70 Jahre Vertreibung der Ungarndeutschen

Symposium mit 170 Teilnehmern

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Am 19. Januar 1946 mussten in Budaörs, in der Nähe von Budapest, die ersten Ungarndeutschen in Viehwaggons ihre ungarische Heimat Richtung Deutschland verlassen. Damit begann die Vertreibung von über 200.000 Ungarndeutschen. Bereits ab Dezember 1944 wurden Ungarndeutsche in die Sowjetunion zur Zwangsarbeit verschleppt. Die Einführung eines offiziellen Gedenktages in Ungarn jeweils am 19. Januar für die vertriebenen und verschleppten Ungarndeutschen ist eine einzigartige Geste der Versöhnung in Europa.

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Frank Spegler

In Zusammenarbeit mit der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen, dem Jakob Bleyer Heimatmuseum und dem Stiftungslehrstuhl für Deutsche Geschichte und Kultur im südöstlichen Mitteleuropa der Universität Pécs/Fünfkirchen veranstaltete die Konrad-Adenauer-Stiftung ein Gedenksymposium am 70. Jahrestages der Vertreibung der Ungarndeutschen mit über 170 Teilnehmern. Im Fokus der Veranstaltung standen die Integration der Vertriebenen, der Umgang der ungarischen Regierung mit den unterschiedlichen Nationalitäten und die Lage der Deutschen in den einzelnen Regionen.

In seiner Eröffnungsrede lobte Otto Heinek, Vorsitzender der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen, die Kooperation mit den Partnerorganisationen und hob die besondere Bedeutung der Veranstaltung und des offiziellen Gedenktages hervor.

Frank Spengler, Leiter des Auslandsbüros Ungarn der Konrad-Adenauer-Stiftung, betonte in seiner Eröffnungsrede, „dass die Anerkennung von Minderheitenrechten heute ein wichtiger Grundstein in jeder Gesellschaft für das friedliche Zusammenleben in ethnischer und kultureller Vielfalt ist“. Ferner erklärte er, dass „die Aufarbeitung der Geschichte ein wichtiger Faktor ist, um aus der Katastrophen der Vergangenheit die richtigen Schlüsse ziehen zu können und dass solche tragische Entwicklung sich nie mehr wiederholen.“

Anschließend richtete der Bürgermeister, Tamás Wittinghoff, ein Grußwort an die geladenen Gäste und ging dabei auf die Entwicklungen während der Vertreibung in Budaörs ein. Die Gemeinde war danach wie ausgestorben, da lediglich 800 Leute in ihrer Heimat blieben. Der Bürgermeister stellte klar, dass sich nicht nur das Leben der Vertriebenen schwierig gestaltete, sondern auch die Verbliebenen schwere Zeiten durchlebten. So mussten sie ihre Herkunft verheimlichen und ihren Nachnamen ändern.

Prof. Dr. Prosser-Schell vom Institut für Volkskunde der Deutschen des östlichen Europa, ging im ersten wissenschaftlichen Beitrag auf die Umstände der Ankunft der ungarndeutschen Vertriebenen in Südwestdeutschland und deren Integration in den Jahren 1946–1960 ein. So sollten die Vertriebenen nur kurz in Auffanglagern verbleiben und auf verschiedene Gemeinden aufgeteilt werden. Zu dieser Zeit bestand, so der Professor, Versammlungs- und Demonstrationsverbot für die Volksgruppe. Dies zielte letztendlich auf eine Zwangsassimilation ab. Zudem kannten viele Einheimische die Vertriebenen nicht als deutsche Bürger an, nur 19 % dachten, dass diese dauerhaft in Deutschland sesshaft würden. Jedoch wurden zur selben Zeit Organisationen gegründet, um den Wohnungsbau der Vertriebenen zu unterstützen und Wallfahrten zu organisieren, in welchen die Ungarndeutschen ihre Traditionen und Herkunft pflegen konnten.

Die rechtliche Situation der in Ungarn verbliebenen Deutschen in den Jahren 1948–1956 stand im Mittelpunkt des Vortrages von Ágnes Tóth, die am Stiftungslehrstuhl für Deutsche Geschichte und Kultur im südöstlichen Mitteleuropa der Universität Pécs forscht. Darin betonte sie, dass die Ungarndeutschen zuerst als Minderheit nicht anerkannt, ihrem Vermögen beraubt und ihren politischen Rechten entzogen wurden. Mit der Zeit besserte sich die Stellung der Ungarndeutschen in der Gesellschaft, unterstützt wurde die Rückkehr in ihre Heimat durch die Regierung aber nicht.

Hannelore Baier, rumäniendeutsche Journalistin, Historikerin und „lange Weggefährtin der KAS“, beschäftigte sich in ihrem Beitrag mit der Situation der Deutschen in Rumänien zwischen 1944 und 1956. Die Volksgruppe war in der Anfangszeit der Volksrepublik Rumänien als solche nicht anerkannt und von Enteignung und Verstaatlichung im Rahmen einer kollektiven Bestrafung durch sog. antifaschistische Gegenmaßnahmen betroffen. Die politisch Verantwortlichen erkannten früh den „fortgeschrittenen Zivilisierungsgrad“ der Regionen Banat und Siebenbürgen, in welchen die Deutschen vor allem ansässig waren. Die Tatsache, dass die Rumäniendeutschen nicht ausgewiesen wurden, führt Baier auf die Unentschlossenheit der rumänischen Regierung zurück.

„Noch bis in die 1990er Jahre hinein, war es nicht populär, ein Deutscher zu sein. Man kann nicht von einer staatlichen Diskriminierung sprechen, praktisch fand diese jedoch statt“, so Dr. Zoran Janjetovic, leitender Wissenschaftler der geschichtlichen Forschung am deutschen Institut für Neuere Geschichte Serbiens. Im Rahmen seines Beitrages berichtete er von den Deutschen in Jugoslawien zwischen 1948 und 1960. Auch wenn große Teile der Volksgruppe nach dem Krieg Zwangsarbeit verrichten mussten, gab es schon 1949 erste deutsche Schulen und „Integrationsversuche“ durch die sozialistische Regierung.

Die beiden Abschlussreden wurde von Zoltán Balog, Minister für Humanressourcen, und Hartmut Koschyk MdB, dem Beauftragten der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, gehalten. Balog lobte die „lebendige Erinnerungsgemeinschaft, die der Toten gedenkt“ und betonte: „Jeder sollte seine eigene Identität als Quelle seines Stolzes und Bewusstseins pflegen.“

Hartmut Koschyk erwähnte abschließend die Wichtigkeit, gemeinsam aus geschichtlichen Erinnerungen zu lernen, um auch mit gegenwärtigen Situationen umgehen zu können. Er sprach anerkennend über die Einführung des offiziellen Gedenktages und die Erinnerungskultur, die im Lande betrieben werde. Dabei sprach er auch den Dank Deutschlands für die Begehung des 70. Jahrestages aus. Er hob zudem die steigende Zahl von Ungarndeutschen hervor, die sich zu ihrem Deutschtum bekennen. Dies sei der „beste Erfolg der Minderheitenpolitik“. Abschließend erklärte er in Zusammenhang mit der doppelten Identität, dass es eine gute Sache sei, „ungarischer Staatsbürger sein zu können, ohne seine Identität leugnen zu müssen“.

Am Nachmittag fand die offizielle Gedenkveranstaltung statt. Es wurden Kränze an der Gedenkstätte in Budaörs abgelegt. Im Anschluss an eine Messe in der Kirche hielten der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán und der Beauftragte der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten Hartmut Koschyk sowie Otto Heinek in Vertretung der Ungarndeutschen die Gedenkreden.

Serie

Veranstaltungsberichte

erschienen

Ungarn, 20. Januar 2016