Staatsbürgerlicher Unterricht an Schulen in der Côte d'Ivoire

Ein Beitrag zu sozialer Kohärenz und nationaler Versöhnung?

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Das Regionalprogramm Politischer Dialog Westafrika (PDWA) lud in Kooperation mit dem Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) in Abidjan zu einem Rundtisch ein, der sich mit dem staatsbürgerlichen Unterricht an ivorischen Schulen und dessen Beitrag zu gesellschaftlicher Kohärenz und nationaler Versöhnung in der Côte d'Ivoire befasste. Eingeladen waren Experten aus dem Bildungsbereich, Universitäten, Schulen und der Zivilgesellschaft.

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Rundtisch Education civique in der Côte d'Ivoire

Die Veranstaltung diente einem Erfahrungsaustausch von unterschiedlichen Akteuren, die auf verschiedene Weise mit der Thematik befasst sind. Vertreter des Bildungsministeriums berichteten über die Hintergründe der Entstehung des Unterrichtsfachs "Education aux droits de l'homme et à la citoyenneté" (EDHC), das 2012 in der Côte d'Ivoire eingeführt wurde und das damalige Fach "Education civique et morale" (ECM) ersetzte. Während ECM eher klassischer Staatsbürgerkunde entsprach, umfasst EHDC ein sehr viel weiteres Themenspektrum und beschäftigt sich neben den Menschenrechten und gesellschaftlichen Fragen auch mit Umweltthemen und Ethik. In der breiteren Aufstellung des neuen Fachs erkannten die Teilnehmer zwar grundsätzlich eine positive Entwicklung. Angesichts von lediglich ein bis zwei Unterrichtseinheiten pro Woche sei es jedoch unmöglich, die einzelnen Themen in der erforderlichen Tiefe zu behandeln. Die Umstrukturierung des Unterrichtsfachs ist auch in Zusammenhang mit internationalen Standards zu sehen, die seitens der Vereinten Nationen vorgegeben werden.

Bei der Lehrerausbildung wurden in den letzten Jahren deutliche Fortschritte erzielt. Erstmals unterrichten nun speziell ausgebildete Lehrer das Fach. Ihrer Einschätzung nach stößt das Unterrichtsfach durchaus auf Interesse bei den Schülerinnen und Schülern. Vertreter zivilgesellschaftlicher Organisationen, die täglich in Problemvierteln Abidjans unterwegs sind, gaben gleichwohl zu bedenken, dass die sozialen Umstände in zahlreichen Schulen des Landes derart dramatisch seien, dass der Schulbesuch an sich bereits eine immense Herausforderung für viele Schülerinnen und Schüler darstelle. Nicht wenige von ihnen entglitten zunehmend des schulischen Einflusses und schlössen sich kriminellen Jugendbanden an.

Nach einhelliger Meinung der Teilnehmer war die Einführung von EHDC ein wichtiger, erster Schritt, dem jedoch umgehend weitere folgen müssten. Das Unterrichtsfach bedürfe sowohl einer quantitativen als auch einer qualitativen Stärkung. Einen Beitrag zu sozialer Kohärenz und nationaler Versöhnung könne der staatsbürgerliche Unterricht an Schulen jedoch nur im Verbund mit einem grundsätzlichen Mentalitätswandel in der Côte d'Ivoire leisten. Werte müssten vorgelebt werden. Daher sei es zentral, die derzeit unbestreitbare Diskrepanz zwischen der Unterrichtstheorie und der alltäglich erlebten Realität zu schließen.

Als ein wichtiges Ergebnis der Veranstaltung vereinbarten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, den Erfahrungsaustausch fortzusetzen und diesen in die geplante Reform des Unterrichtsfachs einfließen zu lassen.

Autor

Dr. Valentin Katzer

Serie

Veranstaltungsberichte

erschienen

Abidjan, 29. März 2016