Die Utopie „Europa“

DOKU-LIVE Vortrag am Dortmunder Mallinckrodt Gymnasium

Die Freundschaft zwischen Deutschland und Frankreich ist noch keine 100 Jahre alt. Über Jahrhunderte forderte die so genannte Erbfeindschaft viele Opfer auf beiden Seiten. Erst Mitte des 20. Jahrhunderts gelang durch die Europäische Einigung das Ende dieser langen Feindschaft.

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Deutsch-Französische Feindschaft

Nach Jahrzehnten der Deutsch-Französischen Feindschaft...

Schon zu Zeiten des "Sonnenkönigs" Ludwig XIV (wohlgemerkt 17. Jahrhundert) brodelte das Verhältnis zwischen Frankreich und Deutschland. Über Generationen wurde die Ideologie weitergegeben, hinter der jeweiligen Grenze lauere der Feind. Die immer wiederkehrenden kriegerischen Auseinandersetzungen der Nachbarländer stellen einen besonders traurigen Punkt der neuzeitlichen Menschheitsgeschichte dar. Nach den zwei Weltkriegen des vergangenen Jahrhunderts unterzeichneten 1963 Konrad Adenauer und Charles de Gaulle den Élysée-Vertrag, der den Frieden zwischen Deutschland und Frankreich besiegelte.

Der Journalist und Politologe Ingo Espenschied kam erst nach dem Zweiten Weltkrieg zur Welt. Er studierte in Mainz, Paris und London und hat die Wertigkeit des freien und geeinten Europas kennen und schätzen gelernt. Er hat es sich als Ziel gesetzt, durch innovative und multimediale Vorträge Politische Bildung ein Stück unterhaltsamer zu machen. Am 28. April ist ihm dies am Dortmunder Mallinckrodt Gymnasium gelungen.

Utopie und mögliches Eden ist ein geeintes Europa

Die Geschichte, die Ingo Espenschied in seinem Vortrag erzählt hat einen wahren Hintergrund. Zu Zeiten des Ersten Weltkriegs sind sechs Deutsche Soldaten des 2. Husarenregiments der Reserve auf einem Hof nahe Verdun einquartiert. Während der Krieg täglich seine Opfer fordert und ein Ende noch lange nicht in Sicht ist, hinterlassen diese sechs Soldaten eine Botschaft, eingerollt in einem Schnapsfläschchen. Erst im Jahre 1981 wird diese Botschaft gefunden und ihr Inhalt entpuppt sich als visionäre Zeilen: "Utopie und mögliches Eden ist ein geeintes Europa, Freundschaft zwischen den Völkern und Verwirklichung des Wortes, dass wir Brüder sind."

Zu Zeitpunkt dieser Botschaft, die auf Echtheit geprüft wurde, erscheint diese Utopie nicht bloß unwahrscheinlich, sondern gar unmöglich. Espenschied erzählt im Weiteren vom Ablauf des vierjährigen Krieges sowie vom Schicksal jenes 2. Reserve-Regiments. Unterstützt wird sein Vortrag durch Original-Tonmitschnitte, Fotos und Dokumente, die eindrucksvoll das Kriegsgeschehen dokumentieren. Erst am 1. Januar 1958 wurde der Traum der sechs stationierten Soldaten Wirklichkeit; der Tag, an dem die Römischen Verträge in Kraft traten. Seitdem rückten die Völker Europas immer näher zusammen.

Der Erste Weltkrieg, auch die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts genannt, zeigt widerspruchslos, warum der Europäische Frieden in Gestalt der Europäischen Union so wertvoll und alles andere als selbstverständlich ist. Er bietet zudem die Reflexionsmöglichkeiten, warum eine Rückkehr zum Nationalismus keine gute Alternative zur EU sein kann. Die derzeit vermehrt aufkommenden populistischen Strömungen in ganz Europa, aber eben auch in Frankreich und Deutschland, erzeugten sowohl bei Ingo Espenschied, als auch bei den Schülerinnen und Schülern große Sorgen, wie die anschließende Diskussion zeigte. So mündete die Veranstaltung, die inhaltlich vor mehr als 100 Jahren begann in hochaktuellen Themen wie dem Brexit und dem Front National. Auf kurz oder lang werden die Zeitzeugen der Deutsch Französischen Erbfeindschaft weniger. Es liegt also an den Nachfolgegenerationen, sich die Vorteile Europas immer wieder ins Gedächtnis zu rufen.

Der Blick auf die Geschichte sollte uns eins gelehrt haben: Europa kann nicht das Problem sein, Europa ist die Lösung.

Autor

Jonas Vogt

Serie

Veranstaltungsberichte

erschienen

Dortmund, 3. Mai 2017

Europa und der Erste Weltkrieg

Europa und der Erste Weltkrieg, © Ingo Espenschied