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Der globale Terrorismus finanziert sich mittlerweile in hohem Maße durch Schwarzhandel und andere kriminelle Machenschaften. Das Geld kann dabei einerseits aus Bagatelldelikten stammen, wie es bei den jüngsten Anschlägen in Westeuropa der Fall war, oder andererseits aus Ölschmuggel, wie ihn der sogenannte Islamische Staat (IS) betreibt und damit viele Millionen US-Dollar einnimmt. Dieser Terrorismusfinanzierung kann nur Einhalt geboten werden, wenn mit einem mehrdimensionalen Konzept dagegen vorgegangen wird.

Einführung: Die Finanzierung des globalen Terrorismus

Zu Zeiten des Kalten Kriegs waren es vor allem Staaten, die Terrorgruppen finanzierten, weshalb häufig von „staatlich gefördertem Terrorismus“ die Rede war. Doch auch damals waren Kriminalität und Terrorismus miteinander verstrickt. In vielen Regionen der Welt finanzierte sich der Terrorismus aus dem Drogenhandel. Vor allem in Lateinamerika war der „Drogenterrorismus“ besonders stark ausgeprägt: Die Hauptakteure waren hier die Guerillaorganisationen Sendero Luminoso und Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia (FARC). Aus sichergestellten Daten der FARC geht hervor, dass sich das Gesamteinkommen der Organisation im Jahr 2003 auf etwa 170 Millionen US-Dollar belief, wobei der Drogenanbau (46 Prozent) gefolgt von Erpressung (42 Prozent) die größte Einnahmequelle darstellte (vgl. hierzu auch den Beitrag von Gehring/Koch in dieser Ausgabe).

Der Aufstieg von al-Qaida fußte dagegen auf einem ganz anderen Modell der Terrorismusfinanzierung. Die Mittel stammten in erster Linie weder von Staaten noch aus kriminellen Geschäften. Es waren reiche Einzelpersonen und Unterstützer aus unterschiedlichen Staaten, allen voran den Golfstaaten, welche die Organisation finanziell förderten. Vor den Anschlägen vom 11. September betrug das Jahresbudget von al-Qaida Schätzungen zufolge 30 bis 35 Millionen US-Dollar. Osama Bin Laden, der aus einer wohlhabenden saudischen Familie stammte, brachte seine eigenen Mittel und Ressourcen ein. Doch er war nur einer von vielen. Da die eingenommenen Gelder die Ausgaben jedoch nicht deckten, nahmen al-Qaida und ihre Zweigorganisationen im Laufe der Zeit kriminelle Geschäfte auf, um zusätzliche Einkünfte zu erwirtschaften.

Das Problem der Finanzierung von Terrorismus durch kriminelle Geschäfte wurde durch zwei Maßnahmen verschärft: Zum einen wurden infolge der Anschläge vom 11. September strengere Finanzkontrollen im internationalen Bankensystem eingeführt. Zum anderen wurde die Finanzaufsicht und -überwachung von Korrespondenzbanken und verdächtigen Finanztransaktionen mit der Verabschiedung des 'US Patriot Act' verstärkt. Infolgedessen sahen sich Terrorgruppen gezwungen, Einkünfte außerhalb des etablierten Finanzsystems zu erwirtschaften.

Gegenwärtig gibt es auf der Welt so gut wie keine terroristischen Gruppierungen, die ihre finanziellen Mittel nicht aus kriminellen Machenschaften beziehen. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen hat seit Ende 2014 in vier gesonderten Resolutionen auf die bedeutende Verstrickung von Terrorismus, organisiertem Verbrechen und Korruption hingewiesen. Die Kriminalität ist nicht länger ausschließlich ein Problem der Justiz. Kriminalität hat sich zu einem Phänomen entwickelt, das – durch die Verstrickungen mit dem Terrorismus – die regionale, nationale und internationale Sicherheit gefährdet.

Bagatelldelikte und grenzüberschreitende Kriminalität sind jedoch nicht zwangsläufig mit Terrorismus verbunden. Bei grenzüberschreitenden Verbrechen und dem Schwarzhandel verhält es sich in den überwiegenden Fällen so, dass vor allem Kriminelle, korrupte Beamte und Unternehmer von solchen Machenschaften profitieren, die häufig als Strohmänner oder Vermittler der Terroristen fungieren. Es ist daher mitunter schwierig, unter viel größeren rechtswidrigen Finanzströmen Verbrechen mit Terrorbezug auszumachen. Die Ermittlungsarbeit wird zudem dadurch erschwert, dass die Verbrechen oftmals kleineren Ausmaßes sind oder sich legale und illegale Geschäfte vermischen, wie dies beispielsweise beim Öl aus den vom sogenannten Islamischen Staat (IS) kontrollierten Gebieten der Fall ist (vgl. hierzu auch den Beitrag von Gaier in dieser Ausgabe).

In Bezug auf den IS muss jedoch ein wichtiger Aspekt beachtet werden: Die Verbrechen, mit denen sich der IS im Nahen Osten finanziert, unterscheiden sich erheblich von jenen, mit denen die jüngsten Anschläge in Europa und den USA finanziert wurden. Für seine Aktivitäten im Nahen Osten benötigt der Islamische Staat Hunderte Millionen von US-Dollar – und zwar jährlich. Hingegen sind vom IS motivierte Terroranschläge im Westen eher „kostengünstig“ und die Mittel dafür werden vor Ort beschafft (vgl. hierzu auch den Beitrag von Eichhorst in dieser Ausgabe). In Mossul erbeutete der IS etwa 400 Millionen US-Dollar in der Zentralbank und verschaffte sich damit eine mehr als solide finanzielle Grundlage. Schätzungen der US-Regierung von 2015 zufolge verdient der IS jährlich etwa 500 Millionen US-Dollar durch illegale Ölverkäufe, obgleich dieser Betrag vermutlich aufgrund von sinkenden Ölpreisen und Militäreinsätzen rückläufig ist. Es gibt bislang nur in einem einzigen Fall Beweise dafür, dass Geld (5.000 Euro) aus dem Nahen Osten zur Finanzierung von Anschlägen wie denen in Paris geflossen ist – eine Summe, die viel niedriger ist als bei den Anschlägen vom 11. September. Vielmehr zeigen Untersuchungen in Europa, dass mit Kleinkriminalität in Westeuropa Geld für Terroranschläge und die Rekrutierung ausländischer Kämpfer für den IS beschafft wurde.

Allerdings verschlingt der Unterhalt jenes IS-Netzwerks, das Terroristen rekrutiert und zuweilen ausbildet, Unsummen. Schließlich benötigt die Organisation nicht nur viel Geld für die Lenkung und Kontrolle eines riesigen Gebiets mit zwischen acht und zehn Millionen Einwohnern und für seine Militäroperationen, sondern auch für die weitere Verbreitung des Terrorismus auf globaler Ebene. Zum Vergleich: Obwohl die Guerillaorganisation FARC auf ihrem Zenit weite Teile Kolumbiens kontrollierte, hatte sie weder so viele Menschen unter ihrer Kontrolle noch strebte sie danach, selbst einen Staat zu bilden. Ganz zu schweigen davon, Terrorismus außerhalb der angestammten Region zu fördern.

Der IS befindet sich in der für ihn glücklichen Lage, ein Gebiet mit reichen Ölvorkommen zu kontrollieren.

Angesichts seiner enormen finanziellen Verpflichtungen auf lokaler Ebene und seiner Ambitionen, den Terrorismus weltweit zu schüren, muss der IS deutlich mehr Geld mit kriminellen Geschäften und Schwarzhandel erwirtschaften als je eine Terrorgruppe zuvor. Der IS befindet sich dabei in der für ihn glücklichen Lage, ein Gebiet mit reichen Ölvorkommen zu kontrollieren und über einige kluge Köpfe zu verfügen, die den Schmuggel großer Mengen von Öl organisieren. Obwohl sich die Gruppe dementsprechend zum Großteil über den Ölhandel finanziert, ist ihr Geschäftsmodell breit gefächert: Gelder werden unter anderem mit Erpressung, Menschenraub, -schmuggel und -handel, Antiquitätenschmuggel, Schmuggel von Konsumgütern und Finanzbetrug „erwirtschaftet“. In dieser Hinsicht steht der IS geradezu beispielhaft für „Terrorismus als Geschäftsmodell“, was im Folgenden ausführlicher erläutert werden soll.

Terroristen als Geschäftsleute

Terroristen gleichen Unternehmern in vielerlei Hinsicht: Sie benötigen einen Produktmix, nehmen Dienste von freiberuflichen Dienstleistern in Anspruch, stellen Kosten-Nutzen-Analysen an, verfolgen Steuerstrategien und nutzen Wertschöpfungs- und Lieferketten. Sie trachten nach einer marktbeherrschenden Stellung, nach strategischen Bündnissen, einem Wettbewerbsvorteil und günstigen Gelegenheiten. Sie versuchen, Innovationen und Technologien effektiv zu nutzen. Sie suchen nach Mitteln und Wegen, über ihre globalen Netzwerke die besten Köpfe anzuwerben. Der IS ist dabei zwar nur eine von vielen Terrorgruppen, die so operieren, aber mit Abstand die erfolgreichste.

Terroristen suchen ständig nach neuen Mitteln und Wegen, sich selbst zu finanzieren. In dieser Hinsicht ähneln sie multinationalen Konzernen, die sich diversifizieren müssen, um sich im weltweiten Wettbewerb behaupten zu können. Um ihr Überleben zu sichern, handeln sie vorausschauend, sind anpassungsfähig und flexibel – genau wie die agilsten Unternehmen. Wir müssen daher ihre unternehmerischen Fähigkeiten richtig einschätzen und uns ihres Geschicks als Unternehmer bewusst sein.

Ausschöpfen von Wettbewerbsvorteilen

Terroristen schöpfen ihre Wettbewerbsvorteile aus. Sofern sie Zugang zu natürlichen Ressourcen haben, nutzen sie Rohstoffe zur Finanzierung ihrer Aktivitäten. Jene, die sich in der Nähe von Waffenarsenalen befinden, werden zu Waffenhändlern und solche, die in Grenzregionen agieren, besteuern den grenzüberschreitenden Warenhandel. Terroristen machen sich ihre strategische Lage zunutze. Al-Qaida war beispielsweise insbesondere in Sierra Leone, Liberia und Tansania im Diamantenhandel tätig. Die FARC und die Nationale Befreiungsarmee (auch bekannt unter dem Namen Ejército de Liberación Nacional bzw. ELN nutzen ihre territoriale Herrschaft über verschiedene Teile Kolumbiens aus, um Geld zu erpressen (etwa 70 Millionen US-Dollar), und sie verüben Anschläge auf die Energieinfrastruktur. Auch in Algerien und den vom IS und von Boko Haram kontrollierten Gebieten kommt es zu solchen Anschlägen (vgl. hierzu auch den Beitrag von Sambe in dieser Ausgabe). Terror- und Rebellengruppen schließlich, in deren Nähe Elefanten leben, schlachten diese Tiere massenweise wegen ihrer Stoßzähne ab und fügen dem Ökosystem so einen irreparablen Schaden zu.

Sicherung von Versorgungsketten!

Versorgungsketten sind für Terroristen genauso bedeutend wie für Unternehmer, die legale Geschäfte treiben. Es muss eine sichere, unterbrechungsfreie und fristgerechte Lieferung von Waren gewährleistet sein. Bei Terroristen handelt es sich dabei lediglich um Versorgungsketten für illegale Waren. Das können Betäubungsmittel, gefälschte Arzneimittel, Mineralien und Rohstoffe, Zigaretten oder hochwertige Waren wie Öl sein. Terroristen streben danach, mit solchen Waren zu handeln, mit denen sich abseits des internationalen Finanzsystems viel Geld verdienen lässt. Für die Lieferung hochwertiger Güter greifen sie häufig auf Geldwäsche zurück.

Terroristen verdienen Beträge in beträchtlicher Höhe, indem sie die Versorgungsketten ihrer Produkte kontrollieren und geschmuggelte Waren, die die Grenzen bzw. ihr Herrschaftsgebiet passieren, besteuern. Eine wesentliche Finanzierungsgrundlage ist die Besteuerung der Freizügigkeit von Waren und Menschen. Angaben eines pensionierten hochrangigen jordanischen Offiziers zufolge lassen der IS und die Nusra-Front am Nachmittag ihre Waffen ruhen, um Geld von Menschenschmugglern und Flüchtlingen zu erpressen, die das kriegsgebeutelte Gebiet verlassen möchten. Laut sichergestellten Dokumenten des IS beträgt der Steuersatz auf Waren und Dienstleistungen zwischen zehn und 30 Prozent. Die Terrorgruppen schaffen die Rahmenbedingungen, die Personen zum Abwandern zwingen, erheben dann Steuern und profitieren von den Waren, die die Flüchtlinge gezwungenermaßen zurücklassen.

Durch Bestechung von Beamten und den Einsatz von Gewalt schwächen Terrorgruppen die Macht des Staates und stärken ihre eigene Stellung.

Bekanntermaßen spielt im Handelsverkehr Erpressung durch Gruppen der organisierten Kriminalität seit Langem eine Rolle. Auf diese Weise konnten sie sich eine gefestigte Stellung in Häfen und im Güterkraftverkehr erarbeiten. Terrorgruppen verschaffen sich auf einigen Kontinenten Vorteile, indem sie Versorgungsketten nutzen und den Handel besteuern. Jahrelang konnte diese Praxis an der türkischen Grenze beobachtet werden, wo die PKK alles von Zigaretten bis hin zum Öl besteuerte. Die gleichen sowie viele neue Schmuggelrouten macht sich auch der IS zunutze.

Häufig besteht eine Einnahmequelle von Terroristen darin, die Waren zu besteuern, die ihr Herrschaftsgebiet passieren – und zwar legale wie illegale Waren. Durch Bestechung von Beamten und den Einsatz von Gewalt schwächen Terrorgruppen die Macht des Staates und stärken im Gegenzug ihre eigene Präsenz und Macht in wichtigen Grenzregionen, Häfen und an anderen Verkehrsknotenpunkten. Sie haben von der organisierten Kriminalität gelernt, wie wichtig es ist, ein Gebiet zu kontrollieren, und Kapital daraus geschlagen, dass Waren in einer zunehmend globalisierten Wirtschaft notwendigerweise über weite Strecken bewegt werden müssen.

Personalbeschaffung

Beim IS handelt es sich um die erste Terrorgruppe mit einer globalen Personalrekrutierungsstrategie. Diese besteht darin, mögliche Rekruten in unterschiedlichen Regionen der Welt mit vielfältigen Botschaften anzusprechen. Der IS nutzt dabei neue Technologien wie Twitter, um potenzielle Dschihadisten ausfindig zu machen, und tritt dann mit diesen in Onlinechats und über andere neue Medien in Kontakt, um Kämpfer zu rekrutieren oder Frauen anzuwerben, die als Ehefrauen und Unterstützerinnen der Kämpfer dienen. Wohlformulierte Mitteilungen und ausgeklügelte Marketingstrategie ähneln dabei in gewisser Weise denen seriöser multinationaler Konzerne.

Heterogene Unternehmensmodelle

Nicht alle Terrorgruppen sind wirtschaftlich gleich gestrickt. Wie sie ihren Terror finanzieren, hängt von kulturellen, historischen und geografischen Gegebenheiten ab. Im Nahen Osten beispielsweise, wo der Handel seit frühester Zeit im Mittelpunkt des wirtschaftlichen Treibens steht, stellen Handel selbst bzw. die Besteuerung des Handels die wichtigste Finanzierungsquelle für den IS und andere Gruppen wie die PKK dar. Geld wird in erheblichem Maße durch Geldwäsche im Handelsverkehr bewegt. Die lange Tradition des Drogenanbaus in Afghanistan und in den Anden hat ihn in diesen beiden unterschiedlichen Regionen zur Haupteinnahmequelle für Terroristen gemacht. Terroristen suchen sich ihre kriminellen Aktivitäten allerdings nicht nur danach aus, wie profitabel diese sind oder wie einfach sie in das „Gewerbe“ einsteigen können. Sie machen ihre Entscheidung auch vom Ausmaß des in diesem kriminellen Bereich herrschenden Wettbewerbs und von den zu zahlenden Bestechungsgeldern abhängig. Die raffinierteren terroristischen Kriminellen wägen sowohl das Risiko, entdeckt zu werden, ab, wie auch die Gefahr, Vermögenswerte zu verlieren. Mithilfe solcher Analysen lässt sich leicht erklären, warum Antiquitätendiebstahl und -handel so rasant zugenommen haben: Schließlich existiert im Nahen Osten und im Internet ein riesiger Markt für diese Schätze.

Terroristen nutzen ihre strategischen Vorteile genau wie seriöse Unternehmer. Für den Kampf gegen den Terrorismus ist es deshalb von entscheidender Bedeutung zu erkennen, auf welchem Wettbewerbsvorteil die Finanzierung einer Terrorgruppe fußt. So können Strategien entwickelt werden, die es ermöglichen, ihnen ihre Einnahmequelle zu entziehen.

Kooperationen

Terroristen setzten kriminelle Mittel ein, um benötigtes Kapital zu generieren, um logistische Unterstützung zu erhalten und um Gelder über illegale Kanäle zu transferieren. Kriminelle stellen „operative Instrumente“ wie gefälschte Dokumente sowie neue Identitäten bereit und ermöglichen Terroristen im Bedarfsfall den Grenzübergang. Kriminelle können Beamte bestechen, wodurch sie den Terroristen und ihren Waren eine sichere Grenzüberquerung erkaufen. Zu den Unterstützern gehören sowohl Kleinkriminelle als auch Gruppen der organisierten Kriminalität wie die Camorra in Neapel Die Anschläge in Frankreich im November 2015 wurden teilweise mit Waffen verübt, die aus der Balkanregion stammten. Dies beweist, dass die Terroristen Waffen aus dem illegalen Waffenhandel krimineller Kreise beziehen können. Die Kosten für die eigentlichen Anschläge werden auf 10.000 US-Dollar geschätzt, während sich die Kosten für Frankreich infolge der Anschläge aufgrund der erhöhten Sicherheitsausgaben, des rückläufigen Tourismus und der damit verbundenen wirtschaftlichen Einbußen auf mehrere Millionen beziffern.

Produktmix

Es gibt beinahe keine Form der Kriminalität, die nicht bereits irgendwo auf der Welt der Terrorismusfinanzierung dient. Die Wahl des Verbrechens spiegelt wider, wo die Terrorgruppe angesiedelt ist, über welche personellen Kompetenzen sie verfügt und wie einträglich das Verbrechen ist. Die Entscheidung für eine bestimmte Spielart der Kriminalität wird dabei häufig davon abhängig gemacht, wie gut sich die Terroristen einer Entdeckung oder Verfolgung entziehen können und wie einfach sie Beamte bestechen und Gewinne erzielen können. Terroristen nehmen einfache Bürger genauso wie kleine und größere Unternehmen mittels Erpressung und Menschenraub aus. Sie betrügen seriöse Finanzinstitute durch Kreditkartenmissbrauch oder indem sie die Finanzmärkte anderweitig manipulieren.

Neben diesen besonders gewinnbringenden und groß angelegten kriminellen Machenschaften beteiligen sich Terroristen und Rebellen an einer Vielzahl unterschiedlicher Verbrechen. Darunter fallen auch jene, die für frühere Generationen von Terroristen und Guerillakämpfern bezeichnend waren, nämlich Menschenraub, Erpressung und Banküberfälle. Terroristen sind inzwischen aber auch technologisch äußerst versiert, was anhand von Kreditkarten- und Internetbetrugsfällen ersichtlich wird. Der IS hat sich etwa durch Cyberdiebstahl sogar die persönlichen Daten von Staatsbediensteten angeeignet. Er bedient sich zudem neuer Technologien wie Kryptowährungen (z.B. Bitcoin), um Geld zu verschieben. Vermutlich wird das Darknet genutzt, um unentdeckt kommunizieren und Waren verkaufen zu können.

Terroristen sind inzwischen auch technologisch äußerst versiert, was anhand von Kreditkarten- und Internetbetrugsfällen ersichtlich wird.

Schwarzmarkthandel kleineren Ausmaßes

Der ausufernde Drogenterrorismus hat dazu geführt, dass die Bemühungen zur Bekämpfung der Terrorismusfinanzierung vor allem auf den Drogenhandel gerichtet waren. Doch finanzieren sich Terroristen in zunehmendem Maße, ob in den USA, in Europa, Nordafrika oder im Nahen Osten, über einen kleiner dimensionierten Schwarzmarkthandel mit gefälschten Waren, Raubkopien, Treibstoff, Zigaretten, Nahrungsmitteln, Medikamenten und Textilien. In Nordafrika ist insbesondere der Handel mit Waffen verbreitet, ein weiteres Dual-Use-Vergehen, wobei die Waffen vor allem aus Libyen exportiert werden. Zusammengerechnet ist die Summe der damit erwirtschafteten Gelder beträchtlich und übersteigen selbst jene aus dem Drogenhandel – und das bei einem weit geringeren Verfolgungsrisiko.

Das mit dem illegalen Handel von Zigaretten innerhalb der USA erwirtschaftete Geld wird außer Landes gebracht, um Terrorgruppen im Nahen Osten zu finanzieren. Die jüngsten Anschläge in Europa, beispielsweise der Anschlag auf einen Schnellzug auf der Strecke von Brüssel nach Paris, wurden von Terroristen verübt, die Verbindungen zum Kleinkriminellen-Milieu hatten. Einer der Brüder Kouachi, die am Anschlag auf die Charlie Hebdo-Redaktion beteiligt waren, hatte mit gefälschten Nike-Sportschuhen und geschmuggelten Zigaretten gehandelt. Diese Art der Terrorfinanzierung ist dabei keineswegs nur auf Europa beschränkt. Das New York Police Department befasst sich mit vielen kleineren Delikten, darunter Zigarettenschmuggel und der Verkauf von gefälschten Waren, mit denen sich viele unterschiedliche Terrorgruppen finanzieren.

Dienstleistungen

Terroristen, die als kriminelle Unternehmer fungieren, sind auf eine Reihe von Dienstleistungen angewiesen. Ihnen wird zudem Hilfe aus nicht-kriminellen Kreisen Welt zuteil, beispielsweise von Buchhaltern, Bankern und Anwälten, die sie vorsätzlich oder unbeabsichtigt dabei unterstützen, Terroranschläge zu begehen bzw. zu finanzieren. Aber Terroristen sind auch auf korrupte Beamten und wissentliche oder unwissentliche Unterstützer aus der Wirtschaftswelt angewiesen. Korrupte Militärs können Kriminelle und Terrorgruppen mit Waffen versorgen. Zwischen Terroristen und der legalen Wirtschaft bestehen somit zahlreiche Verflechtungen. Terrorgruppen greifen auch auf Dienstleistungen durch „gewöhnliche“ Kriminelle zurück, z.B. auf die Dienste von Menschenschmugglern und Spezialisten auf dem Gebiet der nicht zurückverfolgbaren Kommunikation, von Fälschern und Geldwäschern. Ohne diese Kräfte kann auch das Geschäft der Terroristen nicht funktionieren.

Terroristen als Unternehmer sind stets auf der Suche nach neuen „Produktlinien“ und wollen aus den Erfolgen in einem Gebiet Lehren ziehen, die sie auf ihre Tätigkeit andernorts anwenden können. Daher hat die FARC, die für den Drogenterrorismus bekannt war, heute ein sehr viel diversifizierteres Geschäftsmodell und erwirtschaftet jährlich etwa 19 Millionen US-Dollar mit der Gewinnung von Kohlenwasserstoffen. Diversifizierung ist bei Terroristen genau wie in der legalen Wirtschaftswelt der Schlüssel zum Überleben.

Die Geschäftsleute unter den Terroristen teilen ein wichtiges Anliegen mit seriösen Geschäftsleuten: Sie müssen sich Dienstleistungen von Fachleuten sichern. Denn Dienstleister ermöglichen es ihnen, ihr Geld zu verschieben, Beamte zu bestechen, auf die sie angewiesen sind, und gefälschte Dokumente zu beschaffen.

Fazit: „Folgt der Spur des Geldes!“

Terrorismus, Kleinkriminalität und organisiertes Verbrechen sind nicht auf einheitliche, wohl aber auf vielfältige Weise miteinander verstrickt. Man muss also jenes Verbrechen identifizieren oder „dem Geld folgen“, das im Zusammenhang mit dem Terrorismus steht. Es ist wichtig, sich dieser Aufgabe zu stellen, denn wenn die Terroristen ihrer Finanzierungsgrundlage beraubt werden, können sie keine neuen Kämpfer rekrutieren und ihre Tätigkeiten nicht aufrechterhalten. Des Weiteren können, folgt man der Spur des Geldes, terroristische Netzwerke aufgedeckt werden, was die Wahrscheinlichkeit erhöht, deren Machenschaften in die Quere zu kommen.

Unter den Kämpfern gegen den Terrorismus hat sich diese Erkenntnis bisher nicht hinreichend durchgesetzt. Die Verquickung von Kriminalität und Terrorismus macht mehr als eine rein militärische Strategie erforderlich, da Terrorgruppen heutzutage Unterstützung von einem diversifizierten und häufig geheimen weltweiten Finanznetzwerk erhalten. Solche Netzwerke aufzudecken kann dabei nicht allein Aufgabe der Finanzministerien oder klassischer Finanzinstitute sein, denn wie aus vier unterschiedlichen Resolutionen des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen hervorgeht, stehen wir einer großen Bandbreite von Verbrechen gegenüber, mit denen der Terrorismus im Allgemeinen und der IS im Besonderen finanziert werden.

Polizeiarbeit muss mit Terrorismusbekämpfung Hand in Hand gehen, um der auf Kleinkriminalität gründenden Finanzierung des Terrorismus in Europa, den USA und andernorts Herr zu werden. Um der größer angelegten Finanzierung zu begegnen – jenen Quellen, aus denen beispielsweise der IS seine Gelder schöpft –, ist ein Konzept vonnöten, das die Erkenntnisse vieler verschiedener Regierungsstellen, multinationaler Organisationen, der Privatwirtschaft und der Zivilgesellschaft zusammenführt. Konzerne und Geschäftsleute sind am besten qualifiziert, um Ungereimtheiten bei internationalen Handelsdaten festzustellen, die möglicherweise auf Schwarzhandel hinweisen. Zivilgesellschaftliche Gruppen können dabei helfen Schwarzmärkte zu identifizieren, sei es als Beobachter, Verbraucher und/oder Opfer von Betrügereien mit gefälschter Ware. Nur wenn wir bei der Bekämpfung der Terrorismusfinanzierung und der damit zusammenhängenden Kriminalität mit einem mehrdimensionalen Konzept vorgehen, besteht Hoffnung, die Einnahmequellen der Terroristen versiegen zu lassen.

Louise I. Shelley , Ph.D., ist Professorin für Public Policy und Direktorin des Instituts für Terrorismus, internationale Kriminalität und Korruption an der George Mason University, Arlington, Virginia, USA.

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