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Veranstaltungsberichte

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Berufseinstiege Jugendlicher mit Zuwanderungsgeschichte und der Wert kultureller Vielfalt

Von Katharina Senge


Berlin, 4. Jan. 2013

 
 

Wie gelingt Jugendlichen der zweiten und dritten Zuwanderergeneration der Einstieg in eine Ausbildung und der Übergang in den Arbeitsmarkt? Bei einem Expertengespräch sprachen u.a. Forscher und Politiker darüber, wie dieser Einstieg erleichtert werden kann. Mehrsprachigkeit und unterschiedliche kulturelle Erfahrungen, so die erste Annahme des Abends, müssen als Bereicherung erkannt werden. Kulturelle Vielfalt sollte – neben der Herausforderung, die sie im Arbeitsalltag darstellen kann – endlich auch in ihrer positiven Wirkung erkannt und als Selbstverständlichkeit wahrgenommen werden.

 

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Önder Kurt, Generalsekretär des Bundesverbandes der Unternehmervereinigungen BUV e.V. als Kooperationspartner der KAS, und Dr. Michael Borchard, Leiter der Hauptabteilung Politik und Beratung der Konrad-Adenauer-Stiftung, eröffneten das Expertengespräch. Borchard verwies auf Studien, die die soziale Herkunft der Eltern und den Schulabschluss der Kinder als zentrale Faktoren für Erfolg oder Misserfolg beim Ausbildungsbeginn nachweisen – für junge Menschen mit und ohne Zuwanderungsgeschichte gleichermaßen. Gleichzeitig bleibe jedoch eine Restdifferenz bestehen, ein negativer Effekt des Migrationshintergrundes, den es zu erklären gelte. Dazu erläuterte Dr. Nadia Granato vom Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung, dass die Unterschiede zwischen den Zuwanderergruppen und der sogenannten Mehrheitsgesellschaft größtenteils durch den unterschiedlichen Bildungsstand und die Qualifikation erklärt werden könnten. Ausnahme sei hier lediglich die türkische Gruppe. Wenn man als Vergleichskriterien zusätzlich die Einbindung in Netzwerke und die Sprachkenntnisse einbeziehe, gleichen sich die Gruppen noch einmal erheblich an. Ein letzter Rest an abweichender Ausbildungs- und Arbeitsmarktintegration von Zuwanderern könne zwar durch Diskriminierung zustande kommen, doch sei dies durch die Studien in der Regel nicht nachweisbar. Frau Dr. Granato warnte daher vor einer vorschnellen Begründung unterschiedlicher Berufserfolge mit Diskriminierung auf Seiten der Arbeitgeber und Institutionen. Vielmehr müsse bei den sozialen Unterschieden angesetzt werden, insbesondere beim Bildungsniveau und den elternhausunabhängigen Aufstiegsmöglichkeiten. Diskriminierung sei an sich ein schwer zu untersuchendes Phänomen, führte die Sozialwissenschaftlerin weiter aus. Ein möglicher Ansatz zum Nachweis von Diskriminierungen seien, so Dr. Granato, Untersuchungen wie die der Universität Konstanz, die fiktive Bewerbungen von Wirtschaftstudenten mit deutschen und türkischen Namen verschickt hatte. Türkeistämmige Studierende erhielten bei gleich guten Noten 14 Prozent weniger Einladungen zum Vorstellungsgespräch für ein Praktikum. Im internationalen Vergleich sei der Einfluss des Namens auf die Chancen eines Bewerbers in Deutschland jedoch sehr gering, so Granato. Kein Grund zum Alarmismus also. Dennoch betonte Michael Borchard, dass es „nicht nur vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels ein Eigentor ist, Studenten der zweiten und dritten Zuwanderergeneration unbewusst als weniger geeignet wahrzunehmen. Wir brauchen mehr Anerkennung und Selbstverständlichkeit gerade im Umgang mit der wachsenden Bildungselite unter Zuwanderern. Und es ist ein Zeichen dafür, dass das Bewusstsein für kulturelle Vielfalt in den Unternehmen noch zunehmen muss.“

Diesem Bewusstsein widmete sich Prof. Dr. Annekatrin Niebuhr vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung IAB in Kiel. Während sich die Forschung zu den Auswirkungen der Zuwanderung lange auf die Arbeitsbedingungen konzentriert habe, sei seit einigen Jahren die kulturelle Vielfalt in den Vordergrund gerückt. Dabei würden sowohl positive wie auch negative Effekte der Vielfalt auf den ökonomischen Erfolg untersucht. Ausgangspunkt ist dabei die Überlegung, dass sich Arbeitskräfte auch bei gleicher formaler Qualifikation und Erfahrung durch ihren kulturellen Hintergrund unterscheiden können. Die positiven Wirkungen, z.B. auf die Produktivität und für die Erschließung neuer Märkte, würden mit sich ergänzenden Fähigkeiten und Kenntnissen der Arbeitskräfte und unterschiedlichen Perspektiven auf Probleme begründet, so Prof. Niebuhr. Negative Effekte könnten sich unter anderem aufgrund von Kommunikationsproblemen und Konflikten in sehr heterogenen Belegschaften einstellen. Erste Studien wiesen darauf hin, dass die Qualifikation der Beschäftigten für die Diversitätseffekte von zentraler Bedeutung ist. Positive Wirkungen seien insbesondere für die kulturelle Vielfalt unter gut qualifizierten Arbeitskräften festzustellen.

Dr. Esther Hartwich, Bereichsleiterin Ausbildung beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag, sprach schließlich über die duale Ausbildung als Perspektive für migrantische Jugendliche: „Wir sollten das deutsche Konzept ‚duale Ausbildung` exportieren und besser erklären, im Ausland aber auch hier in Deutschland.“ Dass im Moment das Angebot für schwächere Schülerinnen und Schüler steige, sei auch eine große Chance für Jugendliche mit Migrationshintergrund. Rückstände im Bildungsniveau können weiter aufgeholt werden. Dr. Hartwich empfahl zur Übergangshilfe von der Schule in die Ausbildung eine Strategie auf vier Säulen: 1. regionale Vernetzung aller Beteiligten, 2. Ansprache und Einbeziehung der Eltern, diesen die duale Ausbildung erklären und sie überzeugen, 3. Erhöhung der Zahl von ausbildenden Unternehmen, deren Betriebsinhaber einen Migrationshintergrund haben, und 4. käme das steigende Angebot für Lernschwächere bereits jetzt auch Jugendlichen mit Migrationshintergrund entgegen.

Diese vier Säulen werden vorbildhaft umgesetzt vom BAREX e.V., einem Verein von Unternehmern mit Zuwanderungsgeschichte und Träger des Projektes „Partnerschaft für Ausbildung, Beschäftigung und Integration (PABI)“. PABI-Projektmanager Hakan Karaoglan bestätigte den Konsens beim Expertengespräch: „Um den Jugendlichen bei ihrem Berufseinstieg zu helfen, muss man die Eltern mit ins Boot holen, dann entstehen häufig Erfolgsgeschichten.“ Das Projekt begleitet persönlich und sehr zeitintensiv die Jugendlichen auf ihrem Weg in den Arbeitsmarkt und vermittelt Schulabgänger passgenau in Unternehmen. Zusätzlich setzt PABI darauf, migrantische Unternehmen bei der Zuerkennung als Ausbildungsbetrieb zu unterstützen. So konnten durch den Verein in Berlin und Brandenburg hunderte neuer Ausbildungsplätze geschaffen und mit passenden Azubis besetzt werden. Diese Unterstützung und Brückenschläge helfen ganz konkret beim Übergang von der Schule in die Ausbildung. Ein lobenswerter Ansatz, so Michael Frieser MdB, Moderator des Abends und integrationspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Eine Berufsausbildung ist der Ausgangspunkt für die weitere berufliche Laufbahn und immer mehr Voraussetzung für eine reguläre Beschäftigung. Gleichzeitig verlangt das soziale Umfeld Jugendlichen mit Zuwanderungsgeschichte noch immer größere Anstrengungen auf ihrem Ausbildungsweg ab. Umso mehr, so Frieser, seien die Leistungen dieser jungen Menschen anzuerkennen.

 

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