Bildung und Armut: Neue Strategien für Chancengerechtigkeit im Bildungssektor
14.-16. April 2010
Auch verfügbar in Español
Mit Beteiligung der Leiter für Programme zur Chancengerechtigkeit der Bildungsministerien von Argentinien, Brasilien, Chile, Costa Rica, Mexiko und Uruguay, wurde eine Fachtagung in Buenos Aires veranstaltet, um gemeinsam über die verschiedenen Bildungsprogramme und die Förderung eines verbesserten öffentlichen Bildungssektors in den Ländern Lateinamerikas zu diskutieren. Die Internationale Konferenz wurde in Zusammenarbeit mit dem „Centro de Estudios en Políticas Públicas“ und dem „Regionalprogramm Soziale Ordnungspolitik in Lateinamerika“ (SOPLA) der Konrad-Adenauer-Stiftung organisiert.
Hauptredner des ersten Seminartages war der argentinische Bildungsminister Alberto Sileoni. Er unterstrich die Umstände, die bisher zu einer geringen Anzahl von Schulanmeldungen, der fehlenden Chancengerechtigkeit und mangelnden Qualität der öffentlichen Bildung führen. Dennoch stellte er Verbesserungen der öffentlichen Bildung in Argentinien und anderen Ländern fest. Hierzu gehört eine verbesserte Infrastruktur, eine größere Anzahl von Schulen, didaktischem Material und mehr Einstellungen von Lehrern, ebenso wie eine höhere Anmeldequote von Mädchen und Jungen an den öffentlichen Schulen sowie höhere Gehälter für Lehrer. Andererseits stellte Sileoni fest, dass nach wie vor noch ein großes Defizit bezüglich der Bildungsqualität, dem Lehrplan, sowie dem pädagogischen Fachwissen der Lehrer, welches jedoch nicht auf Anhieb gelöst werden kann, existiere. Es bedarf viel Zeit und Anstrengung die Ausbildung der Lehrer und die Vermittlung des Unterrichtsstoffs zu verbessern und den Lehrplan an das 21. Jahrhundert anzupassen. Aus diesem Grund sollten die Maßnahmen für eine Optimierung des Bildungssektors in Argentinien und Lateinamerika nicht bei einer Verbesserung der Infrastruktur enden, sondern darüber hinaus die erwähnten bildungsrelevanten Themen mit einbeziehen.
Das Ziel der Konferenz bestand darin, das politische Handlungsfeld für mehr Chancengerechtigkeit der verschiedenen lateinamerikanischen Länder vorzustellen und zu vergleichen. Die geladenen Teilnehmer stellten die jeweiligen Maßnahmen für mehr Chancengerechtigkeit und einer Förderung des Bildungssektors ihrer Länder vor. Hierbei wurde deutlich, dass alle an der Konferenz beteiligten Länder das gleiche Ziel haben: Mehr Kinder der ärmsten Bevölkerungsschicht sollen durch finanzielle Anreize für ihre Familien die staatlichen Schule besuchen können.
Dabei versuchen sie konditionierte Cash-Transfers bei dem Vorhaben einzusetzen um die größtmögliche Anzahl von Kindern aus den untersten sozialen Schichten zu erreichen. Die konditionierten Cash-Transfers werden in allen vorgestellten Fällen von einer massiven Förderung bildungspolitischer Infrastrukturmaßnahmen begleitet.
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In Argentinien werden die bildungsspezifischen Cash-Transfers beispielsweise an die Einhaltung einer kostenlosen Impfungspflicht geknüpft. Ebenso wird die Anwesenheit der Kinder in der Schule beobachtet. Im Falle von gravierender Abwesenheit wird die finanzielle Zuwendung von 225 US$ automatisch eingestellt. Nach Pablo Urquiza, dem staatlichen Leiter für bildungssoziale Politik des argentinischen Bildungsministeriums, wolle man die Eltern davon überzeugen, dass es sich mehr lohne die Kinder in die Schule zu schicken, als sie im informellen Sektor auf der Strasse, oder in ländlichen Gebieten im Agrarsektor, arbeiten zu lassen. Zudem transferiert der Staat Sondermittel an staatliche Schulen, damit sie diese selbstständig zur Durchführung von Verbesserungsmaßnahmen investieren können. Die Fortschritte bei der Modernisierung des Lehrplans und der pädagogischen Lehrmethode sind zwar noch gering, sollen aber in der Zukunft stärker behandelt werden. In Argentinien wird ebenfalls der Stundenplan ausgebaut, um den Kindern außerschulische Angebote zu bieten und somit ihre Fähig- und Fertigkeiten zu fördern.
Mexiko besitzt ein überaus fortgeschrittenes Evaluierungsssystem zur Einschätzung der Qualität der Bildungseinrichtungen, genannt ENLACE (Evaluación Nacional de Logro Académico en Centros Escolares). Neben der Aufgabe der Bewertung der Qualität öffentlicher Schulen in Mexiko, ist es gleichzeitig Teil eines Verfahrens, das basierend auf den Ergebnissen der Evaluierungen, spezifische Anreize für die erfolgreichsten Schulen birgt. In den Augen von Dalila López, Generalsekretärin für Innovationen im Bildungssektor, begann die Optimierung des öffentlichen Bildungssektors mit der Sensibilisierung der bundesstaatlichen Behörden hinsichtlich der Notwendigkeit der Einführung eines Evaluierungssystems und dessen Implementierung.
In einem zweiten Schritt wurde der Reformprozess des Bildungssektors auf Grundlage der Ergebnisse der PISA- Studie und der ENLACE- Evaluierung ausgeweitet, in dem eine Unterstützung von Schulen, die am schlechtesten abgeschnitten hatten, stattfand. Diese Schulen befanden sich mehrheitlich in ländlichen Gebieten (70%). Die bildungspolitischen Maßnahmen beinhalten einen jährlichen finanziellen Direkttransfer von ca. 15.000 US$ an Schulen, deren Schüler bei ENLACE außergewöhnliche schlechte Ergebnisse erzielten sowie die Schaffung eines Tutorien- Netzwerks für Lehrer und Schüler zur Verbesserung der Bildungsqualität dieser Schulen. Weiterhin werden weitere Anreize für diejenigen Schulen geschaffen, die verbesserte Evaluierungsergebnisse und eine positive Umsetzung des mexikanischen Programms für konditionierte Cash-Transfers, „OPORTUNIDADES“, nachweisen. „OPORTUNIDADES“ kommt aktuell 12 Mio. Mexikanern zu Gute.
Das Thema der Chancengerechtigkeit im Bildungssektor ist in Brasilien eng an das Programm für konditionierte Cash-Transfers, „Bolsa Familia“, geknüpft. In der Vergangenheit gab es bereits auf Bildungsförderung fokussierte Unterstützungsprogramme für die ärmsten Familien, wie das Programm „Bolsa Escola“. Laut Daniel Ximenes, dem Direktor der Forschungsabteilung des brasilianischen Bildungsministeriums, habe man in Brasilien alle vorherigen sektorspezifischen Programme der konditionierten Cash-Transfers durch das sektorübergreifende Programm „Bolsa Família“ ersetzt. Heutzutage stammen 30% der an öffentlichen Schulen registrierten Kinder aus Familien, die eine Unterstützung im Rahmen von „Bolsa Familia“ erhalten. Im Nordosten Brasiliens, der ärmsten Region des Landes, sind es 80%. Die Bedingung für die finanzielle Unterstützung ist der Nachweis der Anwesenheit im Unterricht. Im Falle einer Abwesenheit von mehr als 15% am Unterricht wird der Cash-Transfer eingestellt. Die Überwachung dieses Verfahrens übernehmen die Gemeinden. Nach Daniel Ximenes wurde die Einschulungsrate in der ärmsten Bevölkerungsgruppe durch „Bolsa Familia“, um 35% gesteigert.
In Costa Rica erhalten die als „arm“ eingestuften Schüler eine direkte staatliche Subventionierung. Von den 1.000.000 Schülern der öffentlichen Schulen, profitieren ca. 300.000 davon, so Anabelle Castillo, Leiterin des Programms für Chancengerechtigkeit des costaricanischen Bildungsministeriums. Eine Form der Unterstützung ist das sogenannte „Schulstipendium“ von monatlich 30 US$ pro Schüler. Nach Berechnungen des Bildungsministeriums entspricht dies den familiären Kosten ein Kind in die Schule zu schicken.
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Das Schulsystem in Chile zeichnet sich durch drei Schularten aus. Demnach gibt es Privatschulen (colegios privados), staatliche Schulen (colegios municipales) und staatlich subventionierte Privatschulen (colegios subvencionados por el Estado). Mehr als 90% der chilenischen Schulen sind öffentlich, da die staatlichen Schulen und die subventionierten Privatschulen, zu den staatlichen Einrichtungen gezählt werden. Nach Lilia Concha, Koordinatorin für Grundschulbildung des chilenischen Bildungsministeriums, werden die Subventionen an die Gemeinden ausgezahlt und richten sich nach der Anzahl der Kinder, die dort die Schule besuchen. Die jährliche Subventionierung liegt bei ca. 12.000 US$ pro Schüler. Diejenigen Schulen mit besonders vielen „armen“ Schülern, können zusätzlich eine Sondersubventionierung von monatlich 120 US$ pro Schüler erhalten, um die Fertigkeiten der Grundschüler zu fördern.
Die Förderungsmaßnahmen der untersuchten Länder zeigen, dass beachtliche Anstrengungen unternommen werden, um die Öffentliche Bildung zu verbessern und um Anreize für die ärmsten Familien und Gemeinden zu schaffen die dazu dienen, mehr Kinder in die Schule zu schicken. Es wird also in Bildung investiert und es werden Programme entwickelt, um die Anzahl der Schulbesuche zu erhöhen. Als nächstes gilt es die Ausbildung der Lehrkräfte zu verbessern und den Lehrplan an die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts anzupassen, damit die Absolventen der öffentlichen Schulen in der Lage sind auf globaler Ebene zu konkurrieren.
Trotz punktueller Unterschiede der Förderprogramme der untersuchten Länder und einer unabhängigen Entwicklung voneinander gibt es wichtige Gemeinsamkeiten. Eines der Hauptergebnisse der Konferenz ist die Vereinbarung der Teilnehmer, die gesammelten Erfahrungen noch intensiver auszutauschen. Dabei sollen vorhandene Programme als Grundlage zur Gestaltung spezifischer Förderprogramme genutzt werden. Auf diese Weise soll die Entwicklung der Programme zur Förderung der Schulbildung an öffentlichen Schulen aller Länder unterstützt und bereichert werden. Um dieses Ziel zu erreichen boten CEPP und das „Regionalprogramm Soziale Ordnungspolitik in Lateinamerika – SOPLA“ die Erstellung einer virtuelle Plattform an. Diese soll als Forum für den Erfahrungsaustausch und für die Vernetzung zwischen den Entscheidungsträgern der Bildungsministerien für Programme zur Chancengerechtigkeit dienen.
Hier finden Sie das vollständige Dokument zum Seminar (auf Spanisch).
Serie
Veranstaltungsbeiträge
erschienen
Paraguay, 10. Mai 2010

