BILDUNG, UNTERNEHMENSGRÜNDUNG UND BESCHÄFTIGUNG IN UGANDA

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In Folge der Veröffentlichung der neunten Ausgabe des „Reality Check Reports“, der sich thematisch mit den Themen Beschäftigung, Unternehmertum und Bildung in Uganda auseinandersetzt, fand eine dreitägige, analytisch geprägte Konferenz statt. Im Fokus dieser Zusammenkunft stand die Diskussion über Jungendarbeitslosigkeit.

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Yusuf Kiranda, CDA

Der Grundlagenreport stellte zunächst klar, dass die aktuellen vorhandenen und verwendeten Arbeitslosenzahlen in Uganda nicht korrekt seien. So weist ACODE eine 64%ige Arbeitslosenquote aus, die Afrikanische Entwicklungsbank gar eine Quote von 83%. Dem stehen national erhobene Daten von 9,4% gegenüber. Unterbeschäftigung, also das Fehlen von potenziellen Arbeitsmöglichkeiten, sei das prägende Kriterium von Arbeitslosigkeit in Uganda. Der Bericht argumentiert, dass die aktuelle Arbeitslosigkeit und die hohe Quote der Unterbeschäftigung eher an der geringen Nachfrage nach Arbeitskräften, als an sogenannten Missmatch-Arbeitslosigkeit liegt. Hierbei findet ein potenzieller Arbeitnehmer keine Verwendung, da er zwar Qualifikationen und eine Ausbildung vorweisen kann, diese jedoch nicht nachgefragt werden.

Lange Zeit hielt sich in der ugandischen Debatte über Jugendarbeitslosigkeit die Narrative, dass eine fehlende Jungunternehmerschaft und unpassende Ausbildungen der Jugend die folgenreichsten Einschränkungen einer Integration jungen Menschen in den Arbeitsmarkt seien. Um dies zu ändern, wurde der Fokus auf eine Anpassung der Ausbildung gelegt, um verstärkt praktische Fähigkeiten zu fördern. Diese Schwerpunktänderung führte tatsächlich dazu, dass mehr Auszubildenden ihre technischen Fähigkeiten ausbauen konnten. Diesem Konzept unterliegt jedoch die Annahme, dass es ausreichende Beschäftigungsmöglichkeiten gebe, es den jungen Arbeitslosen aber an den notwendigen Fähigkeiten fehle.

Die größte Herausforderung für Beschäftigung in Uganda, so der Report und die darauf basierende Diskussion der Konferenz, seien in erster Linie nichtpartizipierende Arbeitskräfte, die Arbeitslosigkeit und die Unterbeschäftigung, bedingt durch fehlende Ausbildung, schlechte Löhne und temporäre Faktoren. Selbst in Zeiten starken wirtschaftlichen Wachstums in Uganda, blieb die Nachfrage nach Arbeitskräften gering. Der Report argumentiert, dass die Nachfrage nach Arbeitskräften hauptsächlich durch moderate Löhne in kleineren und mittleren Unternehmen beeinflusst wird und unordentliche Arbeit ersetzten kann. Gleichzeitig werden haushaltsbasierte Kleinstunternehmen immer zeitaufwendiger, bedürfen mehr Fähigkeiten und erfordern eine bessere Bezahlung. Zusammengefasst bedeutet dies, es bedarf der Schaffung ordentlicher Arbeit, welche fair bezahlt, sicher und würdige ist.

Ähnlich argumentieren auch die grundlegenden Regierungsstrategien, welche in Form der Strategiepapiere: National Development Plan II und Vision 2040 niedergeschrieben sind. In diesen, von Dr. Muvawala, Vertreter der National Planning Authority, vorgestellten Berichteten liegt das Hauptaugenmerk auf der Schaffung ordentlicher Arbeit, besonders für die junge Bevölkerung in Zeiten massiven Bevölkerungswachstums. Die Strategien konkludieren, dass die Erreichung dieses Ziels unabdingbar für Uganda ist, um ein middle-income-Status zu erreichen. Die Regierung bemüht sich darum, wie in den priorisierten Arbeitsfeldern Jobs geschaffen werden können. Die Berichte sagen jedoch auch, dass Investitionen gegenwärtig zu wenig im Bereich des Ausbaus von Unternehmen getätigt werden. Darüber hinaus seien lokale Unternehmen auf dem internationalen Markt nicht wettbewerbsfähig genug. Weitere Herausforderungen für eine steigende Nachfrage nach Arbeitskräften, so die Regierungsdokumente, sind die generellen Schwächen im Wertesystem vieler Arbeiter, wie Ehrlichkeit und Professionalität, was Arbeitgeber fortwährend beklagen. Die geringe Industrialisierung gepaart mit den Problemen des Wertesystems führte zum Verlust vieler Arbeitsplätze, da dies zu einer Auslagerung der Wertschöpfungsketten geführte hat. Und ebenso die gering ausgebaute Servicegesellschaft, woraus sich Grenzen für kreditbasierte Finanzierung ergeben.

Ein kritischer Blick auf vielversprechende Sektoren

In vielen Diskussionen und Wirtschaftstheorien wird der Agrarsektor als wichtigster Arbeitsgeber in aufstrebenden Volkswirtschaften beschrieben. Die ugandische Regierung förderte daher nachdrücklich diesen Sektor, in dem mehr als sechs Millionen Ugander beschäftigt sind. Jedoch bleib der Ruf nach mehr Förderung nicht nur auf diesen spezifischen Bereich beschränkt, gerade auch durch Fehlallokationen, welche im Prozess auftreten. Die Diskussionen hierrüber lotetet theoretisch aus, welche Kriterien dem Wachstum am stärksten entgegenstehen und zuerst angegangen werden müssten. Diese Gründe, so die Meinung der Teilnehmer, seien besonders die unsichere Besitzsituation der Agrarflächen, was wiederrum Investitionen verhindern. Ein weiterer Punkt sei der Klimawandel, welcher besonders kleine Farmer erheblich schaden kann. Dazu kommen Informationslücken und die relativ schwache Marktsituation. Diese schwache Marktsituation zeichnet sich auch verantwortlich dafür, dass Investitionen in den Agrarsektor nur wenig Wirkung zeigen.

Hierfür sollte besonderes Augenmerk auf den Ausbau von Bewässerungssystemen gelegt werden, welche Landwirtschaft, gerade für Kleinbauern, überhaupt möglich und erschwinglicher macht. Hierdurch könnte das Überleben von Bauern auf dem Markt langfristig gesichert werden, wodurch auch die Nachfrage nach Arbeitskräften steigen würde. Auch wurde festgehalten, dass Uganda, im Vergleich zu seinen Nachbarstaaten, Vorteile in der Landwirtschaft vorweisen kann. Die fruchtbaren ugandischen Böden fördern das Wachstum der Ernte, ohne auf Düngemittel zurückgreifen zu müssen, im Zusammenspiel mit dem relativ stabilen und guten Wetter. Ein anderer angesprochener Bereich war die Erschaffung von Kooperativen, in denen Landwirte gemeinschaftliche ihre Produkte verkaufen können. Hierdurch ließe sich die Ebene der Zwischenhändler vermeiden, welche die Einnahmen der Bauern weiter reduzieren.

Eine ähnliche Analyse wurde auch für den servicebasierten Wirtschaftsbereich erstellt, welche die Herausforderungen der Nachfrage nach Arbeitskräften in diesem Bereich herausarbeitete. Das Wachstum des Servicesektors lässt sich in Uganda gegenwärtig als bedingt rasant beschreiben. Als Wachstumshindernisse wurden besonders fehlenden Informationen, unzureichende praxisnahe Ausbildungen und ein Mangel an Nachfrage nach spezialisiertem Service herausgearbeitet. Es bedarf jedoch einer tiefergehenden Analyse, um manifestierende Aussagen über Wachstumshindernisse in diesem Bereich anstellen zu können.

Während die wirtschaftlichen Erklärungen zur Nachfragesteigerung im Bereich der Beschäftigung zu überzeugen wissen, bedarf es einer weitergehenden Untersuchung des Verhältnisses zwischen exekutivem Verhalten und Beschäftigung. Folglich dieser Argumentation, werden Unternehmerschaft und Investitionen in entsprechende Bereiche durch die Politik beeinflusst. Acemoglu et al. (2012) beschreibt dies damit, dass politische Intuitionen die Verteilung von Macht in der Gesellschaft beeinflussen und die Art und Weise dieser Verteilung ist wiederrum verantwortlich dafür, ob diese allgemeinwohlfördernd oder eigeninteressen-basiert ist. Eigeninteressenbasierte Institutionen fördern eigeninteressenbasierte Wirtschaftsinstitutionen, durch welche die Regeln so geschrieben werden, dass Einkommen und Wohlstand von einem großen Teil der Gesellschaft hin zu einem exklusiven Teil der Gesellschaft transferiert werden kann. Allgemeinwohlfördernde Institutionen hingegen sorgen für die der Allgemeinheit dienenden Wirtschaftsinstitutionen, welche freie wirtschaftliche Aktivitäten und Wachstum fördern. Einmal etabliert bleiben diese Institutionen bestehen und schützten sich solange gegenseitig, bis ein fundamentaler gesellschaftlicher Umschwung das soziale geltende Gleichgewicht verändert.

Die Regierung, durch die Ausführungen von Dr. Muhumuza, hat die Wirtschaft in drei Punkten maßgeblich beeinflusst: Durch die Formulierungen von Politiken, die Implementierung von Gesetzen und die Prozesse die diesen nachfolgen. Die vorgegebenen Politiken und die erlassenen Gesetze entsprechend fördern oder verhindern Unternehmensgründungen. Die Prozesse wiederrum können Start-ups erleichtern oder verkomplizieren. Ein Beispiel hierfür ist der Versicherungsschutz. Arbeitnehmer werden für Arbeitgeber dann (zu) teuer, wenn diese, aufgrund des unterbezahlten Gesundheitssystems, für die Krankenversicherung ihrer Angestellten aufkommen müssen. Regierungsentscheidungen und Programme, so die Argumentation, werden durch die Regierungsagenda wesentlich beeinflusst. Unglücklicherweise befasst sich die gegenwärtige ugandische Regierungsagenda nur sehr wenig damit, die Wirtschaft zu stabilisieren. Nichts desto trotz beeinflusst das politische Regime massiv den Bereich der Investitionen im Land und hierdurch auch die Nachfrage nach Arbeitskräften. Auf der anderen Seite wurde die Beziehung zwischen Bildung, Unternehmensgründung und Beschäftigung ergründet und von Mythen befreit, welche seit Jahren hierrüber vorherrschen. Der hartnäckigste Mythos in den vergangen Jahren war, dass Ugander nicht über den notwendigen Unternehmergeist verfügen und das Bildungssystem die zukünftigen Arbeitskräfte nicht mit den benötigten Fähigkeiten ausstattet. Nichtsdestotrotz war Uganda 2014 das Land auf der Erde, welches die zweithöchste Rate an Unternehmern aufweisen konnte (nach GEM 2014). Es muss jedoch hinzugefügt werden, dass dies weniger mit dem Willen zur Unternehmensgründung zusammenhängt, als mit dem Fakt, dass schlicht keine Arbeitsplätze, welche das Überleben sichern würden, vorhanden sind. Dies konterkariert die eigentliche Intension einer Unternehmensgründung, wie das Vorhandensein einer Möglichkeit, die Lösung eines Problems oder das Füllen einer Lücke. Das Verhältnis zwischen Bildung, Unternehmensgründung und Beschäftigung ist nur maßgeblich, solange Unternehmensgründungen Möglichkeiten basiert sind und Bildung die Nachfrage nach Arbeitskräften beeinflusst. Dies bedeutet auch, dass Verbesserungen des Bildungssystems Hand in Hand mit Veränderungen des wirtschaftlichen Umfelds einhergehen sollten. Ein anderer zu beobachteter Trend in der Nachfrage nach Arbeitskräften ist die Wandlung von einer landwirtschaftlich basierten Volkswirtschaft hin zu einer servicebasierten. Ältere Wirtschaftstheorien (vgl. Lewis 1954) führen aus, dass die Entwicklungsstufen einer Volkswirtschaft mit der Agrarwirtschaft beginnen und sich dann über die Industrialisierung hin zu einer Servicegesellschaft entwickeln. Im Fall Ugandas scheint dies jedoch nicht zuzutreffen, da der Servicesektor schon jetzt schneller wächst als der Industriesektor. Diskussionen mit Unternehmer im Servicebereich legten offen, dass die hohen Kosten im Industriebereich die entscheidende Hürde für das dortige Wachstum sei. Die Konferenz arbeitete besonders die hohen Abgaben für Energie, Wasser und Mieten heraus, die einem Wachstum des Industriesektors entgegenstehen. Darüber hinaus bedarf es einer hohen Manpower. Der Servicesektor hingegen erfordert deutlich geringere finanzielle Aufwendungen für Unternehmensgründungen. Die letzte Umfrage unter Arbeitskräften in Uganda fand 1989 statt. Seitdem wird nur noch auf Grundlage von Schätzungen gearbeitet. Es gibt somit eine massive Informationslücke im Bereich des Wachstums für die Nachfrage nach Arbeitskräften in Uganda, da es einzig noch eine nennenswerte Umfrage in der Ölindustrie gab.

Der Report und die darauf aufbauende Konferenz eröffneten einen neuen Blick auf die Herausforderungen der Beschäftigung in aufstrebende Volkswirtschaften. Festzuhalten bleibt, dass es besonders einer deutlich intensiveren Forschung bezüglich der Hemmnisse eines weiterreichenden Wirtschaftswachstums in den potenzialversprechenden Sektoren bedarf.

Serie

Veranstaltungsberichte

erschienen

Uganda, 22. Mai 2017