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Veranstaltungsbeiträge

Die jüdisch-arabischen Beziehungen in Israel auf dem Prüfstand der Zeit und Realität

20-jähriges Bestehen des Konrad-Adenauer-Programms für jüdisch-arabische Kooperation

Von Anna Jandrey


Israel, 23. März 2016
Bereitgestellt von: Auslandsbüro Israel

 
 

Auch verfügbar in English

Den Dialog und die Annäherung zwischen jüdischen und arabischen Israelis zu fördern - mit diesem Ziel rief die Konrad-Adenauer-Stiftung vor 20 Jahren gemeinsam mit dem Moshe Dayan Center for Middle Eastern and African Studies der Tel-Aviv Universität das „Konrad-Adenauer Program for Jewish-Arab Cooperation“ (KAP) ins Leben. Das runde Jubiläum wurde im Rahmen einer Vortrags- und Diskussionsrunde unter anderem mit der Knesset-Abgeordneten und ehemaligen Ministerin Tzipi Livni und Prof. Elie Rekhess, einem Gründer des Programms, am 23. März in der Tel Aviv Universität gefeiert.

 
  • ח"כ ציפי לבני בכנס לציון 20 לתכנית קונרד אדנאואר לשיתוף פעולה יהודי-ערבי

  • Dr. Michael Borchard

  • Ankunft Tzipi Livni

  • Überreichung der Urkunde

Die Veranstaltung wurde durch Prof. Uzi Rabi, den Leiter des Moshe Dayan Centers eröffnet. In seiner Begrüßung lobte er die Zusammenarbeit mit der KAS und würdigte die gemeinsam durchgeführten Projekte der vergangenen Jahre, die einen stetigen Austausch zwischen jüdischen und arabischen Israelis ermöglicht hätten. Der ursprüngliche Ansatz des akademisch ausgerichteten Programms, einen offenen Dialogkanal zwischen den israelischen Bevölkerungsgruppen zu etablieren und damit ein öffentliches Interesse für die Implementierung einer demokratischen und pluralistischen Gesellschaft in Israel zu generieren, sei eindrucksvoll geglückt.

Die erste Diskussionsrunde wurde durch ein Grußwort des Leiters des KAS-Büros in Israel Dr. Michael Borchard eingeleitet. Er blickte darin stolz auf die vielen Erfolge und die Entstehungsgeschichte des KAP zurück, das sich zu einem der „flagship-Projekte“ der Stiftung in Israel entwickelt habe. Das freudige Jubiläum diene jedoch auch dazu, die derzeitige politische sowie inner-gesellschaftliche Situation und die Stellung der arabischen Minderheit in Israel kritisch zu hinterfragen. Denn trotz vieler positiver Entwicklungen gebe es weiterhin eine große sozio-ökonomische, zivilgesellschaftliche und politische Kluft zwischen arabischen und jüdischen Israelis. Noch immer sei das gegenseitige Bild von starken Vorurteilen und Unverständnis, aber auch schlicht weg von Unwissen geprägt. Demzufolge sei die Gründungsidee des Programms heute aktueller denn je. In diesem Zusammenhang lobte und bedankte sich Dr. Borchard vor allem bei seinen Vorgängern, Dr. Michael Lange und Dr. Gerhard Wahlers, ohne deren Mut und Vision das Programm heute nicht in seiner weitreichenden Bedeutung bestehen würde. In Anbetracht der aktuellen Terrorwelle in Israel, die gerade auch die arabischen Israelis in ihrer Identität herausfordere, habe die Ausrichtung von KAP in keiner Weise an Aktualität und Notwendigkeit verloren. Dies zeigten auch Ergebnisse aktueller Umfragen, wie die des PEW Research Centers. Dennoch werde das Bild auch oftmals schwärzer gezeichnet als es sei, sagte Dr. Borchard. So machen einige Studien, beispielsweise die des Israel Democratic Institute auch deutlich, dass es auch positive Entwicklungen gebe: So teilen viele der jüdischen und arabischen Bürger gemeinsame Werte und Interessen.

Als eine der Ehrengäste ergriff daraufhin die Knesset-Abgeordnete (Zionistische Union) und ehemalige Justiz- und Außenministerin Tzipi Livni das Wort. Sie hob das KAP und vor allem die Arbeit der KAS in Israel, die sie selbst durch ihre Teilnahme an Veranstaltungen kennenlernen durfte, lobend hervor. Die Arbeit solcher Institutionen stelle für sie - entgegen der aktuellen Schritte der israelischen Regierung - einen wichtigen Pfeiler des demokratischen Systems und einer pluralistischen Gesellschaft in ihrem Heimatland dar. Israel berufe sich ganz klar, auch wenn nicht konstitutionell, auf ein demokratisches und jüdisches Wertesystem und gehöre damit zu der „modernen freien Welt“. Diese Wertebasis sei in Zeiten des Terrors und im Kampf gegen islamistische Bewegungen für Israel entscheidender denn je zuvor. Gerade im Zuge der gewaltsamen Terrorakte, die die westliche Wertegemeinschaft so schwer erschüttern, dürften die demokratischen Werte nicht aufgegeben werden. Zu diesem jüdischen Werteverständnis gehöre eben aber auch die Akzeptanz von Gleichberechtigung innerhalb der eigenen Gesellschaft. Die Rücksichtsnahme auf Minderheiten im eigenen Land gehe damit selbstverständlich einher, so Livni. Ebenfalls sei es sehr wichtig zu verhindern, dass aus dem israelisch-palästinensischen Konflikt durch die Einflussnahme von radikal Gesinnten ein religiöser Brandherd entstehe. Es liege an der Bevölkerung selbst, die Verbreitung von Hass, Rassismus und Gewalt, gerade durch die Macht der Sozialen Medien, zu unterbinden. Nur so und mit der Errichtung zweier Staaten könne der Gewaltspirale im israelisch-palästinensischen Konflikt ein Ende gesetzt werden.

Als zweiter Redner folgte der Journalist und Knesset-Abgeordnete Zouheir Bahloul (Zionist Union). In einem sehr emotionalen Vortrag berichtete der in Akko aufgewachsene Araber von eigenen Erfahrungen der Ausgrenzung und der alltäglichen Trennung von arabischen und jüdischen Israelis. Für ihn seien die vielen Versuche ein Zusammenleben von Arabern und Juden in Israel zu ermöglichen kolossal gescheitert. „Die Bevölkerungsgruppen leben nicht miteinander, sondern nebeneinander“, so Bahloul. Die jüdische Gesellschaft sei in der Frage, wie mit den Arabern umzugehen sei, vollkommen verstummt und gelähmt. Die Bevölkerung müsse verstehen, dass die Araber ihre eigene Identität in Form einer palästinensischen DNA nie aufgeben werden, um sich vollends in die israelische Mehrheitsgesellschaft zu integrieren. Wenn dieser Aspekt unter den jüdischen Israelis keine Akzeptanz finde, werde es nie zu gemeinsamen Lösungsansätzen und einer Minderung der Spannungen kommen.

Extra für die Veranstaltung aus den USA angereist war Prof. Eli Rekhess, einer der Gründer des KAP und führender Experte für die arabische Gesellschaft in Israel und den israelisch-palästinensischen Konflikt. Er bekam zum Ende der ersten Vortragsrunde von Dr. Borchard eine Ehrenurkunde für sein Engagement überreicht. Im Rückblick auf die Entstehungsphase des Programms unterstrich Prof. Rekhess nochmals die Gründungsmotivation des KAP: (1) Förderung der akademischen Forschung über die arabische Minderheit in Israel,(2) Aufbau einer Datenbank über die arabischen Israelis, (3) Schaffung einer Dialogplattform, die einen offenen und kritischen Austausch ermöglicht, (4) Konsolidierung der politischen Entscheidungsträger. Zwar könnten bei allen der vier Punkte große Erfolge verzeichnet werden, dennoch sei das Programm noch lange nicht am Ziel.

Der zweite Teil der Veranstaltung widmete sich den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen über die jüdisch-arabischen Beziehungen in Israel. Dr. Nohad Ali von der Universität Haifa präsentierte die Ergebnisse seiner noch unveröffentlichten Studie über die Bedeutung von Arabern in der israelischen Wissenschaft. Die Daten von acht Universitäten und zwei Colleges machen demnach deutlich: Araber sind sowohl unter den Studenten als auch unter den Lehrkräften deutlich unterrepräsentiert. Häufig ziehe es arabische Israelis zum Studieren ins Westjordanland oder nach Jordanien. Offen ließ Dr. Ali die Frage, ob die Einrichtung arabischer Universitäten in Israel das Problem lösen könnte.

Arik Rudnitzky, Projektmanager des KAP, sprach anschließend über die Identitätsfrage in der jüdisch-arabischen Gesellschaft. In den letzten Jahren habe sich besonders unter den jungen arabischen Israelis eine eigenständige palästinensische Identität herausgebildet. Zwischen 2003 und 2015 stieg unter den arabischen Israelis der Anteil derer, die sich als Palästinenser bezeichnen, von 5,6 auf 25,8 Prozent. Als Grund für diese Tendenz nannte Arik Rudnitzky die Schwäche der PLO, die von immer weniger Palästinensern als legitimer Repräsentant empfunden wird. Diese Entwicklung müsse bei den Verhandlungen für eine Zwei-Staaten-Lösung mitbedacht werden, sagte der Experte.

Den Abschluss der Präsentationen übernahm Shlomo Daskal. Er untersucht die arabischen Medien in Israel und stellte auf der Konferenz seine Fallstudie über den Radiosender A-Shams vor. Das Ergebnis der Untersuchung: Innerhalb des Senders gibt es einen Konflikt zwischen der zivilen und der nationalen Identität.

Die Forschungsergebnisse der Wissenschaftler und auch die Eindrücke der Experten haben es auf dieser Konferenz deutlich gezeigt: Auch nach 20 Jahren des Engagements durch das KAP sind die jüdischen und arabischen Israelis längst noch nicht zu einer Gesellschaft zusammengewachsen. Gleichzeitig besteht die Hoffnung, dass ein Ausgleich der Unterschiede möglich ist. Für das KAP ist das Motivation genug, sich auch in den kommenden Jahren für den offenen und kritischen Austausch zwischen jüdischen und arabischen Bevölkerungsgruppen einzusetzen.

 

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