Informalität auf dem Arbeitsmarkt und Sozialpolitik in Lateinamerika

Informalität ist allgegenwärtig in Lateinamerika. In vielen Ländern der Region sind mehr als die Hälfte der Arbeitsplätze informell, dies bedeutet, dass der Arbeitnehmer weder über eine Sozial- noch über eine Pflege- oder Krankenversicherung verfügt.

Zwar entstehen bei der Informalität Ersparnisse für den informellen Angestellten und für den Arbeitgeber aufgrund des Verzichtes auf die Sozialabgaben; die Folgen sind aber mittel bis langfristig verheerend – kranke Arbeitnehmer erhalten weder Zugang zum Gesundheitswesen noch zu der gesetzlichen Altersversicherung – auch wenn diese in den meisten Ländern der Region zu einem würdigen Altern unzureichend ist.

Das Regionalprogramm „Soziale Ordnungspolitik in Lateinamerika – SOPLA“ veröffentlichte eine Publikation an der sich Wirtschaftsforschungsinstitute aus 13 Ländern der Region beteiligten. Darin wurden die Gründe für die Entstehung und die Eigenschaften des informellen Arbeitssektors der einzelnen Länder untersucht. Im Mittelpunkt der Studie steht die Ausarbeitung und Formulierung von ordnungspolitisch konformen Handlungsempfehlungen zur Bekämpfung der Informalität auf dem Arbeitsmarkt.

Typen der Informalität in Lateinamerika

In der Sozialforschung werden zwei widersprüchliche Ansätze zur Erklärung und Erläuterung der hohen Indizes der Informalität diskutiert. Die am weitesten verbreitete Theorie geht davon aus, dass Informalität dann entsteht, wenn der Arbeitsmarkt keine formelle Arbeit für arbeitsuchende Arbeitnehmer anbietet. In der Regel sind hiervon unqualifizierte Arbeitskräfte betroffen. Sie werden somit von der Möglichkeit ausgeschlossen, einer formalen Arbeit nachzugehen und sind daher gezwungen, einen unqualifizierten, schlecht bezahlten, informellen Job auszuüben. Diese Erklärung der Arbeitsinformalität ist in Lateinamerika unter Exklusionstheorie bekannt. Informelle Arbeitnehmer sind bei wirtschaftlichen Konjunkturschwankungen besonders anfällig gegenüber Kündigungen sowie Arbeitszeit- und Gehaltskürzungen, da sie über keinen gesetzlichen Arbeitsschutz verfügen. Bei krankheitsbedingtem Arbeitsausfall werden sie nicht selten vom Arbeitgeber gekündigt. Der informelle Arbeitnehmer hat in der Regel keinen Anspruch auf eine Abfindung oder auf einen fairen juristischen Arbeitsprozess, da er als Arbeitnehmer in den für ihn zuständigen Arbeitsbehörden nicht registriert ist.

Obwohl die Exklusionstheorie viele Fälle der Informalität auf den Arbeitsmärkten Lateinamerikas erklärt, geht die Sozialforschung in Lateinamerika heute davon aus, dass eine nicht unerhebliche Zahl von informellen Arbeitnehmern freiwillig informell ist. Vertreter der sogenannten Fluchttheorie gehen davon aus, dass aufgrund der mangelhaften gesetzlichen Altersrente und der unzureichenden öffentlichen Gesundheitsversorgung seitens des Staates, viele Arbeitnehmer sich für die Informalität entscheiden um die Beiträge für die öffentliche Renten- und Gesundheitsversicherung zu sparen. Sie nehmen dafür in Kauf, dass sie weder gesetzlich versichert sind noch über einen geregelten Kündigungsschutz verfügen. Dafür ist ihr Nettoeinkommen nicht selten höher als das Nettoeinkommen eines formellen Arbeitnehmers, der qualitativ und quantitativ eine vergleichbare Arbeit ausrichtet.

Grad der Informalität

Von Land zu Land gibt es erhebliche Abweichungen und Unterschiede hinsichtlich des Grades der Informalität auf den Arbeitsmärkten in Lateinamerika. Paraguay, Guatemala und Peru gelten diesbezüglich als die Länder mit der höchsten Informalitätsrate in der Region. Nach Erhebungen des paraguayischen Wirtschaftsinstituts „Centro de Análisis y Difusión de la Economía Paraguaya – CADEP” werden 84% der paraguayischen Arbeitnehmer informell beschäftigt. Das Wirtschaftsinstitut der Jesuitenuniversität „Rafael Landívar“ aus Guatemala hat ausgerechnet, dass 77% der guatemaltekischen Arbeitnehmer informell sind. In Peru gelten währenddessen nach Angaben des Think Tanks „Instituto Peruano de Economía – IPE“ 70% der Beschäftigten als informell. Chile zeichnet sich als das Land mit der höchsten Rate der formellen Arbeitsplätze aus. Eine Studie von Marcela Perticara und Pablo Celhay der Alberto-Hurtado-Universität in Santiago de Chile belegt, dass 40% der Arbeitnehmer als informell beschäftigt eingestuft werden können. Obwohl der Grad der Informalität zwischen den Ländern Lateinamerikas stark abweicht, gibt es gemeinsame Eigenschaften, die alle Länder der Region betreffen:

  • In der Regel sind informelle Arbeiter bei Klein- oder Kleinstunternehmen beschäftigt.
  • Informelle Arbeitnehmer verfügen nicht über eine qualifizierte Ausbildung.
  • Das Einkommen von informell Beschäftigten liegt nicht selten unter den offiziellen Mindestlohn des Landes.
  • In vielen Ländern liegt die Armutsrate unter den informell Beschäftigten weitaus höher als unter den formellen Arbeitnehmern.

Gründe für Informalität auf dem Arbeitsmarkt

Aus den Ergebnissen der durchgeführten Studie können folgende Gründe für die Informalität auf dem Arbeitsmarkt abgeleitet werden, die auch in den meisten Ländern der Region zu beobachten sind:

  • Ein hoher Grad an Informalität ist fast immer mit einer exzessiven Regulierung der formellen Arbeit verbunden. Arbeitgeber von Klein- und Kleinstunternehmen sind oft nicht in der Lage, die bürokratischen Hürden zur formellen Einstellung von Angestellten zu nehmen. Zudem motivieren inflexible Gesetze hinsichtlich des Kündigungsschutzes und entsprechend hohe Kosten der Kündigung eines formellen Arbeitnehmers den Arbeitgeber zur Beschäftigung von informellen Arbeitnehmern.
  • Das unzureichende öffentliche Gesundheitswesen und das mangelhafte Altersrentensystem führen dazu, dass Arbeitnehmer lieber ein höheres Nettogehalt aufgrund nicht gezahlter Sozialabgaben bevorzugen. Sie nehmen damit in Kauf, dass sie dabei auf die Vorzüge einer geregelten, formellen Arbeit, wie beispielsweise Kündigungsschutz, Krankenversicherung und Anspruch auf Altersrente, verzichten müssen.
  • In vielen Ländern gilt eine informelle Beschäftigung als Einstieg in die Formalität. Wenn sich ein informeller Arbeitnehmer in seiner Arbeit auszeichnet und bewährt, dann erhöhen sich die Chancen, dass der Arbeitgeber diesen Mitarbeiter formell einstellt.

Viele informell Beschäftigte sind Frauen, die zwei oder drei informelle Jobs ausüben um das Familienbudget aufzubessern.

Handlungsempfehlungen zur Reduzierung der Informalität in Lateinamerika

Allgemeine Handlungsempfehlungen zur Reduzierung der Informalität sind für die gesamte lateinamerikanische Region nicht leicht zu formulieren. Die hier genannten Empfehlungen stellen eine Zusammenfassung der vielfältigen Vorschläge der einzelnen Länderstudien dar. Die einzelnen Länderstudien können auf der Webseite eingesehen werden (nur in spanischer Sprache).

  1. Vereinfachung des Verfahrens zur Erstellung von Steuererklärungen für Klein- und Kleinstbetriebe gepaart mit steuerlicher Erleichterungen für Unternehmen, die ihre Mitarbeiter formalisieren.
  2. Reduzierung der Kosten für die Einstellung formal Beschäftigter.
  3. Stärkere Kontrollmechanismen zur Aufdeckung von Unternehmen, die informelle Mitarbeiter beschäftigen.
  4. Flexibilisierung der Arbeitsgesetze
  5. Optimierung der beruflichen Ausbildung, vor allem bei technischen Berufen

Es gibt keine Zauberformel zur Bewältigung des Problems der informellen Beschäftigung in Lateinamerika. Die Vielfältigkeit und Heterogenität des Problems erlauben keine globalen Rezepte. Je nach Situation muss ein Mix aus verschiedenen Lösungsansätzen eingesetzt werden. Informalität bedeutet immer Unsicherheit, Armut und Ungerechtigkeit. Daher gehört die Bekämpfung der Informalität auf dem Arbeitsmarkt zu den wichtigsten gesellschaftspolitischen Herausforderungen auf dem lateinamerikanischen Subkontinent.

Autor

Olaf Jacob

Serie

Länderberichte

erschienen

Brasilien, 2. August 2011

Kontakt

David Gregosz

Leiter Regionalprogramm Soziale Ordnungspolitik in Lateinamerika (SOPLA)

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