Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung 2005 an Wulf Kirsten

Mai22Sonntag

Datum/Uhrzeit

22. Mai 2005, 11.00 - 13.00

Ort

Musikgymnasium Schloss Belvedere in Weimar

mit

Prof. Dr. Bernhard Vogel, Ministerpräsident a.D., Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung e.V.; Dieter Althaus, MdL, Ministerpräsident des Freistaates Thüringen; Dr. Manfred Osten, ehem. Generalsekretär der Alexander von Humboldt-Stiftung;

Typ

Event

Wortbewahrer und Worterneuerer
Wulf Kirsten erhält den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung 2005

Wulf Kirsten erhält am 22. Mai im Weimarer Musikgymnasium Schloß Belvedere den mit 15.000 € dotierten Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung 2005. Als Laudator ist Dr. Manfred Osten, ehemaliger Generalsekretär der Alexander von Humboldt-Stiftung und Verfasser des Buches Das geraubte Gedächtnis – Digitale Systeme oder die Zerstörung der Erinnerungskultur (2004) gewonnen.
Mit dem Preis ausgezeichnet wird vor allem Wulf Kirstens lyrisches Werk, das aus Anlaß des 70. Geburtstages in dem Band „erdlebenbilder“ (2004) gesammelt wurde und ein entschiedenes Votum für die „Kunst als eine Tochter der Freiheit“ (Schiller) abgibt. Kirstens Gedichte vermitteln mit hoher Präzision und poetischer Wahrhaftigkeit „Wortbewußtsein als Lebensbewußtsein“, die „Einheit von Sprache und Denken als moralischem Wortgefüge“. Auf diese Weise zeugen sie für das humane Potential dichterischer Sprache und ihre Widerstandsfähigkeit gegen ideologische Doktrinierung: „im handgepäck die kleinen wortrechte / ausgesiedelte lebensgeschichten“.
Die Zerstörung tradierter Lebensweisen und die Transformation von Wertvorstellungen sind wesentliche Motive von Kirstens Gedichten, doch gehen sie weit darüber hinaus. Sie sind Zeugnisse geschichtlicher Brüche von 1945 bis heute. Kirstens Gedichte verknüpfen Heimatverbundenheit mit Sozialkritik, setzen Biographisches in Beziehung zu geschichtlichen und ökologischen Aspekten. Als Wortbewahrer und Worterneuerer in seiner Dichtung, als poetischer Geschichtsschreiber seiner Heimat, der Region zwischen Dresden und Meißen, zählt Wulf Kirsten – so die Begründung der Jury – zu den bedeutendsten deutschen Dichtern der Gegenwart.

Politische-literarische Biographie
Wulf Kirsten wurde am 21.6.1934 als Sohn eines Steinmetzes in Klipphausen bei Meißen geboren. Seine Autobiographie „Die Prinzessinnen im Krautgarten“ (2000) erzählt von der Dorfkindheit zwischen Krieg und Kriegsende. Nach einer kaufmännischen Lehre begann Kirsten ein Deutsch- und Russisch-Studium an der Universität Leipzig (1960-1964). Nach einer kurzzeitigen Tätigkeit als Lehrer und Referent im Bauwesen wirkte er von 1965 bis 1987 als Lektor im Weimarer Aufbau-Verlag. In der SED-Diktatur bewies Kirsten Rückgrat, was dazu führte, daß er in der Literaturszene als lediglich geduldeter Autor nach eigenen Worten „geflissentlich ausgespart“ wurde. „Ich habe nie auf eine Doktrin gesetzt und geglaubt, daß Utopien Utopien sind,“ sagt Kirsten.
Kurz nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns mußte Kirsten, der mit seinem Debütband „Satzanfang“ (1970) von Reiner Kunze als „die größte Hoffnung der DDR-Lyrik“ gewürdigt wurde, Lesungen in der Bundesrepublik ohne Angabe von Gründen absagen. Im Januar 1977 trat Kirsten von seiner Funktion als Verantwortlicher für die Nachwuchsarbeit im Erfurter Bezirksverband des DDR-Schriftstellerverbandes zurück. Anschließend wurde gegen ihn ein Operativer Vorgang („Lektor“) der Stasi eingeleitet. Kirstens Protestbrief (vom 14.6.1979) an den Präsidenten des DDR-Schriftstellerverbandes, Hermann Kant, gegen den Ausschluß von neun Berliner Autoren aus dem Verband ließ an Klarheit und Bestimmtheit nichts zu wünschen übrig.
Nach dem Zusammenbruch der DDR wurde Kirsten Ende 1989 in der Bürgerbewegung „Neues Forum“ aktiv, wirkte an der Auflösung der Weimarer Staatssicherheit mit und war als Mitglied des Ausschusses zur Untersuchung von Korruption und Amtsmißbrauch tätig. Für das „Neue Forum“ kam er bei den ersten freien Kommunalwahlen in der DDR (18.3.90) ins Weimarer Stadtparlament und war hier bis Oktober 1990 Fraktionschef.

Poetischer Geschichtsschreiber seiner Region
Kirsten hat sich einen Namen vor allem als Dichter einer im Obersächsischen verwurzelten Naturpoesie gemacht. „Die Erde bei Meißen“ (1986) ist Wurzel und Hauptstoff seines Werks. Kirsten ist der poetische Geschichtsschreiber dieser Region. Seine Lyrik unterstreicht die Bedeutung eines Europas der Regionen. Seine Verbundenheit mit dörflicher Heimat und Arbeiteralltag ist dabei frei von provinzieller Selbstgenügsamkeit und der Deutschtümelei traditioneller Heimatdichtung. Die Landschaften in den Gedichten sind immer auch historische und kulturelle Landschaften. So gelingt ihm die Integration sozialer und historischer Bezüge, z.B. in dem Gedicht „september am ettersberg“. Der Weimar-Band „Der Berg über der Stadt“ (2003) ist ein Dokument der wechselvollen Geschichte eines exemplarischen deutschen Ortes und der Spannungen zwischen Goethe und Buchenwald. Zugleich war und ist der Lyriker Kirsten – schon als Umweltschutz noch kein öffentliches Thema war – Bewahrer einer Landschaft, die von Kollektivierung, Planwirtschaft, Urbanisierung und Modernisierung zerstört und ökologisch bedroht ist. Diese seelenlos abgerichtete Landschaft erscheint als Machwerk des Menschen. Immer ist deshalb Kirstens Naturbetrachtung angelegt auf die Erhaltung einer menschenwürdigen Existenz. Walter Hinck hebt Kirsten „ökologisches Bewußtsein ohne den Hang zu ökologischer correctness“ hervor. So kann man Kirsten durchaus als einen Erneuerer der Naturlyrik vor dem Hintergrund ihrer politischen Aussagekraft bezeichnen.

Appell an verantwortlichen Sprachgebrauch
Kirstens Gedichte machen kritische Anmerkungen zum Sprachzustand der Gegenwart. Sein Bemühen um die deutsche Sprachkultur zeigt sich in der Widerständigkeit seiner poetischen Sprache ebenso wie in der Mitgründung des „Rats für deutsche Rechtschreibung“ (2004, u.a. mit Reiner Kunze und KAS-Preisträger Thomas Hürlimann). Als Spracharchäologe – der seit 1962 an dem „Wörterbuch für obersächsische Mundarten“ mitarbeitet – schärft Kirsten den Blick auf unsere Zeit und appelliert an einen verantwortlichen Sprachgebrauch. Im Mittelpunkt der Gedichte steht die Zukunftsbeständigkeit der Sprache als humaner Wert. Indem Kirsten mundartliche Eigentümlichkeiten seiner Heimat und den „stimmenschotter“ einer geschichtsvergessenen Moderne sammelt, aufbewahrt und mitten in unsere Zeit stellt, vermag er die Vergangenheit in die Gegenwart hineinzuholen und die Widerstandskraft individueller Lebensgeschichten gegen Kollektivierung und Ideologisierung stärken.
Kirstens Sprache ist geprägt durch Präzision, Gewissenhaftigkeit und dichterisches Verantwortungsbewußtsein. Seine Gedichte, die jedes Pathos, Bedeutungsschwere und Emotionalität meiden, sind körnig, rauh, ausdrucksstark und lebendig. Kirsten mißtraut allem, was glatt von der Zunge geht, und praktiziert eine Vers-Methode des scharfen Umreißens, der lakonischen Verknappung, der Engführung von Altem und Aktuellem. Er packt heiße Eisen an, doch bevorzugt leise, abwägende Töne. Die von ihm bevorzugte lyrische Form ist das narrative Gedicht, nicht der Spruch oder die Gedankenlyrik.

Werke (Auswahl)
Satzanfang. Gedichte (1970)
Kleewunsch. Erzählungen (1984)
Die Erde bei Meißen. Gedichte (1986)
Stimmenschotter. Gedichte (1993)
Textur. Reden und Aufsätze (1998)
Ein Fischer saß im Kahne. Die schönsten deutschen Balladen des 19. Jahrhunderts (Hrsg., 1998)
Wettersturz. Gedichte (1999)
Die Prinzessinnen im Krautgarten. Eine Dorfkindheit (2000)
Der Berg über der Stadt (2003)
erdlebenbilder. gedichte aus 50 jahren 1954-2004 (2004)

Preise und Auszeichnungen
u.a. Peter-Huchel-Preis (1987), Heinrich-Mann-Preis (1989), Weimar-Preis (1994), Horst-Bienek-Preis (1999), Marie-Luise-Kaschnitz-Preis (2000) Eichendorff-Preis (2004), Schiller-Ring (2002), Ehrendoktor der Universität Jena (2003), Eichendorff-Preis (2004). Mitglied u.a. in der Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung.

Stimmen der Kritik
„Die Kirsten-Sprache ist eine Sprache, in der man sich verproviantieren kann gegen Geschwindigkeit, Anpassung, Verlust ... Die Sprache urteilt nicht. Sie schleppt Sachen heran. Gegen das Vergessen.“ (Martin Walser)

„ein Lyriker von subtiler und doch kritischer Wahrnehmungskraft, ein geschichtsbewußter Prosaautor und ... ein Essayist mit großer Erhellungsgabe“ (Walter Hinck)

„‘augapfel, lasse nicht ab!‘, das alte Postulat an sich selbst leitet Kirsten immer noch und befähigt ihn zu Gedichten, die in ihrem Wort- und Weltvertrauen wahrhaft augenöffnend sind“ (Peter Hamm)

„das Übersetzen des Geschauten ins genaue, treffende Wort ist ihm körperliches Bedürfnis; nicht von ungefähr zählt er gerade Steinmetze zu seinen Vorfahren – Leute, die wissen mußten, wie Lettern dauerhaft und wetterbeständig mit dem Meißel einzugravieren sind.“ (Jan-Volker Röhnert)


Michael Braun
Leiter Referat Literatur, Konrad-Adenauer-Stiftung
(St. Augustin, 10.3.05)

Abbildung

Wulf Kirsten (copyright: dpa)

Wulf Kirsten (copyright: dpa)

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