100 Jahre Sykes-Picot-Abkommen. Europäische Interessenpolitik und ihre Auswirkungen bis in die Gegenwart

Vortrag und Gespräch

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100 Jahre Sykes-Picot-Abkommen. Europäische Interessenpolitik und ihre Auswirkungen bis in die Gegenwart

Der Referent Dr. Julian Voje erläuterte das in diesem Jahr vor einem Jahrhundert abgeschlossene Sykes-Picot-Abkommen zwischen Großbritannien und Frankreich.

Zu einem Vortrag- und Gesprächsabend zu historischen Hintergründen der Staatenbildung im Nahen – und Mittleren Osten kamen 75 interessierte Bürgerinnen und Bürger in Weimar. Der Referent Dr. Julian Voje erläuterte das in diesem Jahr vor einem Jahrhundert abgeschlossene Sykes-Picot-Abkommen zwischen Großbritannien und Frankreich. Das nach den beiden Unterhändlern Sykes und Picot benannte Geheimabkommen regelte die Aufteilung von Interessensphären im Nahen- und Mittleren Osten nach dem erwarteten Zusammenbruch des Osmanischen Reiches während des 1. Weltkriegs.

Der Referent gliederte seinen Vortrag in mehrere Abschnitte und zeitliche Epochen, um einerseits Konfliktlinien und Auswirkungen, die bis heute bestehen, darzustellen und andererseits in den aktuellen Konflikten ebenfalls darauf hinzuweisen, dass die gegenwärtigen Probleme nicht nur darauf zurückzuführen sind, dass europäische Mächte Einfluss nahmen. Dies ist insbesondere unter dem Aspekt der propagandistischen Aufladung durch die Terrororganisation IS wichtig zu betrachten, da dieser das Abkommen propagandistisch nutzt, um das eigene Agieren als antiimperialistische Gegenbewegung zu legitimieren, die die vergangene Größe der islamischen Welt wieder herstellen möchte, wodurch Muslime wieder vermeintlich selbstbestimmt und in Wohlstand leben könnten. Dr. Voje stellte dazu historisch dar, dass diese vermeintliche Einheit der muslimisch-arabischen Welt jedoch historisch nie existierte.

Wichtigstes Ergebnis des Abkommens war, dass Frankreich Gebiete als direkte Einflusszone und Mandate in der Osttürkei und das heutige Libanon und Syrien erhielt, während sich Großbritannien Palästina, Irak und Jordanien sicherte. Problematisch ergibt sich aus dieser Konstellation, dass ein Kurdenstaat nicht entstand und das Volk bis heute in drei verschiedenen Ländern lebt. Darüber hinaus setzten beide Mächte Herrscher ein, die Minderheiten angehörten, so in Syrien Alawiten mit sunnitischer Bevölkerungsmehrheit und im Irak Sunniten mit schiitischer Bevölkerungsmehrheit.

In der Langzeitbetrachtung wies Dr. Voje jedoch darauf hin, dass eine multiethnische und multireligiöse Gesellschaft keineswegs zum Scheitern verurteilt ist, wie man in anderen Weltregionen beobachten kann. Viel mehr ist das Verhalten der herrschenden Eliten Faktor dafür gewesen, dass sich Identitäten, die auf Stamm, Ethnie und muslimischer Konfession beruhen, sich als bestimmende Muster entwickeln konnten. Dies setzt sich über die zunächst als Königshäuser und später als autoritäre oder diktatorische Herrscher bis in die Gegenwart fort, was gleichfalls Grund für die Arabellion und die nun mörderischen Konflikte in Syrien und Irak ist. Dazu kam als weitere Aufladung, dass Großbritannien kurze Zeit später jüdischen Einwanderern die Gründung eines eigenen Staates im palästinensischen Staatsgebiet zusagte, ohne darüber die arabischen Verbündeten zu informieren.

Dr. Voje stellte fest, dass die Konfliktlösung in der Region nur in großen Dimensionen denkbar sein wird, bei der sowohl alle regionalen wie externen Akteure gleichberechtigt einbezogen werden müssen und sich in einer Art Westfälischer Friede zur Übereinkunft entwickelt.

Die anschließende Diskussion, die von der Weimarer Bundestagsabgeordneten Antje Tillmann moderiert wurde, waren neben vielen Verständnisfragen die grundsätzliche Frage nach externer Einmischung in Konflikte vor Ort bestimmend. Antje Tillmann verwies darauf, dass sie nur als deutsche Parlamentariern sprechen kann und Deutschland militärisch kein Akteur ist. Gleichwohl bleibe es eine Aufgabe im Sinne unserer Werte, Konflikte nicht zu ignorieren, wenn tausende Menschen Terroristen zum Opfer fallen, woraus sich für sie auch die Pflicht zur Hilfe für Flüchtlinge ergibt. Das westliche Länder und auch Russland die Konflikte teilweise mit verursachten sei selbstredend ein Dilemma, aber die grundsätzliche Verantwortung muss immer bei den Menschen vor Ort auch gesucht werden. Die vermeintliche Stabilität der Länder unter den Diktatoren Hussein, Gaddafi, Mubarak oder Assad gegenüber gestellt mit dem praktischen Staatsverfall aktuell sei selbstverständlich schwer miteinander abzuwägen, doch sei es ein Trugschluss zu glauben, dass die Bevorzugung blutiger Diktaturen dauerhaft Frieden und Sicherheit schaffen kann, zumal auch diese Situation Flüchtlinge erzeugt. Nach mehr als 2 h intensiver Debatte endete die Veranstaltung, die von vielen Teilnehmern als hervorragender Einblick in historische Hintergründe bis in die Gegenwart gelobt wurde.

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erschienen

Erfurt, 8. Februar 2016