Sinn und Nutzen der Geisteswissenschaften

Serie: „Warum die Geisteswissenschaften Zukunft haben!“ (7)

Annette Schavan, Berlin, 15. Nov. 2007
ISBN 978-3-451-29

Ein Jahr der Projekte und Aktionen geht zu Ende. Annette Schavan, Bundesministerin für Bildung und Forschung, über die Bedeutung und Aufgaben der Philologien.

Die Geisteswissenschaften sind in unserer Gesellschaft präsent, das Interesse an ihnen ist groß. Dennoch werden sie im Alltag in ihrem wirklichen Wert und ihren besonderen Leistungen oft verkannt. Dabei sind allein die Theater und Museen, ja die gesamte Kulturwirtschaft ohne die Geisteswissenschaften nicht denkbar. Denkt man an die klassischen Kompetenzen, die Geisteswissenschaftler während ihres Studiums erlernen, also Kommunikation, Analyse und Prognose, so gewinnt deren Beherrschung in Zeiten der Globalisierung an zusätzlicher Bedeutung. Denn allein diese Kompetenzen ermöglichen die bessere Verständigung zwischen Regionen und Ländern, zwischen Kontinenten, zwischen Kulturen und Religionen. Die Globalisierung eröffnet uns aber auch einen neuen Blick auf die Geisteswissenschaften. Ob es sich hier um Sinologie oder Indologie handelt, um die Islamwissenschaften oder um Afrikanistik: Diese Fächer sind wichtig im und für den internationalen Dialog, wichtig für eine Verständigung der Völker und Kulturen. Ohne diese Dialogkompetenzen wird es keine Geschäfte und keine politische Verständigung geben. Es ist also geradezu absurd, die Frage nach der Nützlichkeit der Geisteswissenschaften zu stellen, es sei denn, man legt einen völlig falschen Begriff von Nützlichkeit an.

Abc der Menschheit

Im Jahr der Geisteswissenschaften rücken Vielfalt und Bedeutung der Geisteswissenschaften mit ihrer breiten Palette an Fächern, Themen und Methoden in den Blickpunkt des öffentlichen Interesses. Im Mittelpunkt stehen dabei die Sprachen. Sprache ist die Ausgangsbasis für jede Art von Denken und Mitteilen. Deswegen steht sie im Mittelpunkt des Jahres der Geisteswissenschaften. Sprache ist Reden, aber auch Mimik und Gestik, Musik und Tanz. Sprache macht die konstitutionelle Verbindung von Tradition, Kontinuität, Aktualität und Zukunftsfähigkeit in den Geisteswissenschaften erfahrbar.

17 Studienbereiche und 96 Fächer zählt der Wissenschaftsrat zu den Geisteswissenschaften. Auf den ersten Blick mag ein gemeinsames Wissenschaftsjahr für diese Vielfalt der geisteswissenschaftlichen Fächer deshalb als ungerecht erscheinen. Weil die Geisteswissenschaften aber von der interdisziplinären Zusammenarbeit leben und auf sie angewiesen sind, bietet ein solches gemeinsames Jahr die Chance, der Öffentlichkeit die Pluralität und die vielfältigen Kooperationen der Wissenschaften untereinander vor Augen zu führen.

Die Öffentlichkeit braucht die Geisteswissenschaften, und die Geisteswissenschaften brauchen Öffentlichkeit. Deshalb begleiten vielfältige öffentlichkeitswirksame Aktionen dieses Wissenschaftsjahr. Sie stehen alle unter dem Motto „Die Geisteswissenschaften. Das Abc der Menschheit". Mit den 26 Buchstaben des Alphabets sind Begriffe verbunden, die für alle geisteswissenschaftlichen Fächer zentral sind - von A wie Aufklärung über C wie Courage bis Z wie Zukunft.

Damit das „Abc der Menschheit" kein abstrakter Begriff bleibt, wurden basierend auf einer Idee des Schweizer Künstlers Feiice Varini an bedeutenden öffentlichen Gebäuden über ganz Deutschland verteilt Buchstaben-Installationen angebracht. Diese Installationen sollen die Neugier der Bürgerinnen und Bürger auf die Geisteswissenschaften wecken und das Interesse auf die vielfältigen Veranstaltungen von rund 300 Partnern aus Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft in ganz Deutschland richten. Die Vielfalt der Veranstaltungen macht deutlich, dass die Geisteswissenschaften schon längst aus ihren Lesestuben und Elfenbeintürmen herausgekommen sind. Das Jahr der Geisteswissenschaften bietet ihnen eine Plattform, ihre Aktivitäten vorzustellen und so die öffentliche Sichtbarkeit der Geisteswissenschaften deutlich zu erhöhen. Mit großem Erfolg übrigens, wie sich schon zur Halbzeit sagen ließ.

Darüber hinaus hat das Jahr der Geisteswissenschaften eine Debatte in den Geisteswissenschaften und in der Öffentlichkeit angeregt. Auf öffentlichen Podien und in den Medien diskutieren Vertreter aus Politik, Wissenschaft und auch aus der Wirtschaft die Bedeutung der Geisteswissenschaften für unsere Gesellschaft. Gerade diese Debatten, so kontrovers sie auch geführt werden mögen, sind wichtig und halten die Geisteswissenschaften lebendig. Anders als die Naturwissenschaften, deren Nutzen für die Gesellschaft im täglichen Gebrauch neuer Erfindungen unmittelbar zutage tritt, leben die Geisteswissenschaften davon, neue Denkhorizonte aufzuzeigen. Die Geisteswissenschaften reflektieren Kriterien und Maßstäbe zur Bewertung von Modernisierungsprozessen.

Selbstbewnsst statt verzagt

Geisteswissenschaften sind immer diskursiv. Diesen Diskurs in die Öffentlichkeit zu tragen ist ein wichtiges Anliegen des Jahres der Geisteswissenschaften.

Öffentliche Sichtbarkeit der Geisteswissenschaften kann aber nicht nur durch öffentlichkeitswirksame Aktionen und Mediendebatten hergestellt werden - sie braucht ebenso das Engagement der Geisteswissenschaften selbst. Sie müssen mobilisiert werden, sie müssen motiviert werden, um die Bedeutung und Relevanz ihrer.Arbeit in der Mitte der Gesellschaft sichtbar zu machen. Gleichzeitig müssen sie sich in Profildiskussionen an den Hochschulen selbstbewusst positionieren und nach neuen und innovativen Formen wissenschaftlicher Zusammenarbeit sowie neuen Kooperationsformen mit Wirtschaft und Kultur suchen.

Ein wichtiger Impuls ging von dem Wettbewerb „Geist begeistert" aus, der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung ausgeschrieben und von der Universität Bremen durchgeführt wurde. Fast 170 Hochschulinstitute nahmen daran teil und stellten ihre zum Teil sehr originellen Ideen zum öffentlichkeitswirksamen Engagement der Geisteswissenschaften vor. 15 Projekte wurden mit je 15 000 Euro prämiert, weitere 24 erhielten aufgrund der Qualität ihrer Vorhaben einen Anerkennungspreis von jeweils 7500 Euro. Aktionen wie „Zugßildung", ein Hörprogramm für die Bahn, „Philosophie mit Musik", eine multimediale Erschließung von Wittgensteins Werk, oder „Die Sprache einer Ausstellung", eine Dialogreihe auf der Documenta 12 in Kassel, zeigen, dass Geisteswissenschaftler sehr wohl |n der Lage sind, ihre Themen und Anliegen allgemein verständlich und anschaulich zu vermitteln und dass die oft beschworene Erlebnisqualität kein Privileg der Naturwissenschaften sein muss.

Der Ausweis des eigenen Profils der Geisteswissenschaften spielt auch für die Mobilisierung der Geisteswissenschaften eine wichtige Rolle, um konstruktive Selbstreflexion zu betreiben, sich zu vernetzen und neue Arbeitsformen zu entwickeln. Auf Veranstaltungen wird selbstbewusst die internationale Exzellenz der deutschen Geisteswissenschaften vorgestellt, offensiv mit der Wirtschaft über den Geist des Managements diskutiert und die Debatte um Standards für und durch die Geisteswissenschaften angestoßen. Hier wird deutlich, dass die Geisteswissenschaften in der immer wichtiger werdenden Profilbildung von Hochschulen national wie international eine bedeutende Rolle spielen. Innovative Kraft.

Die Geisteswissenschaften sind in der modernen Gesellschaft von größter Relevanz: Das zeigt sich an den vielfältigen neuen Kooperationen und Vernetzungen; die das Jahr der Geisteswissenschaften angestoßen hat. Wenn sich beispielsweise erstmals die Union der Deutschen Akademien der Wissenschaften und die Staatlichen Museen zu Berlin zu einem gemeinsamen Projekt zusammentun und daraus eine große Ausstellung über die kulturund politikgeschichtliche Bedeutung des Alten Orients entsteht; wenn das deutsche Literaturarchiv Marbach und die Gerda-Henkel-Stiftung gemeinsam die Gerda-Henkel-Stipendien für Ideengeschichte begründen; wenn sich über den Deutschen Städtetag rund 30 Städte in Partnerschaften zur Erschließung geistesgeschichtlicher Großthemen zusammenfinden, zeigt sich, welch innovative Kraft die Geisteswissenschaften tatsächlich haben und wie sie sich in die Gesellschaft einbringen. Schon im ersten Halbjahr 2007 ist es gelungen, einen Mobilisierungseffekt zu erzielen, der den Geisteswissenschaften eine neue und starke Positionierung unter den Wissenschaften ermöglichen wird. Dies ist der Beginn einer strukturellen Stärkung, die sich fortsetzt in den förderpolitischen Maßnahmen, die das Bundesministerium für Bildung und Forschung in diesem Jahr der Geisteswissenschaften auf den Weg bringt.

Die Geisteswissenschaften leisten einen unersetzbaren Beitrag zum kulturellen Gedächtnis, sie vermitteln zwischen den Kulturen, sie reflektieren und bieten Orientierung über Werte und Entwicklungen in den Teilbereichen der Gesellschaft und gestalten die Zukunft. Darüber hinaus tragen die Geisteswissenschaften wesentlich zur Internationalisierung von Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft bei und sind mit ihrer spezifischen Expertise bei diesem Prozess unerlässlich. Die Geisteswissenschaften reflektieren aber auch Kriterien und Maßstäbe zur Bewertung von Modernisierungsprozessen. Sie sind nicht schlichte Kommentatoren der Naturwissenschaften oder der Technik Sie sind zwingend notwendige Partner im Dialog mit den Naturwissenschaften. Geisteswissenschaften betreiben kulturelle Grundlagenforschung, die zwar offen ist für die akademische Anwendung, deren Bedeutung sich aber keinesfalls in konkreten Nutzanforderungen erschöpft. Ziel der Förderung der Geisteswissenschaften ist es, den akademischen und gesellschaftlichen Gedankenaustausch zu präzisieren, die Internationalisierung geisteswissenschaftlicher Forschung zu intensivieren und zum Verständnis und zur Nutzbarmachung der Globalisierung notwendiges Hintergrundwissen über fremde Kulturen zu erarbeiten, vom Ausland zu lernen sowie die Entwicklung entsprechender geisteswissenschaftlicher Methoden voranzutreiben. Hier wird in Deutschland gute Arbeit geleistet. Dennoch muss sich die deutsche geisteswissenschaftliche Forschung weiter öffnen. Kern der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung zur strukturellen Stärkung initiierten Förderinitiative „Freiraum für die Geisteswissenschaften" sind Internationale Kollegs für geisteswissenschaftliche Forschung. Sie geben herausragenden Geisteswissenschaftlern Zeit, einer selbst gewählten Fragestellung mit Wissenschaftlern aus der ganzen Welt nachzugehen. Wichtig dabei sind die systematische Konfrontation mit anderen Wissenskulturen und die interdisziplinäre Bearbeitung der Forschungsfragestellung. Diese Initiative soll über das Jahr der Geisteswissenschaften hinaus verstetigt werden. Konkret bedeutet das nicht nur eine Steigerung der finanziellen Mittel, sondern auch einen langfristigen Diskussionsprozess. Ein Forum Geisteswissenschaften soll Bund, Ländern, Hochschulen, der Hochschulrektorenkonferenz, dem Wissenschaftsrat und anderen als Diskussionsplattform dienen.

Sowohl die Resonanz, auf die das Jahr der Geisteswissenschaften bei den Wissenschaftlern selbst, aber auch innerhalb der Bevölkerung gestoßen ist, als auch die eingeleiteten neuen Fördermaßnahmen machen eines sehr deutlich: Deutschland ist auch in Zukunft ein Zentrum geisteswissenschaftlicher Spitzenforschung.