Joola", nur 64 überlebten die Katastrophe. Tatsächlich waren aber weit mehr Menschen Bord. Denn Kinder bis zu acht Jahren und Militärangehörige reisten gratis, erhielten damit keine Tickets und waren folglich auch nicht als Passagiere registriert.

Am Tag nach dem Unglück sammelten sich die Familienangehörigen und Freunde der Reisenden in den Häfen Dakars und Ziguinchors, wo sie verzweifelt auf die Ankunft der Boote mit den wenigen Geretteten warteten. Ohne Übertreibung kann behauptet werden, dass in dem kleinen westafrikanischen Küstenland beinahe jeder einen Nachbarn, einen Freund, einen Verwandten oder die ganze Familie verloren hat. Das Land ist wie gelähmt vom Schock.

Tödliche Versäumnisse

In die Verzweifelung und die Trauer mischt sich nun in steigendem Maße die ohnmächtige Wut der Hinterbliebenen. Jeden Tag werden mehr Details über den unzureichenden Zustand der "Joola" bekannt. Die Fähre war nicht nur völlig überladen, sie befand sich auch in einem äußerst schlechten technischen Zustand. Von den zwei Motoren, die kürzlich in einer einjährigen Betriebspause repariert worden waren, war nur einer funktionstüchtig, und auch dieser kollabierte anscheinend in dem Sturmgewitter vor der gambischen Küste. Das Schiff war den hohen Wellen ausgeliefert und kenterte innerhalb weniger Minuten.

Ebenso gravierend sind die offensichtlichen Fehler und Verzögerungen bei den Rettungsaktionen. Die senegalesische, französische und gambische Küstenwache und Marine wurden erst am Folgetag an den Unglücksort geschickt. Die "Joola" kenterte um 23 Uhr, um 6h45 trafen die ersten Schiffe ein. Es waren Handels- und Fischerboote, die die kieloben treibende "Joola" zufällig entdeckten und die Hafenbehörden über Funk informierten. Die Fachministerien reagierten erst am späten Vormittag. Die Funkverbindung schien von Anfang an nicht funktioniert zu haben und auch die Warnmechanismen wie Leuchtkugeln konnten nicht früh genug oder gar nicht eingesetzt werden. "Tödliche Nachlässigkeit" titelten die senegalesischen Zeitungen.

Eine Anhäufung von schweren Fehlern, Nachlässigkeiten, Versäumnissen konstatierte Staatschef Abdoulaye Wade. Am Samstag demonstrierten Tausende von Hinterbliebenen vor dem Präsidentenpalast, und Abdoulaye Wade nahm sichtlich berührt zur Katastrophe Stellung. Er zögerte nicht, die Verantwortung des Staates zu nennen: Die Fähre war Staatseigentum und Wade erklärte, alle Hinterbliebenen würden eine staatliche Entschädigung erhalten. Hier wurden allerdings schon Zweifel laut, denn bislang hatte der senegalesische Staat in ähnlich gelagerten Fällen oft lediglich Versprechungen gemacht. Die Fähre war nicht versichert, was bei ihrem ungenügenden technischen Zustand nicht verwunderlich ist.

Sanktionen und politische Konsequenzen

Besondere Aufmerksamkeit erregte Wades Aussage, die Verantwortlichen würden unverzüglich zur Rechenschaft gezogen werden, sobald die Ergebnisse der Untersuchungskommission vorlägen. Er dementierte öffentlich die Beteuerungen seiner Premierministerin und eines Vertreters des Verteidigungsministeriums, dem die Wartung und der Betrieb der Fähre obliegt, denen zufolge kein technisches oder menschliches Versagen vorlag. Die Fähre wurde von einem Marinekapitän geführt und ca. 50 Marinesoldaten taten Dienst auf der "Joola".

Kritiker der senegalesischen Regierung bemängeln schon seit Monaten, dass andere Untersuchungsausschüsse nicht voran kommen (ergebnislose Untersuchungen über eine Ammoniakexplosion 1999, Wirtschaftsprüfungen von maroden Staatsunternehmen, u. ä.). Das Ausmaß dieser Tragödie, die alle bisherigen Katastrophen Senegals in den Schatten stellt, wird unweigerlich zu einschneidenden personellen und institutionellen Veränderungen führen müssen, wenn der vor zwei Jahren gewählte Staatspräsident seine Glaubwürdigkeit erhalten will.

Was auch immer die politischen Konsequenzen dieser Katastrophe sein werden, sie können den Hinterbliebenen weder Genugtuung noch Trost geben. Die menschlichen und psychischen Auswirkungen des Dramas werden, wenn überhaupt, erst in Jahren verarbeitet werden. Der der Katastrophe folgende Sonntag wurde vom Staatspräsidenten zum Tag der Gebete für die Opfer erklärt, für die kommende Woche sind täglich Messen und Requiems für die Opfer in allen Kirchen sowie Gebete in allem Moscheen des Landes angesetzt. Aber dieses Unglück geht über die psychische Dimension der Verzweifelung und über die politische Dimension der tödlichen Verantwortungslosigkeit staatlicher Stellen hinaus. Durch den Untergang der "Joola" wird auch die so dringend notwendige wirtschaftliche und politische Integration der Casamance zurückgeworfen.

Geographische Isolierung der Casamance und Separatistenkonflikt

Die südliche Region Senegals ist durch die Enklave Gambia vom Nordteil des Landes abgeschnitten. Schon Anfang der achtziger Jahre begann in der Casamance eine Separatistenbewegung, die dem Gefühl vieler Bewohner dieser Region entsprang, vom Staat allein gelassen und vernachlässigt, ja marginalisiert zu werden. Der Kampf der Separatisten gegen staatliche Institutionen in der Casamance flackert immer wieder auf, jedoch hat er in den zwanzig Jahren seiner Existenz bei weitem nicht so viele zivile Todesopfer gefordert wie der Untergang der "Joola".

Die traurige Symbolik des Schiffsnamens "Joola" verweist auf eine der größten in der Casamance ansässigen Ethnie, die man aber keineswegs mit den Separatisten gleichsetzen kann. Tatsächlich stammen die Rebellen aus verschiedenen Ethnien entlang des Casamanceflusses. Ihr Bestreben ist die politische Unabhängigkeit, es gibt heute allerdings innerhalb der Rebellenbewegung verschiedene Lager und eine große Fraktion tritt mittlerweile für den Waffenstillstand ein, der von der senegalesischen Regierung in langen und geduldigen Verhandlungen immer wieder vorgeschlagen wird.

Wenn auch kein Wunsch der Casamancebewohner größer ist als der nach einem dauerhaften Frieden, so gibt es in der Region doch einige Interessengruppen, denen an nichts weniger gelegen ist: Waffenhändler, die Kleinwaffen aus Sierra Leone und Liberia über Guinea Bissau nach Senegal schmuggeln, Drogenhändler, die auf den verlassenen Feldern Drogen anbauen und exportieren, ausgemusterte Söldner der Bürgerkriegsländer der ganzen Region, die im Casamance-Konflikt Fortune machen wollen und kriminelle Banden, die unter dem Deckmantel der Rebellenbewegung rauben und plündern. Der Staatschef Guinea Bissaus, Kumba Yalla, ist zwar sehr kooperativ und unterstützt die senegalesische Armee nach Kräften bei der Suche nach Rebellen in der Grenzregion, aber seine Armee ist so ungenügend ausgestattet wie das Land arm ist.

Die Rolle Gambias: Hemmnisse bei der Integration der Casamance

Der gambische Staatschef Yaya Jammeh hingegen spielt im Casamance-Konflikt eine eher ambivalente Rolle. Die Regierung Gambias trat offiziell immer wieder als Vermittler bei Friedensverhandlungen zwischen senegalesischer Regierung und Rebellenführern auf, jedoch kommen viele Waffen der Rebellen auch über die gambische Grenze in die Casamance. Immerhin ist die "grüne Grenze" mehrere hundert Kilometer lang und der Eifer der gambischen Zoll- und Grenzschutzbeamten hält sich in Grenzen. Dies allerdings nur bei Schmuggelware, denn bei Personenkontrollen auf der transgambischen Autostraße werden die Grenzer sehr aktiv.

Der direkte Landweg in die Casamance führt durch Gambia, und dort sind die Reisenden häufig regelrechten Schikanen der gambischen Grenzbeamten ausgesetzt. Die nur 400 km lange Fahrt von Dakar nach Ziguinchor kann an Bord eines Fahrzeugs mehr als 16 Stunden dauern, denn häufig werden Autos und Busse an den Grenzen des nur ca. 35 km breiten Gambias aufgehalten und kontrolliert und müssen dann noch stundenlang in glühender Sonne auf die Fähre über den Gambia-Fluss warten. Einzige Alternative ist die Straße über Tambacounda, auf der man Gambia umfahren kann, sie ist allerdings mehr als doppelt so lang.

Verschiedene Initiativen von Seiten Senegals und internationaler Geldgeber, eine Brücke über den Gambia-Fluss zu finanzieren, wurden bisher von der gambischen Führung abgelehnt. Die gambische Wirtschaft lebt zum großen Teil von den Geldern, die die senegalesischen Reisenden aufwenden müssen, um das Land durchqueren zu können: bei den Grenzkontrollen, Fährgebühren, Einkäufen von Getränken und Lebensmitteln bei den unendlichen Wartezeiten. Die gambischen Autoritäten haben offensichtlich kein Interesse daran, den Senegalesen die Landesdurchquerung zu erleichtern, im Gegenteil.

Im Juli verdoppelten die staatlichen gambischen Fährbetreiber plötzlich die Gebühren für die Fähre über den Gambia-Fluss. Die senegalesischen Transporteure (Personen, Güter) beschlossen daraufhin, die Fähre zu boykottieren, was dazu führte, dass Lastwagenladungen auf beiden Seiten des Flusses verdarben, Transporteure Umwege von über 1000 km (um Gambia herum) in Kauf nehmen mussten, und die Casamance nun fast völlig vom restlichen Land abgeschnitten war.

Das Fährschiff "Joola" befand sich noch im Trockendock zwecks Reparatur und die Flugverbindungen sind zwar regelmäßig, aber für normalverdienende Reisende zu teuer. Nach zähen Verhandlungen zwischen senegalesischen und gambischen Regierungsbeauftragten wurden die Tarife nach einigen Wochen wieder auf ihre ursprüngliche Höhe zurückgefahren, aber das gegenseitige Vertrauen hat einen weiteren Rückschlag bekommen. Ein Indiz hierfür ist auch, dass die nächsten Friedensverhandlungen zwischen senegalesischer Regierung und der Führung der Separatistenbewegung in Bissau unter der Schirmherrschaft des Staatspräsidenten von Guinea Bissau stattfinden werden.

Die Casamance war und ist in geringerem Maße immer noch die Kornkammer Senegals, sie ist wirtschaftlich und landschaftlich die vielversprechendste Region des Landes. Viele Bewohner sind allerdings nach Dakar und in andere Landesteile abgewandert, da durch die geographische Lage und die immensen Kommunikationsprobleme nur wenige wirtschaftliche Möglichkeiten in der Casamance ausgeschöpft werden können. Der Handel zwischen der Casamance und dem nördlichen Landesteil funktionierte praktisch ausschließlich auf der Basis der schwer praktikablen transgambischen Straßen und des Schiffsverkehrs, im Klartext, der "Joola".

Die Tatsache, dass die "Joola" mehr als ein Jahr funktionsuntüchtig war, führte zu immer größerem Druck auf die senegalesische Regierung durch die Händler und Bewohner der Casamance, die in ihren Aktivitäten blockiert waren. Ihre Forderung war mindestens ein neues oder zumindest vollständig repariertes Schiff. So wurde dann die "Joola", obwohl der zweite Motor noch nicht vollständig repariert war, wieder zu Wasser gelassen, allerdings nur mit einer anstatt zwei Fahrten pro Woche. Fatalerweise aber wurde die gleiche Passagier- und Gepäckmenge wie sonst bei zwei Fahrten zugelassen, so dass ein nicht allzu gravierender Tropensturm ausreichte, um tausend Leben und die Hoffnung auf eine Belebung der Wirtschaftsbeziehungen zum Südteil des Landes in wenigen Minuten auszulöschen.

Nicht nur die Casamance-Bewohner, die ganze senegalesische Bevölkerung wartet nun auf eindeutige Zeichen von Seiten der Regierung. Wenn diese Katastrophe nicht dazu führt, dass effiziente und ausreichende Maßnahmen zur Kommunikationserleichterung mit der Casamance getroffen werden, ist nicht nur zu befürchten, dass die Separatistenbewegung neuen Zulauf erhält und die Regierung in Dakar wieder der Gleichgültigkeit und Marginalisierung bezichtigt wird.

Auch Staatspräsident Wade, der im Jahr 2000 für sieben Jahre ins Amt gewählt wurde und bislang Dank seines Charismas und seines visionären Elans nur wenig Kritik einstecken musste, steht am Scheideweg. Wenn er seine Glaubwürdigkeit erhalten will, muss er dafür Sorge tragen, dass die Casamance absolute Priorität erhält, durch die Inbetriebnahme von mindestens zwei neuen Fährschiffen, durch intensivere Investitionsförderung und den Bau von funktionstüchtigeren Verkehrsinfrastrukturen in die und innerhalb der Casamance.

Autor

Dr. Ute Gierczynski-Bocandé

Serie

Länderberichte

erschienen

Sankt Augustin, 7. Oktober 2002

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