Uruguays Produktivität: Anstrengungen am Beginn des 21. Jahrhunderts

Forum diskutiert Stand der Rahmenbedindungen und Herausforderungen

Auch verfügbar in Español

„Wettbewerbsfähigkeit bedeutet, das Beste in Menschen und Unternehmen hervorzubringen, um eine Gesellschaft mit Wohlstand und Gerechtigkeit gestalten.“ Mit diesem Appell des Präsidenten des uruguayischen christlichen Unternehmerverbands Acde Fernando Racchetti begann, unter Kooperation der Konrad-Adenauer-Stiftung e.V., ein kontroverses Forum zu Uruguays Anstrengungen, um auf dem Weltmarkt bestehen zu können.

Bild 1 von 8
Foro de la Producción ACDE

Gúzman Barreiro, Dr. Antonio Carambula, Dr. Roberto Horta und Milton Castellanos mit David Brähler der Konrad-Adenauer-Stiftung e.V. und Fernando Racchetti, Präsident von ACDE.

„Leider bleiben aktuell tausende Jugendliche im Bildungssystem außen vor; Gewerkschaften und der überbordende Staatsapparat tun nichts für die Bildung“, legte Racchetti den Finger gleich zu Beginn in eine große Wunde des kleinen Landes. Der Staat und insbesondere die Staatsunternehmen müssten transparenter, wettbewerbsfähiger und effizienter sein und nicht das Staatsdefizit erhöhen, wie es leider seit Jahren geschehe, so der Präsident von Acde. „Wettbewerbsfähigkeit bedeutet im unternehmerischen Bereich, auf Grundlage eines effizient und qualitativen Produktionsprozesses langfristig rentabel zu arbeiten“, erklärte in moderaterem Ton Roberto Horta, Leiter der Wettbewerbsabteilung der Katholischen Universität Uruguays zu Beginn seines Statements. Doch die Rahmenbedingungen für Unternehmen seien weltweit sehr unterschiedlich. „Wirtschaftliches Wachstum und soziale Entwicklung hängen untrennbar zusammen. Nur wenn sich eine Gesellschaft entwickelt, kann sich auch die Wirtschaft entwickeln“, ergänzte der Professor. Zentral seien deshalb sowohl die Verbesserung der Mikroökonomie, als auch die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen auf makrokönomischer Ebene. „Fundamental dafür sind in Uruguay robuste und effiziente staatliche Einrichtungen, Kongruenz zwischen Steuer- und Wechselkursmaßnahmen, eine niedrige und stabile Inflation und transparente Steuerregeln“, führte Horta aus. Dieser Nährboden sei unerlässlich, damit sich Unternehmen entwickeln könnten. „Dafür brauchen Länder strategische Reformen, ohne dass es allgemeingültige Rezepte gäbe“, so Horta. Es brauche eine klare politische Führung, eine Umsetzung von Reformen auf allen Regierungsebenen sowie gute Beziehungen zwischen öffentlichem und privatem Sektor. Antonio Carambula leitet die Investitionsagentur Uruguay XXI., deren Aufgabe es ist, Investoren für Uruguay zu gewinnen, Uruguay als Marke in der Welt zu platzieren und Exporte zu fördern. „Die Bilanz Uruguays ist zunächst sehr positiv, wenn man Indizes zur wirtschaftlichen Freiheit, Stabilität oder Demokratie vergleicht. Da ist Uruguay ein Leader in Lateinamerika“, eröffnete Carambula seinen Vortrag. Unternehmen vertrauten auf die Stabilität Uruguays. „Die Regierung hat in den vergangenen Jahren zudem eine ganze Reihe neuer Institutionen auf den Weg gebracht, die Wettbewerb und Innovation fördern sollen“, so der Direktor. Uruguay XXI. etwa versuche besonders kleine und mittelständische Unternehmen auf die Beine zu helfen. „Von 1000 exportierenden uruguayischen Unternehmen sind 70 Prozent KMU.“ Leider exportierten die meisten in direkte Nachbarländer und hingen damit sehr von Schwankungen in Brasilien und Argentinien ab. Was aber behindert den Export? Einer Umfrage von Uruguay XXI. zufolge stünden an erster Stelle fehlende Informationen über mögliche Partner in anderen Ländern und hohe bürokratische Hürden. „Wir haben deshalb das Projekt Proexport auf den Weg gebracht, um Unternehmen zu beraten und finanziell bei ihrer Internationalisierung zu unterstützen“, unterstrich Carambula und erklärte abschließend die verschiedenen Dimensionen dieses Projekts. „Wenn ich an Wettbewerb denke, dann denke ich zunächst an die Nationalmannschaft und an den Startschuss beim Wettkampfschiwmmen.“ Mit diesen Bildern begann Gúzman Barreiro, Präsident der Wirtschaftskommission der uruguayischen Kammer für Industrie seine Ausführungen. „Bei der Wettbewerbsfähigkeit hängen meiner Erfahrung nach 60 Prozent vom geschickten Unternehmer und seinem Team und 40 Prozent von den Rahmenbedingungen ab“, erklärte Barreiro. Auf Seiten der 40 Prozent zählte Barreiro eine Reihe Faktoren auf.

„Vergleiche zeigen: wer die beste Bildung hat, hat die beste Wettbewerbsfähigkeit“, unterstrich Barreiro und hob auf die Diskussion um das Bildungssystem Uruguays ab. Der schwankende Wechselkurs sei ein zweites Problem. Wie ein Damoklesschwert schwebe es dauerhaft über Uruguays Wirtschaft. Aber auch die internationale Einbindung Uruguays lasse zu wünschen übrig. Nur ein Drittel aller Exporte seien zollfrei. Diese Zweidrittel belasteten die Unternehmen stark. Im Bereich der Arbeitsbeziehungen sei Uruguay außerdem im letzten Ranking von 106 auf 126 gefallen.

Das Weltwirtschaftsforum seinerseits habe Uruguay in den Bereichen Arbeitsmarkt, Marktgröße, Innovation und Professionalisierung klare Hausaufgaben gegeben. „Es ist ratsam von den lateinamerikanischen Aufsteigern dieses Rankings wie etwa Chile, Mexiko, Costa Rica und Peru zu lernen. Etwas werden sie richtig gemacht haben“, kommentierte Barreiro. Ohne Kreativität und Innovation komme Uruguay im 21. Jahrhundert nicht voran.

„Arbeit ist das wichtigste Instrument zur sozialen Inklusion“, erinnerte Milton Castellano als Vertreter der größten Gewerkschaft Uruguays PIT-CNT. Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum um jeden Preis könnten nicht das Ziel sein. „Uns geht es um soziale Verteilung, kompetitive Gehälter und Arbeitsqualität“, bemerkte Castellano. Die Exporte hätten sich seit 100 Jahren kaum verändert. Noch heute seien es dieselben 4 bis 5 Produkte wie Holz, Fleisch oder Soja. „Die Frage lautet also, welche Politik braucht es, um voranzukommen?“, fragte der Gewerkschafter. Es brauche eine Diversifikation der Produktion. „Die Pharma- und Softwareindustrie müssen gestärkt werden, damit sie weiter wachsen“, forderte Castellano. Vor allem die Staatsunternehmen, die einen Großteil der uruguayischen Wirtschaft ausmachten, seien in einer Bringschuld der Innovation. Auch im Bereich der Zugänglichkeit zu Unternehmerdaten habe Uruguay noch einen langen Weg vor sich, bemerkte Castellano zum Abschluss.

Die Teilnehmer berührten eine große Bandbreite von Themen in ihren Fragen und Kommentaren, die zwar die Anstrengungen etwa von Uruguay XXI. würdigten, aber auch Besorgnis über viele wirtschaftliche Aspekte Uruguays ausdrückten.

Autor

David Brähler

Serie

Veranstaltungsberichte

erschienen

Uruguay, 8. September 2017