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Konrad-Adenauer-Stiftung (Logo)Veranstaltungsberichte

Auf Einladung der Konrad-Adenauer-Stiftung Bremen und des RCDS hielt Prof. Dr. Jörg Baberowski am 20. Oktober einen Vortrag zum Thema „Gewalt verstehen?“. Basierend auf seinem 2015 im S. Fischer Verlag erschienenen Buch „Räume der Gewalt“ erläuterte er unter anderem die Entstehung und Auswirkungen von Gewalt. Die Veranstaltung sollte ursprünglich an der Universität Bremen stattfinden, musste aber nach Drohungen des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA) der Uni Bremen in die Räumlichkeiten der Konrad-Adenauer-Stiftung verlegt werden.

Der AStA rief dazu auf, den Vortrag von Jörg Baberowski zu verhindern, verharmloste dieses Vorgehen auch noch als „friedlich“ und verunglimpfte den international renommierten Historiker, der an der Humboldt Universität Berlin lehrt und 2012 für sein Buch über „Stalins Herrschaft der Gewalt“ mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde, als Rassisten und rechtsextremen Ideologen. Ralf Altenhof, Leiter des politischen Bildungsforums Bremen, kritisierte das Vorgehen des AStA scharf: „Eine solche Veranstaltung ist eine Einladung zur konstruktiven Diskussion. Dass an einer Universität - gemeinhin ein Ort intellektueller Auseinandersetzung - eine Diskussion von vornherein unterbunden werden soll, ist beschämend und offenbar Ausdruck argumentativer Nöte." Baberowski bezeichnete den Vorfall als „schreckliche Entwicklung“, die eine konstruktive Debatte verhindere. Um einen störungsfreien Ablauf zu gewährleisten, musste die Veranstaltung unter Polizeischutz stattfinden.

„Gewalttaten haben andere Ursachen, als wir uns vorstellen“, sagte Baberowski in seinem Vortrag. Um die Entstehung von Gewalt zu erklären, sei nicht das Motiv, sondern die Gelegenheit ausschlaggebend. Es müsse eine Situation entstehen, die die Ausübung von Gewalt möglich macht, und die Gewissheit geben, für seine Taten nicht bestraft zu werden – dann falle es leichter, die Schwelle zur Gewaltanwendung zu übertreten. Insbesondere wenn keine andere Möglichkeit besteht, zu Wort zu kommen, werde Gewalt zu einer attraktiven Handlungsressource. Ideologien hingegen spielen laut Baberowski lediglich für die Legitimation von Gewalttaten eine Rolle: Soldaten beispielsweise wendeten Gewalt eher aus dem Wunsch heraus an, sich konform zu verhalten und Befehle zu befolgen. Im Gespräch mit Baberowski bezweifelte Altenhof, dass die Ideologie keine Auswirkungen auf die Gewaltausübung habe und verwies auf die RAF- und die IS-Morde. Altenhof vertrat die These, dass die „Räume der Gewalt“, von denen Baberowski spreche, von „Ideen“ gleichsam vorbereitet würden und man mithin die Bedeutung der Ideologie nicht gänzlich negieren könne.

Unabhängig von den Beweggründen, argumentierte Baberowski in seinem Vortrag, habe Gewalt enorme Auswirkungen auf die Betroffenen: „Gewalt verändert das Leben. Wer ihr ausgesetzt ist, wird ein Anderer“, sagte der Historiker. Der Maßstab der Normalität verschiebe sich in einer Gewaltsituation – alles was zuvor als normal empfunden wurde, verliere an Bedeutung. Zu einem gesellschaftlichen Problem werde Gewalt jedoch erst, wenn das „Urvertrauen“ gegenüber anderen Menschen verloren ginge. Um das Sicherheitsgefühl und die gesellschaftliche Ordnung aufrecht zu erhalten, sei das Gewaltmonopol des Staates von elementarer Bedeutung. „Es gibt keine Ordnung, die nicht auf Gewalt beruht“, sagte Baberowski.

Die Vorstellung, Gewalt eines Tages beseitigen zu können, hält er für falsch: „Der Traum vom ewigen Frieden ist eine Illusion“, man könne die Gewalt lediglich versuchen zu reduzieren. Sie liege in der Natur des Menschen und sei schon immer eine Handlungsoption gewesen – wir hätten dies nur vergessen, weil wir in einem Rechtsraum lebten und darauf vertrauten, dass die Gewalt nicht unser Alltagsleben bestimme. „Nicht die Gewalt ist das Rätsel, sondern dass wir uns über sie wundern“, fasste der Historiker zusammen.

Im anschließenden Gespräch mit Altenhof stellte Baberowski heraus, dass die drastischen Schilderungen, die er in seinem Buch verwendet, notwendig für das Begreifen von Gewalt seien. Abstrakte Betrachtungen würden nicht ausreichen, stattdessen müsse man Situationen, in denen Gewalt möglich ist, genau beschreiben. Er sprach sich zudem für eine enge Definierung des Gewaltbegriffs aus: nur wenn Täter und Opfer klar definiert sind, könne man von Gewalt sprechen.

Ralf Altenhof konstatierte im Rückblick auf die Veranstaltung mit Jörg Baberowski: „Der AStA der Uni Bremen wurde geradezu demaskiert. Sein Versuch, in blindem antifaschistischem Eifer einen Demokraten zum rechtsextremen Ideologen abzustempeln, scheiterte kläglich. Das gleiche gilt für sein Unterfangen, den Autor des Buches 'Räume der Gewalt' zum Rechtfertiger gewalttätiger Ausschreitungen zu machen, denn 'Räume der Gewalt' ist ein Plädoyer für Gewaltfreiheit! Es ist von Vorteil“, merkte Altenhof süffisant an, „Bücher erst zu lesen, bevor man über sie spricht... Der AStA wurde die Geister, die er rief, nicht mehr los und bewirkte das Gegenteil dessen, was er erreichen wollte: er verschaffte der Veranstaltung eine ungeahnte Publizität und erntete, da er sich durch seine Drohung als Gegner der Meinungsfreiheit outete, heftige Kritik in den Medien und den sozialen Netzwerken. In welcher ‚geistigen‘ Tradition die AStA-Aktion steht, brachte ‚Cicero‘ auf den Punkt: ‚Nur in Zeiten der Diktatur wurden in Deutschland Autonomie und Freiheit der Lehre aufgehoben‘.“

Am schlimmsten dürfte für den AStA indes der Imageschaden durch die Berichterstattung der alternativen „taz“ sein. Die „tageszeitung“ stellte am Tag der Veranstaltung der Behauptung des AStA, Jörg Baberowksi sei ein „rechtsextremer Ideologe“, ein paar Fakten entgegen: „Jörg Baberowski ist nicht nur renommierter Professor der Berliner Humboldt-Uni. Er ist ausgewiesener Spezialist für Stalinismus und in seinem Fachgebiet absolut einschlägig“. Doch für den AStA sollte es noch schlimmer kommen. Weiter hieß es in der „taz“: „Jörg Baberowski, um dessen Buch es hier geht, sagt in Talkshows und in der Presse manchmal Sachen, die vielen nicht passen. Damit muss man sich auseinandersetzen – und zwar argumentativ. Auf die naheliegende Idee, es einmal mit dem Austausch von Argumenten zu versuchen, kommt beim AStA aber keiner. Eine Buchvorstellung wäre dafür ja eine gute Gelegenheit. Stattdessen wird der Referent zum rechtsextremen Ideologen stilisiert und von der Uni-Leitung verlangt, die Veranstaltung abzusagen. Das ist nicht nur unredlich, das ist einfach faul. Zu faul zur Auseinandersetzung: Das musste man einem Asta auch noch nicht oft nachsagen.“

Dass der AStA dennoch seinen Protestaufruf als „erfolgreich“ bewertet, erklärt Ralf Altenhof, der auch für das Extremismus-Portal der KAS verantwortlich zeichnet, wie folgt: „Das ist typisch für radikalisierte, von der Wirklichkeit abgeschottete Gruppen und dient dazu, die Reihen nach innen geschlossen zu halten und die Realität nicht wahrnehmen zu müssen – gerade nach einem Mediendesaster, wie es der AStA der Uni Bremen erlebt hat.“ Altenhof betonte: „Wir dürfen uns das gesellschaftliche Klima weder von einem linken AStA noch von rechten Pegida-Leuten vergiften lassen. Beide vertreten zwar unterschiedliche Ziele, aber die Methoden, die eingesetzt werden, sind ähnlich: menschenverachtend und gewaltbefürwortend.“

Der Imageschaden für die Universität Bremen, die einmal als „rote Kaderschmiede“ verschrien war, ist enorm. Nur durch das besonnene Verhalten der Veranstalter, die nach der AStA-Drohung aus Verantwortung gegenüber dem Referenten und den Gästen den Vortrag in den Veranstaltungssaal der KAS verlegten, konnten unschöne Bilder verhindert werden. Wenn ein weltweit tätiger und angesehener Bildungsträger, der sich für die Förderung von Demokratie und Freiheit einsetzt, mit renommierten Referenten an der Uni Bremen keine Veranstaltung durchführen kann, dann schadet das dem Ruf dieser Universität. Die Leidtragenden sind in erster Linie die Studierenden.

Kontakt

AbbildungDr. Ralf Altenhof ›
Landesbeauftragter für Bremen und Leiter des Politischen Bildungsforums Bremen
Tel. +49 421 163009-0
ralf.altenhof(akas.de


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