Experten warnen: Den Bürgern fehlt die Alphabetisierung im virtuellen Raum

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Leichtere Kommunikation, besserer Zugang zu Informationen, schnellere Interaktion. Das alles brachte die Entwicklung der digitalen Technologie und des Internets. Digitale Daten zählen zu den mitunter wichtigsten wirtschaftlichen Gütern des 21. Jahrhunderts. Datennutzung und Datenschutz sind heute Schlüsselthemen, nicht nur für Unternehmen, sondern auch für Bürger und Staatsverwaltung. Was sind die Konsequenzen für die Demokratie?

Nicht nur diese Frage haben Experten aus Tschechien und Deutschland auf der Konferenz „Die Digitalrevolution und die Demokratie“ beantwortet, die am 6. Oktober an der Fakultät der Sozialwissenschaften der Masaryk-Universität in Brünn stattgefunden hat. Die Veranstaltung hat das Internationale Politologische Institut der Masaryk-Universität in Zusammenarbeit mit der Konrad-Adenauer-Stiftung im Rahmen des "8. Deutsch-Tschechischen Tages" ausgerichtet. Es handelte sich um die erste akademische Debatte zu diesem Thema in der Tschechischen Republik.

Alle Experten waren der Meinung, dass den Bürgern im großen Maße noch die Alphabetisierung im virtuellen Raum fehlt. Dies sei insbesondere ein Auftrag an die Bildungspolitik. Dabei geht es nicht nur darum, mit digitalen Programmen umzugehen oder programmieren zu können. Es geht auch um das Bewusstsein, dass man viele persönliche Daten offenstellt und wie man eigene Daten schützen kann.

„In den sozialen Netzwerke bauen die Leute ihre Hemmungen ab“, hat gleich zu Beginn Tobias Wangermann konstatiert, der sich in der Konrad-Adenauer-Stiftung mit dem Thema der Digitalisierung beschäftigt und als "Keynote Speaker" die Konferenz eröffnet hat. Er führte weiter aus, dass die Internetnutzer sich im Netz oftmals so ausdrücken, wie sie sich in der Realität nie ausdrücken würden und Dinge sagen, die sie anderen Menschen wahrscheinlich nicht gerade ins Gesicht sagen würden. Gemeinsam mit dem weiteren deutschen Experten Frank Niebuhr aus der Bundesgeschäftsstelle der CDU Deutschlands plädierte er dafür, aktiv gegen alle Anfeindungen, Beleidigungen und Drohungen - allgemein „hatespeech“ genannt - anzugehen.

Im ersten Panel hat Miloš Gregor aus der Fakultät der Sozialwissenschaften der Masaryk-Universität dargestellt, dass man die Wahlkampagnen nicht nur nach der Resonanz in den sozialen Netzwerken bewerten kann. Er hat die Barack Obama-Kampagne vom Jahre 2008 erwähnt, der als erster Präsidentschaftskandidat massiv vom Potenzial der sozialen Netzwerke profitiert hat, nicht nur in der eigenen Kampagne, sondern auch um Finanzmittel für die Kampagne zu gewinnen. Es ist jedoch nicht immer so, dass gute Kampagnen in den sozialen Medien zu besseren Wahlergebnissen führten, wie das Beispiel der tschechischen Partei TOP 09 zeige. Auch der Analytiker Michael Skřivan konstatierte mit Blick auf die niedrige Wahlbeteiligung der jungen Wähler, dass die Wirkung sozialer Medien nur eingeschränkt zu beurteilen sei. Ein wichtiger Beitrag der neuen Medien zur Verbesserung der Demokratie sei der einfachere Zugang zu Informationen, so Petr Kolman aus der Juristischen Fakultät der Masaryk-Universität. Laut Gesetz haben die tschechischen Bürger einen breiten Zugang zu Informationen, die staatlichen Behörden sind jedoch nicht immer bereit, die Daten offenzulegen.

Im zweiten Panel wurden vor allem Fragen der Datensicherheit besprochen. „Einen guten Cyberangriff erkennt man daran, dass man den Verursacher nicht aufspüren kann“, sagte Jakub Fučík, Experte für Cyberterrorismus von der Verteidigungsuniversität in Brünn. Er betonte damit die Ernsthaftigkeit der Drohungen, vor denen nicht nur die staatlichen Institutionen, sondern auch sensible Daten der Bürger stehen. Tomáš Rezek von der Assoziation für Internationale Angelegenheiten (AMO) und Jiří Skuhrovec von der Fakultät für Sozialwissenschaften der Karls-Universität betonten, dass obwohl die Technologien die präzedenzlose Entwicklung der Gesellschaft in Richtung Transparenz ermöglicht haben, können sie auch eine Bedrohung für sie darstellen. Petra Vejvodová von der Fakultät der Sozialen Studien der Masaryk-Universität warnte vor der Propaganda im Internet, und erläuterte die gesamte Palette der manipulativen Techniken, die Propagandanetzwerke nutzen. Diese Attacken kämen vor allem aus Russland.

In der Schlussdiskussion diskutierten Journalisten mit Vertretern von erfolgreichen Internetprojekten wie „Kanál Maryško“ auf Strem.cz oder „Factcheck-Web Demagog.cz“. Als größten Vorteil der neuen Kommunikationstechnologien für die Demokratie sehen sie eindeutig die Aktivierung der Zivilgesellschaft.

Serie

Veranstaltungsberichte

erschienen

Tschechische Republik, 18. Oktober 2016

Jiří Jirsa, Tobias Wangermann, Miroslav Škultéty, Jan Klesla, Alena Macková