Austausch statt Abschottung

Die Lage Tunesiens und Ägyptens ein Jahr nach dem Umbruch

Josephine Landertinger Forero, Veranstaltungsbeiträge, Berlin, 10. Feb. 2012
Hrsg.: Konrad-Adenauer-Stiftung e.V.

Jugendliche protestieren, Bouazizi Held von Tunesien
Wie sieht die Zukunft der Jugendlichen aus, die auf der Straße demonstrierten?

Vier Experten unterhielten sich mit RBB-Radiomoderatorin Sabine Porn in der Akademie der Konrad-Adenauer-Stiftung über die aktuelle Lage in den Ländern des Arabischen Frühlings. Als der Tunesier Mohamed Bouazizi sich vor einem Jahr in Brand steckte, weil er für seinen Gemüsestand angeblich mehrmals keine Genehmigung vorweisen konnte, löste er eine Protestwelle im ganzen Land aus.

Sein Brand entzündete letztendlich die ganze arabische Welt. Junge Menschen in Tunesien, Ägypten und in weiteren Ländern gingen auf die Straßen und demonstrierten gegen die starren, autoritären Regime, die Jahrzehnte lang an der Macht waren.

In Tunesien, Ägypten und Libyen wurden die Herrscher gestürzt. Doch wie sieht die Situation in diesen Ländern heute aus? Und vor allem, hat sich etwas für die Jungend verändert, die auf die Straße ging?

Bouazizi verkaufte zwar Gemüse, war aber eigentlich Informatiker. „700.000 arbeitslose junge Tunesier gibt es, davon sind 300.000 solche wie Bouazizi. Sie haben zwar einen Uni-Abschluss, können damit aber nichts machen“, erklärte Klaus Loetzer, Leiter des Auslandsbüros der Konrad-Adenauer-Stiftung in Tunesien. Das ist eine gefährliche Situation, denn „eine Revolution bedeutet eigentlich eine Umverteilung der Besitzverhältnisse“, sagte Loetzer. Das sei in Tunesien noch nicht passiert.

„Die wirtschaftliche Situation Tunesiens ist momentan sehr schwierig und die Transformation wird nur erfolgreich zu Ende gebracht werden, wenn mehr Arbeitsplätze geschaffen werden“, sagte Sami Bahri, ein tunesischer Jungunternehmer.

„Die Entwicklung in den südlichen Ländern betrifft uns so unmittelbar“, sagte Almut Möller, DGAP-Expertin für euro-mediterrane Beziehungen, „dass wir versuchen müssen zu helfen so gut wie es geht, um gut nachbarschaftlich miteinander umzugehen.“

„Aber wie kann Tunesien uns Europäer ernst nehmen, wenn wir vordergründig sagen „ja wir helfen“, aber dann nicht bereit sind 25.000 Tunesier aufzunehmen?“, fragte Loetzer empört. Es mangele an Ehrlichkeit. „Es kann nicht sein, dass Europa sagt, Libyer nehmen wir auf, weil sie Kriegsflüchtlinge sind, aber Tunesier nicht, denn sie sind Wirtschaftsmigranten.“ Auch Privatinitiative von Unternehmen, die beispielsweise Auszubildende oder Arbeiter annehmen würden, werde durch Bürokratie und Visa-Angelegenheiten stark behindert, so der Tunesien-Kenner.

Möller antwortete darauf, dass „Europas Reaktion Abschottung und nicht Austausch war“. Es gehe ja auch um Interessen, die besser genutzt werden könnten. Der tunesische Unternehmer Bahri sagte hierzu: „Wenn in Deutschland auf erneuerbare Energien gesetzt wird und in Tunesien die Sonne immer scheint, oder wenn in Deutschland Fachkräftemangel herrscht und wir in Tunesien Fachkräfte haben, dann sollte man das als Chance für eine engere Zusammenarbeit sehen.“

Auch Ägypten steht noch vor einem enormen Transformationsprozess. Die Frage ist, ob die Generäle ihre Macht abgeben wollen. „Ägypten ist viel komplexer, größer und heterogener als Tunesien“, erklärte Dr. Michael Lange, Leiter der Abteilung Politikdialog und Analyse, selbst bis 2007 Leiter des KAS-Büros in Ägypten. Das Ausland könne die inneren Probleme dieses Landes nicht lösen. „Ägypten kann nicht vom Ausland Hilfe erwarten und dann Mitarbeiter von NGOs und der KAS anklagen! So schafft man kein Vertrauen um gemeinsam mit ausländischen Investoren die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen“, so Lange. In Ägypten müsse erst mehr Willen zum Austausch gezeigt werden.

Im Vergleich zu Ägyptens 80.000 Bewohner, scheinen Tunesiens 10.000 eher unbedeutend. Welche Rolle kann dieses kleine Land in der Region spielen?

„Was Tunesien angeht“, so Loetzer, „bin ich optimistisch. Mehr Sorge bereiten mir die Nachbarn Algerien und Libyen.“ „Ja, Tunesien hat schon etwas Besonderes. Wenn die Transformation dort klappt, heißt es nicht, dass es überall funktionieren wird. Aber die wirtschaftliche Situation muss sich schnell verbessern“, sagte Jungunternehmer Bahri.

Aus Sicht von Ägypten-Experte Lange ist das Land der Pharaonen für die gesamte Region viel wichtiger als Tunesien. „Deshalb meine Besorgnis gegenüber der aktuellen Situation.“

Das gesamte Gespräch können Sie am Sonntag, 12. Februar 2012, auf inforadio/rbb hören.
Sendezeiten: 11:05 Uhr, 16:05 Uhr, 21:05 Uhr
Frequenzen: 93,1 Berlin, 99,9 Cottbus, 102,0 Oderland