Bedeutung der Christlichen Soziallehre

Dialog Lateinamerika

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Vom 21. bis 23. September 2014 lud das Büro der Konrad-Adenauer-Stiftung in Prag zu einem internationalen Seminar zum Thema: „Beziehungen und Herausforderungen für Lateinamerika und Europa – Katholische Soziallehre und ihre Bedeutung in der heutigen Gesellschaft“ ein. Es war die erste Fachtagung dieser Art, die namhafte Vertreter der katholischen Kirche und Experten aus Lateinamerika und Europa zu einem Dialog über die Christliche Sozialethik als Grundlage unserer Gesellschaften zusammenbrachte.

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Die Fachtagung führte namhafte Vertreter der katholischen Kirche und Experten aus Lateinamerika und Europa zu einem Dialog über die Christliche Sozialethik zusammen.

Die Fachtagung führte namhafte Vertreter der katholischen Kirche und Experten aus Lateinamerika und Europa zu einem Dialog über die Christliche Sozialethik zusammen.

Neben hochrangigen Vertretern der christlichen Kirchen waren insbesondere die Partnerorganisationen der KAS vertreten, die sich mit diesem Thema befassen. Diese Veranstaltung soll der Auftakt zu einem intensiveren Austausch zwischen den beiden christlich geprägten Regionen sein.

Soziale Gerechtigkeit ist ein zentrales Thema in der politischen Diskussion – es geht um eine soziale Ordnung, in der Menschen aus weniger privilegierten Schichten dennoch ein ausreichendes Einkommen erzielen und am gesellschaftlichen Leben wie am allgemeinen Fortschritt teilhaben können. So, oder so ähnlich drücken wir heute in der politischen Debatte das Ziel sozialer Struktur- und Ordnungspolitik aus. Strittig sind dabei die Wege zu diesem Ziel.

Hilfestellung und Inspiration können wir in den Grundsätzen der christlichen Soziallehre finden, die bereits in ihrer frühen Ausformulierung kritisch die ethische Qualität der sozialen Strukturen hinterfragte. Weitere Quellen finden sich in den Enzykliken der Päpste Leo XIII. bis Johannes-Paul II. und nun in Schriften von Papst Franziskus. Vertreter der christlichen Sozialethik der jüngeren Zeit weisen besonders auf die Verantwortung und Gestaltungskompetenz des Menschen für die Normen als Kernbotschaft hin. Dieser Gestaltungsanspruch verpflichtet Politiker mit christlichem Hintergrund – die Verhältnisse so zu verbessern, dass sie den Menschen dienen und ein moralisch gutes Leben ermöglichen. (Kluxen-Pyta, Die Politische Meinung, Nr. 523, S. 99-102)

Weiterführend und umfassender ist das auf einer ethisch verantwortlichen Gesellschaft basierende Konzept der Gemeinwohlorientierung, das Prof. Dr. Bernhard Vogel u. a. auch als „Die gute Ordnung der Gesellschaft“ beschreiben. Die ordnungspolitischen Rahmenbedingungen und die Ordnungsstruktur des gesellschaftlichen Zusammenlebens sowie die Frage, woran sich insbesondere wirtschaftliche Entscheidungen auszurichten hätten, sind Kernfragen dieses von einer Gruppe namhafter christlicher Sozialethiker entwickelten Konzepts. Die Fachtagung hatte folglich eine zentrale Kernzielsetzung zum Inhalt, der sich die KAS in besonderer Weise verpflichtet fühlt: Eine auf den Grundprinzipien der Solidarität und der Subsidiarität basierende Soziale Marktwirtschaft in einer freien demokratischen Gesellschaft als Prozess zu gestalten.

Insgesamt 38 Experten legten in kurzen Statements die Grundlage für die intensiven Paneldebatten, an denen sich der gesamte Teilnehmerkreis beteiligte.

Die „Sozialdoktrin der Kirche“, so der Prager Kardinal Duka, ermögliche es den christlichen Kirchen, die breite Mehrheit in der Gesellschaft anzusprechen. „Sozial“ sei aber ein komplexer Begriff, der von der Sozialhilfe des Staates oder privaten Diensten bis hin zu zwischenmenschlicher Zuwendung reicht. In den Ländern Mitteleuropas bestehe zusätzlich das Problem, dass sozial häufig mit sozialistisch und damit mit dem überwundenen kommunistischen System in Verbindung gebracht wird.

Insbesondere drei Päpste haben zur Rolle der Kirche als Initiator des sozialen Wandels beigetragen: Johannes XXIII, Johannes Paul II und –obwohl erst kurz im Amt- Franziskus I. Hatte Johannes XXIII nach Erzbischof Salvador Piñeiro von Ayacucho/Peru auf den sozialen Wandel in Lateinamerika entscheidend Einfluss genommen, hob Pfarrer Prof. Dr. Tomas Halik die aktive Rolle von Johannes Paul II bei den eingreifenden politischen Veränderungen und dem sozialen Wandel in Mitteleuropa hervor. Papst Franziskus wiederum initiierte mit seinem Apostolischen Schreiben „Evangelii Gaudium“ eine Debatte über die soziale Gerechtigkeit und die Gestaltung der Wirtschaftsordnung.

Kontrovers wurden die Herausforderungen der gegenwärtigen Familienpolitik diskutiert. Traditionelle Auffassungen über die Familie und veränderte Familienleitbilder mit dem Anspruch partnerschaftlicher Aufteilung von Familien- und Erwerbsarbeit wurden in vielen Facetten vorgetragen und diskutiert. Das Abschlussdokument der Tagung („Prager Erklärung“) bekennt sich zur Familie als Träger der Gesellschaft auch unter sich dynamisch verändernden Bedingungen. Gleichzeitig wird anerkannt, dass sich neue Familienformen in der gesellschaftlichen Realität herausgebildet haben. In diesem Zusammenhang wird auf die besondere soziale und pastorale Verantwortung der Kirche für diese Bevölkerungsgruppen hingewiesen.

Die Soziale Marktwirtschaft wird als die Wirtschaftsordnung anerkannt, die den sozialen Ausgleich mit der Effizienz des Marktes am besten verbindet. Dr. h.c. Josef Thesing wies dabei auf die Verpflichtung zur Solidarität, Subsidiarität und Verantwortung der in diesem System handelnden Akteure hin. Der spanische Abgeordnete und Vorsitzende der Union Democratica de Catalunya (UDC), Josep Durán i Leida präsentierte die Soziale Marktwirtschaft als ein weiter gefasstes politisches und gesellschaftspolitisches Wirtschaftsmodell, dem ein demokratisches System als Pendant zur Seite stehen muss.

Vorrangiges Ziel des Seminars war es, das anspruchsvolle Thema der Katholischen Soziallehre und deren Bedeutung in der heutigen Gesellschaft, Kontinent übergreifend zu diskutieren. Dabei spielten historische Beziehungen und andersartige Erfahrungen der beiden Regionen und der einzelnen Länder eine nicht unwesentliche Rolle. Demokratie und Menschenrechte, die Erfahrungen der mitteleuropäischen Länder nach dem Fall des Kommunismus und die Erfahrungen Lateinamerikas mit dem Phänomen des Sozialismus des XXI. Jahrhunderts waren deshalb weitere Themenstellungen.

Die anspruchsvolle Tagung die in der Erzabtei Brevnov stattfand, wurde vom Primas der Katholischen Kirche in Tschechien, Kardinal Duka, dem Instituto de Estudios Social Cristiano (IESC), Lima/Peru unter Leitung von Armando Borda Herrada und der Konrad-Adenauer-Stiftung in Prag (KAS) gemeinsam veranstaltet. Von der KAS beteiligten sich neben dem Leiter des Büros in Prag, Dr. Werner Böhler, sechs Mitarbeiter mit Fachbeiträgen an der internationalen Dialogtagung: Dr. Karlies Abmeier (Christliche Soziallehre), David Gregosz (Soziale Ordnungspolitik), Christine Henry-Huthmacher (Familienleitbilder), Dr. Thomas Kunze, (Transformation nach dem Fall des Kommunismus), Michael Lingenthal (Sozialpolitischer Wandel) und Dr. h.c. Josef Thesing (Soziale Marktwirtschaft).

Serie

Veranstaltungsberichte

erschienen

Chile, 10. Oktober 2014