zur Navigation springen
Konrad-Adenauer-Stiftung (Logo)

Vertraute Fremde – Muslime in Bulgarien (Teil V)

Gefahr einer Herausbildung radikaler, islamistischer Strömung

22. Juni 2015


Für eine von der Konrad-Adenauer-Stiftung in Sofia in Auftrag gegebene journalistische Recherche haben der Photograph Christian Muhrbeck und Frank Stier Anfang April 2015 von Muslimen besiedelte Provinzen bereist. 'Wie leben Muslime in Bulgarien und wie praktizieren sie ihren Glauben?' lautete ihr Erkenntnisinteresse. Außer mit Muslimen - Muftis, Imamen und Gläubigen – haben Muhrbeck und Stier auch mit Journalisten und Wissenschaftlern gesprochen, die einen Expertenblick auf das Thema haben.

„Es ist Zeit, dass sich bulgarische und türkische Historiker endlich an einen Tisch setzen, um gemeinsam eine objektive Geschichte dessen zu schreiben, was sich auf dem Balkan ereignet hat“, schlägt Mufti Beihan Mehmed vor. Nichtregierungsorganisationen wie das Bulgarische Helsinki Komitees (BHK) erheben diese Forderung seit langem. „Das bulgarische Bildungssystem muss sich öffnen; für Türken und Roma sollte es Lehrbücher und Unterricht in ihrer Muttersprache geben. Dies könnte zur Grundlage dafür werden, dass in den kommenden zehn Jahren Schulbücher geschrieben werden, in denen anstelle ´Türkischer Sklaverei` ´Osmanische Herrschaft` geschrieben steht“, sagt Juliana Metodieva. Anfang der 1990er Jahre hat sie das Bulgarische Helsinki-Komitee mitbegründet, war lange Chefredakteurin des BHK-Organs Obektiv und betreibt heute das Onlineportal www.marginalia.bg.

„Wir Pomaken sind die ersten Muslime in Europa“, sagt der Gründer des „Europäischen Instituts Pomak“ Efrem Mollov. Vor einigen Jahren hat sein Buch mit unkonventionellen und provokanten Thesen zur Herkunft der Pomaken die bulgarische Öffentlichkeit skandalisiert. Entgegen der herrschenden Lehrmeinung hält Mollov die Pomaken nicht für während der osmanischen Fremdherrschaft islamisierte Bulgaren, sondern für ein eigenes Volk, das lange vor der Landnahme der Osmanen bereits muslimisch war. Mollovs Buch hat keinen wissenschaftlichen Charakter, ist vielmehr sein Pamphlet in der Auseinandersetzung um die ethnische Selbstbestimmung der Pomaken. Nach Mollovs Тheorie praktizieren diese bis heute einen ursprünglicheren Islam als es der arabische sei. Ähnlich wie das Christentum habe sich der arabische Islam in verschiedene Fraktionen wie Sunniten, Schiiten, Wahabiten und Salafisten aufgesplittert. Die Pomaken hätten diese Aufteilung nie akzeptiert. „Wir Pomaken praktizieren unseren Glauben bis heute so, wie wir ihn lange vor dem Osmanischen Reich angenommen haben und genau das wollen die Imame, die ihre Ausbildung an arabischen Universitäten genossen haben, nicht akzeptieren, sondern ändern“, sagt Efrem Mollov.

Immer wieder gab es in den vergangenen Jahren Medienberichte darüber, arabische Stiftungen missionierten bereits seit den 1990er Jahren in Bulgarien für ihren im Vergleich zum bulgarischen orthodoxeren Islam. In Teilen der christlichen Mehrheitsbevölkerung erweckte dies Befürchtungen, mit arabischem Geld gebaute oder renovierte Moscheen könnten zu Brutstätten islamistischer Kräfte werden. Es war nicht der Anspruch unserer journalistischen Feldforschung, investigativ zu recherchieren, inwieweit die Anklage der bulgarischen Staatsanwaltschaft im Prozess von Pasardschik plausibel ist und es in Bulgarien den von Medien behaupteten „radikalen Islam“ tatsächlich gibt. Doch kam diese Frage in unseren Gesprächen natürlich immer wieder auf.

„Zweifellos besteht in Bulgarien die reale Gefahr einer Herausbildung radikaler, islamistischer Strömungen“, sagt etwa Alex Alexiev. Als Analyst für Sicherheitsfragen hat er für us-amerikanische Think-Tanks gearbeitet wie das konservative Washingtoner Hudson Institute und die Rand Corporation, die die us-amerikanischen Streitkräfte berät. Alexiev hält es für erwiesen, dass die im Prozess von Pasardschik beschuldigten Imame aus Saudi-Arabien stammende wahabistische Literatur verbreitet hätten, die dem moderaten bulgarischen Islam nicht entspräche. Er sieht genügend Beweise im Sinne der Anklage und rechnet fest mit letztinstanzlicher Verurteilung der angeklagten Imame. Ausländischer Einfluss nicht nur von der arabischen Halbinsel, sondern auch aus der Türkei könnte den bulgarischen Islam radikalisieren, fürchtet Alexiev.

Djevdjet Skenderov, der Imam von Osikovo, hat seinen Weg zur Religiosität erst 1998 gefunden, kann daher über die Situation der Muslime im Sozialismus und zu Beginn von Bulgariens Transformationsperiode wenig sagen. Für die jüngere Vergangenheit stellt er aber eine Hinwendung zum muslimischen Glauben fest. „Früher waren es vor allem Ältere, die hier in Osikovo die Moschee besucht haben, heute sind die Jüngeren in der Mehrheit“, sagt er. Wie sein Sofioter Kollege Mustafa gesteht auch Imam Skenderov freimütig zu, nur der kleinere Teil der bulgarischen Muslime praktiziere ihren Glauben aktiv und besuche regelmäßig die Moschee.

Gegenwärtig erfahre der bulgarische Islam so etwas wie eine Rückbesinnung zu seinen religiösen Wurzeln, berichtet Djevdjet Skenderov. Noch vor einigen Jahren hätten die Menschen nicht den Zugang zu religiöser Literatur gehabt wie heute. So seien noch Ende der 1990er Jahre religiöse Rituale vollzogen und Traditionen gepflegt worden, die mit dem Islam nichts zu tun hätten. Imam Skenderov sieht es als ein Verdienst der an arabischen Universitäten ausgebildeten Imame an, unislamische Gebräuche zurückgedrängt und an ihre Stelle dem Koran und der Botschaft Mohammeds entsprechende Riten gesetzt zu haben. Die Art der Bestattung, die in der Vergangenheit dazu geführt hätte, dass muslimische Gräber mit Blumen und Fotographien der Verstorbenen christlichen geähnelt hätten, sei ein Beispiel dafür von vielen. „Die jungen Imame haben ihre Informationen an der Quelle geschöpft“, sagt Skenderov, „wir können nun sehen, ob etwas, das wir praktiziert haben, richtig ist oder nicht. Und wenn etwas nicht richtig ist, dann machen wir es nicht mehr“. Die Hinwendung zu orthodoxeren islamischen Riten hält er nicht für „radikalen Islam“. „Es wäre in Bulgarien unmöglich, dass sich eine Gruppierung bildet, die sich etwa für die Gültigkeit der Scharia einsetzt“, sagt Imam Skenderov bestimmt.

Teil VI >>

Kontakt

AbbildungThorsten Geißler
Leiter des Auslandsbüros Bulgarien
Tel. +359 2 943-4388
thorsten.geissler(akas.de


zum Anfang springen