Zu Gast aus Israel: Zwi Nigal erzählt aus seinem Leben

Zeitzeugengespräche an Freiburger Schulen | 30.01.18-03.02.18

Der Zeitzeuge Zwi Nigal erzählte an Freiburger Schulen aus seinem Leben. Frau Dr. Laila Scharfenberg begleitete ihn auf seiner Reise durch Südbaden. Er konnte nach Palästina fliehen, doch viele andere Juden überlebten den Holocaust nicht. Heute lebt Zwi Nigal in Ramat-Hasharon bei Tel Aviv. Einen Einblick in sein Leben erhalten Sie hier.

„Meine Jugend in Wien war sehr schön, bis Hitler kam“

Zwi Nigal wurde am 13. April 1923 als Hermann Heinz Engel in Wien geboren. Hier besuchte er die Volksschule und anschließend das Gymnasium. Im Juni 1938 wurde er von der Schule verwiesen. „Meine Jugend in Wien war sehr schön, bis Hitler kam“ schilderte der mittlerweile 94-Jährige bewegt.

Sein Vater war ein hoher Bahnangestellter am Nordbahnhof in Wien, bis er wegen seinem jüdischen Glauben zwangspensioniert wurde. Anschließend arbeitete er im Palästina Amt und half dabei, Fluchtmöglichkeiten für Juden nach Palästina zu schaffen. Seine Mutter war Sanitäterin im 1. Weltkrieg, während sein Onkel Hermann an der Front kämpfte. Somit hatte sich die Familie um das Kaiserreich Österreich-Ungarn verdient gemacht.

Dies alles spielte nach der Annexion von Österreich an das Deutsche Reich im März 1938 keine Rolle mehr. Nigal erlebte den "Anschluss" als 14-jähriger hautnah mit. „Die Melodie der Hymne und die Worte von Bundeskanzler Schuschnigg blieben mir lebenslang im Ohr“ schilderte er. Am nächsten Tag war bereits die Luftwaffe über Wien und die Straßen waren mit Hakenkreuzen tapeziert. Waghalsig und mutig ging er am 15. März 1938 auf den Wiener Heldenplatz, um die Rede von Hitler mitzuverfolgen. Nigal verspürte bereits vor der Machtübernahme Hitlers eine antisemitische Stimmung in Österreich und Wien, diese wurde durch die Nazi-Propaganda auf den Höhepunkt getrieben.

„Das is mei Jud‘!“

Juden wurden auf den Straßen regelrecht eingefangen, verprügelt und zu menschenunwürdigen Schmutzarbeiten herangezogen. Sie wurden ausgelacht und beschimpft während sie mit Zahnbürsten den Gehweg schrubbten. Für Nigal war dies eine Erniedrigung ohnegleichen. Auch er wurde von zwei Anhängern der Hitler-Jugend gefasst, konnte daraufhin fliehen und lief hierbei einem SS-Mann in die Arme. Dieser stellte ihn zur Rede und führte ihn zu den zwei Hitlerjungen zurück. „Dann kam es zu einem bizarren Streit zwischen den Dreien“ erzählte Nigal. Der eine schrie: „Das is mei Jud‘!“, die anderen erwiderten „Na, des is unser Jud‘!“. Letzten Endes konnte sich Nigal im Lesesaal des Parteilokals verstecken und hatte somit wieder einmal großes Glück, der Deportation zu entgehen.

Mit der Reichspogromnacht im November 1938 spitzte sich die Lage weiter drastisch zu. Es kam zu Wohnungsdurchsuchungen und skrupellosen Verhaftungen. Hab und Gut der Juden wurde geplündert und der Großteil der Juden musste seine Wohnung räumen. Sein Vater verhalf ihm dazu, eines der begehrten Visa für die Ausreise nach Palästina zu ergattern, sodass er im letzten Augenblick, Anfang 1939, mit anderen Jugendlichen nach Palästina fliehen konnte. Der Vater wurde während des 2. Weltkriegs zunächst in ein Ghetto nach Wien verfrachtet, kam anschließend ins KZ Theresienstadt von wo aus er mit dem vorletzten Transport nach Auschwitz verlegt wurde. „Da mein Vater über 60 war gehe ich davon aus, dass er sofort in die Gaskammer geführt wurde“ so Nigal.

Die Mutter versuchte währenddessen ebenfalls mit dem Schiff nach Palästina zu fliehen. Das Land war zu diesem Zeitpunkt Mandatsgebiet der Briten, weshalb ihr Schiff durch die Britische Seeblockade festgesetzt wurde. Wegen der Ölvorkommen und der Versorgungswege nach Indien wollten die Briten die mehrheitlich arabische Bevölkerung nicht gegen sich aufbringen und untersagten den Juden den Zugang. Somit blieb Palästina nur über illegale Wege ein Zufluchtsort für Juden. Die Mutter kam in ein englisches Gefängnis auf der Insel Mauritius, welches als Auffangstation diente. Nach sieben Jahren gelang es seiner Mutter, nach Palästina zu kommen.

Zwi Nigal war zwischenzeitlich der Britischen Armee beigetreten und kämpfte in der jüdischen Brigade in Nordafrika, Italien und Österreich. Hierbei traf er auf Überlebende des Holocausts. „Solche seelisch und körperlich zerstörten Menschen habe ich noch nie gesehen. Sie dachten, dass es Hitler gelungen sei, alle Juden zu vernichten und sie glaubten, dass sie die einzigen Juden sind, die überlebt haben. Als sie uns sahen waren sie sprachlos – dies war der prägendste Moment in meinem Leben“ schilderte Nigal. Er sorgte dafür, dass viele von ihnen ihren Weg, vorbei an der Britischen Seeblockade, nach Palästina fanden.

Es folgte eine Militärkarriere in der israelischen Armee mit Aufenthalten in Frankreich und einem Studium an der Technischen Universität in Haifa. „Ich konnte die israelische Matura nur dank der gründlichen Bildung am Gymnasium in Wien absolvieren“ betonte Nigal und motivierte Schülerinnen und Schüler. Als Ingenieur arbeitete er weitere Jahre in einer israelischen Firma bis er mit 65 Jahren in den Ruhestand ging. Zwi Nigal, der sich immer schon für Geschichte interessierte, wollte sich anschließend mit seinen Hobbys beschäftigen und entschloss sich zu einer Ausbildung als Reiseführer. Bis zum Alter von 80 Jahren führte er deutsche Reisegruppen durch sein Land. Heute beschäftigt er sich mit Übersetzungen in den Sprachen: Deutsch, Hebräisch und Englisch.

„Das ist mein persönlicher Sieg über Hitler, der uns alle zerstören wollte!“

Zwi Nigal begleitete seinen Vortrag mit eindrucksvollen Bildern. Am Ende war das Bild seiner großen Familie bei der Hochzeit eines Enkels zu sehen. „Das ist mein persönlicher Sieg über Hitler, der uns alle zerstören wollte!“ lachte Zwi Nigal stolz. Seine Mutter wurde 102 Jahre alt und erlebte die Geburt von mehreren Urenkeln. Auch Zwi Nigal ist bereits Uropa.

Damals wollte kein Land den Juden helfen und sie aufnehmen. „Das war unser größtes Problem!“, so Nigal. Er stellte somit einen aktuellen Bezug her. Im April wird Zwi Nigal 95 Jahre alt. Wir hoffen sehr, dass er gesund bleibt und uns noch lange lebhaft aus seinem bewegten Leben erzählen kann.

Vielen Dank, dass wir am Deutsch-Französischen Gymnasium, am St. Ursula Gymnasium, am Theodor-Heuss-Gymnasium, am Berthold Gymnasium und an der Staudinger Gesamtschule zu Gast sein durften.

Pascal Jerger und Isabelle Koch | Absolventen des Freiwilligen Sozialen Jahrs im Regionalbüro Südbaden

Autor

Thomas Wolf

Serie

Veranstaltungsberichte

erschienen

Freiburg, 2. Februar 2018

Kontakt

Thomas Wolf

Leiter des Regionalbüros Südbaden des Politischen Bildungsforums Baden-Württemberg

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