zur Navigation springen
Konrad-Adenauer-Stiftung (Logo)

Freundschaft zwischen den Völkern

50. Jahrestags der deutsch-französischen Versöhnungsmesse in der Kathedrale von Reims am 8. Juli 1962

Von Hans-Gert Pöttering6. Juli 2012


Im Juli 1962 trafen Konrad Adenauer und Charles de Gaulle sich in Reims – ein historisches Treffen; ein Markstein in den deutsch-französischen Beziehungen. Zwei Völker, einst Erbfeinde, die sich zuvor in vielen blutigen Kriegen bekämpft hatten, unternahmen den Versuch, einander anzunähern, sich zu versöhnen und letztendlich Freunde zu werden.

Am Abend des 7. Juli 1962 – nach Stationen in Paris, Versailles, Rouen und Bordeaux – flog Konrad Adenauer nach Reims, zum Höhepunkt seiner Reise. Reims – ein Ort zahlreicher Waffengänge im Ersten Weltkrieg, der Ort, an dem am 7. Mai 1945 die deutsche Wehrmacht die Kapitulationsurkunde unterzeichnet hatte. Hier fuhren am 8. Juli der deutsche Bundeskanzler und der französische Staatspräsident an früheren Schlachtfeldern und endlosen Reihen von Soldatengräbern beider Weltkriege vorbei. Auf dem Truppenübungsplatz in Mourmelon, unweit von Reims, nahmen sie eine deutsch-französische Militärparade ab. Nicht der militärische Trompetenruf beendete den einwöchigen Staatsbesuch, sondern der Friedensruf der Orgel in der gotischen Kathedrale zu Reims.

In der vom Krieg noch gezeichneten Kathedrale, der einstigen Krönungskirche der französischen Könige, wohnten beide Staatsmänner einem Pontifikalamt bei. Erzbischof François Marty erklärte während der Versöhnungsmesse, die Champagne sei immer ein Kreuzweg gewesen, ein Ort der Begegnung der Völker – um einander zu erkennen, zu helfen, zu lieben. Als Konrad Adenauer und Charles de Gaulle die Kathedrale verließen, wurden sie von tausenden Menschen mit tosendem Beifall herzlich begrüßt. Die Freundlichkeit und die Aufgeschlossenheit der Franzosen gegenüber dem deutschen Bundeskanzler waren ein deutliches Zeichen, wie groß schon damals das Fundament der deutsch-französischen Solidarität war.

Wenige Wochen später, im September 1962, bei seinem Gegenbesuch in Bonn rief Charles de Gaulle vom Rathausbalkon den Menschen auf Deutsch zu: „Es lebe Bonn! Es lebe Deutschland! Es lebe die deutsch-französische Freundschaft!“

Für beide Staatsmänner war entscheidend, dass diese Freundschaft nicht nur zwischen den Staaten entstand, sondern vor allem auch zwischen den Völkern. Im Januar 1963 wurde dafür mit der Unterzeichung des Élysée-Vertrags eine wichtige Grundlage geschaffen.

Für Konrad Adenauer war dies kein zufälliger Weg: Von den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, über das unvergessliche Bild in der Kathedrale von Reims, bis zum Élysée-Vertrag – von der Überwindung der Erbfeindschaft zur deutsch-französischen Aussöhnung!

Die von Konrad Adenauer und Charles de Gaulle mit der Messe in Reims begonnene Aussöhnung wurde in den vergangenen fünfzig Jahren weitergeführt und vertieft. In besonderer Weise ist dies Bundeskanzler a.D. Helmut Kohl gelungen, der sich bei unseren Nachbarn viel persönliches Vertrauen erarbeitete, so dass er an der Seite Frankreichs die Europäische Einigung mutig voranbringen konnte. Wenn sich fünfzig Jahre nach der Versöhnungsmesse am selben Ort Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Staatspräsident François Hollande begegnen, ist dies ein wunderbares Zeichen, dass das von Konrad Adenauer und Charles de Gaulle und anderen begonnene Werk erfolgreich weitergeführt wird und für uns auch in Zukunft Verpflichtung und Aufgabe zugleich ist. Es ging damals und geht heute unverändert über das deutsch-französische Verhältnis weit hinaus: Die Aussöhnung unserer beiden Völker ist zu einem Fundament für Frieden und Freiheit im vereinten Europa geworden. Dieses Fundament muss weiter tragen – und ich bin davon überzeugt: Es wird weiter tragen!

Die Probleme in Europa und zwischen Deutschland und Frankreich mögen mitunter schwierig erscheinen. Doch klar ist: Deutschland und Frankreich haben gemeinsam die Verantwortung, die Europäische Union weiter zusammenzuführen und zur vollen politischen Union zu entwickeln. Die enge Zusammenarbeit zwischen unseren beiden Ländern ist eine wichtige Voraussetzung für die Bewältigung der vor uns liegenden Herausforderungen: die Überwindung der Staatsschuldenkrise, die Reform der globalen Ordnung, die Fortentwicklung der Europäischen Union zu einem politischen Akteur.

Die deutsch-französische Zusammenarbeit darf dabei andere nicht ausschließen. Gemeinsame Initiativen müssen stets im Rahmen der Verträge und Institutionen, in der Kommission, im Rat und im Europäischen Parlament umgesetzt werden. Wichtig ist, immer die Balance zwischen Führung und gemeinsamem Handeln aller Institutionen und Mitgliedstaaten zu finden. Der Eindruck einer deutsch-französischen Vorherrschaft würde das Vertrauen der anderen 25 Mitgliedstaaten dauerhaft erschüttern.

Deutschland und Frankreich müssen gemeinsam für die Gemeinschaftsmethode eintreten und wie in der Vergangenheit auch in der Gegenwart besonders in schwierigen Situationen mutig und zuversichtlich mit gutem Beispiel vorangehen.


zum Anfang springen