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Konrad-Adenauer-Stiftung (Logo)Die Politische Meinung

„Das 21. Jahrhundert ist ein Jahrhundert des Neuanfangs, ein Jahrhundert neuer Versprechen, ein Jahrhundert unermesslicher Hoffnung und ein Jahrhundert tief empfundener Dankbarkeit all denjenigen gegenüber, die an diese Aufgabe glauben, die darauf abzielt, die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern.“ Diesen Satz – aus dem ein tiefes Vertrauen in die Zukunft spricht – hat ausgerechnet ein Schoah-Überlebender gesagt: Elie Wiesel, der leider im vergangenen Jahr gestorben ist (Rede von Elie Wiesel am 5. Juni 2009 in der Gedenkstätte Buchenwald, www.buchenwald.de/913/).

Elie Wiesel verlor fast seine komplette Familie in der Schoah. Er selbst überlebte die Konzentrationslager Auschwitz und Buchenwald – und dennoch gehörte er wie kein Zweiter zu den Menschen, die an Versöhnung und das Gute glaubten. Ohne Vertrauen ist eine solche Geisteshaltung nicht möglich.

Vertrauen in die Zukunft – das war in der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland nach 1945 eine höchst fragile Angelegenheit. Und auch heute gibt es Fragezeichen.

Die rund 250.000 Juden, die sich am Ende des Zweiten Weltkriegs – überwiegend unfreiwillig – auf deutschem Boden in Lagern für sogenannte Displaced Persons wiederfanden, vertrauten diesem Land nicht (mehr). Sie sahen ihre Zukunft in Israel oder in den USA. Doch aus unter­ schiedlichen Gründen – sei es gesundheitlicher oder finanzieller Natur – blieb ein kleiner Teil der Gestrandeten hier und schloss sich den wenigen Juden an, die in Deutschland überlebt hatten. Bis heute lässt uns ihre Zuversicht staunen, angesichts des Grauens, das sie erlebt hatten. Sie organisierten sich und bauten neue jüdische Gemeinden auf. Ein tief sitzen­ des Urvertrauen, der Glaube an eine bessere Zukunft, war ihnen offensichtlich geblieben.

„Auf gepackten Koffern“

Dennoch war es ein geflügeltes Wort, dass man „auf gepackten Koffern sitzt“. Es war eine ambivalente Haltung, die die jüdische Gemeinschaft bis in die 1980er­Jahre prägte. Einerseits wuchs das Vertrauen in die Bundesrepublik. Mit der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu Israel, den sogenannten Wiedergutmachungszahlungen und einer von der 68er­Bewegung an­ gestoßenen neuen Form der Aufarbeitung der NS­-Zeit zeigte zumindest Westdeutschland den Willen, seine historische Verantwortung anzunehmen. Andererseits blieben die Juden vorsichtig. Zu tief saß die Erfahrung der Verfolgung. Antisemitische Vorfälle, Friedhofsschändungen, aber auch Gewalt gegen Ausländer und Asylbewerber ließen immer wieder die Frage aufkommen, wie sicher jüdisches Leben in Deutschland sei. Die Koffer wurden zwar quasi auf den Dachboden geräumt, dort aber blieben sie. Für eine gesellschaftliche Minderheit ist Vertrauen eine unbedingte Voraussetzung im Leben. Würden wir nicht in die Mehrheitsgesellschaft in Deutschland Vertrauen haben, wäre ein Leben in Deutschland unmöglich. Im Jahr 2012 ging daher eine tiefe Erschütterung durch die jüdische Gemeinschaft, als nach dem Urteil des Kölner Landgerichts zur Beschneidung von Jungen in weiten Teilen der Gesellschaft dieses für Juden konstituierende Ritual infrage gestellt wurde.

Vertrauen zu den Kirchen

In der damaligen Debatte war es von großem Vorteil, dass das Vertrauensverhältnis zwischen der jüdischen Gemeinschaft und den beiden christlichen Kirchen in­ zwischen sehr stark ist. Beide Kirchen sprangen den Juden und Muslimen sofort bei. Auch dieses Vertrauen musste nach Jahrhunderten des christlichen Antijudaismus erst mühsam aufgebaut werden. Inzwischen ist das Fundament solide, wie sich allein an zwei Beispielen aufzeigen lässt: der Erklärung „Nostra Aetate“ des Zweiten Vatikanischen Konzils und dem Umgang der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) mit den antisemitischen Schriften Martin Luthers anlässlich des Reformationsjubiläums.

Wir müssen dennoch feststellen, dass politische Entwicklungen wie die Banken­ und Eurokrise und vor allem die Flüchtlingskrise nicht spurlos an uns vorüber­ gehen. Schließlich ist die jüdische Gemeinschaft integraler Bestandteil der deutschen Gesellschaft. Die allgemeine Krisenstimmung macht vor unseren Türen nicht halt.

Als Deutschland 2015 seine Grenzen für Flüchtlinge öffnete, wurde dies auch in Teilen der jüdischen Gemeinschaft mit Skepsis betrachtet. Trotz des immanent herrschenden Bekenntnisses zur humanitären Verpflichtung, stellten sich kritische Fragen: Können wir Menschen vertrauen, die in Ländern mit einer staatlich gepflegten Israel­ und Judenfeindschaft aufgewachsen sind? Wie werden diesen Menschen unsere Werte vermittelt? Wie die Bedeutung der Schoah und des Staates Israel? Diese Fragen ernst zu nehmen, sollte auch für die Gesamtgesellschaft gelten.

Noch stärker jedoch wird das Vertrauen in staatliche Institutionen durch Terroranschläge auf die Probe gestellt. Das Gefühl zu haben, in Sicherheit leben zu können, ist für die gesamte deutsche Gesellschaft existenziell, für Juden ganz besonders. Zudem wird in unserer Gemeinschaft sehr stark wahrgenommen, dass Juden bei Islamisten zum Feindbild Nummer eins gehören. Der Anschlag auf das Jüdische Museum in Brüssel und die Geiselnahme im koscheren Supermarkt in Paris haben eine eindeutige Sprache gesprochen.

Respekt, Solidarität, Toleranz

Ich kann daher nicht verhehlen, dass die allgemeine Vertrauenskrise auch in der jüdischen Gemeinschaft Folgen zeitigt. Wir würden es wohl in dem Bild ausdrücken, dass wir wieder nachschauen, wo wir die Koffer verstaut haben. Das bedeutet jedoch nicht, dass wir resignieren. Mit erhöhten Sicherheitsvorkehrungen im Alltag umzugehen, sind Juden oft von klein auf gewöhnt. Viele von uns reisen häufig nach Israel zu ihren Verwandten und Freunden, wo strenge Sicherheitsauflagen Normalität sind. Die Frage, wie der Staat sich wappnet und seine Bürger schützt, ist daher maßgeblich für das Vertrauen, das wir in dieses Land haben.

Uns ist ebenso klar: Wenn jetzt ein all­ gemeines Misstrauen um sich griffe oder ganze Religionen oder Bevölkerungsgruppen unter einen Generalverdacht gestellt würden, dann wäre unser friedliches und tolerantes Zusammenleben ernsthaft gefährdet. Niemand braucht einem Juden zu erklären, wie es ist, auf Misstrauen allein aufgrund der Herkunft oder Religion zu stoßen. Daher werden wir uns vehement für Werte wie Respekt, Solidarität, Toleranz und Fürsorge für Bedürftige einsetzen. Das gebietet uns nicht zuletzt unsere Religion. Es ist uns aufgegeben, unseren Beitrag zu leisten, um die Welt ein Stückchen besser zu machen. Wir vertrauen da­ rauf, dass dies möglich ist.


Josef Schuster, geboren 1954 in Haifa (Israel), Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland.

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