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Konrad-Adenauer-Stiftung (Logo)Die Politische Meinung

Das unaufhörliche Feiern von runden Jahrestagen, wie es den westlichen Kulturbetrieb heute kennzeichnet, „verdankt“ sich der Reformation. Es ging aus den Reformationsjubiläen hervor, die sich immer mehr zu „Luther-Events“ entwickelten. Dabei war das jeweilige Lutherbild stets ein Spiegel des Zeitgeistes.

Für Bürger der westlichen Welt scheint es keinen natürlicheren Umgang mit bedeutenden Ereignissen und wichtigen Gestalten der Geschichte zu geben als das Jubiläum. So bringt der westliche Kulturbetrieb unaufhörlich Feiern zum Gedächtnis von Entdeckungen und Erfindungen, Schlachten und Revolutionen, von Komponisten, Dichtern, Wissenschaftlern, Kirchenmännern, Politikern und anderen hervor. Doch der Eindruck, diese Art des Umgangs mit bedeutender Vergangenheit sei selbstverständlich, geradezu naturgegeben, täuscht. Der Brauch, geschichtlicher Ereignisse und Gestalten regelmäßig feierlich zu gedenken, ist selbst eine Hervorbringung der Geschichte, und er ist keine 500 Jahre alt. Er verdankt sich der Reformation.

Erfunden wurde das historische Jubiläum von protestantischen Universitäten, die im 16. Jahrhundert begannen, das Gedächtnis ihrer eigenen Gründung an runden Daten festlich zu begehen. Im Jahr 1617 gelang der bis dahin akademischen und lokalen Praxis der Sprung auf die große gesellschaftliche, ja internationale Bühne: mit dem ersten Zentenarium (Jahrhundertfeier) von Martin Luthers Thesenanschlag von 1517, dessen Bedeutung als Schlüsselereignis der Reformation, ja der von ihr geprägten Geschichte überhaupt damit fixiert war. Im Wettstreit zweier evangelischer Fürsten, der Kurfürsten von Sachsen und der Pfalz, eines Lutheraners und eines Reformierten, die sich durch eine solche Feier als Anführer der Protestanten im Heiligen Römischen Reich profilieren wollten, wurde der 31. Oktober 1617 oder der Sonntag danach zur 100-Jahr-Feier des Anfangs der Reformation. Es war so eindrücklich, dass das Gedächtnis des Thesenanschlags hinfort an vielen Orten alle 100, alle fünfzig, ja schließlich alle 25 Jahre gefeiert wurde.

Dem Erfolg dieser neuen Form des Feierns und Gedenkens konnte sich auch der konfessionelle Gegner nicht entziehen, ebenso wenig Gruppen, die nicht-kirchlicher Ereignisse gedenken wollten. So wurde das Jubiläum schließlich zu dem allgegenwärtigen Element des kulturellen Lebens, als das wir es kennen. Insbesondere seit dem 19. Jahrhundert, der Zeit des Historismus, die das Jubiläum ebenso liebte wie das historische Denkmal, fand man überall in der westlichen Welt immer neue Anlässe für festliches historisches Gedenken, wobei man bevorzugt nun auch biographisches, an den Geburts- und Todestagen bedeutender Männer, gelegentlich auch Frauen, festgemachtes Gedenken pflegte. Freilich war solche Bereicherung und Befestigung des kulturellen Gedächtnisses keine bloße Beschäftigung mit der Vergangenheit. Vielmehr feierte jede Epoche im Spiegel des Vergangenen, was sie an Großem und Bedeutendem auf das gefeierte Vergangene zurückführte – und damit, was sie für groß und bedeutend hielt. So wurden die Jubiläen zu gesellschaftlichen Großereignissen, in denen die jeweiligen Zeiten sich selbst inszenierten und die gefeierten Gegenstände von dort aus immer neu in Szene setzten.

Zentrierung auf Luther

Für das kulturelle Gedächtnis von Gesellschaften gilt ebenso wie für das menschliche Gedächtnis im Allgemeinen, dass es mit besonderem Nachdruck an Personen und ihren Taten haftet. Das war bei den Jubiläumsfeiern zum Gedächtnis der Reformation nicht anders. Einen wesentlichen Bestandteil bildete von Beginn an die Erinnerung an die damals handelnden Reformatoren. Dabei gab es Unterschiede; denn die verschiedenen evangelischen Konfessionen sahen sich mit unterschiedlichen Reformatoren spezifisch verbunden, zudem gedachten einzelne Länder und Regionen der Männer, die die Reformation bei ihnen eingeführt hatten, als eigener Reformatoren. Keiner jedoch wurde so nachdrücklich in so vielen konfessionellen Kontexten und so international gefeiert wie Martin Luther. Mit der Zuspitzung der allgemeinen Jubiläumskultur auf biographische Daten und ihrer damit einhergehenden Personalisierung, die das 19. Jahrhundert brachte, wurde die Zentrierung auf Martin Luther im Luthertum, zum Teil auch darüber hinaus, umfassend; nicht allein die nun aufkommenden biographischen Lutherjubiläen, sondern alle Reformationsjubiläen wurden zu großen „Luther-Events“. Indem die Feiernden das Gedächtnis des Wittenberger Reformators begingen, entwarfen sie im Sprung über die Jahrhunderte hinweg immer neu ihr Bild von sich selbst. Luther wurde zum Spiegel, in dem Epoche um Epoche ihre höchsten Werte und Ziele zelebrierte und beschwor. Kurz, aus einer Gestalt der Geschichte wurde ein Geschichtsbild – oder besser, eine lange Bilderreihe. Am Anfang stand Luther, der rettende Kirchenlehrer. Die Jubiläen des 17. und 18. Jahrhunderts waren gesellschaftliche Großereignisse, in denen die Symbiose von Kirche, Kultur und politischem Gemeinwesen, die für das nachreformatorische Konfessionelle Zeitalter kennzeichnend war, in einer überbordenden Fülle von Gottesdiensten, akademischen Reden, Festschriften, sozialen Aktivitäten, Musikaufführungen, Theaterspielen, Feuerwerken, Böllerschüssen, Dekorationen von Kirchen und Häusern und vielem mehr zur Darstellung kam. Gefeiert wurde auf solche Art die evangeliumsgemäße Erneuerung der Kirche, die Befreiung von päpstlichem Irrtum und Joch. Und so war Martin Luther der neue Mose, der mit der wiederhergestellten wahren Lehre diese Erneuerung und Befreiung in die Wege geleitet hatte. Ja, mit seiner Lehre war Luther der Engel, der nach dem Propheten Daniel (Dan 12) am Ende der Zeiten kommen oder nach der Apokalypse des Johannes (Apk 14,6 f.) der Welt das ewige Evangelium verkündigen sollte; mit seiner das Papsttum ins Wanken bringenden Predigt erfüllte er die Vision des Propheten Daniel von einem weiteren Engel, der sein Volk von allen gottlosen Feinden erlösen würde. So jubelte man 1617. So wurde Luther, der Kirchenlehrer, aber auch bei dem Zentenarium der Confessio Augustana 1630 gepriesen oder im folgenden Jahrhundert, als man die Reformation „im Jahr 1717 nach Christi Geburt, dem Jahr 200 nach dem Offenbarwerden des Antichristen“, feierte, und das nicht nur in Deutschland, sondern ausladender noch in Dänemark und Norwegen.

Vom Kirchenlehrer zum Vorboten der Aufklärung

Bei dem Jubiläum von 1817, das mit derselben Fülle kirchlicher, akademischer, musikalischer und volksfestlicher Aktivitäten begangen wurde, war es nicht mehr der Kirchenlehrer Luther, den man rühmte. Die Aufklärung hatte ein neues Bild der Reformation gezeichnet und festgestellt, dass das Entscheidende an diesem Ereignis nicht auf religiös-kirchlichem Gebiet liege, sondern in ihren Wirkungen – Wirkungen, die sich zunächst innerhalb der evangelischen Kirchen niedergeschlagen, aber längst von diesen gelöst und außerhalb ihrer weiter entfaltet, ja, die ganze Menschheit ergriffen hätten: der Aufbruch aus Aberglauben und Intoleranz zu Gewissensfreiheit, Mündigkeit und selbstverantworteter Sittlichkeit.

Und so war der Luther, den man nun feierte, kein Mann einer Konfession, sondern eine Schlüsselgestalt der Weltgeschichte: „Dein Licht ging auf, und aus dem Staube hub die zertret’ne Menschheit sich“, sang man in einem Lied zum ersten Reformationsjubiläum des 19. Jahrhunderts, das Lutheraner und Reformierte als gemeinprotestantisches Fest begingen, ja, an dem sich nun auch römische Katholiken und Juden beteiligten. Mit seiner in den Ablassthesen erstmals öffentlich vorgebrachten Kritik an der oktroyierten kirchlichen Lehre habe Luther die Aufklärung angestoßen, mit seiner Ablehnung der klerikalen Hierarchie die Mündigkeit aller befördert, mit seiner Bibelübersetzung zur allgemeinen Bildung angespornt, mit seiner Berufung auf das Gewissen vor dem Kaiser zu Worms Gewissensfreiheit und Toleranz das Tor geöffnet. Kurz, mit Luther „(brach) die Morgenröte eines freien Glaubens hervor“. Dieser, als Kommentar zu dem Reformationsjubiläum von 1817 geschriebene Satz stammt von dem jüdischen Publizisten Saul Ascher. Aschers Stimme, denen sich weitere jüdische Beispiele das ganze Jahrhundert hindurch bis zum Jubiläum von 1917 hinzufügen ließen, zeigt, dass der „Aufklärer Luther“ tatsächlich zu einem Bild von säkularer Reichweite geworden war. Das bedeutet nicht, es hätte keine anderen Stimmen gegeben. Konfessionell-lutherische Kreise wiesen jenes Bild als Verzeichnung zurück. 1817 ist das erste Jubiläum, bei dem eine gewisse Pluralisierung des Bildes von Luther und der Reformation zum Ausdruck kommt.

Vom hammerschwingenden Revolutionär zum „deutschen Luther“

Doch auf das Ganze gesehen beherrschte in Europa, zumal in Deutschland, jener Reformator das Feld, der, mutig gegen die Tyrannei von Papst und Kaiser aufgestanden, den Weg für Aufklärung, allgemeine Bildung, Gewissensfreiheit, Toleranz und Mündigkeit eröffnet hatte. Der Thesenanschlag vom 31. Oktober 1517, eigentlich nichts anderes als das reguläre Anbringen von Disputationsthesen am Schwarzen Brett der Wittenberger Universität, als welches die Tür der Schlosskirche diente, wurde zum expressiven Akt eines hammerschwingenden Revolutionärs stilisiert. Zu Luthers 400. Geburtstag 1883, dem ersten ausdrücklich seiner Person geltenden Großjubiläum, wurde dieser Revolutionär in Kirchen und Auditorien, auf Straßen und Plätzen, in mündlicher und schriftlicher Rede und mit viel Musik gefeiert. Dabei verband sich mit dem Lobpreis für die Früchte seines aufklärerischen Wirkens in Deutschland ein neues Motiv, das bislang allenfalls am Rande eine Rolle gespielt hatte: der „deutsche Luther“, die Identifikationsfigur für das gerade zum Nationalstaat geeinte deutsche Volk.

„Keine andere der neueren Nationen hat je einen Mann gesehen (…), der so in Art und Unart das innerste Wesen seines Volkes verkörpert hätte. (…) Wir Deutschen finden in alledem kein Räthsel (sic!), wir sagen einfach: das ist Blut von unserem Blute“, tönte der renommierte Berliner Historiker Heinrich von Treitschke in seinem Jubiläumsvortrag „Luther und die deutsche Nation“. Dieses Motiv beherrschte 1883 noch nicht die Szene. Doch der „deutsche Luther“ drang in den folgenden Jahrzehnten immer stärker in den Vordergrund, bis er im Ersten Weltkrieg, in dessen Entscheidungsjahr 1917 die 400-Jahr-Feier der Reformation fiel, allgegenwärtig war. Es mangelte nicht an kritischen Stimmen, die die primär religiöse Rolle des Reformators herausstellten – „Nicht das Deutsche an Luther war die Hauptsache. Die Hauptsache war sein Evangelium.“ Doch die alles übertönende, in unzähligen Schriften verkündigte Botschaft war 1917 die von dem „deutschen Luther“, der als „Mann aus Erz“ das nationale Selbstbewusstsein kräftigen und die Soldaten an der Front nicht weniger als die Bürger im Land zuversichtlich und stark erhalten sollte.

Lutherbilder in den USA

Anders entwickelte sich der Lutherbilderreigen, der in den Vereinigten Staaten von Amerika zu betrachten war. Hier feierten die Lutheraner erstmals 1817 mit großem Aufwand ein Reformationsjubiläum und waren damit die Ersten, die in dem noch jungen Staat die Geschichte der eigenen Konfession „zum Gegenstand der Erinnerungskultur machten“. So wurde die Wiederentdeckung des Evangeliums durch den Kirchenlehrer Martin Luther als Vorgeschichte der Verbreitung des Evangeliums verstanden, die unter ganz anderen Bedingungen durch die Ansiedlung des Luthertums auf dem neuen Kontinent geschah: „Das Licht, das Luther angesteckt, bestrahlt auch diese Lande (…). Hier, wo die schwärzeste Finsternis das Land wie Nacht bedeckte; wo tödlich gift’ger Schlangenbiss der Wilden schreckend weckte, da stehen Tempel Gottes nun (…)“, sang man beim Jubiläum.

Während die Deutschen Ende des 19. Jahrhunderts begannen, „Luther den Deutschen“ auf den Schild zu heben, schrieb ein methodistischer Theologe mit deutlichem Brückenschlag zur amerikanischen Geschichte: „Find the birthplace of liberty – Wittenberg. There was the World’s ‘Declaration of Independence’ written, and Martin Luther’s Reform is the apostle and prophet of human freedom.“ Dass man bei aller Betonung der internationalen, ja Amerika besonders betreffenden Bedeutung Luthers immer die deutsche Herkunft des Reformators mitgewürdigt hatte, machte es bei dem Jubiläum von 1917 schwieriger, in Amerika enthusiastisch von Luther zu sprechen. Denn man stand mit Deutschland im Krieg. Folglich entwickelte sich nun eine Perspektive, die ein gutes, an Luther orientiertes von dem schlechten, jetzt Krieg führenden Deutschland zu unterscheiden erlaubte. So konnten die Amerikaner von einem methodistischen Landsmann aufgefordert werden, „this nobler German“ zu folgen und nicht „the modern sceptical and superstitious Germany which would germanize mankind with the help of Krupp guns, poison gases, and liquid fire“; man solle aufschreien „against Kaiserism and despotism“, wie Luther es mit seinen Worten „Hier stehe ich, Gott helfe mir (…)“ in Worms getan habe.

„Luther und Hitler“

In Deutschland schritt indessen der „deutsche Luther“ weiter fort. Bei den Jubiläen der Jahre nach dem Ersten Weltkrieg, insbesondere bei der großen 400-Jahr-Feier von Luthers Auftritt auf dem Wormser Reichstag 1921, sollte der „Held von Worms“ dem militärisch geschlagenen, sich durch den Versailler Vertrag gedemütigt fühlenden, wirtschaftlich am Boden liegenden deutschen Volk Halt und Zuversicht geben. 1933, in dem Jahr, das nicht nur die Machtergreifung der Nationalsozialisten, sondern zehn Monate später auch den 450. Geburtstag Martin Luthers brachte, schien vielen die ersehnte Wende zum Besseren gekommen. Luther wurde zum „Propheten der Deutschen“, der diese verheißen hatte. Die Gefolgsleute des neuen Regimes in der evangelischen Kirche, die Deutschen Christen, planten, das Jubiläum zu einer missionarischen Veranstaltung ihrer neugegründeten Reichskirche zu machen: Aus dem „großen Lutherfest“, „dem Gedenktag, der nur rückwärts blickt, wird das Weihefest für ein neues Haus der deutschen Kirche Martin Luthers. Die Stunde der Volksmission ist da“, erklärte die neue Reichskirchenregierung. Das Jubiläumsprogramm ließ sich auf die kurze Formel bringen: „Luther und Deutschland!“ Und es konnte sich bei manchem Jubiläumsredner verdichten zu der Variante „Luther und Hitler“. Eine nur marginale Rolle spielte bei dem Jubiläum die sogenannte Judenfrage, was das antisemitische Hetzblatt Der Stürmer beklagte, damit den wiederholten Vorwurf an die evangelische Kirche verbindend, sie „schweige“ Luthers antijüdische Schriften wie schon immer auch jetzt „tot“, statt sie unter das Volk zu bringen. Doch der Jubiläumsredner einer Großkundgebung der Berliner Deutschen Christen rühmte die „völkische Sendung Luthers“; sie ziele darauf, dass das Christentum „artgemäß“ werde, wozu die Durchführung des Arierparagraphen in der Kirche und die Befreiung vom Alten Testament gehören würden. Das war freilich ein Programm, das zwar einen harten Kern befriedigte, aber die mit dem Jubiläum verbundenen Hoffnungen durchkreuzte, denn nach diesem Auftritt liefen den Deutschen Christen in Scharen die Anhänger davon. So verhallten jene Stimmen nicht ungehört, die den deutsch-völkischen Luther zurückwiesen, ja die ganze Tendenz, die Bedeutung Luthers an politisch-kulturellen Wirkungen zu bemessen, für unsachgemäß erklärten: Luther sei vielmehr, wie Dietrich Bonhoeffer mit anderen betonte, „ein treuer Zeuge der Gnade Jesu Christi“, und sein Dienst sei „nicht auf das deutsche Volk beschränkt“. Er sei nicht mehr und nicht weniger als ein die Heilige Schrift auslegender „Lehrer der christlichen Kirche“, wie der berühmte Schweizer Theologe Karl Barth schrieb.

Träger „frühbürgerlicher Revolution“

Es verwundert nicht, dass das erste Lutherjubiläum nach dem Untergang des „Dritten Reiches“, der wenige Monate nach der Niederlage erstaunlich festlich begangene 400. Todestag des Reformators 1946, ganz von diesem kirchlich-theologischen Lutherbild bestimmt war. Der „deutsche Luther“ hatte gründlich ausgespielt, nun erwartete man von dem Ausleger der Heiligen Schrift Aufrichtung im allgemeinen Zusammenbruch. Doch im selben Jahr begann mit der Neuauflage von Friedrich Engels’ Buch Der deutsche Bauernkrieg in der entstehenden DDR eine andere Linie, die Verbreitung und Prägung sozialistischer Lutherbilder. Zunächst im Gefolge Engels’ als feiger „Fürstenknecht“ denunziert, dem Thomas Müntzer als plebejischer Revolutionär gegenüberstand, wurde der Wittenberger Reformator in dem Maße, in dem der sozialistische deutsche Staat zu seiner Legitimierung positiver historischer Anknüpfungspunkte bedurfte, neu bewertet.

Der 450. Jahrestag der Reformation 1967 und vollends der 500. Geburtstag Martin Luthers 1983 wurden nicht nur von der Kirche begangen, sondern auch vom Staat mit großem Aufwand gefeiert. Beide Male kam eine Lutherbriefmarke heraus – 1983 übrigens auch in anderen Ländern des Ostblocks. Luther galt jetzt als „einer der größten Deutschen“, wie der Staatsratsvorsitzende der DDR feststellte. Als Träger der „frühbürgerlichen Revolution“, die eine notwendige Stufe auf dem Weg zur proletarischen Revolution darstelle, spielte der Reformator nun eine positive Rolle im Geschichtsbild der sozialistischen Volksrepublik. Der „Aufklärer Luther“ und der „deutsche Luther“ waren in neuer Weise zusammengekommen. Die parallel zu den staatlichen (!) veranstalteten kirchlichen Feiern hingegen bestanden darauf, dass die eigentliche Bedeutung des Reformators in seiner kirchlich-theologischen Rolle liege.

Was sich gleichzeitig im Westen diesseits und jenseits des Atlantiks abspielte, kann weniger auf einen knappen Nenner gebracht werden. Das Jubiläum von 1983 wurde auf allen Ebenen und mit Veranstaltungen aller Art, mit Gottesdiensten, Festakten, Ausstellungen und anderem mehr gefeiert. Vielerorts gab es auch hier Lutherbriefmarken, nicht allein in Deutschland, sondern auch in anderen europäischen Ländern, darunter solchen ohne lutherische Tradition, sowie in mehreren Staaten des amerikanischen Kontinents. Zugleich wurden kritische Töne laut: In Deutschland prangerten evangelische Pfarrer und Medien besonders Luthers antijüdische Schriften an, und in den USA wurden diese Schriften nun erstmals einer größeren Öffentlichkeit bekannt. Auffällig war die starke Beteiligung von Katholiken an diesem Jubiläum. Und sie prägten nochmals ein neues Lutherbild: Luther, der überkonfessionell gemeinsame „Vater im Glauben“. Es ist das jüngste in der langen Reihe der Lutherbilder. In den Jahrzehnten seither ist es verblasst. Wie es scheint, wird das Jubiläum von 2017 kein eigenes prägen und auch keines aus der Vergangenheit in den Mittelpunkt stellen. Doch dann soll ja auch die Reformation und nicht ein einzelner Reformator gefeiert werden.


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Dorothea Wendebourg, Lehrstuhl für Kirchengeschichte mit Schwerpunkt Mittlere und Neuere Kirchengeschichte / Reformationsgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin.

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