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Veranstaltungsberichte

„Die jüdischen Gauchos“

Eine akustische Zeitreise in das neue Leben russisch-jüdischer Emigranten in Argentinien

Von Stefan Stahlberg


Berlin, 19. Feb. 2016
Bereitgestellt von: Akademie Berlin

 
 

Alberto Gerchunoffs „Jüdische Gauchos“, begleitet von lateinamerikanischem Gitarrenspiel: Die Darbietung von Lucian Plessner in der Akademie der Konrad-Adenauer-Stiftung war kein bloßer Wechsel von Vorlesung und Gitarrenspiel. Beides griff ineinander über und wurde zu einer künstlerischen Symbiose, die die Zuhörer in eine andere Welt eintauchen ließen, weit entfernt in Zeit und Raum: Dem neuen Leben der ehemals russischen Juden, die sich seit Ende des 19. Jahrhunderts in Argentinien eine neue Heimat aufbauten.

 
  • Lesung und Konzert Lucian Plessner Jüdische Gauchos

  • Lesung und Konzert Lucian Plessner Jüdische Gauchos

  • Lesung und Konzert Lucian Plessner Jüdische Gauchos

  • Lesung und Konzert Lucian Plessner Jüdische Gauchos

  • Lesung und Konzert Lucian Plessner Jüdische Gauchos

Diese Wirklichkeit könnte eigentlich kaum weiter entfernt sein. Und doch standen diese Menschen vor den gleichen Problemen wie Migranten heute: Die Zugewanderten mussten sich eingewöhnen, anpassen, integrieren; die Einheimischen mit den neuen Nachbarn zurechtkommen. Plessner schaffte es, in der geschickten Verknüpfung ausgewählter Textpassagen und passender Lieder diese längst vergangene Zeit in die Gegenwart zu holen und das Leben der Menschen für die Zuhörer wahrnehmbar zu machen.

Mit den Kolonialisten lachen und leiden

Man sieht die Kolonisten neue Äcker schaffen und gemeinsam die Furchen ziehen, hört den Pflug knirschen, spürt die Ochsen gleichmütig und sanft über das Feld trotten, sitzt neben der Großmutter, die Läuse aus den Haaren der Enkelin sammelt, beobachtet mit den Neuankömmlingen die heilige besungene Morgenröte, während morgens die ersten Gespräche den neuen Tag einläuten. Der Zuhörer leidet mit den Kolonisten, als eine Heuschreckenplage die gesamte Ernte vernichtet, trauert um den ermordeten Rabbi, wundert sich über seltsame rosafarbene Limonade und schmunzelt mit den Gästen einer Hochzeit, auf der die Braut mit ihrer wahren Liebe durchbrennt. Das Zusammenleben verläuft nicht konfliktfrei. Trotzdem blüht das Leben in der Gemeinde und seinen Mitgliedern auf und die Menschen unterstützen sich gegenseitig.

Äußerlich schnell angepasst, innerlich noch nicht angekommen?

Rein äußerlich sind die Neuen kaum von den Alteingesessenen zu unterscheiden: wallender Bart, hohe Stirn, sonnengebräunt mit Pluderhose und Dolch am Gürtel. Doch das Gitarrenspiel offenbart scheinbar die hin- und hergerissenen Herzen der Emigrierten: nachdenkliche Erinnerungen über das vergangene Leben in Russland, zugleich Hoffnungen und Träume in der neuen Heimat. Die Juden sind sich der biblischen Dimension ihres neuen Lebens zutiefst bewusst: Der Vater ist nicht mehr Pfandleiher oder Märtyrer, sondern Hirte und Bauer wie sein Urahn. Doch das eigene Leben ist noch nicht Alltag geworden, es fehlt die Sicherheit der Kontinuität. Die Kontinuität liegt im Wandel. Das wird deutlich, wenn der bleiche Wintertag mit seinen weißen Wegen ein kurzes Abbild Russlands wiedergibt. Halt geben auch Glaube und Religion.

Den Blick nach vorn und zurück richten

Die musikalisch übertragene Gefühlslage der „jüdischen Gauchos“ lässt sich am besten mit einer gewissen Janusköpfigkeit beschreiben: befreit, beschwingt, trotzdem wehmütig und sich des Zufalls bewusst, dieses schöne Land ihr Zuhause nennen zu können. Sie haben den Blick wohlgemut nach vorn gerichtet, schauen gleichzeitig aber auf die eigene Vergangenheit im Zarenreich und werfen voller Staunen den Blick auf die biblische, paradiesische Wirklichkeit, die nun eigene Realität geworden ist.

 

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