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Konrad-Adenauer-Stiftung (Logo)Länderberichte

Die Region Casamance im Süden Senegals gilt seit nahezu drei Jahrzehnten als Krisenregion des Landes. Der vorliegende Bericht befasst sich mit dem Status quo des Konflikts und beleuchtet die aktuelle politische und wirtschaftliche Lage der Region vor der nationalen Parlamentswahl am 30. Juli 2017 – auch im Hinblick auf Migrationsbewegungen aus der Region.

Der Süden Senegals gilt seit den 1980er Jahren als Krisenregion. Die Region Casamance wird bis heute als konfliktanfällig beschrieben und in manchen Kreisen gar als Kriegsregion des Senegals wahrgenommen. In Gesprächen mit Senegalesen – vornehmlich Vertretern des Bildungsbürgertums – in der Hauptstadt Dakar kann leicht der Eindruck gewonnen werden, die Casamance befinde sich nach wie vor im Ausnahmezustand, hätte unter gewaltsamen Auseinandersetzungen verfeindeter Truppen zu leiden oder sei gar im Chaos versunken. Viele Senegalesen meiden Reisen in die Region, konzentrieren sich lediglich auf die städtischen Ballungsräume im Norden des Landes und beklagen sich höchstens über die drückende Hitze im südlichen Landesteil.

Wie ist der Status quo in der Casamance?

Klar ist: Das politische und wirtschaftliche Geschehen des Senegals konzentriert sich auf die Region in und um Dakar und vernachlässigt die Peripherie, die Region Kedougou im Südosten ebenso wie die Casamance. Umso wichtiger ist es, den Blick auf diese Randregionen zu werfen. Wie ist die aktuelle Situation in der Casa-mance tatsächlich? Ist der Konflikt zwi-schen Rebellengruppen und dem senegalesischen Militär (endgültig) beendet? Sind Minen auf den Feldern beseitigt und Fluchtursachen wirksam reduziert? Wie steht es um die aktuelle politische Situation in der Region und worauf hoffen die Bewohner dieses vom Zentralstaat vernachlässigten Landesteils?

Die Region Casamance im Süden des Senegals ist sprachlich, ethnisch, kulturell und religiös heterogen und wird seit den beginnenden 1980er Jahren national und regional mit einer Krisenregion assoziiert. Die Region erstreckt sich entlang dem gleichnamigen Fluss Casamance und wird von der senegalesischen Hauptstadt Dakar durch den kleinsten Staat auf dem afrikanischen Kontinent, Gambia, getrennt. Die Enklave Casamance ist in drei Verwaltungsbezirke unterteilt: Die Regionalhauptstadt Ziguinchor bildet zugleich das Zentrum der Unteren Casamance, die frühere Regionalhauptstadt Sedhiou ist heute das Herz der Mittleren Casamance und Kolda – eine Stadt mit ca. 100 000 Einwohnern – bildet den Kern der Oberen Casamance.

Ethnische und religiöse Vielfalt in der Casamance vorhanden

Während die senegalesische Bevölkerungsmehrheit dem Volk der Wolof angehört, zählt die Mehrzahl der Bevölkerung in der Casamance zum Volk der Diola – entsprechend ist die vorherrschende Lokalsprache in der Region auch Diola. Lediglich fünf Prozent der Bevölkerung sind Wolof. Auch die Ethnien der Mandinka und Fulbe sind in der Casamance vertreten. Zwar sind offiziell ca. 70 Prozent der Casamancebewohner Muslime, doch immerhin ca. 20 Prozent gelten als Christen – hier vor allem Katholiken. Der tatsächliche Prozentsatz von Christen an der Gesamtbevölkerung bleibt fraglich. Offizielle senegalesische Statistiken sprechen von fünf bis sieben Prozent Christen im Senegal. Womöglich könnte der christliche Bevölkerungsanteil allerdings höher sein und von den Behörden künstlich niedrig gehalten werden, um Gelder der Islamischen Entwicklungsbank und Spenden aus muslimischen Ländern – vor allem den Golfstaaten – nicht fahrlässig zu riskieren.

Ein regionales Spezifikum ist ferner der hohe Anteil an Anhängern traditioneller afrikanischer Religionen. Circa 10 Prozent der „Casamançais“, wie sich die Bewohner der Region selbst bezeichnen, gehören keiner monotheistischen Religion an, sondern folgen lokalen afrikanischen Naturreligionen. Senegal ist offiziell ein laizistischer Staat. Circa 90 Prozent der Senegalesen bekennen sich zu einer monotheistischen Religion, mehrheitlich zum Islam sunnitischer Auslegung. Den-noch sehen sich auch Anhänger traditioneller afrikanischer – meist polytheistischer – Religionen keinen Einschränkungen bei der Ausübung ihres Kultus oder Glaubens ausgesetzt. Die Religionsfreiheit bleibt gewährleistet – ein Zeichen auch der liberalen Islamauslegung im Senegal, dessen Gläubige andere Religionen gewähren lassen und keine Konversionsversuche unternehmen. Der Religionsdialog funktioniert in der Region, das friedliche Miteinander der Religionen ist eine gelebte Selbstverständlichkeit.

Die Casamance wird vom Zentralstaat vernachlässigt

Obschon in der gesamten Region Casamance ca. 2 Mio. der etwa 15 Mio. Senegalesen leben, erfährt die abgelegene Region von der Zentralregierung in Dakar nach wie vor nur eine eingeschränkte Beachtung. Dies gilt in politischer, wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht und trägt mit dazu bei, dass sich seit den beginnenden 1980er Jahren ein schleichender Prozess der Entfremdung zwischen der Bevölkerung der Casamance und dem verbleibenden Landesteil entwickeln konnte. Die Lage als Enklave und als Region zwischen Guinea-Bissau und Gambia trägt mit dazu bei, dass Bewohner der Casamance noch bis heute bei einer Reise nach Dakar – inzwischen teilweise ironisch – aussprechen: „Wir reisen nun in den Senegal.“

Bewohner der Casamance fühlen sich ab-gehängt und von Dakar vergessen

Die Identitätskrise des Konflikts wird offensichtlich und durch die Vernachlässigung der Region zudem verstärkt. So wird in der Region nicht ohne Grund kritisiert, dass seit 1900 kein Gouverneur aus Ziguinchor auch aus der Stadt selbst entstammte. Alle politischen Verantwortungsträger werden aus dem nördlichen Landesteil entsandt – in der Wahrnehmung der örtlichen Bevölkerung entspricht dies eher einer fortgesetzten „Fremdbestimmung“ durch andere. Der Wunsch nach Autonomie und Eigenverantwortung ist daher noch immer deutlich spürbar.

Reich an Ressourcen und dennoch arm

Die Vernachlässigung der Region ist umso verwunderlicher, da die Casamance eine der ressourcenreichsten Gegenden des Landes darstellt. Neben der Fischerei (entlang des gesamten Flusses Casamance) bietet die Region eine beeindruckende Flora und Fauna mit ganzjährig grünen Landschaften und einem reichen Angebot an Früchten – u.a. Mango. Durch den hohen Waldanteil nimmt auch der Holzhandel eine entscheidende Rolle ein. Vor der Küste wurden neuerdings auch Erdölvorkommen entdeckt. Die Region bietet außerdem zahlreiche touristische Potentiale. Cap Skirring am südwestlichsten Punkt Senegals mit seiner malerischen Landschaft war jahrzehntelang eine gefragte Destination – spätestens seit Ausbruch der Ebola-Epidemie in Westafrika 2014 hat sich die Situation allerdings geändert und die Touristenzahlen zum Erliegen gebracht. Die wirtschaftlichen Auswirkungen sind in der Region zu spüren; die (Jugend-) Arbeitslosigkeit in der Region liegt bei 60 bis 70 Prozent.

PPDC: Entwicklungsplan für die Region

Nachdem sich der Casamance-Konflikt seit den 2000er Jahren in der Region entspannte, initiierte die senegalesische Regierung seit 2013 mit Unterstützung der Weltbank einen Plan zur (wirtschaftlichen) Weiterentwicklung der Region. Das regionale Entwicklungsprogramm für die Casamance PPDC (Projet Pôle de Développement de la Casamance au Sénégal) startete schließlich 2014 und verfolgt im Wesentlichen zwei Ziele: die Stärkung der lokalen Landwirtschaft, v.a. landwirtschaftlicher Betriebe, und die Verbesserung der Transportwege zwischen den Dörfern und Städten der Region. Letzteres ist besonders wichtig, da in der Region praktisch keinerlei Kühlketten und effektive Transportwege für Güter existieren. Dies hat konkrete Auswirkungen mit einem Gewinnausfall in Millionenhöhe. Der Fisch- und Obstreichtum in der Region ist evident, bleibt jedoch weitestgehend ungenutzt, da der Transportweg aus entlegenen Dörfern der Casamance in größere Städte bzw. die Hauptstadtregion Dakar zu weit ist und somit Güter nur verdorben ihr Ziel erreichen würden. Die bittere Folge mit immensen volkswirtschaftlichen Ausfällen für die senegalesische Wirtschaft ist das Nicht-Nutzen von eigentlich bestehenden Potentialen.

Wirtschaftspotential vorhanden – Nutzung bleibt aus

Lokale landwirtschaftliche Betriebe lassen Tonnen an Mangos und anderen Früchten ungenutzt auf dem Boden verderben, da regional keine Abnehmer zu finden sind und der Transportweg in den nördlichen Landesteil so unwegsam ist, dass das Ergebnis dasselbe wäre. Ähnliches gilt für die Fischerei – auch hier ist von einer funktionierenden Kühlkette keine Rede, sodass der Fischreichtum der Region nicht in Kapital umgesetzt werden kann. Der regionale Entwicklungsplan PPDC ist daher zu begrüßen und seine Umsetzung weiter voranzutreiben. Die Stärkung der Nationalen Agentur für den Aufschwung der wirtschaftlichen und sozialen Aktivitäten in der Casamance (ANRAC) ist zu begleiten und jedes Engagement der Regierung für die Region Casamance eine direkte Investition in die Zukunftsfähigkeit des gesamten Landes. Die westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft CEDEAO/ECOWAS bringt sich ebenfalls durch ein regionales Projekt in der Casamance ein und steuert rund 100.000 Euro bei, damit eine Verarbeitungskette entsteht, die regionale Früchte nicht ungenutzt verkommen lässt. Hintergrund des Casamance-Konflikts

Der Konflikt in der Casamance hält nunmehr seit mehr als 30 Jahren an und ist einer der am längsten anhaltenden Konflikte Afrikas. Nach unterschiedlichen Angaben sollen bisher mindestens 5.000 Menschen Opfer dieses Konflikts geworden sein; mehr als 100.000 Menschen dürften durch den Konflikt zu regionalen Binnenflüchtlingen geworden sein. Die Ursprünge des Konflikts sind komplex und lassen sich auf das Jahr 1982 datieren. Am 28. Dezember 1982 wurde auf einem öffentlichen Gebäude in Ziguinchor die senegalesische Flagge von Demonstranten durch die weiße Flagge der Casamance ersetzt, nachdem bereits am 26. Dezember erste Demonstrationen in der Stadt begannen. Daraufhin wurden Funktionäre, der bereits 1945 gegründeten politischen und Bewegung „Movement des Forces Démocratiques de la Casamance“ (MFDC), inhaftiert. Blutige Auseinandersetzungen folgten, u.a. am 16. Dezember 1983, der als „roter Sonntag“ in die Geschichte einging, da mehr als 200 Menschen aufgrund von Auseinandersetzungen zwischen MDFC-Anhängern und dem senegalesischen Militär starben. Ziguinchor blieb über all die Jahre ein Zentrum des Casamance-Konflikts.

MFDC: Politischer und militärischer Akteur

Seit 1982 entwickelte sich die MFDC auch zu einem militärischen Akteur in der Region, die ihrem Streben nach Unabhängigkeit auch gewaltsam Ausdruck verlieh. Der militärische Arm der MDFC, die „Attika“ (Diola für Kämpfer oder Pfeil), griff vor allem seit Mai 1990 offensiv senegalesische Militäreinrichtungen an, was 1991 einen ersten Waffelstillstand zwischen den verfeindeten Parteien (MFDC einerseits und senegalesischer Staat andererseits) zur Folge hatte.

Kulturelle, sozioökonomische und geopolitische Dimension des Konflikts

Die Genese des Konflikts ist vielfältig und beinhaltete anfangs eine historische, kulturelle und sozioökonomische Dimension. Inzwischen ist auch die geopolitische Dimension des Konflikts ersichtlich – ein Aspekt der gerade durch die politische Transformation in Gambia seit Januar 2017 eine neue Bedeutung erlangt. Die Bevölkerungsmehrheit der Diola in der Casamance zelebriert traditionell einen starken Widerstandkult gegen äußere Einflüsse und widersetzte sich sowohl portugiesischen, englischen und später französischen Kolonialmächten, später auch den aus Dakar entsandten Gouverneuren oder Präfekten – meistens aus dem Stamm der Wolof kommend.

Die Region Casamance ist eine koloniale Kreation. Erst durch das Auftreten von Nationalstaaten und der Ziehung fiktiver Grenzen wurden die Menschen eines gleichen Volkes zu Bürgern dreier unterschiedlicher Staaten: Sie leben heute im anglophonen Gambia, lusophonen Guinea-Bissau und im frankophonen Senegal. Die drei Länder beheimaten heute etwa 20 Mio. Einwohner. Obschon unter-schiedliche Amtssprachen und Nationalitäten vorliegen, sind die Menschen der Länder durch eine gemeinsame Geschichte und familiäre Beziehungen eng miteinander verbunden.

Aktuelle Entwicklungen in der Casamance

Herausforderung Illegale Migration

Der Senegal versteht sich traditionell als ein Transitland innerhalb Westafrikas. Migration wird von der Mehrzahl der Bevölkerung prinzipiell positiv gesehen und hat keine negative Konnotation. Im Gegenteil: Für viele Senegalesen stellt Migration ein Grundrecht dar und gehört seit Jahrhunderten zur Wirklichkeit der westafrikanischen Tradition. Gerade die Casamance kannte Wanderungsbewegungen seit jeher. So ist es wenig verwunderlich, dass eine Vielzahl der ausgewanderten Senegalesen aus strukturschwachen Grenzregionen – wie etwa der Casamance – stammen. Laut der Internationale Organisation für Migration (OIM) sind bis Ende Februar 2017 in Italien 1.215 Personen registriert worden, die als Herkunftsland den Senegal angaben. Im Vergleich hierzu lag die Zahl bis Ende Februar 2016 noch bei 899 Personen aus dem Senegal. Die Zahl derer, die das Land Richtung Europa verlassen, nimmt demnach weiter zu. Insgesamt erreichten nach OIM-Angaben 2016 aus dem Senegal 10.327 Personen Italien, 2015 waren es noch 5.981 Menschen. Eine Vielzahl der Auswanderer aus dem Senegal stammt aus peripheren Regionen wie der Casamance.

Gründe für eine illegale Migration – das Attribut „illegal“ stößt im Senegal weitgehend auf Unverständnis – sind vielfältig. Die enorm hohe (Jugend-) Arbeitslosigkeit und die damit verbundene Perspektivlosigkeit sowie die Hoffnung auf eine bessere Zukunft in Europa sind häufig zu hören. Dennoch ist Arbeitslosigkeit allein scheinbar kein Grund für die Auswanderung. In Velingara, einer Stadt in der Oberen Casamance, verließen im Oktober 2016 drei junge Männer über Nacht ihre Familien, obschon sie eine Beschäftigung vor Ort hatten. Örtliche Gesprächspartner vermuten, dass es falsche Erwartungen an Europa seien, die vor allem junge Männer zur Auswanderung bewegen. Man erhoffe sich, zu schnellem Geld zu kommen, sich ein neues Auto und ein großes Haus bauen zu können. Dieses von Europa als Eldorado vermittelte Bild in den Köpfen vieler junger Menschen sei ein Hauptgrund für die Auswanderung. 2016 verließen 63 junge Männer Velingara, um ihre Zukunft außerhalb des Landes zu suchen. Bis April 2017 waren es in der Stadt bereits 41 Personen, die ohne vorherige Ankündigung ihr Umfeld verließen.

Anstatt das angesparte oder innerhalb der Familie zusammengelegte Geld vor Ort in die Gründung eines kleinen Unternehmens zu investieren, begeben sich noch immer zu viele auf den riskanten und gefährlichen Weg einer illegalen Migration. Viele Familien erfahren erst von Schleppern in Libyen, die zusätzliches Geld einfordern, dass eines ihrer Kinder illegal nach Europa aufgebrochen ist. Die Entzauberung des „Mythos Europa“ ist daher ebenso wichtig wie die Schaffung von Perspektiven vor Ort. Örtliche Autoritäten der Region, die gemeinhin als „zone de départ“ – als Ausgangspunkt – einer Migration im Senegal gilt, sind sich der Problematik und den Nachteilen einer illegalen Migration für das Land bewusst. Doch die Möglichkeiten einer Eindämmung sind begrenzt. Lokale Radiostationen, religiöse Würdenträger und Frauenorganisationen sind wichtige Multiplikatoren, um über die Gefahren einer illegalen Migration zu sensibilisieren. Mit ihnen zusammen zu arbeiten, ist auch eine Strategie der Konrad-Adenauer-Stiftung im Senegal.

Politische Lage vor Parlamentswahlen am 30. Juli 2017

Am 30. Juli 2017 sind die Senegalesen aufgerufen, ein neues Nationalparlament zu wählen. Erstmals werden 165 Abgeordnete in die Assemblée Nationale gewählt, darunter 15 Abgeordnete aus der Diaspora. Prinzipiell ist die politische Bildung der Menschen in der Casamance unzureichend. Die Zentralregierung in Dakar ist weit entfernt und die Bewohner der Region fühlen ihre Interessen im Parlament nicht ausreichend vertreten. Lokale Politiker wie Bürgermeister und Gemeinderäte wissen oft nicht um ihre Rechte und haben großen Bedarf an Schulungen über elementare Abläufe und Prozesse einer lokalen Mitbestimmung. Die Einschreibung in das Wahlregister für die Parlamentswahl scheint nach Auskunft lokaler Vertreter der Regierung reibungslos verlaufen zu sein.

Eine Parlamentsabgeordnete aus der Region, die seit 1962 im Senegal politisch aktiv ist, bescheinigt der Casamance dennoch eine „finstere Zukunft“. Die Armut in der Region gewinne Überhand, Frauen kümmerten sich um das Nötigste, während Männer der Arbeitslosigkeit verfielen. Die Jugendarbeitslosigkeit in der Region sei alarmierend und Migration für viele junge Menschen der einzige Ausweg, um sich ein menschenwürdiges Leben garantieren zu können. Es fehle der sichtbare Wille zur Entwicklung, so die Abgeordnete, die sich frustriert über die schleppende Entwicklung und demotivierte Haltung vieler junger Menschen zeigt.

Die entscheidenden Herausforderungen der Region sind zweifelsfrei die Schaffung von Arbeitsplätzen und die Investition in eine breitenwirksame Berufsausbildung junger Menschen. Zwar loben lokale Wirtschaftsvertreter die positive Entwicklung der Region seitdem Präsident Macky Sall 2012 die Regierung anführe. Der Staat unterstütze den Frieden in der Region und fördere durch den PPDC die wirtschaftliche Entwicklung, so manchen Stimmen. Doch eine Fahrt durch die Städte der Region verdeutlicht anschaulich, wie stark dies nur die Auffassung einer kleinen lokalen Elite sein kann. Die Region nutzt ihre Potentiale bei weitem nicht ausreichend und trägt zu einer an-steigenden Frustration in der Bevölkerung – vor allem bei Jugendlichen – bei.

In der Stadt Kolda sind Unruhen keine Seltenheit, zuletzt sorgten Straßenschlachten zwischen jungen Motorradfahren und der örtlichen Polizei für landesweite Aufmerksamkeit. Der zivile Ungehorsam nimmt zu und die Autorität des Zentralstaates wird in Frage gestellt.

Eine große Herausforderung bleibt ferner die Rolle der Region als Drehkreuz des internationalen Drogen- und Waffenhandels. Örtliche Gesprächspartner aus Gendarmerie und Politik bestätigen, dass eine Tendenz der Aufrüstung mit und des Schmuggels von Waffen erkennbar sei. Aufgrund der Nähe zu Gambia und Guinea-Bissau nehme insbesondere der Drogenhandel eine steigende Sichtbarkeit an. Poröse Grenzen und eine mangelnde Durchsetzung von Staatlichkeit (vor allem in Guinea-Bissau) gepaart mit einer zunehmenden Perspektiv- und Arbeitslosigkeit führen dazu, das sich die organisierte Kriminalität zunehmend in der Region ausbreiten kann.

Aktuelle Entwicklung des Casamance-Konflikts

Der Casamance-Konflikt ist nicht beendet, hat allerdings spürbar an Vehemenz nach-gelassen. An den Ein- und Ausfahrten von Dörfern entlang der Hauptstraßen in der Region sind noch immer Militärcheckpoints vorzufinden. Felder und Wälder sind nach wie vor vermint und die in die Jahre gekommenen MFDC-Rebellen haben ihr Ziel einer Unabhängigkeit der Region nicht vollständig aufgegeben. Dennoch sind auch Hoffnungszeichen zu erkennen: Seit zwei Jahren sind keine Auseinandersetzungen zwischen MFDC und dem Militär zu verzeichnen, die Rekrutierung neuer Rebellen nimmt nach und die katholische Laienorganisation Sant´Egidio vermittelt seit 2014 in Rom zwischen der senegalesischen Regierung und dem MFDC-Vertreter Salif Sadio, um einen dauerhaften Frieden in der Region zu bewirken.

Es bleiben jedoch zahlreiche Ungewissheiten, die den Konflikt weiter schwelen lassen. Die genaue Anzahl der MFDC-Rebellen war und ist nicht bekannt. Es kursieren zahlen zwischen 5.000 bis 10.000 Rebellen, sie bleiben jedoch rein spekulativ. Ein Faktum ist hingegen die Fragmentierung des MFDC in mehrere, sich gegenseitig kritisch beäugende, Lager. Es gibt keine eindeutige MFDC-Hierarchie, inzwischen gibt es mindestens fünf unterschiedliche MFDC-Einheiten, die mitunter verschiedene Ziele verfolgen.

Salif Sadio, der mit der Regierung offiziell verhandelt, leitet eine Einheit im Grenz-gebiet zu Gambia. Er gilt zwar als radikal in seinen Ansichten und unnachgiebig in der Forderung nach einer Unabhängigkeit der Region, willigte allerdings einem Waffenstillstand mit der Regierung bei. Ein weiterer Protagonist der MFCD, der etwa 75 % der Rebellen führt und Regionen an der Grenze zu Guinea-Bissau kontrolliert, ist César Atoute Badiate. Badiate gilt als ursprünglicher Kommandant des MFDC, zu dem die Regierung offiziell keinerlei Kontakte unterhält.

Es bestehen zahlreiche noch zu klärende Fragen des Konflikts: Wer kann für den MFDC sprechen und welche Gültigkeit haben Abkommen mit dem MFDC, wenn die Rebellen selbst in verschiedene Gruppierungen unterteilt sind? Wie kann eine Reintegration der nach wie vor in den Wäldern lebenden Rebellen in ihre Herkunftsdörfer gelingen? Welche Exiloptionen sind für die Rebellenführer angedacht? Viele der Rebellen sind aufgrund des jahrzehntelangen Lebens im Untergrund decouragiert und nicht wenige der internationalen Kriminalität verfallen. Wie kann das MFDC-Streben nach Unabhängigkeit bzw. Abspaltung vom Zentralstaat – eine Mehrzahl der örtlichen Bevölkerung hält von diesen Forderungen nichts – umgewandelt werden in Autonomierechte für die Bewohner der Region?

Die Formalisierung des Friedensprozesses bleibt eine zentrale Herausforderung für die senegalesische Regierung. Politisch und psychologisch ist es wichtig, der Region eine größere Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, wirtschaftliche Projekte direkt in der Region anzustoßen und die Jugendarbeitslosigkeit nachhaltig zu reduzieren.

Einschätzung und Ausblick: Geopolitische Dimension

Die Region Casamance ist eine der reichsten Regionen Senegals und dennoch arm. Die hohe Jugendarbeitslosigkeit, die damit verbundene Perspektivlosigkeit und die mangelnde Nutzung wirtschaftlicher Potentiale führen zur Migration zahlreicher Bewohner der Casamance – sei es innerhalb Westafrikas oder nach Europa. Die Schaffung von Ausbildungs- und Arbeitsplätzen sowie von funktionierenden Weiterverarbeitungsketten für die reichlich bestehenden Ressourcen wie Obst und Fisch sind dringend notwendig. Entwicklungspläne wie PPDC oder PSE (Nationaler Entwicklungsplan Senegals) weisen in die richtige Richtung, allerdings muss die Regierung in Dakar der Region spürbar mehr Aufmerksamkeit zukommen lassen – gerade um das beschädigte Vertrauen zwischen der Region und Dakar wieder herzustellen und den Bewohnern der Region neues Selbstvertrauen zuzusprechen. Es verwundert daher, dass in die neue Satellitenstadt Diamniado vor den Toren Dakars investiert wird, anstatt bestehende strukturschwache Regionen wie die Casamance durch Investitionen aufzuwerten. Casamance-Konflikt nur temporär beruhigt?

Sollten die Potentiale der Region Casamance nicht zeitnah genutzt und in die Zukunftsfähigkeit der Region investiert werden, könnte sich der derzeit beruhigte Casamance-Konflikt rasch wieder entfachen. Die Ruhe ist trügerisch, denn in den Köpfen der Menschen in der Region lebt der Konflikt nach wie vor fort. Das Gefühl als Enklave vergessen oder von Eliten aus Dakar fremdbestimmt zu werden, herrscht weiter vor. Gepaart mit Sorgen um die wirtschaftliche Entwicklung der Region ergibt dies eine gefährliche Mischung. Waffen- und Drogenhandel prägen schon heute die Städte der Region, Unruhen der Jugend nehmen zu und die Zahl der illegal Auswandernden aus der Casamance nimmt weiter zu und nicht ab.

Gambia fällt als Stütze des MFDC weg

Hinzu kommt die geopolitische Dimension des Casamance-Konflikts. Die Bewohner Gambias, Senegals und Guinea-Bissaus sind im Großraum der Casamance eng miteinander verbunden und lassen sich durch poröse Grenzen nicht aufhalten. Gambia und Guinea-Bissau waren traditionelle Rückzugsräume für Rebellen der MFDC. Bis heute sind die bestehenden MFDC-Stützpunkte in den Wäldern an den Grenzen zu Gambia und Guinea-Bissau. Gambias früherer Machthaber Yaya Jammeh – wie die MFDC-Rebellen vom Stamm der Diola – soll den MFDC mit Waffen und Geld versorgt haben. Durch den Machtwechsel im Januar 2017 und die demokratische Öffnung Gambias unter Präsident Adama Barrow fällt ein wichtiger Anlaufpunkt des MFDC vermutlich weg.

Instabilität Guinea-Bissaus birgt Risiken für die Casamance

Besorgt zeigen sich die örtlichen Autoritäten in der Casamance allerdings von der Instabilität in Guinea-Bissau. Das Land nimmt Rang 178 von 188 des Human Development Index ein, teilt eine 338 km lange Grenze mit dem Senegal und bietet seinen ca. 1,9 Mio. Bewohnern praktisch keine funktionierende Staatlichkeit. Ein dauerhafter und nachhaltiger Frieden in der Casamance kann nur gelingen, wenn auch die angrenzenden Regionen stabil sind.

Die Öffnung Gambias bietet daher eine große Chance für die Stabilität der Casamance – auch da die Bewohner über eine neu zu bauende Brücke leichter den Fluss Gambia überqueren und somit die Hauptstadt schneller werden erreichen können. Guinea-Bissau bleibt durch seine destabilisierende Rolle allerdings ein ungewisser Nachbar Senegals. Die poröse und weitgehend ungesicherte Grenze zwischen Guinea-Bissau und Senegal bietet Rebellen, Schmugglern und Kriminellen ein leichtes Spiel und gefährdet ebenso den Frieden in der Region Casamance – und somit den inneren Frieden Senegals.

Die Casamance: Eine Region ungenutzter Chancen für den Senegal

Wenn die Potentiale in der Casamance genutzt und Investitionen in der Region verstärkt werden, kann sich die Casamance zur Schatzkammer Senegals entwickeln. Das friedliche Miteinander verschiedener Religionen, Ethnien, Kulturen und Sprachen offenbaren die Möglichkeiten dieser Region. Der Casamance-Konflikt ist derzeit unterbrochen, allerdings (noch) nicht beendet. Hierzu bedarf es eines offiziellen Friedenabkommens zwischen MFDC und senegalesischer Regierung, der Entwaffnung aller Rebellen und der Entminung ganzer Landstriche. Erst dann kann über eine Reintegration der Rebellen nachgedacht und neue Zukunftspläne für die Region erstellt werden. Es bleibt ein langer Weg für diese nicht zur Ruhe kommende Region im Länderdreieck Guinea-Bissau, Gambia und Senegal.

Kontakt

AbbildungThomas Volk ›
Leiter des Auslandsbüros Senegal
Tel. +221 33 8 69 77 78
thomas.volk(akas.de


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