Religion in Serbien

1700 Jahre nach dem Mailänder Toleranzedikt

Der EU-Beitrittskandidat Serbien durchläuft seit dem Zerfall Jugoslawiens einen Umwälzungsprozess, der an seiner Gesellschaft bisher alles andere als spurlos vorübergegangen ist. Vor dem Hintergrund der Jugoslawienkriege, der demokratischen Transformation Serbiens, sowie der aktuellen Herausforderungen zur wirtschaftlichen Modernisierung und europäischen Integration bleibt die Gesellschaft aber tief geprägt von der Religion.

Im Jubiläumsjahr des Mailänder Toleranzedikts des im serbischen Nis geborenen römischen Kaisers Konstantin stellen immer mehr Gläubige verschiedener Religionsgemeinschaften, insbesondere aber die christlich-orthodoxe Mehrheit die Frage nach der (zivilgesellschaftlichen) Rolle ihrer Kirche bei den derzeit richtungweisenden Veränderungen im Land.

Nach dem Zerfall des kommunistischen Jugoslawiens erlebten die Religionsgemeinschaften in den Nachfolgestaaten einen Aufschwung und regen Zulauf von Gläubigen. Dadurch wuchs auch ihre Bedeutung in der Gesellschaft. Fast 85% der 7,3 Millionen Einwohner Serbiens bezeichnen sich nach aktueller Volkszählung als serbisch-orthodoxe Christen. Die Muslime des Landes stellen zwar nur drei Prozent der Gesamtbevölkerung, bilden aber in mehreren Gemeinden Südserbiens die Mehrheit. Weitere fünf Prozent sind römisch-katholische Christen, die Übrigen gehören anderen oder keiner Gruppe an.

Sieben Religionen gelten nach serbischem Gesetz als „traditionell“. Insgesamt sind heute bei der Regierungskanzlei für die Zusammenarbeit mit den Kirchen und Religionsgemeinschaften (früher Religionsministerium) 25 Glaubensgruppen eingetragen.

Islam in Serbien

Der Islam in Serbien wurde 1868 erstmalig im Fürstentum Serbien offiziell anerkannt. Heute existieren landesweit rund 120 Moscheen, vier Medressen (Religionsschule) und zwei Fakultäten für islamische Theologie. Die geistigen Zentren liegen in Belgrad und im südwestserbischen Novi Pazar: Letzteres ist dem bosniakischen Oberhaupt in Sarajewo untergeordnet. Durch den politischen Führungsanspruch für alle in Serbien lebenden Muslime des in Novi Pazar residierenden Muftis Zukorlic, der 2012 zu diesem Zweck eine politische Partei gründete, besteht eine Rivalität mit der Gemeinde in Belgrad, die das Profil der Glaubensgemeinschaft im öffentlichen Leben beeinträchtigt. Während dabei die islamische Gemeinde in Novi Pazar sich stark an den Geschehnissen im muslimischen Teil des benachbarten Bosnien-Herzegowina orientiert, unterhält die Gemeinde in Belgrad durchaus konstruktive Beziehungen mit der Serbischen orthodoxen Kirche (SOK) und den übrigen Glaubensgemeinschaften.

Der interreligiöse Dialog – national und regional

Die Religionsgemeinschaften in Serbien arbeiten auf diversen Ebenen zusammen, so zum Beispiel im Rahmen des 2010 gegründeten Interreligiösen Rats. Zwar sind gemeinsame Stellungnahmen wie zum neuen Gesetz gegen Diskriminierung (noch) selten. Doch auf dem Gebiet der Restitution oder im Rahmen der gemischten Kommission für Religionsunterricht, die Schulbücher zu Religionsfragen autorisiert, funktioniert die Koordination und Kooperation ohne nennenswerte Schwierigkeiten.

Diese Formen der Zusammenarbeit sind umso bemerkenswerter, als dass während der Kriege in den Neunziger Jahren auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien die Glaubensgemeinschaften nicht verhindern konnten, in die - in erster Linie ethnisch-nationalistischen - Konflikte hineingezogen und zum Teil von der Politik instrumentalisiert zu werden. Auch in den Religionsgemeinschaften gab es auf allen Seiten Apologeten für den Krieg. Umso wichtiger sind die sich seit dem Ende der Gewalt mehrenden Initiativen zur interreligiösen Verständigung und zur Zusammenarbeit, die auf dem Gebiet des westlichen Balkans stattfinden.

Dafür müssen teils tiefe, manche bereits seit dem zweiten Weltkrieg bestehende Gräben überwunden werden. Deshalb war der Besuch des serbischen Patriarchen Irinej im Sommer 2012 in Kroatien bei dem Oberhaupt der katholischen Kirche von besonderer Relevanz nicht nur für die beiden betroffenen Länder, sondern für die ganze Region: Als erstes Treffen auf höchster geistlicher Ebene zeugte es vom gegenseitigen Willen, die Brücken der Verständigung wieder aufzubauen. „In Zeiten, die nicht leicht sind und wo die Krise häufig Reaktionen hervorruft, die nicht im Geiste des Friedens und der Versöhnung sind, sind die Kontakte zwischen den Kirchen, zwischen den Gläubigen, das Gespräch und der Dialog besonders bedeutsam für Frieden und gegenseitiges Verständnis,” so der kroatische Staatspräsident Josipovic nach seinem Treffen mit Patriarch Irinej in Zagreb.

Gemeinsame Probleme in Serbien: die Frage der Restitution

Dialog und Zusammenarbeit bleiben auch auf nationaler Ebene weiterhin wichtig, denn die traditionellen Religionsgemeinschaften stehen in Serbien vor derselben Herausforderung: Bei der Restitutionsfrage haben sie das sie einende Interesse, die vollständige Rückgabe ihres Eigentums, das sich bis 2000 in den Händen des Staats befand, zu erwirken. Erst seit 2006 wurde ein entsprechendes „Gesetz über die Eigentumsrückerstattung an Kirchen und Religionsgemeinschaften“ verabschiedet. Eine Verfassungsklage gegen das Gesetz, die eine Bevorzugung der Religionsgemeinschaften vor den normalen Bürgern und damit den Gleichheitsgrundsatz verletzt sah, wurde 2011 abgewiesen. Seitdem geht die Rückgabe trotz der Komplexität der Einzelfälle, die u.a. auf die politischen Umbrüche des vergangenen Jahrhunderts zurückgeführt werden kann (also die Abfolge verschiedener Staatsordnungen und –formen auf dem Gebiet Serbiens, vom ehemaligen Königreich über deutsches Besetzungsgebiet im zweiten Weltkrieg bis hin zu Titos, später Milosevics Jugoslawien), voran: Seit Inkrafttreten des Gesetzes haben die Kirchen und Religionsgemeinschaften über 3000 Anträge auf die Rückerstattung früheren Eigentums gestellt, von dem heute bereits ein beträchtlicher Teil naturalrestitutiert ist. Probleme bestehen aber, aufgrund chronisch leerer öffentlicher Kassen, im Bereich der finanziellen Entschädigung für verlorenes Eigentum.

Die serbische orthodoxe Kirche im Jubiläumsjahr des Toleranzedikts

Im Jahr 2013 feiern Christen das Jubiläum des von den römischen Kaisern Konstantin und Licinius 313 verkündeten Edikts von Mailand, der das Christentum mit der römischen Staatsreligion und den übrigen Religionen im Kaiserreich gleichstellte. Dieses Jubiläum nehmen sowohl die serbische orthodoxe Kirche als auch der Staat als Anlass, im geistlichen und weltlichen Sinne auf das Ursprungsland Konstantins (der von der SOK heilig gesprochen wurde) und auf die seit Beginn der demokratischen Transformation erfolgten Veränderungen aufmerksam zu machen: auf den Wiedergewinn der (Glaubens-) Freiheit. Serbien, so die Organisatoren, ist Bestandteil der christlichen Ökumene, Teil der europäischen Kultur – und im politisch-wirtschaftlichen Sinne auf dem Weg in die Europäische Union. Im Mittelpunkt der Feierlichkeiten steht die südserbische Stadt Nis, in der im Verlauf dieses Jahres zu verschiedenen Anlässen weltweite Repräsentanten der Orthodoxie und anderer Glaubensrichtungen zusammenkommen.

In Zeiten wichtiger politischer Richtungsentscheidungen hinsichtlich der EU-Integration Serbiens und der Aussöhnung mit den Nachbarn, darunter insbesondere auch die Normalisierung der Beziehungen zum Kosovo, stellt das Jubiläum des Toleranzedikts nicht nur Motto, sondern eine klare Chance für Kirche und Gläubige dar, für das Bild eines religiös und ethnisch toleranten Serbiens im In- und Ausland zu werben. Darüber hinaus wollen viele Gläubige als Reaktion auf die gesellschaftlichen Veränderungen durch politische Transformation und wirtschaftlicher Krise das Jubiläum als Anlass nutzen, die Rolle ihrer Kirche in der Gesellschaft zu thematisieren – und zu stärken. Von der Kirche, für die Mehrheit der Serben eine der vertrauenswürdigsten Institutionen des Landes, wird eine prominentere Rolle in der Begleitung von gesellschaftlichen Prozessen und Veränderungen, in der Stellungnahme zu gesellschaftspolitischen und ethischen Fragen gefordert.

Probleme im eigenen Haus

Doch kämpft die SOK derzeit mit eigenen Herausforderungen im In- und Ausland: Im benachbarten Mazedonien bleiben ihre Vertreter juristischen Problemen ausgesetzt, seit die dort die im Unabhängigkeitsprozess abgespaltene, international aber nicht anerkannte orthodoxe Kirche Mazedoniens den alleinigen Anspruch auf die Vertretung orthodoxer Christen im Land erhebt. Auch im erst 2006 von Serbien unabhängig gewordenen Montenegro gibt es – auch hier offenbar mit stillschweigender Zustimmung der jeweiligen Staatsführung – die bereits 2000 neu gegründete, international aber ebenfalls nicht anerkannte montenegrinisch-orthodoxe Kirche. Seit Jahren wartet man hier auf die Neuerung des seit 1977 bestehenden Religionsgesetzes, das eine Klärung der Verhältnisse zwischen den montenegrinisch- und serbisch-orthodoxer Kirche – und anderen Religionsgemeinschaften - bringen könnte; bisher bleibt aber auch hier das Spannungsverhältnis zur SOK bestehen.

Derweil häufen sich in Serbien selbst Meldungen über Fälle von Pädophilie und Missmanagement in einzelnen Bistümern der SOK. Erste Konsequenzen hat die Kirche während ihrer jährlichen Bischofsversammlung Anfang Juni gezogen: Der Bischof für Mitteleuropa (mit Sitz in Deutschland), Konstantin, wurde, ähnlich wie bereits vor zwei Jahren der für den Kosovo zuständige Artemije, von allen Ämtern enthoben, nachdem ihm Korruption und Missbrauch seines Amtes nachgewiesen werden konnten. Bischof Vasilije Kacavenda für Zvornik-Tuzla wurde indes „aus Altersgründen“ von seinen Ämtern befreit, nachdem schon länger bekannte Vorwürfe zahlreicher mutmaßlicher Opfer durch jüngst veröffentlichte Videoaufnahmen von sexuellem Kontakt des Bischofs zu jungen Männern untermauert wurden.

Dass der Umgang mit diesem Thema eine Herausforderung für die SOK als eine der wichtigsten gesellschaftlichen Institution in Serbien ist und Auswirkungen auf ihre zukünftige Stellung (und Relevanz für die Gesellschaft) in den Augen der Gläubigen haben kann, zeigen ähnliche Vorkommnisse und Erfahrungen westlicher Kirchen.

Die Rolle der SOK in der serbischen Gesellschaft

Doch kann die sich entwickelnde serbische Zivilgesellschaft von einer aktiven Rolle der SOK - und der anderen Religionsgemeinschaften – eigentlich nur profitieren. Gerade im sozialen Engagement gibt es viel Potential und Bedarf gut organisierter, nichtstaatlicher Akteure wie die Glaubensgemeinschaften es in der Regel sind. So ist die SOK mit ihrer Anfang der Neunziger Jahre gegründeten karitativen Organisation Čovekoljublje (Menschenliebe) in diesem Bereich aktiv und führt Projekte durch, die anfänglich auf die Hilfe für Kriegsflüchtlinge aus Kroatien, Bosnien und Herzegowina und dem Kosovo abzielten. Heute leistet sie Hilfe für AIDS-Kranke, Waisen und pflegebedürftige Senioren, bietet Programme zur Armutsbekämpfung und für den Gesundheitsschutz an. Das gesellschaftliche Engagement der Kirche muss aber noch wachsen, meinen Experten innerhalb und außerhalb der SOK: Der Bedarf an stärkerer Fürsorge ist in einem Land mit einem monatlichen Durchschnittslohn von 375€ enorm, denn der verarmte Staat kann das soziale Netz nicht allein tragen; er benötigt Unterstützung von der Kirche und der Zivilgesellschaft. Bezeichnend für das unausgeschöpfte Potential ist, dass die SOK bisher im ganzen Land bisher nur eine einzige Suppenküche (in Belgrad) betreibt.

Immerhin: die Religionsgemeinschaften haben laut Religionsgesetz die Befugnis, Seelsorge in Krankenhäusern, Gefängnissen und in der Armee durchzuführen. Seit 2002 ist Religionsunterricht in den staatlichen Schulen wieder eingeführt; seit 2008 ist die Orthodoxe Theologische Fakultät wieder Teil der staatlichen Universität Belgrad, an der orthodoxe Theologen lehren und die Theologieabschlüsse anderer Religionen anerkannt werden.

Kirche und Politik

In jüngster Zeit bezieht die SOK in politischen Fragen häufiger öffentlich Stellung: der begonnene, von Vielen als historisch bezeichneter Normalisierungsprozess zwischen Belgrad und Pristina und die damit verbundene Integrationsfrage Serbiens in die EU ist das wichtigste Beispiel. Dieser berührt das innerste Selbstverständnis der SOK, denn ihre bedeutendsten geistigen Zentren befinden sich (mit wenigen Ausnahmen) auf dem Gebiet des heutigen Kosovo. Nicht nur für die nach dem Krieg 1999 dort verbliebenen Serben (etwa 100.000) sind diese Klöster zentrale, identitätsstiftende Bezugpunkte, sondern sind im Bewusstsein aller serbisch-orthodoxen Christen.

Offiziell befürwortet die SOK die Annäherung, bzw. Aussöhnung zwischen Belgrad und Pristina, um „eine gerechte und nachhaltige Lösung“ für den Konflikt zu finden. Denn die Kirche ist alarmiert über die fehlende Sicherheit ihrer Besitze und ihrer Anhänger im Kosovo: jüngste Meldungen über Gräberschändungen orthodoxer Friedhöfe haben für Verunsicherung gesorgt; internationale NATO-Truppen und die Kosovopolizei müssen die orthodoxen Klöster rund um die Uhr vor befürchteten Übergriffen schützen. In dieser Atmosphäre des immer noch weit verbreiteten gegenseitigen Misstrauens steht die SOK dem bilateralen Abkommen vom 19. April über das Nordkosovo ablehnend gegenüber: In ihrer Stellungnahme dazu verurteilt die Synode das Abkommen als „Verrat (...) unseres wichtigsten (...) Territoriums“. Der Patriarch selbst sprach in einem Interview moderater, aber nicht weniger deutlich: „Der europäische Weg Serbiens, den die SOK unterstützt, darf nicht mit einem Verzicht des Kosovos bezahlt werden.“ Von aufsehenerregenden, öffentlichen Äußerungen einzelner Bischöfe zur Vereinbarung und ihre allgemein als Drohungen interpretierte Kommentare über die dafür verantwortlichen Regierungspolitiker distanzierte Irinej sich jedoch in aller Deutlichkeit. Unter seiner Führung scheint die Kirche bemüht, die Spannungen zwischen Moderaten und Nationalisten in seinem Haus zu dem so zentralen Thema Kosovo auszubalancieren.

Hinter verschlossenen Türen übt die Kirche offenbar weiterhin politischen Einfluss aus, wobei sie durchaus pragmatisch agiert: so konsultierten Regierung und Staatspräsident während der Verhandlungen mit Pristina immer wieder die SOK-Führung; öffentlich appellieren beide Seiten insbesondere nach Zustandekommens der Nordkosovo-Vereinbarung für „Einheit“ , um eine tragfähige und vor allem annehmbare Lösung für die Serben im Kosovo zu finden.

Die Kirche ist sich den veränderten Begebenheiten seit der Annahme des Nordkosovoabkommens bewusst und will, offenbar trotz erheblichen Widerständen in den eigenen Reihen, eine vorsichtig konstruktive Rolle spielen, um von den politischen Veränderungen nicht ausgeschlossen zu werden. Dafür beschreitet die SOK bereits im Kosovo selbst eine pragmatische Herangehensweise: hier arbeitet der zuständige Bischof mit den kosovarischen Behörden allen Meldungen zufolge konstruktiv zusammen. Auf seiner letzten Reise in den Kosovo (zu Jahresbeginn) äußerte sich Patriarch Irinej zudem die Hoffnung, dass ein Frieden zwischen Serben und Albanern bald Wirklichkeit werde.

Dialog und Kooperation: Toleranz im Jubiläumsjahr

Dialog und regionale Versöhnung, Verhältnis zwischen Kirche und Staat, demokratische Zivilgesellschaft, soziales Engagement: im Jubiläumsjahr des Mailänder Edikts stehen die SOK und Serbiens andere Religionsgemeinschaften vor der Chance, einen wichtigen Beitrag zur Überwindung von Differenzen und zur Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts in der demokratischen Entwicklung des Landes im Geiste von Dialog, Kooperation und Toleranz zu leisten.

Autor

Henri Bohnet

Serie

Länderberichte

erschienen

Serbien, 24. Juni 2013

Tempel der Heiligen Sava, Belgrad | Foto: Btt/Wikipedia

Tempel der Heiligen Sava, Belgrad | Foto: Btt/Wikipedia