Jugendliche aus Europa und arabischen Staaten setzen auf Dialog
Ein Jahr nach Ausbruch des arabischen Frühlings ist Geduld gefragt
Veranstaltungsbeiträge, Berlin, 17. Apr. 2012
Hrsg.: Konrad-Adenauer-Stiftung e.V.
Die europäische Begeisterung über den arabischen Frühling vor einem Jahr ist in Teilen Sorge und Ernüchterung gewichen, denn durch den Aufstieg der Muslimbrüder in Ägypten etwa kommen Zweifel am demokratischen Wandel auf. Auf die jungen Menschen nördlich und südlich des Mittelmeers wird es in Zukunft ankommen, Lehren zu ziehen und den Dialog miteinander zu suchen. Eine Plattform dafür bot der arabisch-europäische Jugendkongress der Konrad-Adenauer-Stiftung.
Während eines Workshops nutzte Benedict Pöttering, Vize-Europachef der Jungkonservativen, die Gelegenheit, um gemeinsam mit Mirette Bakir, KAS-Stipendiatin aus Ägypten, Maria Fuster, Mitglied der Jugendorganisation Nuevas Generaciones del Partidoaus aus Spanien und dem irakischen Schriftsteller und Journalisten Najem Wali zu diskutieren. Gemeinsam mit 25 Jugendlichen aus arabischen und europäischen Ländern tauschten sie sich darüber aus, welches Bild beide Seiten voneinander haben.
„Wenn die arabische Jugend weiter für ihre Rechte kämpft, kann sie am Ende Erfolg haben“, sagte Pöttering. Allerdings dürfe man als Europäer nicht mit überhöhten Erwartungen auf diese Länder blicken. Die neu errungenen Freiheiten seien zwar „ein großer Schritt vorwärts“. Jedoch sei noch nicht klar, in welcher Richtung sich diese Länder nun entwickeln würden. Auch Wali mahnte zur Vorsicht. „Nach jahrzehntelanger Diktatur werden bei freien Wahlen meist diejenigen gewinnen, die Geld haben und das sind in erster Linie die Muslimbrüder, die vor allem durch Saudi-Arabien unterstützt werden“, so der Schriftsteller. Junge Menschen in Europa müssten daher mit Geduld und Verständnis für diese Entwicklungen auf den arabischen Frühling blicken. Diskussionsteilnehmer Johannes Heereman warf ein, dass häufig durch Verwendung bestimmter Begrifflichkeiten in der medialen Berichterstattung Angst geschürt werde. „So vermittelt der Begriff ‚Muslimbrüder’ etwa den Eindruck von etwas Geheimnisvollen“, meinte der KAS-Promotionsstipendiat. „Und es ist nun mal so, dass wir fürchten, was wir nicht kennen oder nicht verstehen“, so der 28-Jährige.
Die momentane Lage vor Ort sei in der Tat schwierig, gab Rana El Sayed Gaber zu. Sie stammt aus Alexandria und arbeitet für die „Ägyptische Jugend-Stiftung“. Mubarak und seine Vorgänger hätten jahrzehntelang die einzelnen Bevölkerungsgruppen gegeneinander aufgehetzt, weshalb ein Dialog äußerst schwierig sei, „weil niemandem dem anderen zuhören will“, so die 25-Jährige. Jedoch sieht sie durchaus positive Entwicklungen. „Wir reisen heute durch ganz Ägypten und diskutieren erfolgreich mit Menschen aus allen Schichten darüber, wie es mit Ägypten weitergehen soll.“
Immer wieder wird während der Debatte Deutschland als Vorbild ins Feld gefügt. Ein Teilnehmer aus Palästina sieht die Wiedervereinigung Deutschlands und die europäische Einigung als Orientierungshilfe, wenn es darum geht, wie auch arabische Länder friedlich und mit offenen Grenzen aufeinander zugehen könnten. Auch Rana findet lobende Worte: „Soziale Gerechtigkeit, Freiheit und Rechtssicherheit – in all diesen Bereichen könnte Deutschland Vorbild sein.“
Ein junger Mann aus Tunesien wirft jedoch die Frage auf, warum gerade die europäischen Länder, die über Jahre hinweg an der Seite von arabischen Despoten wie Gaddafi und Mubarak standen, nun Vorbilder sein sollten für die aufbegehrende arabische Jugend. „Europäische und deutsche Außenpolitik ist in der Tat oftmals eher von Interessen geleitet gewesen und nicht so sehr von Werten“, räumt Pöttering ein. „Daher ist es umso wichtiger, dass wir Europäer uns wieder Vertrauen in dieser Region erarbeiten, bevor wir ein Vorbild sein können.“
Auch nach knapp zwei Stunden Diskussion sind nicht alle Meldungen zu Wort gekommen. Der Wille zum Austausch miteinander scheint ungebrochen.

Tamara Wyrtki (23) aus Leipzig: "Ich blicke optimistisch auf den arabischen Frühling, gerade was Ägypten angeht. Es ist eine schöne Entwicklung zu sehen, dass die Leute ihre Rechte einfordern, dafür auf die Straße gehen und auch tatsächlich durchhalten und sich nicht unterdrücken lassen."

Mahinur Ozdemir (29) aus Belgien: "Bei Treffen wie diesen kommen junge Leute aus unterschiedlichen Ländern mit unterschiedlicher Geschichte zusammen und bringen neue Ideen ein. Deshalb sind diese Veranstaltungen wichtig, denn die Jungen von heute werden die politischen Anführer ihrer Länder von morgen sein."

Muath Abu Arqoub (31) aus Palästina: "Ich habe durch diese Diskussion zum ersten Mal die Gelegenheit, mit Menschen aus ganz Europa und Nordafrika über den Konflikt zwischen Palästina und Israel zu sprechen. Und ich habe herausgefunden, dass viele von ihnen eine völlig falsche Vorstellung davon haben. So können wir darüber sprechen, Informationen austauschen und von unseren jeweiligen Erfahrungen lernen."

Radwa Sharaf (23) aus Ägypten: "Diese Diskussionen bauen Brücken, denn wir fürchten immer, was wir nicht kennen oder nicht verstehen. Wenn mich Menschen hier in Deutschland beispielsweise mit Kopftuch sehen, wundern sie sich. Aber wenn sie mich ansprechen, kann ich erklären, warum ich es trage. Wenn man miteinander spricht, laufen die Dinge besser."
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