Bedeutung der Digitalisierung für kleinere und mittlere Unternehmen

XIX. ŠTIŘÍNER GESPRÄCHE

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Bereits zum 19. Mal in Folge organisierte die Konrad-Adenauer-Stiftung am 25. April 2017, in Zusammenarbeit mit der Deutsch-Tschechischen Industrie- und Handelskammer (DTIHK), das wirtschaftspolitische Gesprächsforum „Štiříner Gespräche“. In diesem Jahr fanden sich zahlreiche Unternehmer, Politiker, Verbandsvertreter, Journalisten und Interessierte in Průhonice bei Prag zusammen, um über die Bedeutung, die Chancen sowie Herausforderungen der Digitalisierung für kleine und mittlere Unternehmen zu sprechen. Ein wirtschafts- und auch gesellschaftspolitisches Thema von großer Aktualität.

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Von links K. Havlíček, M.Barner u. P. Šimůnek (Moderation)

Von links K. Havlíček, M.Barner u. P. Šimůnek (Moderation)

Die Referenten des Tages, Vertreter aus Deutschland und der Tschechischen Republik, ermöglichten Einblicke in ihre persönlichen Erfahrungen und beschäftigten sich mit den Hauptfaktoren für die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit von Betrieben im Zusammenhang mit der Digitalisierung. Prof. Dr. Wolfgang Dorner, Institutsleiter der Technologie Campus Freyung der Technischen Hochschule Deggendorf, betonte in seinem Einführungsvortrag, dass die aktuelle Phase der Digitalisierung eine neue Dimension angenommen habe und nicht mit dem, was wir beispielsweise als industrielle Revolution aus dem 18. Jahrhundert kennen, zu vergleichen sei. Der momentane Trend gehe weit über das hinaus, was wir bisher im Bereich technischen Fortschritts kannten. Im Fokus stehe hauptsächlich die Transaktionsreduzierung auf allen Seiten. Für Betriebe ebenso wie für Verbraucher sollen Abläufe schnell, effizient und transparent sein. Zahlreiche neue Ideen, Methoden und Entwicklungen sollen diese Abläufe vereinfachen und beschleunigen.

Viele Innovationen haben die Chance, den Markt zu revolutionieren jedoch bestehe, unter anderem durch die heutige Schnelllebigkeit und die zumeist große Anzahl an Mitbewerbern, ein großes Potenzial zur Disruption. Für viele Betriebe ist und wird es immer schwieriger ihre Produkte erfolgreich auf dem Markt zu positionieren. Zudem mangelt es, nach Meinung von Prof. Dr. Dorner, an gut ausgebildetem Personal, insbesondere Informatikern und Ingenieuren. Daraus resultiert, dass es Nachholbedarf auf der Bildungsebene gibt und zusätzliche Anreize für potenzielle Arbeitnehmer gesetzt werden sollten um die entstandenen Fachkräftelücken zu schließen. Die aktuelle Industrierevolution, vermehrt auch als Industrie 4.0 bezeichnet, betrifft nunmehr alle Generationen. Während die junge Generation bereits mit den neusten Technologien aufwächst, erscheinen die Neuerungen für die ältere Generation zumeist als eine große Herausforderung, der viele auch skeptisch gegenüberstehen. Besonders am Arbeitsplatz besteht deshalb die Gefahr der Separation. Es ist daher wichtig, die Angestellten dementsprechend zu schulen und für neue Techniken zugänglich zu machen, damit sich beispielsweise die älteren Mitarbeiter nicht in eine Abseitsposition gedrängt fühlen.

Dr. Karel Havlíček, Vorstandsvorsitzender der Assoziation kleiner und mittlerer Betriebe und Gewerbe in der Tschechischen Republik sowie Generaldirektor der SINDAT GROUP, betonte in seiner Rede, dass diese Herausforderungen als Chance betrachtet werden sollten. Eine neue Orientierung und Modernisierung könnte beispielsweise veralteten Berufszweigen neue Attraktivität verleihen, wie zum Beispiel Schornsteinfeger, die mit Drohnen arbeiten. Was für einige noch Zukunft ist, ist für andere bereits Gegenwart. In vielen Bereichen unseres Lebens ist die neue Technologie, wie E-Banking oder der Onlinehandel, bereits nicht mehr wegzudenken. Trotzdem gibt es viele Kritiker der elektronischen Datenerfassung, so sind beispielsweise die elektronischen Reisepässe oder die Ertragserfassung immer wieder in der Kritik. Bei engagierten Diskussionen auf dem anschließenden Panel wurden unter anderem weitere Themen wie Datenmissbrauch und die Reduzierung von Arbeitsplätzen angesprochen. Dr. Karel Havlíček verwies darauf, dass es ähnliche Ängste bereits während der ersten Wellen der Industrialisierung gab, sich jedoch zumeist nicht bewahrheiteten. Zudem besteht im Zeitalter der Globalisierung eine Notwendigkeit, auf das starke Bevölkerungswachstum und das daraus resultierende Verbraucherwachstum zu reagieren. Es existiert eine große Nachfrage, ein steigender Bedarf an Ressourcen und Dienstleistungen, der abgedeckt werden muss. Weiterhin betonte Dr. Karel Havlíček die Vorzüge der Digitalisierung, angefangen bei der Zeitersparnis, Verbesserung der Kommunikation und Zusammenarbeit weit über Grenzen hinaus und der Verminderung der bürokratischen Last auf allen Seiten. Definitiv gibt es auch Probleme (u.a. Cybersicherheit, niedriger Lebenszyklus von Produkten), jedoch liegt es an uns die Spielregeln der Digitalisierung zu definieren und so auf Gefahren einzugehen und den Druck beispielsweise auf die kleinen und mittleren Unternehmen zu vermindern. Viele sogenannte „Smart-Industry-Staaten“ wie beispielsweise Estland und Deutschland zeigen wie Industrie 4.0 funktionieren kann und sollten, nach Meinung von Dr. Havlíček, als Vorbilder dienen.

Im weiteren Verlauf der Gespräche wurden Informations- und Kommunikationstechnologien im Dienst der öffentlichen Verwaltung und des Privatsektors thematisiert sowie der aktuelle Stand und die Zukunft der digitalen Wirtschaft und des E-Goverments in Tschechien. Allgemein betrachtet soll E-Goverment Interaktion vereinfachen und beschleunigen und die öffentliche Verwaltung entlasten. Die Zusammenarbeit der Behörden untereinander könnte beispielsweise effektiver sein wenn sie mit gemeinsamen Informationssystemen arbeiten würden. Ziel ist es neue Projekte und Konzepte Schritt für Schritt zu etablieren. Nach Meinung von Ing. Pavel Hrabě, Berater im Innenministerium der Tschechischen Republik, leben wir bereits in einer technischen und digitalen Umgebung und müssen uns in allen Bereichen darauf einstellen, auch auf staatlicher Ebene. Ing. Jiří Holoubek, Vorstandsmitglied im Verband für Industrie und Transport der Tschechischen Republik, verweist auf die Allianz Gesellschaft 4.0 und die Digitalisierung der Industrieproduktion zur Erhöhung der Konkurrenzfähigkeit. Dem Staat drohen durch die Digitalisierung zwar zunächst unvorhersehbare Kosten, jedoch kann die administrative Last gesenkt werden was auf lange Sicht Kosten einspart und Raum für neue Geschäftsmodelle entstehen lässt. Die Qualität der privaten und öffentlichen Datennetzwerke ist jedoch von höchster Bedeutung ebenso wie klare Richtlinien und Transparenz, sonst neigt E-Goverment zur Implosion. Obwohl sich die Tschechische Republik nach Meinung der Referenten auf einem guten Weg befindet, gibt es in einigen Bereich weiterhin Nachholbedarf. Aktuelle Statistiken der UN und der Europäischen Kommission bestätigen diesen Eindruck. Der Vorsitzende der Fachkommission für Informations- und Kommunikationstechnologie der politischen Partei TOP 09, Mgr. Jaroslav Poláček und Ing. Zdeněk Pilz, stellvertretender Vorstandsvorsitzender im Verband für Informations- und Kommunikationstechnologie, sind sich jedoch einig, dass die Tschechische Republik große Erfolge erzielen kann solange Entschlossenheit auf allen Seiten herrscht. Die Verantwortung liegt beim Staat ein Konzept zu entwickeln, das Lösungsansätze biete für Probleme im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie (z.B. Datenschutz, Qualität, Struktur, Freiheit) und die Kommunikation mit den kleinen und mittleren Unternehmen verbessert. Bisher verstehen viele Betriebe die Digitalisierung lediglich als „Mammutaufgabe“ der sie sich, vor allem in finanzieller und in personeller Hinsicht, nicht gewachsen fühlen.

Auf dem zweiten Panel, einer Gesprächsrunde zum Thema „Praktische Erfahrungen kleiner und mittlerer Betriebe in Bezug auf die Digitalisierung“, gaben uns Karel Kubr (Direktor der LINTECH GmbH, Hersteller von Lasertechnologie), Ing. Tomáš Jirouš (Geschäftsführer CiS Systems GmbH, Produktion von Kabelsträngen) und Jaroslav Řasa (Vorstandsvorsitzender ABRA Software GmbH, Softwareentwickler für Unternehmen) Einblicke in die Arbeit ihrer Unternehmen mit neueren Technologien, ihren Vorzügen und Nachteilen. Trotz unterschiedlicher Rahmenbedingungen, kamen sie alle zu demselben Schluss: Digitalisierung ist sowohl Herausforderung als auch Chance. Heutzutage müssen Firmen produktiv und innovativ sein um auf dem Markt bestehen zu können. Ihr Ziel ist es die Bereiche ihrer Betriebe, von der Produktion über Dienstleistung und Kundenbetreuung bis hin zur Auslieferung, zu verbinden und zu optimieren. Jedoch betonen alle drei Gesprächsteilnehmer, dass dabei die Qualität der Daten höchste Priorität hat um reibungslose Abläufe zu garantieren. Bei der Digitalisierung handelt es sich um ein komplexes Thema ohne klare Rahmenbedingungen, und deshalb haben viele Unternehmen Angst dem Qualitätsanspruch nicht gerecht zu werden. Sie sehen zudem die zunächst steigenden Kosten durch die Anschaffungen. Es gibt jedoch zahlreiche Vorteile so werden Marketing und administrative Aufgaben beispielsweise vereinfacht, Kommunikation ist schnell und unkompliziert was die Kundenzufriedenheit steigert und durch Datenverarbeitung können Lagerbestände besser geplant werden was auf lange Sicht immense Geldeinsparungen bedeutet. Ihr Tipp an andere Unternehmer: betriebsintern die Ziele rechtzeitig zu definieren und Schritt für Schritt neue Technologien beispielsweise in Teilprojekten und Kooperationen zu testen um mögliche Fehlinvestitionen zu umgehen.

Nach zahlreichen angeregten Debatten und neuen Erkenntnissen zum Thema Digitalisierung in kleinen und mittleren Unternehmen richtete zum Abschluss des Gesprächsforums nochmals Jiří Holoubek das Wort an die Zuhörer. Er betonte abschließend die Wichtigkeit dieser Thematik für unser aller Zukunft. Aus seiner Sicht hat die Tschechische Republik die besten Voraussetzungen, insbesondere durch die gute Lage und intensive Beziehung zu Ländern wie Deutschland, viel in dieser Hinsicht zu bewegen solange die Rahmenbedingungen stimmen. Es geht nicht darum irgendwelche Zeitpläne einzuhalten sondern offen für Neues zu sein. Viele moderne Trends und besonders die Triebkraft junger Menschen sind ansteckend und mit dem richtigen Optimismus wartet eine große, positive Veränderung auf uns.

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erschienen

Tschechische Republik, 28. April 2017