13. Transatlantischer Dialog

Unterschiede der Armee und des Patriotismus in Deutschland und den USA

Transatlantischer Dialog in Erfurt Veranstaltungsreihe zu gesellschaftspolitischen Fragen in Deutschland und den USA

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Fr. Eib begrüßt

Frau Maja Eib, Leiterin des Bildungswerkes Erfurt, eröffnete die Veranstaltung mit der Begrüßung.

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Transatlantischer Dialog in Erfurt“ richtete das Bildungswerk Erfurt der Konrad-Adenauer-Stiftung gemeinsam mit dem US-Generalkonsulat in Leipzig am 01. Oktober 2013 in der Kleinen Synagoge in Erfurt erneut einen Dialog mit dem Ziel des Austauschs über kulturelle und gesellschaftspolitische Fragen aus. Titel der 13. Auflage war „Unterschiede der Armee und des Patriotismus in Deutschland und den USA“. Dazu referierten und diskutierten Master Sergeant Robert Lee Hall vom Kommando Operative Führung Eingreifkräfte der U.S. Army und Sven Kindler, Referent für Innere Medien, Kampagnenführung und Medienkooperation im Presse- und Informationsstab des Bundesministeriums der Verteidigung.

Bereits in der Begrüßung wies Maja Eib, Landesbeauftragte und Leiterin des Bildungswerkes Erfurt der Konrad-Adenauer-Stiftung, auf die unterschiedliche Auslebung des Patriotismus in Deutschland und den USA hin. Während US-Amerikaner ihren Nationalstolz freimütig und innbrünstig präsentierten, seien die Deutschen dort eher zurückhaltend. Auch die Resonanz für die Soldaten der Streitkräfte, so führte Eib an, sei sehr unterschiedlich, obwohl beide in von den Parlamenten legitimierte Einsätze geschickt würden. Sie stellte die Frage in den Raum, ob wir Deutsche nur zurückhaltende, kleinere oder gar keine Patrioten seien. Damit war der Fahrplan für einen lebhaften Austausch vorgegeben.

Nach der offiziellen Begrüßung sprach der stellvertretende Kommandeur des Landeskommando Thüringens Oberstleutnant Thomas Bigalke ein Grußwort. Auch er, ein verdienter und erfahrener Offizier der Bundeswehr, wies auf Erfahrungen bei einer Reise durch die USA hin, die ihn sehr berührten und in Deutschland wohl unmöglich wären. Bei einem Flug quer durch die USA seien Angehörige der US- Army anwesend gewesen und eine Stewardess teilte dies den Fluggästen über das Bordmikrophon mit, gleichzeitig dankte sie den Soldaten für ihren Einsatz und Mut, woraufhin tosender Beifall für die Soldaten aufkam. Dies sei in Deutschland kaum vorstellbar. Außerdem erinnerte Bigalke an eine Zeit, in der auch Deutschland dem Patriotismus anders gegenüber stand. Er meinte vor allem die Befreiung Deutschlands gegen Napoleon oder auch den Sieg im Deutsch-Französischen Krieg von 1870-1871, welcher den Grundstein für die Einigung Deutschlands legte. Heute sei Deutschland von einem begeisterten Patriotismus auch aufgrund der Geschichte meilenweit entfernt, führte Bigalke zum Schluss aus.

Anschließend nahm die Veranstaltung durch den beherzten und leidenschaftlichen Auftritt von Master Sergeant Hall, der das Gefühl Patriotismus in den USA erklärte, weiter Fahrt auf. Hall, selber in Deutschland geboren und hier aufgewachsen, sagte, dass die Menschen in den USA viel intensiver mit Symbolen des Landes in Verbindung gebracht werden würden. Er verwies dazu auf den „Pledge of Allegiance“, der unter anderem morgens in Schulen gesprochen wird und in welchem ein jeder seinem Land Fahnentreue schwört. Auch hätten Flaggen als Nationalsymbole in den USA eine viel größere Bedeutung, denn vor nahezu jedem Haus hinge die Landesflagge und jeden Morgen würde sie vor Schulen, Polizeiwachen oder Feuerwachen gehisst und abends eingezogen. In Deutschland hingegen sei die Nationalflagge außerhalb von Sportereignissen eine Seltenheit. Außerdem beschrieb Hall anschaulich die patriotische Rahmengestaltung eines jeden Sportereignisses, wo jedes Mal die Nationalhymne gesungen würde. Auch die Auslebung von Feiertagen sei in Deutschland und den USA enorm unterschiedlich. Während in den USA ein jeder mit seiner Familie den 4. Juli, den Unabhängigkeitstag, jährlich wiederkehrend feiert und diesem Tag eine ganz besondere Bedeutung beimisst, würde der Tag der Deutschen Einheit in den einzelnen Familien kaum mehr als herausragender Tag wahrgenommen und auch von der Gesellschaft wenig pompös gefeiert. Andere Nationalfeiertage früherer Zeiten, beispielsweise der 2. September, seien sinnbildlich dafür ganz aus dem Gedächtnis verschwunden. Hall schloss seine Rede mit einem weiteren Vergleich und persönlicher Erfahrung zugleich- der Heimkehr von Soldaten aus dem Auslandseinsatz. Während an den Flughäfen in den USA sich Gassen bilden, an den Seiten applaudierende Bürger, die ihren wiederkehrenden Soldaten Respekt und Anerkennung zollen und bei den Koffern den Vortritt lassen, sei dies in Deutschland für die Rückkehrer unvorstellbar. Hier stünden nur die Familien und niemand beachte Soldaten am Flughafen sonderlich, geschweige zolle ihnen Respekt für ihren Einsatz fernab von daheim. Die Erfahrungen eines im Publikum anwesenden Hauptmannes der Bundeswehr bestätigten dies.

Nun trat Kindler für die deutsche Sicht ans Rednerpult. Durch seine berufliche Tätigkeit täglich mit dem Thema Patriotismus in Berührung, attestierte Kindler grundsätzliche Bewegung bei diesem Thema. Dazu verwies er auf repräsentative Umfragen, die auf eine Steigerung der Bekanntheit der Kampagne „Wir. Dienen. Deutschland.“ hinwiesen. Er knüpfte weiterhin an seinen Vorredner an und sagte, dass die deutsche Gesellschaft ihre Armee teilweise vergessen würde. Die Soldaten würden sich aber nach Anerkennung für ihren Dienst sehnen, den sie im Auftrag des Deutschen Volkes ausüben. Auch wenn die Deutschen ihrer Bundeswehr vertrauen würden, sei sie in der alltäglichen Gedankenwelt kaum präsent, so Kindler weite. Außerdem wies er darauf hin, dass die Mittel für eine breitere medienwirksame Präsenz der Bundeswehr in der Gesellschaft in Form von Zeitungsanzeigen oder Kinoschaltungen nicht vorhanden seien. Kindler wies auch darauf hin, dass die Bundeswehr selber, aufgrund der teilweise negativen Belegung des Begriffs Patriot, ein problematisches Selbstverständnis habe. Er zitierte dazu einen Studenten der Universität der Bundeswehr in München der sagte: „Wir agieren, als wenn wir uns für uns schämend würden.“ Oftmals würden besonders Soldaten schnell in eine rechte Ecke gedrängt werden, wenn sie sich als Patrioten bekennen. Kindler sagte, dass man zukünftig versuchen müsse negative Emotionen abzubauen, die Präsenz der Bundeswehr in der Öffentlichkeit durch intensive Kommunikation zu erhöhen und die positiven Emotionen zu festigen. Abschließend spielte Kindler zwei Filme seiner Kampagne vor- „Wir. Dienen. Deutschland“ und „Danke“, wobei speziell letzterer ein Innehalten bei den Teilnehmern bewirkte.

Unter diesen Eindrücken eröffnete Moderator Rico Chmelik, der auch beide Referenten eingangs kurz vorgestellt hatte, die Diskussionsrunde, in welche das Publikum sofort einbezogen wurde und sich rege beteiligte. Gleich die erste Frage aus dem Publikum betraf die Förderung von Nationalbewusstsein in der Schule oder dem Kindergarten. Hier müsse die Politik doch zentral ansetzen. Hall antwortete, dass dies in den USA selbstverständlich sei und auch nicht künstlich gezüchtet, aber Deutsche und ihre Politik seien auf diesem Gebiet sehr zurückhaltend. Auch Kindler bestätigte, dass dies kompliziert sei, da es Kräfte in der Gesellschaft gebe, die dies kritisch sehen würden. Besonders in Schule ist es für die Bundeswehr immer schwerer geworden Präsenz zu zeigen. Anschließend meldete sich einer der anwesenden Soldaten im Publikum zu Wort und berichtete von seinen Erfahrungen während seines Aufenthaltes in der US-Militärakademie Westpoint. In den USA sei er zum ersten Mal in einer Gesellschaft gewesen, wo Soldaten, unabhängig der Uniform, mit Respekt behandelt würden. Zurück in Deutschland sei es ein wahrer Kulturschock gewesen. Weiterhin war er der Meinung, dass die Bundeswehr zu wenig Werbung nach außen machte und zu sehr nach innen, Soldaten aber bereits Patrioten seien. Kindler verwies auf die begrenzten Möglichkeiten in der Außendarstellung, die selbst ein Verteidigungsminister nicht beliebig erweitern könne. Außerdem betonte er, die Bedeutung der Verstärkung eines selbstverständlichen Verständnisses des Soldatentums. Er führt an, dass gerade im Verteidigungsministerium viele Soldaten nicht in Uniform zur Arbeit führen, da die Gefahr bestünde auf dem Weg zur Arbeit angespuckt oder verprügelt zu werden. Dies sei zwar nicht der Normalfall, aber die Möglichkeit sei leider nicht ausgeschlossen und bereits vorgefallen. Hall klinkte sich hier ein und unterstrich dort den gesellschaftlichen Unterschied zwischen Deutschland und den USA. In den USA sei vergleichbares unmöglich und wenn, dann würden zahlreiche Passanten dem Uniformierten beistehen.

Eine weitere Frage richtete sich an die unterschiedliche Darstellung der Bundeswehr. Der Telnehmer verwies auf amerikanische Filme, in denen Soldaten immer als Helden und Kämpfer für Gerechtigkeit und Freiheit gezeigt würden, während Soldaten in deutschen Filmen überwiegend als grölende und betrunkene Truppe dargestellt würde. Mit großem Bestürzen reagiert Hall auf dieses Phänomen, während Kindler auf die freie Meinungsäußerung verwies und meinte, dass man solche Dinge hinnehmen müsse. Es läge an der Gesellschaft dies zu ändern.

Abschließen gab es eine Wortmeldung einer Zuhörerin, die sich kritisch zu Patriotismus, speziell in den USA, äußerte und ihre negative Einstellung zum Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan kundtat. Kindler machte in seiner Antwort einen wesentlichen Unterschied zwischen den USA und Deutschland aus. Während in den USA zwischen den Einsätzen und den Leistungen unterschieden werden würde, sei in Deutschland die Ablehnung des Einsatzes mit einer negativen Betrachtung der Soldaten verbunden. Die Bürger der USA würden auch nicht jeden Einsatz unterstützen, speziell der Vietnamkrieg war sehr wenig populär, aber die Vietnamveteranen würden dort trotzdem sehr respektiert werden. Soldaten müssten schließlich lediglich die Entscheidungen der Politiker umsetzen. Kindler führte weiter an, dass er sich dies auch für Deutschland wünschen würde. Niemand müsse am Flughafen mit Plakaten Zustimmung zum Afghanistaneinsatz äußern, aber die Wiederkehr und die Leistung der Soldaten solle trotzdem erhofft und gewürdigt werden. Schließlich seien alle Einsätze der Bundeswehr durch den Bundestag legitimiert im Namen des Volkes. Hall stimmte energisch zu und verwies abermals auf seine positiven Erfahrungen bei der Wiederkehr nach 15 Monaten Irak. Weiterhin führt er an, der Vietnameinsatz sei in der Tat äußert unbeliebt gewesen, aber die Veteranen würden trotzdem mit größtem Respekt behandelt.

Zusammenfassend betonten beide Diskussionspartner, dass Deutschland zaghafter in Bezug auf Patriotismus und dessen Auslebung sei als die USA. Beide meinten, dass man die Verhältnisse der USA nicht kopieren müsse, sondern das Deutschland seinen eigenen Weg zu finden habe. Unter Beachtung der Lehren der Vergangenheit, solle man mutig ein gesundes nationales Selbstverständnis entwickeln und auf Gegenwart und Zukunft blicken, welche einen gewissen Stolz berechtigten.

Beendet wurde die Veranstaltung mit dem Schlusswort des neu berufenen Konsuls für Wirtschaft und Politik am Generalkonsulat Leipzig Robert Gatehouse. Er bedankte sich für den intensiven Austausch zu diesem Thema und drückte seine Vorfreude auf die künftigen gemeinsamen Veranstaltungen aus. Damit ging eine lebhafte emotionale Veranstaltung zu Ende, nach welcher sich noch lange ausgetauscht wurde.

Autor

Maja Eib

Serie

Veranstaltungsberichte

erschienen

Erfurt, 2. Oktober 2013