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Wem gehört die Geschichte?

Neue Bücher der Literaturpreisträger der KAS auf der Leipziger Messe

Von Michael Braun22. März 2017


Biographische Werke und Sachbücher sind nach wie vor ein großer Augenfänger auf der Leipziger Buchmesse. Die neue Adenauer-Biographie von Werner Biermann, die historischen Essays zur globalen Gegenwart von Jürgen Osterhammel (''Die Flughöhe der Adler'') oder Roger Willemsens Vermächtnisbuch ''Wer wir waren'' stehen auf den Bestsellerlisten, werden auf den Blauen Sofas, in den Lounges und an den Verlagsständen der Leipziger Buchmesse diskutiert.

Und was gibt es von den Preisträgern der Konrad-Adenauer-Stiftung zu lesen? Nun: gute, vielseitige, anregende Geschichten, auch, aber nicht nur, über Geschichte und Gegenwart. Hier einige Empfehlungen:

Für religiös musikalische Leser

Patrick Roths Christus Trilogie (1998) steht einzigartig in der Landschaft der Gegenwartsliteratur. Frei von postmodernen Anflügen, entwickelte Patrick Roth (Literaturpreis der KAS 2003) aus den Stoffen der Bibel ungeheuer fesselnde Geschichten (»Riverside«, »Johnny Shines« und »Corpus Christi«). Seine suggestiv-filmische Erzählweise sowie die spannende Mischung von popkulturellen Elementen mit mythologischen Geschichten lassen uns christliche Werte und Botschaften in einer transzendental obdachlosen Moderne neu erfahren. Der im Wallstein Verlag erscheinende Band enthält die beiden Romane und die Novelle sowie einen erhellenden Kommentar von Michaela Kopp-Marx, der die zentralen Grund-, Kon- und Subtexte der jeweiligen Werke benennt.

Für die „Arbeit am Mythos“

Die biblischen Geschichten und die antiken Mythen sind für den großen Erzähler Michael Köhlmeier (Literaturpreis der KAS 2017) „ferne Spiegel“, in denen wir unserer Geschichte ansichtig werden. In den Mythen entdeckt Köhlmeier mit Walter Benjamin die „epische Seite der Wahrheit“. Das zeigt sein jüngstes Buch Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist, Adam? Orientiert an Grundfragen unserer Zeit, enthält der Band Märchen, Legenden und Geschichten über Helden aus Bibel und Antike, erzählt von Michael Köhlmeier und erklärt von dem Wiener Philosophen Paul Konrad Ließmann. Es geht um das Doppelgesicht der „Neugier“ in der biblischen Paradiesgeschichte, um den verhängnisvollen Zusammenhang von „Gewalt“ und „Traurigkeit“ sowie um das „Daidalos-Prinzip“ der „Arbeit“. Mit einer eleganten Pointe: Unsere Arbeit ist nichts anderes als die Lösung der (ökologischen, technischen, sozialen) Probleme, die uns von den Maschinen hinterlassen werden, die wir selbst zur Beschleunigung und Vereinfachung der Arbeit entwickelt haben.

„Hauptgewinn“

Burkhard Spinnen (Literaturpreis der KAS 1999) hat als Geschichtenerzähler begonnen. Pünktlich zum 60. Geburtstag des Autors sind seine Prosabände (»Dicker Mann im Meer«, »Kalte Ente« und »Der Reservetorwart«) nun mit sechs weiteren, zuvor verstreut veröffentlichten Erzählungen in einem Sammelband mit dem pfiffigen Titel Hauptgewinn erschienen. Der nämlich ist das unerreichbare Lebensziel von Spinnens halben Helden, die mit ihrem Mittelmaß klar kommen, nicht aber mit den Störfällen des Alltags. Mit sparsamen Mitteln, unerbittlich ironisch, lässt der Autor sie in den Schonräumen der Bonner Republik, in Supermärkten, an Nordseestränden, in Fußgängerzonen, straucheln, aber nicht fallen. Moderne Kalendergeschichten wie aus einem Guß über die großen Probleme der kleinen Leute.

Für Romanfreunde

"Mysterien sind die Dachdecker des Lebens": Je länger man über so einen Satz wie diesen in Marica Bodrožićs Roman Das Wasser unserer Träume nachdenkt, umso tiefer lässt er blicken. Unser Wissen, unser Empfinden, unsere Wahrnehmung haben Grenzen. Nach oben glauben wir uns geschützt. Doch was geschieht, wenn dieses Weltdach wegbricht? Der Ich-Erzähler (offenbar männlich) liegt im Koma, in einem Hochleistungskrankenhaus. Doch sein Gehirn arbeitet auf Hochtouren. Es formiert Gedanken und Bilder, die auf dem Weg zur Sprache sind - und die deshalb oft poetisch, geheimnisvoll, ja einfach schön klingen. Doch damit ist es nicht getan. Denn das Bewusstsein reagiert ja auf die Umwelt und auf Erinnerungen. So kommen Krankenpfleger, Ärzte, ein bangemachender "Organsammler" und zwei liebende Frauen ins Spiel. Ein Roman über die Grenzen des Bewusstseins und die Macht der Imagination, über die Frage, was den Menschen zum Menschen macht, wenn er die Kontrolle über seinen Körper verliert und nur noch die Sprache für sich hat.

Und „533 Tage“ im Tagebuch

Das Schreiben von Cees Nooteboom (Literaturpreis der KAS 2010) folgt dem Prinzip des gesteigerten Schauens. Besonders auf Reisen und in seinen wechselnden Domizilen in Amsterdam, Spanien und auf Menorca beobachtet der Kosmopolit Nooteboom große und kleine Dinge, um, wie er sagt, „das Leben hinter der ersten, der sichtbaren Wirklichkeit“ zu entdecken. In seinem neuen Buch 533 Tage, das zwischen August 2014 und Januar 2016 auf Menorca entstand, der Insel, wo er seit 1965 zeitweise wohnt, gelingt das immer wieder durch ungewöhnliche Vergleiche: von dem Fall der Mauer mit blühenden Kakteen (beides sind „Ereignisse“), von dem polnischen Exilautor Witold Gombrowicz mit David Bowie (mit ihrer Obsession für die offene Form), von Brecht mit Max Frisch, seinem entlaufenen Schüler. „Bis zu welchem Alter muss man sich um die Welt kümmern“, fragt Nooteboom und gibt sogleich die Antwort: man kann sie, gerade auch als 83-jähriger „Befürworter der europäischen Einheit“, nicht vergessen. Ein epikureischer Erzähler mit politischer Courage.

  • Marica Bodrožić: Das Wasser unserer Träume. Roman (Luchterhand)
  • Michael Köhlmeier und Paul Konrad Ließmann: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist, Adam? Philosophisch-mythologische Verführungen (Hanser Verlag)
  • Cees Nooteboom: 533 Tage. Berichte von der Insel (Suhrkamp Verlag)
  • Patrick Roth: Die Christus Trilogie. Mit Kommentaren von Michaela Kopp-Marx (Wallstein Verlag)
  • Burkhard Spinnen Hauptgewinn. Die Erzählungen (Schöffling Verlag)

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