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Die Angst vor der Wahrheit

Wir müssen über Religion reden

Von Petra Bahr


Berlin, 14. Jan. 2016

 
 

Wenn Hunderttausende Männer aus meist muslimisch geprägten Ländern bei uns eine Heimat finden sollen, gehört nüchterne Kritik am Islam dazu.

 

Ein Junge ruft: »Fotze, du!« Das Wort wird mir hinterhergeworfen wie ein nasser Schneeball, der aus Versehen in meinem Nacken landet. Ich denke: Jetzt bist du doch zu alt für solche Beschimpfungen! Vier Jugendliche versperren den Eingang zur S-Bahn mit der Entschlossenheit von Zwergen in zu großen Körpern, die Hände tief in die Hosentaschen vergraben. Ich wohne am Alexanderplatz in Berlin. Da fängt man sich schon mal eine Verhöhnung ein. Einer ruft jetzt: »Allahu Akbar!«, und spuckt auf den Boden.

Wir müssen über Religion reden. Auch wenn die Gefahr besteht, vom schreiverzerrten Chor derer vereinnahmt zu werden, die über die Islamisierung des christlichen Abendland fantasieren. Nach den Ereignissen im Schatten des Kölner Doms über Religion und sexualisierte Gewalt zu reden ist heikel. In den Bildern, die um die Welt gingen, steht das Symbol deutscher Gotik da wie ein schweigender Greis, melancholisch versunken in die eigene, unvollendete Lerngeschichte des Christentums. Darin ist die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt längst nicht abgeschlossen. Doch wenn eine Million Menschen aus überwiegend muslimischen Ländern nun in Deutschland eine Heimat finden sollen, gehört ein nüchterner, kritischer Blick auf den Islam dazu. Genauer gesagt: auf die konfessionellen Prägungen, die sozialen Praktiken, die Auslegungsformen – die diejenigen mitbringen, die zu uns kommen.

Wir brauchen eine genauere Kenntnis der religiösen Topografie der Herkunftsländer. Wir brauchen präzisere Beschreibungen der kulturellen, politischen, familiären und auch religiösen Ordnungsmuster. Denn durch sie werden Ideale von Geschlecht, Hierarchie und Autorität vermittelt. Syrer zum Beispiel bringen Erfahrung mit Andersgläubigen und moderate Auslegungstraditionen mit. Nordafrikaner kommen in der Regel aus einer Welt weitaus strengerer religiöser Normen.

Sexuelle Übergriffe, auch von langer Hand geplante, gehören zum Alltag in fast allen muslimisch geprägten Ländern – obwohl Gewalt gegen Frauen auch im Islam als schwere Sünde gilt. Oft genug eskaliert die Gewalt unter Einfluss von Drogen und Alkohol. Frauenrechtlerinnen, Journalistinnen und kritische Theologen aus diesen Ländern weisen auf das Paradox von strikten Verboten und deren exzessiver Überschreitung seit Jahren hin. Sie schreiben über Pornokonsum, über Geschlechtertrennung, über »Reinheitsgebote«, die dem Recht auf sexuelle Selbstbestimmung widersprechen.

Gemäßigt religiöse Männer geben Frauen nicht die Hand – aber fassen ihnen in Bussen und Vorlesungssälen unter den Rock. Sicher sind weder Frauen mit Kopftuch noch ohne. Sogenannte Ungläubige aber sind sexueller Gewalt besonders ausgeliefert. Diese Frauen fühlen sich jetzt alleingelassen vom Justemilieu in den westlichen Gesellschaften. Kein Aufschrei über ihr Leid, nirgends. Und die rhetorische Floskel, »eigentlich« gehe es in fundamentalistisch angeheizten Konflikten um etwas ganz anderes, nämlich um soziale Benachteiligung oder um westliche Engstirnigkeit, macht das Verschweigen noch bitterer. Die die Floskel benutzen, leugnen, dass Religion soziale Auswirkungen hat.

In den dunklen Ecken deutscher Großstädte kann man beobachten, was passiert, wenn wir nicht auch über Religion reden. Zu lange wurde der Jugendrichterin aus Hamburg, der Lehrerin aus dem Ruhrgebiet oder dem Bezirksbürgermeister aus Berlin unterstellt, unter einer déformation professionelle zu leiden, wenn sie aus der Lebenswelt der Desintegrierten berichteten: über Gott als Alibi für die Demütigung von Mädchen, für Respektlosigkeit gegenüber der Polizei, für Kriminalität. Diese dunklen Ecken sind nicht das ganze Bild. Doch sie unausgeleuchtet zu lassen, weil das Bild nicht hässlich werden soll, ist eine gefährliche Form des Selbstbetrugs – vielleicht der letzte Obskurantismus der Intellektuellen.

Was war zuerst da? Die soziale Isolation oder der mangelnde Integrationswille? Die aggressive Machogeste oder die Demütigung durch auf Dauer gestelltes Fremdsein?

Tatsächlich wird für manche muslimische Migranten die unhinterfragte Tradierung des Islams zum Machtinstrument. Sie antworten auf den Vorwurf der Unterlegenheit ihrer Religion mit maßlosem Überlegenheitsgefühl. Dabei sind religiös inszenierte Mackergesten nur die Oberfläche einer unheimlichen Entwicklung: 15-Jährige spielen sich zu Wächtern darüber auf, ob Mitschüler sich an die Gebote des Ramadan halten. Ältere Brüder überprüfen die Rocklänge ihrer Schwestern am Schulhofausgang. Mädchen ohne Kopftücher werden bespuckt und als »Huren« beschimpft. Pubertäre Meuten betreten den Klassenraum mit dem Ruf »Allahu Akbar« und »Fuck you« in Richtung Lehrerin. Das ist religiöse Affirmation und sexuelle Beleidigung in einem Atemzug.

Natürlich ist testosterongesteuertes Muskelspiel dabei. Sprachnot wird in Gesten der Provokation verwandelt. Doch man macht es sich zu einfach, solche Phänomene als Rowdytum abzutun. Viele muslimische Knaben erleben die religiös begründete Unterdrückung von Frauen. Sie wachsen mit einem unhinterfragten Ehrbegriff auf, der sich mit der Idee gleicher Würde nicht verträgt. Sie sehen die Repressionen, die ältere Geschwister ertragen müssen, wenn sie sich einen nicht muslimischen Partner suchen. Sie lernen von klein auf Antisemitismus kennen, und der wird auf deutschen Schulhöfen bereits so offen artikuliert wie in deutschen Flüchtlingsunterkünften.

Ja, Religion hat ihren Anteil an der Verachtung anderer und an der Ablehnung gleicher Freiheitsrechte. Wenn dieser versteinerte Islam aufgebrochen werden soll, der nur aus Bruchstücken der facettenreichen islamischen Tradition besteht, brauchen wir religiöse Bildung und islamische Selbstaufklärung für die breite Masse der Muslime. Viel wäre schon gewonnen, wenn muslimische Dissidenten in den deutschen Islam integriert blieben, wenn Islamverbände die Kritiker aus den eigenen Reihen respektierten und antiwestlichen Verschwörungstheorien entgegenträten. Der ständige Hinweis, es handle sich bei gewalttätigen Formen von Religiosität nicht um authentische Religiosität, genügt nicht.

Und die »Vermännlichung« des öffentlichen Raums? In manchen Straßenzügen Berlins ist sie beinahe abgeschlossen. Nun kommen mehrere Hunderttausend junge Männer dazu: aus Bürgerkriegsregionen, traumatisiert, aus allen sozialen Bezugssystemen gerissen. Die Rede von Einzeltätern, der normative Individualismus westlicher Gesellschaften, versperrt den Blick darauf, aus welchen normativen Netzen die Männer kommen. Im Niemandsland zwischen der verlorenen Heimat und dem Wartestand auf ein besseres Leben sind diese jungen Männer empfänglich für radikal religiöse Abenteuer. Nicht weil sie besonders religiös sind, sondern weil die Idee einer heroischen, exklusiven Gemeinschaft ihrem Leben Sinn gibt. Oft haben sie keine eigene religiöse Urteilskraft ausgebildet, um Abstand zu halten zu den gefährlichen Pop-Theologien der Salafistenprediger. Die wissen das.

Deshalb müssen wir neben Sprachkursen und warmer Kleidung auch geistige Lebensmittel in die Flüchtlingseinrichtungen bringen. Flüchtlinge brauchen soziale Bindungen, Autoritäten, männliche Vorbilder und Begleiter, religiöse Angebote und eine Islamkunde, in der Kritik selbstverständlich ist.

»Hier gibt es Brot mit Schweinefleisch und halb nackte Mädchen, die mitten im Winter Bikinis verkaufen«, sagte ein 19-jähriger Flüchtling auf die Frage eines Journalisten, was ihm in Deutschland als Erstes aufgefallen sei. Dieser Mann muss nun akzeptieren lernen, dass gleichaltrige Frauen mit Wonne einen Burger essen, kichernd über Jungs lästern und per WhatsApp eine Verabredung mit dem Liebsten treffen, ohne den Vater zu fragen. Der Mann muss Freiheit lernen. Hoffentlich kennen wir, die wir schon lange in Freiheit leben, ihre geistigen Grundlagen. Hoffentlich ist sie uns nicht nur eine Formel aus den Sonntagsreden. Hoffentlich wissen auch die Mädchen selbst, warum sie hier frei leben, frei reden, frei lieben und frei glauben dürfen.

Das Bild des Kölner Doms ist eine Warnung: Zum Erbe der Aufklärung gehört auch Aufklärung über Religion. Das Erbe verkommt zur Kulisse, wenn wir es nicht ernst nehmen – als verbindliche Grundlage für alle.

 

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