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Wieviel Heimat verträgt die Literatur? Mit dieser Frage setzten sich 30 Germanistikstudenten deutscher Universitäten und ihre Professoren beim Berliner Autorenseminar der KAS auseinander, das in der Triennale mit Film- und Theaterseminar stattfand.

Teilnehmer des Autorenseminars
Teilnehmer des Autorenseminars


Im Mittelpunkt standen die Lesungen von Hans Joachim Schädlich aus seiner Preußennovelle Voltaire bei Friedrich II, von Bruno-Heck-Preisträgerin Marica Bodrožić aus ihrem Migrationsroman Kirschholz und alte Gefühleund von KAS-Alumnus Andreas Maier aus seinem hessischen Heimatroman Die Straße. In Balance zu den globalen Modernisierungs- und Migrationsprozessen wurde gerade in diesen Werken eine Re-Orientierung zur Heimat festgestellt, jenseits von Nostalgie oder Revanchismus. Heimat ist Herkunft und Geschichte, Gemeinschaftszugehörigkeit und Utopie, bedeutet aber auch Wertorientierung und ist als neue europäische Identität von großem Wert.

Im kulturpolitischen Rahmenprogramm fanden u.a. ein Gespräch mit KAS-Altstipendiatin Prof. Monika Grütters MdB im Paul-Löbe-Haus sowie ein Vernissage-Besuch der EHF-Einzelausstellung von Sebastian Burger auf Einladung von KAS-Kulturleiter Dr. Hans-Jörg Clement statt. Besonders hervorzuheben ist der kreative Beitrag der Teilnehmer, 32 Studierenden deutscher Universitäten (höhere Semester), dazu eine Gruppe von Stipendiaten der Begabtenförderung der KAS, die an einer Schreibwerkstatt (geleitet von Kerstin Hensel) mitwirkten und eigene Texte zum Thema „Heimat“ produzierten. Ein Beispiel...

Friedrich II. spricht ein schlechtes Deutsch. Er gebrauche die Sprache seiner Heimat wie ein Pferdekutscher, bekennt er und bringt seine Verachtung für die deutsche Literatur zum Ausdruck. Seine Neigung gilt dem Französischen. Deshalb versucht er, den Philosophen Voltaire an seinen Hof zu locken. Als Personifikation der Nachbarkultur soll der Denker dem preußischen König zu einer kulturellen Heimat verhelfen.

Voltaire wiederum hat eine kulturelle Heimat in seiner Muttersprache gefunden, wechselt jedoch wurzel- und ruhelos seinen Wohnsitz. Hans Joachim Schädlich lässt in seiner Novelle „Sire, ich eile…“. Voltaire bei Friedrich II. fest situierte Macht auf einen sich zwanglos entfaltenden Geist treffen. Herrschaftswille kollidiert mit Intellektualität. Das autoritäre Bestreben Friedrichs II., Voltaire aus Eigennutz ein Heim zu geben, steht dessen Verlangen, sich ungebunden in Freiheit zu bewegen, entgegen.

Die Novelle bietet Ansätze, über den Weg der Heimatsuche und des Heimatfindens in der Literatur nachzudenken. Im Rahmen des Berliner Autorenseminars der Konrad-Adenauer-Stiftung „Wie viel Heimat verträgt die Literatur?“ unter Leitung von Professor Michael Braun beschäftigten sich Studierende der Universitäten Bamberg, Bonn, Köln und München sowie Stipendiaten der KAS aus verschiedenen Perspektiven, vor allem aber im Gespräch mit Autoren, mit dem Themenkomplex. Erste Anstöße zum Nachdenken gaben Referate der Studierenden zu selbst gewählten Schwerpunkten sowie die eigene literarische Texte zum Thema „Heimat“, die unter Regie der Schriftstellerin Kerstin Hensel in einer Schreibwerkstatt entstanden. Ein Gespräch mit KAS-Alumna Professor Monika Grütters MdB, der Vorsitzenden des Ausschusses für Kultur und Medien im Deutschen Bundestag, beleuchtete die politische Dimension des Umgangs mit Kultur und Heimat in Deutschland.

Im Mittelpunkt des viertägigen Seminars standen drei Autoren, die aus ihren Werken lasen und über ihre Vorstellungen von Heimat sprachen. Eingeführt durch Vorträge der KAS-Vertrauensdozenten Professor Oliver Jahraus (München), Professor Friedhelm Marx (Bamberg) und Professor Kerstin Stüssel (Bonn), mitmoderiert von Professor Birgit Lermen (Köln), stellten Marica Bodrožić, Andreas Maier und eben Hans Joachim Schädlich ihre Werke vor.

Schädlich hat sich im Zuge seiner Recherchen über das Verhältnis zwischen Friedrich II. und Voltaire tief in die historische Entwicklung eingegraben, hat Briefe gesichtet und Dokumente analysiert. Liest er aus seinem Text, scheint er wieder in die Geschichte einzutauchen und vermag es, ein Stück der fernen Vergangenheit in der Gegenwart aufleben zu lassen. Seine Zuhörer schlug er schnell in den Bann der spannungsvollen Beziehung zwischen Friedrich II. und Voltaire, die letztlich für beide die Suche nach einem heimatspendenden Leben ist.

Während Schädlichs Lesung kristallisierte sich bereits ein Aspekt heraus, der sich in den folgenden Tagen des Seminars bestätigen sollte: Was Heimat ist, liegt im Ermessen des Einzelnen und lässt sich wohl nicht allgemeingültig definieren. Die Art, wie individuelle Erfahrungen und Erwartungen in Literatur umgesetzt werden, weist eine Gemeinsamkeit auf. Sprache und der Umgang mit ihr spielen in vielen Texten eine wichtige Rolle. Während Bodrožić ihre Worte im Text migrieren lässt, während Maier Fremdheitserfahrungen in Alltagserlebnissen aus der Heimat widerspiegelt, akzentuiert Schädlich die Bedeutung von Muttersprachen. Er wolle, so sagte er in der Diskussion, den Lesern durch seine Schreibweise nichts erklären, sondern Denkräume eröffnen.

Der Schärfe der sprachlichen Wendungen Schädlichs steht das Tasten nach Worten im Schreiben Bodrožićs entgegen. Sie motiviert sich in ihren Texten immer wieder selber, Worte für Erlebtes zu suchen. „Finden wir eine Sprache für das, was wir sehen“, so heißt es in ihrem neuen Roman Kirschholz und alte Gefühle. Das klang wie ein sehnsuchtsvoller Wunsch sowie energischer Appell in einem. In ihrem Roman ist untergründig die Erinnerung an Krieg und Zerstörung in den Balkanstaaten präsent, auch wenn die Haupthandlung in den Metropolen Westeuropas angesiedelt ist. Weder das Denken an das Damals noch die Situation im Heute ist klar fassbar, da zeitliche und räumliche Ebenen sich in der Erinnerung und Wahrnehmung überschneiden. Halt in der neuen Umgebung zu finden ist ebensowenig möglich wie das Loslassen des alten Lebensumfeldes. Hören, Sehen, Fühlen vermischen sich in einem Sprachgestöber. In dieser Situation bilde die Sprache eine Art von Transitraum, so erklärte Marica Bodrožić, in dem die widersprüchlichen Emotionen und fremde Wahrnehmung kanalisiert würden.

Andreas Maier hat die Fremdheit des Schreibens bereits in seiner von der KAS geförderten Doktorarbeit über Thomas Bernhard zum Thema gemacht. Maiers Romanfiguren sind Fremde in der eigenen Heimat. Der Held in Die Straße, dem dritten Teil eines gewaltigen, auf elf Bücher angelegten hessischen Heimat-Epos mit dem Titel „Ortsumgehung“, ist ein Dorfjugendlicher. Sein Heimatgefühl gerät durch „Das Andere“ aus den Fugen; die Welt bekommt, u.a. durch Sexualisierung, einen anderen Hintergrund, von dem der junge Held jedoch nichts verstehe, so Maier. Statt der personifizierten Macht in Gestalt des Preußenkönigs sind es bei Maier gesellschaftliche Konventionen, die eine Ankunft in der Heimat erschweren.

Unmöglich ist das Finden einer Heimat jedoch nicht, wie Schädlich mit seiner Novelle vor Augen führte. Durch die Macht der Worte gewinnt Voltaire ein Heim in der Schweiz, fernab vom Königshof; die Villa „Les Délices – Haus der Wonnen“ ist ein „köstliches Refugium“. Was Friedrich mit aller politischen Macht nicht gelingt, erreicht Voltaire: einen Heimatraum unabhängig vom konkreten Lebensort. Friedrich II. dagegen bleibt bei seinem Versuch, die verachtete Muttersprache durch das Französische zu ersetzen, erfolglos und mit seinem „Kutscherdeutsch“ alleine.

Über diese Reihe

Die Konrad-Adenauer-Stiftung, ihre Bildungsforen und Auslandsbüros bieten jährlich mehrere tausend Veranstaltungen zu wechselnden Themen an. Über ausgewählte Konferenzen, Events, Symposien etc. berichten wir aktuell und exklusiv für Sie unter www.kas.de. Hier finden Sie neben einer inhaltlichen Zusammenfassung auch Zusatzmaterialien wie Bilder, Redemanuskripte, Videos oder Audiomitschnitte.

Herausgeber
Konrad-Adenauer-Stiftung e.V.


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