"Christen dürfen nicht am Zaun des Lebens verharren!"

Bernhard Vogel zu 15 Jahren donum vitae Freiburg

Prof. Dr. Bernhard Vogel, Gründungsmitglied des Bundesverbandes von donum vitae und Ehrenvorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung, sprach aus Anlass des 15-jährigen Bestehens von donum vitae am 12. Juli 2017 in Freiburg über "Christliches Engagement in Politik und Gesellschaft".

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Musik

Die Brass Quintett Academy aus Kiew spielt auf.

15 Jahre nach der Gründung von donum Vitae e.V. Freiburg kehrten Mitglieder, Mitarbeiterinnen, Freunde und Förderer zurück an den Ort der Gründung, die Katholische Akademie der Erzdiözese Freiburg.

Donum vitae und das Regionalbüro Südbaden der Konrad-Adenauer-Stiftung hatten als Festredner Prof. Dr. Bernhard Vogel eingeladen, der zu den Gründungsmitgliedern des Bundesverbandes donum vitae zählte. Die Brass Quintett Academy, ein Blechbläserensemble aus Kiew, sorgte für die rechte Einstimmung der Gäste.

Dr. Ricarda Bons, seit 15 Jahren Vorsitzende des Freiburger Regionalverbandes von donum vitae, erinnerte an die Anfänge des Vereins katholischer Laien. Sie beschrieb die Aufgaben und Ziele des Vereins, der schwangeren Frauen in Konfliktsituationen zur Seite steht, und dankte allen, die zu dieser Erfolgsgeschichte beigetragen hatten.

Der neue Leiter der Katholischen Akademie, Dr. Karsten Kreutzer, hieß die Gäste willkommen und beschrieb die Akademie als Ort des Dialogs im Ringen um die Wahrheit.

Thomas Wolf, der Leiter der Konrad-Adenauer-Stiftung Südbaden, blickte auf zehn erfolgreiche Jahre der Zusammenarbeit mit donum vitae zurück, in denen man unter anderem Persönlichkeiten wie den Verfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde, den Moraltheologen Eberhard Schockenhoff, die Gründerin und Bundesvorsitzende von donum vitae Rita Waschbüsch, den Neurobiologen, Arzt und Psychotherapeuten Joachim Bauer oder etwa den Leiter von Caritas International, Oliver Müller, zu Gast hatte. Aufgabe der politischen Bildung sei es nicht, auf der Welle der öffentlichen Aufmerksamkeit zu surfen, sondern sich gerade jener gesellschaftlichen Fragen anzunehmen, die in der öffentlichen Wahrnehmung zu kurz kommen.

Wolf würdigte den Festredner, Prof. Dr. Bernhard Vogel, der nicht nur bemerkenswerte 23 Jahre als Ministerpräsident zweier Bundesländer vorweisen kann, - davon 12 Jahre in Rheinland-Pfalz und 11 Jahre in Thüringen -, sondern der sich immer auch ehrenamtlich engagiert habe, ob als Präsident des Zentralkomitees deutscher Katholiken, als Gründungsmitglied von donum vitae oder als Ehrenvorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung.

"Politik als Dienst am Menschen"

Bernhard Vogel dankte allen Mitstreiterinnen und Mitstreitern von donum vitae für ihre Arbeit. Nach Überlegungen zur Rolle der Religion und zum Verhältnis von Staat und Kirche entwickelte er ein christliches Verständnis von Politik. Das Grundgesetz als Antwort auf den Nationalsozialismus, das immer auch eine Hoffnung für Menschen in Unfreiheit bedeutet hatte, sei, wie es in der Präambel heißt, „in Verantwortung vor Gott und den Menschen“ verfasst worden.
Er beschrieb Politik als Dienst am Menschen und zitierte Hannah Arendt, die sie als „angewandte Nächstenliebe“ bezeichnet habe, auch wenn er schmunzelnd einräumen musste, dass diese Definition von Politik nur bei einer kleinen Minderheit Zustimmung finde.

"Wir müssen die Menschen so nehmen wie sie sind..."

Bernhard Vogel warb für Toleranz in der Politik. Toleranz bedeute aber nicht, keinen Standpunkt zu haben, sondern einzuräumen, dass auch der Andersdenkende Recht haben könnte. Ein „christlicher Realismus“, die Einsicht in die Begrenztheit des Menschen, bewahre vor utopischen Heilslehren. Christen glauben nicht an die Utopie eines irdischen Paradieses oder, wie er es mit den einfachen Worten Konrad Adenauer sagte: „Wir müssen die Menschen so nehmen wie sie sind, wir kriegen keine anderen“.
Kompromisse gehören zum Wesen der Demokratie, manchmal müsse man eben mit der zweitbesten Lösung vorliebnehmen, wenn sich die beste Lösung nicht durchsetzen lasse. Allerdings sei der Willen der Mehrheit nicht gleichbedeutend mit der Wahrheit, sie sei vielmehr ein „Notbehelf“. Die Mehrheit dürfe nicht missbraucht werden und dürfe nicht über letzte Dinge entscheiden. So sei etwa der Artikel 1 des Grundgesetztes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ nicht verhandelbar.

Nach der Wiedervereinigung habe es in Ost und West unterschiedliche gesetzliche Regelungen zu Fragen des Schwangerschaftsabbruches gegeben: in den jungen Bundesländern galt eine Fristenregelung, in den alten Ländern dagegen eine Indikationslösung. Daher stand der Bundestag vor der Herausforderung, sich auf ein einheitliches Recht zu einigen. Die in zähem Ringen gefundene Lösung in Deutschland sei nicht perfekt, aber besser als die Regelungen in den europäischen Nachbarländern, da sie „dem ungeborenen Leben eine Chance“ gebe.

"Ungeborene Kinder kann man nicht ohne ihre Mütter schützen..."

Mit den Worten des Bundestagspräsidenten Norbert Lammert: „Ungeborene Kinder kann man nicht ohne ihre Mütter schützen, und schon gar nicht gegen sie“, leitete Vogel zur Gründungsgeschichte von donum vitae über. Zwar seien die Bedenken des damaligen Papstes nicht unberechtigt, die Beratung biete aber eine Chance, Leben zu retten, auch wenn nicht alle Mütter dieses Angebot annähmen.
„Darf ich am Ufer eines Sees ein Kind nicht vor dem Ertrinken retten, nur weil ich nicht alle Kinder retten kann?“ Mit dieser rhetorischen Frage bekräftigte er die Motive der Gründungsmitglieder und würdigte die Verdienste von Rita Waschbüsch, die zu den treibenden Kräfte gehört habe.
Mit einem öffentlichen Zwischenruf, den auch Bernhard Vogel unterzeichnet hatte, haben prominente katholische Laien sich zu Wort gemeldet und der offiziellen kirchlichen Darstellung widersprochen. Donum Vitae erwarte keine Anerkennung der Bischöfe, stehe aber nicht außerhalb der Kirche.
Vielleicht, so gab Vogel zu bedenken, sei der entscheidende Fehler nicht der Ausstieg der katholischen Kirche aus der Schwangerschaftsberatung gewesen, sondern schon der Einstieg. Vielleicht hätte man diese Aufgabe schon von Anfang an in die Hände engagierter Laien legen sollen?

„Tausende Kinder verdanken donum vitae ihre Leben“

stellte Vogel fest, man müsse Gewöhnungsprozessen entgegen wirken, die das Leben relativieren, sei es am Anfang oder am Ende des Lebens. „Christen dürfen nicht am Zaun des Lebens verharren. Der Rückzug in den Schonraum der Sakristei ist uns nicht erlaubt“ gab er zu bedenken und beendete seine kurzweilige Rede mit persönlichen Worten zu der jüngsten, umstrittenden Entscheidung zur sogenannten „Ehe für alle“ im Deutschen Bundestag. Er halte es, bei allem Respekt für andere Überzeugungen, weder für nötig noch für angemessen, das Institut der Ehe anzugreifen. Gleiches müsse gleich, Ungleiches ungleich behandelt werden.

Mit einer fulminanten Interpretation von Johann Sebastian Bachs Toccata und Fuge in D-Moll endete der offizielle Teil der Festveranstaltung. Bei einem Glas Wein vom Kaiserstuhl waren die Gäste noch lange in Gespräche vertieft und ließen den Abend ausklingen.

Autor

Thomas Wolf

Serie

Veranstaltungsberichte

erschienen

Freiburg, 13. Juli 2017

Kontakt

Thomas Wolf

Leiter des Regionalbüros Südbaden des Politischen Bildungsforums Baden-Württemberg

Thomas Wolf
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