Wie tickt Trumps Amerika?

Eine Momentaufnahme

Wie kann man die Amerikaner verstehen? Wodurch werden Alltagsleben und Gesellschaft in den Vereinigten Staaten heute geprägt? Was ist den Amerikanern in Gesellschaft, Haus und Familie, Kunst, Kultur, Sport, Kommerz, Gesundheit und Medien wichtig? Die Konrad-Adenauer-Stiftung USA versucht eine Momentaufnahme.

Vermutlich ist in Deutschland noch nie so viel über die Vereinigten Staaten berichtet worden, wie in den vergangenen Monaten. Jeder Tweet und jede Aussage Donald Trumps sorgen für Schlagzeilen, Klickzahlen und Debatten. Oft bleibt die Berichterstattung aber auf Trump beschränkt. Doch wie kann man die Amerikaner verstehen? Wodurch werden Alltagsleben und Gesellschaft in den Vereinigten Staaten heute geprägt? Was ist den Amerikanern in Gesellschaft, Haus und Familie, Kunst, Kultur, Sport, Kommerz, Gesundheit und Medien wichtig? Die Konrad-Adenauer-Stiftung USA versucht eine Momentaufnahme.

Vorbemerkung: Natürlich darf man die Aussagekraft der hier zusammengetragenen Statistiken und Fakten nicht überschätzen. Vor voreiligen Schlüssen und unzulässigen Generalisierungen sollte man sich hüten. Dennoch hilft ein Blick in die Popkultur, Essgewohnheiten und Gesundheitszustand dabei, sich der US-amerikanischen Gesellschaft anzunähern und über das eigene Silo des beruflichen und persönlichen Bekanntenkreises hinaus zu blicken. Eine private Spontanumfrage ergab, dass keiner der dem Autor bekannten Amerikaner eine Handfeuerwaffe besitzt, jemals bei Chick-Fil-A gegessen hat oder auf einem Luke-Bryan-Konzert war. Es scheint ein strukturelles Problem des politischen Washington D.C. zu sein, dass über Statistiken, Umfragen und die Lektüre von „Hillbilly Elegy“ hinaus kaum dialogfähige Zugänge zu diesen Amerikanern bestehen.

Emma Garcia und Noah Gonzalez?

Wer heute in den USA geboren wird, wird wahrscheinlich Emma oder Noah genannt. Auch die weiteren der zehn häufigsten Vornamen für Neugeborene dieser Tage klingen klassisch und amerikanisch: Olivia, Sophia, Mia und Charlotte oder Liam, William, James und Michael. Bei den Nachnamen der Amerikaner ist es dagegen anders. Zwar sind Smith und Johnson natürlich am weitesten verbreitet aber schon an sechster Stelle der häufigsten Nachnamen findet sich Garcia. Auch Rodriguez und Martinez sind in den Top 10.

US-amerikanische Frauen heiraten im Durchschnitt mit 28 Jahren zum ersten Mal. Noch 1960 lag das Heiratsalter junger Frauen bei 20 Jahren.

Religiös mit scharfen Waffen und süßen Hunden

Jeder Dritte US-Amerikaner geht mindestens einmal in der Woche zum Gottesdienst, ein weiteres Drittel zumindest ein bis zweimal im Monat.

Nicht einmal jeder zweite US-Amerikaner besitzt einen Reisepass. Häufigste Reiseziele sind Mexiko und die Karibik. Immerhin mehr als 12 Millionen Amerikaner pro Jahr besuchen Europa.

Etwa 32 Millionen der derzeit 323 Millionen US-Amerikaner können nicht lesen. Von den mehr als 1,5 Millionen Gefängnisinsassen sind 70 Prozent funktionale Analphabeten.

Auf 100 Einwohner kommen in den USA 113 Handfeuerwaffen. Da sehr viele Amerikaner gar keine Waffen besitzen, bedeutet das, dass viele Waffenbesitzer gleich größere Mengen an Waffen horten.

Fast 90 Millionen Hunde leben als extrem beliebte und omnipräsente Haustiere in US-Haushalten. Wer dieser Tage mit Fernsehwerbung etwas verkaufen will, wirbt natürlich mit Hunden.

Im eigenen Haus mit 22 Dollar Gehalt pro Stunde

Fast zwei Drittel der US-Amerikaner leben in Wohneigentum. Allerdings ist nur jedes vierte Haus oder Apartment unbelastet von Schulden und Hypotheken.

Der durchschnittliche Stundenlohn beträgt in den USA derzeit 22 Dollar. Die häufigsten ausgeübten Tätigkeiten sind Verkäufer, Kassierer und Mitarbeiter in der Gastronomie.

Untitled, Hand to God und Guardians of the Galaxy

Der teuerste moderne Künstler der USA ist Jean-Michel Basquiat. Sein Werk „Untitled“ von 1982 erzielte jüngst bei einer Aktion den Preis von 110 Millionen Dollar. Das Bild zeigt einen schwarzen Totenschädel mit wütenden Augen vor einem Graffiti-Hintergrund. Basquiat, der 1988 an einer Heroin-Überdosis starb, wird damit in einer Preisklasse mit Picasso gehandelt.

Im Theater sieht man in den USA derzeit „Hand to God“ von Robert Askins, „Constellations“ von Nick Payne und „Disgraced“ von Ayad Akhtar. „Hand to God“ war ursprünglich eine Off-Broadway Produktion. Die schwarze Komödie um eine Puppenspiel-Probe im Keller einer texanischen Kirche und die Selbstfindung eines Teenagers schaffte es mittlerweile in den Mainstream der Theater des Landes. Am Broadway läuft dagegen bewährtes Programm: „Groundhog Day“, „Wicked“, „War Paint“ und das ewige „Phantom der Oper“.

In den US-Kinos dominieren ganz klar Fantasy und Superhelden. „Die Schöne und das Biest“, „Guardians of the Galaxy 2“ und „Wonder Women“ sind die bisher meistgesehenen Filme in diesem Jahr. Alle Filme der Top 10 der erfolgreichsten Filme im Jahr 2017 sind Fantasy-Filme oder Comic-Verfilmungen.

Astrophysik auf die Schnelle und „Hillbilly Elegy“

Wer Bücher liest, liest in den USA zurzeit wahrscheinlich „Camino Island“ von John Grisham, „Y is for Yesterday“ von Sue Grafton oder „The Glass Castle“ von Jeannette Walls. „Camino Island“ ist ein völlig untypisches Grisham-Buch und dennoch sehr populär. „The Glass Castle“, eine bewegende Autobiografie über eine Kindheit auf der Flucht mit hochbegabten aber schwer gestörten Eltern, ist nach mehr als zehn Jahren wieder in der Bestsellerliste, da im August die Verfilmung in die Kinos kam.

Auch das düstere „On Tyranny“ von Timothy Snyder findet sich auf der Bestsellerliste. In einem sehr dramatischen Tonfall versucht Snyder aus dem Aufstieg der Nazis und den kommunistischen Diktaturen Osteuropas Lehren für die Verteidigung der Demokratie in den USA unter Trump zu ziehen.

Bei den Sachbüchern dominiert „Astrophysics for People in a Hurry“. Das Konzept ist clever: Der Autor Neil de Grasse Tyson erklärt Wissenschaft verständlich und witzig. Er ist auf Twitter sehr präsent. Das Buch selbst ist recht dünn, hat ausschließlich kurze Sätze und erklärt dennoch Naturwissenschaft so, dass sie ins Alltagsleben der Amerikaner passt.

Seit mittlerweile vielen Monaten steht aber auch „Hillbilly Elegy“ von J.D. Vance oben auf den Bestsellerlisten. Die Familiengeschichte mit einem lesenswerten Porträt einer weißen Unterschicht und der Beschreibung eines Werteverfalls bewegt seit der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten viele Amerikaner.

Game of Thrones und Guns’n‘Roses

Im US-Fernsehen, dass sich derzeit rasant vom Kabelfernsehen zum Internet-Streaming-Medium entwickelt, schlägt „Game of Thrones“ mit Abstand alles. Auch hier steht also das Fantasy-Genre an der Spitze.

Fast eineinhalb Millionen Amerikaner besuchten im Jahr 2017 bisher Live-Konzerte von Luke Bryan. Luke Bryan ist ein Country-Sänger, dessen drei letzte Alben jeweils für längere Zeit an der Spitze der US-Charts standen und der vorrangig über die Partys beim „Spring Break“ singt. Vielleicht ist Luke Bryan für Amerika so etwas wie Helene Fischer für Deutschland. Zumindest gibt es textliche Ähnlichkeiten: „Just thinking about our good times together, and how we rocked this town, and I wish it could last forever…” (“Spring Breakdown”).

Fast eineinhalb Millionen Amerikaner besuchten 2017 auch Live-Konzerte von Singer und Songwriter Garth Brooks. Die mittlerweile Alt-Rocker der Guns’n‘Roses füllen die nordamerikanischen Konzertsäle derzeit ebenso wie das Trans-Siberian Orchestra. Letzteres spielt eine eigentümliche bombastische Mischung aus Rock und Klassik mit Broadway-Sängern.

Ge-ubert!

Fast die Hälfte aller Dienstreisen in den USA werden mittlerweile mit den Fahrdiensten Uber oder Lyft absolviert. Die Angestellten dieser Sharing-Economy-Unternehmen verdienen im Schnitt nicht einmal $400 Dollar im Monat. Das ist wohl eher ein Zubrot als ein richtiges Einkommen.

American Football

Wenn Amerikaner selbst Sport machen, spielen sie American Football oder Joggen. Soccer (Fußball) wird aber mittlerweile bereits häufiger gespielt als Baseball oder Tennis.

Auf der Fernsehcouch dominiert der American Football mit großem Abstand das Sportprogramm. Profi-Football und College-Football sorgen für gigantische Einschaltquoten und sind die erfolgreichsten Sendungen im US-TV.

Pizza, Pizza

Das Lieblingsessen der Amerikaner ist Pizza, gefolgt von Schokolade, Eiscreme, Mac and Cheese (Nudeln mit Käse), Chips und Hamburgern. Manche Klischees gibt es offenbar nicht ohne Grund.

Die beliebtesten Fast-Food-Ketten sind Chick-fil-A und Papa John’s, die vor allem nach Hause liefern. Die Gründer beider Ketten sind übrigens umstritten. Chick-fil-A ist von baptistischer Südstaatenkultur geprägt und die Restaurants haben bis heute amerika-untypisch an Sonntagen und christlichen Feiertagen geschlossen. Der Chick-fil-A Gründer galt lange Zeit als erzkonservativ und homophob. Der Papa John’s Gründer ist bekennender Konservativer und offener Unterstützer von Donald Trump. Wer im liberalen Washington D.C. unbedarft Chick-fil-A ins Büro bestellt, muss mit politisch korrekten Ermahnungen durch seine Kollegen rechnen.

37,7 Prozent der US-Amerikaner sind übergewichtig mit einem Body-Mass-Index (BMI) von 30 oder mehr. 7,7 Prozent sind sehr übergewichtig mit einem BMI von 40 und mehr. Als Gründe für die Gewichtsprobleme gelten der übermäßige Konsum von industriell verarbeiteten Nahrungsmitteln, Stress und Bewegungsmangel.

Fast 80 Millionen Amerikaner nehmen Psychopharmaka ein, darunter mehr als eine Millionen Kinder im Alter von 0-5 Jahren.

Fernsehen und Facebook

Amerikaner sehen im Durchschnitt 5:11 Stunden TV am Tag. Afroamerikaner sehen mehr als sieben Stunden fern, weiße Amerikaner fünf Stunden, asiatische Amerikaner nur 3:15 Stunden. Eine Ursache dafür könnte sein, dass Afroamerikaner doppelt so häufig von Arbeitslosigkeit betroffen sind wie weiße Amerikaner.

Zwei Drittel aller US-Amerikaner schauen fern beim Abendessen.

Die Tageszeitung mit der höchsten Auflage ist USA Today mit 2,3 Millionen Exemplaren, gefolgt von der New York Times mit 2,1 Millionen und dem Wall Street Journal mit 1,3 Millionen.

Die meistbenutzen Smartphone-Apps sind Facebook und der Facebook Messenger. Die meisten Facebook Fans hat Action-Schauspieler Vin Diesel mit mehr als 101 Millionen. Sängerin Katy Perry und Jungstar Justin Bieber haben mehr als 100 Millionen Follower auf Twitter, Barack Obama hat immerhin 94,5 Millionen. Nach Einschätzungen von Analytikern hat der Twitter-Account des US-Präsidenten Donald Trump für das Unternehmen Twitter übrigens einen Wert von zwei Milliarden Dollar.

Japanische Autos und Sonnenfinsternis-Brillen

Die meistverkauften Autos in den USA sind im Sommer 2017 Honda Accord, Toyota Corolla und Toyota Camry. Der VW Jetta liegt als bestverkauftes deutsches Auto auf Platz 14. Toyota, Honda, Nissan, Hyundai und Kia dominieren auffällig die Verkäufe.

Die meistverkauften Artikel bei Amazon in diesem Jahr sind bisher Sonnenfinsternis-Beobachtungs-Brillen. Unweigerlich fragt man sich, was nach der Sonnenfinsternis im August mit all diesen Brillen passiert ist. Die Alexa-Sprachsteuerung von Amazon und die Google-„Echodot“-Sprachsteuerung sind derzeit bei den Verkaufszahlen stark im Kommen.

„Cards against Humanity“ ist das bestverkaufte Gesellschaftsspiel der USA. Bei dem „Partyspiel für schlechte Menschen“ kombiniert man Satzteile auf unterschiedlichen Karten zu makabren und häufig vulgären Aussagen.

Kleidungsstücke werden in den USA derzeit am häufigsten bei Nordstrom und Victoria’s Secret gekauft.

Die beliebtesten Computerspiele Splatoon 2 für die neue Konsole Nintendo Switch, Crash Bandicoot und Grand Theft Auto V sind in den USA und Deutschland aktuell identisch. Überhaupt fällt auf, dass bei allen Unterschieden zwischen Deutschland und den USA, die kulturellen Einflüsse aus Amerika im Bereich Film, Fernsehen, Musik, Apps und Technologie offenbar ungebrochen hoch sind. US-Produkte sind populärer als die Beliebtheitswerte für „Amerika“ in den einschlägigen Umfragen.

Alle Statistiken und Quellenangaben finden Sie in der Anlage.

Autor

Nico Lange

Serie

Länderberichte

erschienen

USA, 14. September 2017

USA

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