Halbvolles oder halbleeres Glas?

Deutungen zur Wettbewerbsfähigkeit Uruguays

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Wettbewerbsvor- oder Nachteile sind entscheidend für das Vorankommen eines Landes im internationalen Wettbewerb. Eine hochkarätige Expertenrunde diskutierte auf Einladung des Zentrums für Entwicklungsstudien (Ced) und der Konrad-Adenauer-Stiftung e.V. die Situation Uruguays auf Grundlage des neuesten Berichts des Weltwirtschaftsforums zur Wettbewerbslage.

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Hernán Bonilla, Leiter CED.

„Der Bericht will das Produktions- und Wohlstandsniveau der Nationen und ihr Wachstumspotential auf Grundlage der eigenen Entwicklungsdynamik abbilden“, erklärte der Ökonom Bruno Gili der prestigträchtigen Beratungsfirma Ferrere zu Beginn. Uruguay befinde sich nach einem minimalen Abrutschen um drei Plätze auf Position 76 von 137 Ländern. Etwa 15000 Unternehmen aus 137 Ländern hätten an dieser aktuellen Ausgabe des Berichts teilgenommen und 114 Fragen beantwortet. „Die Bewertung setzt sich aus dynamischen und statischen Elementen zusammen: Institutionen, politische Faktoren und das Marktgeschehen“, so Gili. Im Rückblick auf die Dekaden 1980 bis 2000 stelle der Bericht fest, das mehr als die Hälfte des Wachstums der Länder über die Verbesserung der Produktionsbedingungen geschehen sei. „Im Fall Uruguays haben sich diese Faktoren seit dem Jahr 2000 zwar verbessert, bewirken aber noch nicht wirklich ein Wachstum“, so der Ökonom.

„Uruguay befindet sich laut Ranking in einem Übergangsprozess hin zu einem hoch entwickelten Land, und in Südamerika auf dem vierten Platz hinter Ländern wie Peru oder Chile“, erklärte Gili. Zu den negativ beeinflussenden Faktoren gehörten beispielsweise eine fehlende Eisenbahninfrastruktur, die hohe Inflation oder eine geringe Importrate. Auf der Habenseite stünden niedrige Kosten im Agrarsektor oder stabiles Vertrauen in die Arbeitsqualität. „113 der 137 Länder exportieren jedoch mehr in Bezug auf ihr Bruttoinlandsprodukt als Uruguay. Dies ist ein sehr kritischer Wert“, warnte der Berater von Ferrere. Gleiches gelte für die Innovationsfähigkeit; dem Land fehlten mehr Wissenschaftler und Ingenieure, um seine Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern. „Mehr Private-Öffentliche-Partnerschaften gehört zu den Empfehlungen, die das Weltwirtschaftsforum Ländern wie Uruguay ausspricht“, schloss Gili.

Der Direktor des nationalen Planungsbüros, Álvaro García, relativierte in seinem Kommentar des Rankings dessen Ergebnis und stellte eine Reihe anderer Umfragen neben die Ergebnisse des Berichts des Weltwirtschaftsforums. Uruguay bewege sich seit Jahren stets im Mittelfeld. Mit einigen Worten ging der Ökonom auf im Bericht genannte Schwächen wie den Gesundheitssektor oder die Grundschulerziehung sowie im Finanzsektor oder beim Börsenhandel ein. „Was die Effizienz der uruguayischen Arbeitskräfte betrifft, möchte ich sehr ehrlich sein. Die negative Bewertung des Berichts stammt wohl daher, dass die Umfragen von Unternehmern, also Arbeitsgebern beantwortet wurde“, differenzierte García. Der Direktor des staatlichen Planungsbüros bestätigte die Schwierigkeiten, die Uruguay beim Thema Innovation habe. „In starken Ländern investiert vor allem auch der private Sektor in Entwicklung und Fortschritt“, unterstrich García im Unterschied zu Uruguay. Die Langsamkeit vieler seiner Landsleute in der Vorstellungskraft zukünftiger Entwicklungen, sei an diesem Punkt ein echter Bremsklotz. „Die Regierung und wir als Planungsbüro haben deshalb 77 Projekte in strategischen Bereichen entwickelt, die Innovation in Gang bringen soll“, bemerkte García.

„Die Vorstellung dieser Projekte ist zwar mehr als interessant, aber leider verbringt die Regierung bereits Jahre damit, diese neue Initiative immer wieder umzubenennen und neu zu verkaufen. Was am Ende wirklich zählt, sind konkrete Ergebnisse“, bemerkte zu Beginn ihres Kommentars mit kritischem Ton die Ökonomin Azucena Arbeleche, die der Oppositionspartei Partido Nacional nahesteht. Es gehe in der Volkswirtschaft um nachhaltiges Wachstum, das allen zu Gute komme.

„Alleine 2017 hat Uruguay schon über 6000 Arbeitsplätze verloren – eine Tendenz der Vorjahre -, der Staat auf der anderen Seite hat tausende Menschen neu eingestellt und die Anzahl öffentlicher Angestellter seit ihrer Regierungsübernahme in 2004 drastisch erhöht“, erklärte Arbeleche. Wie an einer Perlenkette zählte die Ökonomin verwundbare Bereiche der uruguayischen Wirtschaft auf, seien es Schwierigkeiten im Agrarsektor, in der Finanzwelt oder im Hinblick auf ausbleibende Investitionen. „Der wichtigste Punkt, den es zu verstehen gilt, ist dass der uruguayische Staat seit Jahren überdimensional viel ausgibt“, so Arbeleche. Die Regierung habe alle Mehreinnahmen der konjunkturell starken Jahre zwischen 2003 und etwa 2011 in Mehrausgaben verprasst. „Anstatt in mehr Effizienz, Einsparungen oder Unternehmertum zu investieren, hat die Regierung seit Jahren den einfacheren Ausweg höherer Steuern gewählt, um Mehrausgaben auf die Bürger abzuwälzen“, resümierte die Ökonomin. Am Beispiel der Benzinpreise, die durch Steuern ihre Kosten exponentiell entwickelt hätten, machte Arbeleche die Effekte dieser Politik deutlich.

„Die Nebenkosten einer schlechten An- und Einbindung in den Welthandel lasten schwer auf den Exporteuren. Alleine für Fleischexporte mussten uruguayische Unternehmer 2016 über 170 Millionen Dollar an Zöllen zahlen“, fuhr die Ökonomin fort. Der nicht wettbewerbsfähige Arbeitsmarkt hänge vor allem auch mit der schlechten Bildung des Landes zusammen.

„Das größte Problem ist die Ineffizienz des Staates. Der Staat will nicht mit dieser Ineffizienz Schluss machen und steckt andere Akteure mit diesem Fieber an. Dafür braucht es eine klare politische Entscheidung, um den Staat effizienter zu machen“, forderte Arbeleche zum Abschluss. In einer abschließenden Diskussionsrunde verteidigten die Diskussionspartner ihre Positionen und gaben nur wenig in ihren unterschiedlichen Sichtweisen zur uruguayischen Wettbewerbsfähigkeit nach.

Autor

David Brähler

Serie

Veranstaltungsberichte

erschienen

Uruguay, 11. Dezember 2017