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Konrad-Adenauer-Stiftung (Logo)Veranstaltungsberichte

Im November 2014 fand in Berlin die zweite Tagung der 2012 vom Archiv für Christlich-Demokratische Politik, der Katholischen Universität Leuwen (KADOC) und dem Istituto Sturzo (Rom) gegründeten Plattform CIVITAS, Forum of Archives and Research of Christian Democracy, statt.

Über 35 Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus Belgien, Deutschland, Italien, Österreich, Polen, Rumänien und Spanien diskutierten in drei Sektionen auf der von der Hauptabteilung Wissenschaftliche Dienste/ Archiv für Christlich-Demokratische Politik ausgerichteten Jahrestagung über:

  • Entstehung und Entwicklung christlich-demokratischer Netzwerke,
  • Vernetzung Christlich-Demokratische Zirkel und ihr Verhältnis zur EVP,
  • EVP-Netzwerke in Europa und Lateinamerika.

Die Veranstaltung bot insbesondere auch jungen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen ein Forum zur Präsentation ihrer Forschungsergebnisse. In der ersten Sektion stellte Jaspar Trautsch sein Projekt „das europäische Bewusstsein und die westliche Identität“ vor. Trautsch beschrieb in seinem Vortrag die Identitätsfindung der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft, die durch die Idee des christlich geprägten Abendlandes geprägt und sich durch die transatlantischen Idee des Westens in Richtung einer demokratischen und liberalen Gesellschaft wandelte. Ein Leben in Freiheit unter Achtung der Würde der Person als Gegenentwurf zu den totalitär geprägten Systemen des Ostblocks im sowjetischen Einflussbereich und Grundgedanke der europäischen Einigung, die auch die teilweise Aufgabe nationaler Souveränität erforderte. Ein erster Schritt zu einem geeinten Europa war die Gründung der EGKS 1951. Deutschland konnte, wie es Konrad Adenauer formulierte, nicht ohne Europa leben und Europa nicht ohne Deutschland.

Grundlegend für den europäischen Einigungsprozess waren die persönlichen Kontakte der Staats- und Regierungschefs und der Vorsitzenden der nationalen Parteien. Steven van Hecke analysierte die Entwicklung dieser Netzwerke auf der Grundlage von Presseauswertungen und Zeitzeugengesprächen, da kaum schriftliche Quellen wie Gesprächsaufzeichnungen vorhanden sind. Im Laufe der Jahre institutionalisierten sich diese zunächst formlosen Zusammenkünfte. Auf den Treffen der Parteichefs werden wichtige Absprachen getroffen, die maßgeblich die Entscheidungsfindung der Staats- und Regierungschefs auf den europäischen Gipfeltreffen beeinflussen und durch die mediale Inszenierung ein trainingship für comming people bieten.

Als eigenständige transnationale Netzwerke fungierten unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die Zusammenschlüsse christlich-demokratischer Parteien auf europäischer Ebene beginnend mit dem ersten Geheimtreffen der westeuropäischen Christdemokraten im sogenannten „Genfer Kreis” und den 1947 gegründeten „Nouvelles Equipes Internationales” (NEI). Johannes Schönner stellte das von ihm und Michael Gehler in Zusammenarbeit mit der Konrad-Adenauer-Stiftung initiierte Interviewprojekt mit führenden europäischen Christdemokraten vor. Im Zentrum der Diskussion der Treffen der Parteiführer stand bereits in den frühen Jahren die Zusammenarbeit mit den britischen Konservativen und den konservativen Parteien in den nordeuropäischen Ländern. Unabhängig von den Parteien und Parteiführern schlossen sich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs einflussreiche christlich-konservative Politiker, Publizisten und Unternehmer aus zahlreichen westeuropäischen Ländern in mehreren transnational agierenden Elitezirkeln zusammen – unter ihnen das Centre Européen de Documentation et d’Information (CEDI), das Comité International de Défense de la Civilisation Chrétienne (CIDCC), das Liechtensteiner Institut d’Études Politiques und der sogenannte Cercle zusammen. Von der Öffentlichkeit nur wenig beachtet bildeten sie, wie Johannes Großmann darlegte, einen Sammelpunkt konservativer Kräfte von enormem Einfluss. Auf die erheblichen Unterschiede in Wertorientierung und Programmatik zwischen dem britischen Konservativen und den konservativen Parteien in den skandinavischen Ländern wies Martina Steber hin. Da insbesondere den britischen Konservativen der Partner auf europäischer Ebene fehlte, spielten sie, bis zum britischen EU-Beitritt, keine tragende Rolle in Europa. Dies galt auch für die ÖVP, wie Luca Leicis in seinem Vortrag über die internationalen Beziehungen der ÖVP konstatierte.

Die Bedeutung politischer Netzwerke im Demokratisierungsprozess zeigt das von Natalja Uriguen beschriebene spanische Beispiel. Bereits in der Endphase des Franco-Regimes leisteten sowohl die EVP, als auch die CDU und die Konrad-Adenauer-Stiftung, spanischen Partnern materielle und finanzielle Unterstützung und trugen so entscheidend zur politischen Stabilisierung des Landes nach dem Ende der Diktatur bei. Ein weiteres Modell ist die Demokratisierung der lateinamerikanischen Mercosur-Staaten (Argentinien, Brasilien, Paraguay, Uruguay) nach dem Ende der autoritären Regime. Christian Salm skizzierte die von europäischen Christdemokraten geleistete finanzielle und ideelle Unterstützung politischer Akteure und hob insbesondere die Bedeutung der Arbeit der politischen Stiftungen im Bereich der politischen Bildung und Schulung hervor. Ähnlich verhält sich die Situation in Chile, wie Hanns Jürgen Küsters in der anschließenden Diskussion ausführte.

In den Staaten des ehemaligen Ostblocks spielten christlich-demokratische Parteien nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Regime kaum eine Rolle. Ovidiu Vaida zeigte anhand von Ungarn und Rumänien auf, dass die nicht-sozialistischen Parteien eher liberal und ländlich konservativ-ländlich und pro-europäisch geprägt sind. Die Integration in Europa gelang durch die enge Kontaktpflege mit christlich-demokratischen Parteien und Politikern. Neben der materiellen Unterstützung trugen politische Bildungsmaßnahmen und die Gründung des Robert-Schuman-Instituts wesentlich zur politischen Stabilisierung im ehemaligen Ostblock bei.

Im Vorfeld der Tagung fand unter Leitung von Hanns Jürgen Küsters, Präsident von CIVITAS, die Sitzung des Steerings Boards statt. Mit dem Archivist und Technical Committee wurden die weiteren Schritte hinsichtlich des Ausbaus der Webseite und die Sicherung und Bereitstellung von Archivmaterialien für die Forschung diskutiert. Weitere Themen waren die Einwerbung von Drittmitteln für Forschungsprojekte und die Zusammenarbeit mit der Sektion der Partei- und Parlamentsarchivare (SPP) im Internationalen Archivrat. Informationen über laufende Forschungsarbeiten, neue Archivbestände und neue Findmittel sowie ausgewählte Quellenbestände sollen künftig über die Webseite von CIVITAS abgerufen werden können. Die Webseite wird am 3. März 2015 offiziell im Europäischen Parlament in Brüssel vorgestellt werden.

Zum Abschluss der Berliner Tagung kündigte Hanns Jürgen Küsters die Publikation der Beiträge an und teilte die Termine für kommenden Jahrestagungen 2015/2016 mit: Im Oktober 2015 findet in Rom die Jahrestagung zum Thema „Christliche Demokratinnen“ statt, die vom Istituto Sturzo organisiert wird. 2016 wird das Vogelsang-Institut in Wien die Tagung ausrichten. Im Fokus der Veranstaltung steht die Rolle christlicher Demokraten bei den Veränderungsprozessen nach dem Fall des Eisernen Vorhangs.

Über diese Reihe

Die Konrad-Adenauer-Stiftung, ihre Bildungsforen und Auslandsbüros bieten jährlich mehrere tausend Veranstaltungen zu wechselnden Themen an. Über ausgewählte Konferenzen, Events, Symposien etc. berichten wir aktuell und exklusiv für Sie unter www.kas.de. Hier finden Sie neben einer inhaltlichen Zusammenfassung auch Zusatzmaterialien wie Bilder, Redemanuskripte, Videos oder Audiomitschnitte.

Herausgeber
Konrad-Adenauer-Stiftung e.V.


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