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Im Rahmen des DenkTag-Projektes las Michael Kogon aus seinem Erinnerungsbuch vor und berichtete über die teils skurrile, teils dramatische Familiengeschichte.

Am 71. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz führte die Akademie der Konrad-Adenauer-Stiftung eine Lesung mit Michael Kogon durch. Er hat das Buch „Lieber Vati! Wie ist das Wetter bei dir?“ mit Erinnerungen an seinen Vater, Eugen Kogon, und Briefen von seinem Vater aus dem Konzentrationslager Buchenwald veröffentlicht. Der Holocaust-Gedenktag solle genutzt werden, um zum Denken, zum Nachdenken anzuregen, sagte Andreas Kleine-Kraneburg, Leiter der Akademie, in seiner Begrüßung. Und die teils skurrilen und absurden Berichte, die Kogon aus seinen Erinnerungen an seinen Vater vorlas, brachte die Zuhörer an diesem Abend tatsächlich zum Nachdenken.

So erzählte Kogon, wie er im Herbst 1944 als sechzehnjähriger Flakhelfer alliierte Bomber vom Himmel über Wien holen sollte. Gleichzeitig war sein Vater, von der SS zum „Volljuden“ erklärt, im Konzentrationslager Buchenwald gefangen. Er habe also das Regime verteidigen müssen, das seinen Vater unter menschenunwürdigen Bedingungen festhielt. Der Zwiespalt, in dem sich der junge Kogon befand, trat auch im Alltag zutage: Zu Weihnachten 1944 erhielt er von seinem Vater Fell-Handschuhe: Sie wärmten zwar wunderbar, waren jedoch klobige Fäustlinge. Er habe sich allerdings elegante Kunstlederhandschuhe gewünscht, denn in ihm hatte – trotz des Krieges und der widrigen Umstände – „ein Rest Modebewusstsein überlebt“, wie er gestand. So sah er sich vor der Herausforderung, widerwillig Dankbarkeit zu zeigen.

Nach der Lesung führte Andreas Kleine-Kraneburg ein Gespräch mit Michael Kogon zur Entstehung des Buches und dessen Erinnerungen. Die Unterhaltung geben wir hier in aller Kürze wieder:

Kleine-Kraneburg: Wussten sie von den Briefen Ihres Vaters aus dem KZ Buchenwald?

Kogon: Ja, die hatte ich schon lange zur Verfügung. Die offiziellen Briefe waren aber weniger aussagekräftig als die geheimen Botschaften. Meine Eltern „unterhielten“ sich über die Schmutzwäsche, die meine Mutter wöchentlich aus dem KZ zur Reinigung erhielt, aus der Haft geschmuggelte, beschrieben Stoffbahnen. Diese „Kassiber“ entdeckte ich erst 1989.

Als ihr Vater 1938 verhaftet wurde, gab es lange kein Verhör, keine Anklage. Das erinnert stark an Kafkas „Der Prozess“…

Die Zeit in Wiener Gefangenschaft war für ihn tatsächlich psychisch schwerer zu ertragen als das KZ. Als zutiefst gläubiger Katholik versuchte er Trost aus der Bibel zu erhalten. Als er ins KZ kam, wusste er woran er war, dass er ermordet werden würde. Doch selbst da versuchte er bis zum Schluss souverän zu bleiben und nahm sich beispielsweise vor, bei der bevorstehenden Vergasung schnell einzuatmen, um schneller zu sterben.

Während der Gestapo-Haft in Wien schrieb er sogar literarische Texte. Wie war das möglich?

Er wurde ja zwei Monate lang festgehalten und nicht verhört. Da er Hefte und einen Bleistift dabei hatte, konnte er schreiben. So verfasste er einen Kriminalroman, in dem er seine eigene Flucht verharmloste. Seine Hoffnung war, dass die Gestapo diese Geschichte entdeckte und sie ihm bei einem Prozess helfen würde. Er schrieb aber auch eine Nazi-Persiflage auf die Randseiten des „Völkischen Beobachters“, der einzigen Zeitung, die sie im Gefängnis lesen durften. Diese Komödie „versteckte“ er dann in einem statistischen Jahrbuch, indem er jeden verwendeten Buchstaben dort punktierte. Es hat mich nach dem Krieg Wochen gekostet, das Werk wieder zu dechiffrieren.

Sie sind als Elfjähriger der Hitlerjugend beigetreten. Da war ihr Vater schon in Gestapo-Haft. War Ihnen diese Absurdität klar?

Nein, in diesem Alter hatte ich noch kein politisches Bewusstsein. Mein Bruder und ich lebten damals in einem Benediktinerkloster, ein sehr eintöniges Leben. Die HJ bot uns eine Uniform, Kampfspiele in Ruinen, wir konnten Filme schauen und lernten boxen. Also alles, was Jungen damals toll fanden. Das brachte ich mit der Gefangenschaft meines Vaters nicht zusammen.

Im Buch wird Ihre Mutter als Heldin dargestellt.

Genau, das war sie. Sie hat mir mehrmals das Leben gerettet.

Ihr Vater kam erst im August 1945 zu Ihnen zurück. Wie war das Wiedersehen?

Er stand plötzlich in der Tür und wir waren etwas perplex, das war eine unerwartete Situation. Wir haben uns alle umarmt. Doch statt uns zu unterhalten sagte mein Vater: „Wir müssen in vier Stunden weg.“ Ein Auto wartete auf uns und sollte uns nach Frankfurt bringen. Für uns war das wie ein Donnerschlag. Seine Worte standen symptomatisch für die folgenden Jahrzehnte. Mein Vater war beim Wiederaufbau Deutschlands dabei, wurde nach Analysen gefragt, schrieb Bücher und gründete seine eigene Zeitung. Der Druck wuchs ständig. Diese Hektik kündigte dieser eine Satz damals schon an.

Über diese Reihe

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Herausgeber
Konrad-Adenauer-Stiftung e.V.


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