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Konrad-Adenauer-Stiftung (Logo)Veranstaltungsberichte

Die Fachkonferenz Lust auf Land - Strategien für die Zukunft ländlicher Räume, begann am 22. Mai im Alten Rinderlaufstall der Burg Landlust in Flamersheim. Ausgehend von beispielhaften Initiativen aus dem Kreis Euskirchen blickte diese anderthalbtägige Konferenz der KommunalAkademie mit Modellprojekten aus Rheinland-Pfalz zur digitalen Vernetzung über die Landesgrenzen hinaus auch auf die südliche Eifel.

Unter der Schirmherrschaft von Landrat Günter Rosenke stellten insgesamt 26 kommunale Verantwortungsträger innovative Praxisbeispiele zu demografischen Herausforderungen, zur Fachkräftegewinnung und Attraktivität ländlicher Kommunen vor. Digitale Dörfer, neue Modelle der Da(bleibe)vorsorge sowie landes- und bundespolitische Ansätze zur Stärkung ländlicher Räume thematisierten unter anderem Dr. Hanns-Christoph Eiden, Präsident der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung, Thomas Krämer, Referent beim Landkreistag NRW, Landrat Heinz-Peter Thiel, die Bürgermeisterinnen der Städte Bad Münstereifel und Monschau sowie zwei prämierte Jungunternehmer.
Am zweiten Tag führte eine moderierte Exkursion im Bus von Euskirchen nach Bad Münstereifel, wobei unterwegs u.a. Mobilität und Strukturwandel auf dem Programm standen. Über 70 Teilnehmer und Referenten aus ganz Deutschland - darunter zahlreiche kommunale Amts- und Mandatsträger - lernten beim Besuch der Leitstelle und Besichtigung von Einsatzmitteln Herausforderungen der ärztlichen Notfallversorgung in Flächenkreisen sowie die Chancen des Telenotarztes kennen, bevor die Aspekte Standortmarketing und Stadtentwicklung im ländlichen Raum zum Zielort Bad Münstereifel führten.

Stadt = modern, Land = rückständig?
Lust auf Land: Der Titel der Konferenz sollte nicht verklären, aber der gängigen Erzählung vom Landfrust, den Modernisierungsverlierern, vermeidlich politisch Reaktionären und Abgehängten vom Land eine differenzierte, problembewusste und gleichwohl optimistische wie selbstbewusste Perspektive entgegenhalten. Die Gleichung Stadt = modern, Land = rückständig, trifft nicht zu. Die klassischen Gegensätze von Stadt und Land sind längst überholt: Es gibt heute städtisches Leben auf dem Land und umgekehrt, man spricht von „rurbanen“ Landschaften. Andere prophezeien mit Blick auf die Digitalisierung und technische Innovationen bereits die posturbane Gesellschaft.

Was verstehen wir unter Ländlichkeit?
Wie sieht er aus, der viel beschworene ländliche Raum? Deutschland ist rechnerisch mit bundesweit durchschnittlich rund 230 Menschen pro Quadratkilometer eines der am dichtesten besiedelten Länder Europas. Dass die Übergänge von Stadt und Land fließend sind und ursprüngliche Definitionen nicht mehr tragen, spiegelt sich auch in den Statistiken wider. Je nach Lesart werden Land und ländlicher Raum sehr unterschiedlich interpretiert; entsprechend variieren die Angaben, wie viele Menschen dort leben. Der wesentliche Unterschied liegt darin, ob und wie Cluster gebildet werden, somit städtische oder stadtnahe Gebiete zusammengenommen und als städtisch bezeichnet oder ländliche Räume separat betrachtet werden.

Nach Lesart des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung liegt der Anteil der ländlichen Bevölkerung bei einem Drittel. Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) wiederum kommt zu dem Ergebnis, dass über die Hälfte der Bevölkerung auf dem Land und in ländlichen Räumen lebt und diese ländlichen Räume rund 90 Prozent der Staatsfläche ausmachen. Wichtig ist nicht die statistische Größe, sondern die Erkenntnis, dass es nicht den ländlichen Raum gibt, ebenso wenig wie es den stereotypen städtischen Raum gibt.

„Ländliche Räume wissen besser, wo der Schuh drückt“
Dr. Hanns-Christoph Eiden, Präsident der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung, stellte in seiner Eröffnungsrede die Möglichkeiten des Bundes zur Förderung ländlicher Räume vor und betonte dabei, dass die Menschen vor Ort am besten einschätzen könnten, welche Förderung notwendig sei. Der Bund wolle die ländlichen Räume nicht allein lassen, sondern dabei unterstützen, die Herausforderungen der Demografie und Daseinsvorsorge zu meistern mit dem Ziel, gleichwertige Lebensverhältnisse in Stadt und Land zu erreichen. Durch die seit Herbst 2016 erneuerte Gemeinschaftsaufgabe „Verbesserung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes“ (GAK) könnten nun gezielt strukturschwache, ländliche Regionen von diesem nationalen Förderinstrument profitieren. Neben nicht-landwirtschaftlichen Kleinstunternehmen der Grundversorgung und Einrichtungen für Basisdienstleistungen könnten beispielsweise auch ländlicher Tourismus sowie die Verbesserung des kulturellen Erbes von Dörfern gefördert werden. Der Bund habe die Fördermittel u.a. mit dem Bundesprogramm Ländliche Entwicklung (BULE) erheblich gesteigert und wolle mit seinen vielfältigen Förderansätzen Strukturen fördern, die Zukunft ermöglichten. Dabei seien die Menschen vor Ort der entscheidende Erfolgsfaktor.

„Kommunale Aufgaben so ortsnah wie möglich ansiedeln“
Thomas Krämer, Referent beim Landkreistag NRW, stellte eine Woche nach den Landtagswahlen und einen Tag vor Beginn der Koalitionsverhandlungen in Düsseldorf in seinem Vortrag v.a. die Themen Sicherheit und Ordnung, kommunale Finanzen, digitale Infrastruktur und Konsolidierung der Bildungslandschaft als Kernforderungen des Landkreistages in den Vordergrund. Dabei betonte er das Prinzip der Subsidiarität, demnach kommunale Aufgaben so ortsnah wie möglich und so fachnah wie nötig gelöst werden sollten. Zur Prävention und Kriminalitätsbekämpfung müsse die Polizeipräsenz im ländlichen Raum erhöht werden. Zur Sicherstellung solider kommunaler Finanzen setzte er sich für eine originäre Steuerbeteiligung der Kreise sowie eine sozialleistungsbezogene Umlage ein. Die Sozialkosten seien in den letzten Jahren ohne Gegenfinanzierung erheblich gestiegen. Ziel müsse die Erhöhung der Investitionspauschale statt weiterer Förderprogramme von Landesebene sein. Den Breitbandausbau bezeichnete er als konkrete Herausforderung, wobei insbesondere die Bildungseinrichtungen ans Netz gebracht werden müssten. Ebenso betonte er die Förderung kleinerer und mittlerer Unternehmen als Rückgrat der Wirtschaft und forderte die Flexibilisierung der gewerblichen Planung. Er warnte davor, in die Fläche zu planen und Museumsdörfer zu schaffen; fußläufige Nahversorgung sei wichtiger als Einkaufzentren am Rand der Gemeinde. Die Konsolidierung der Bildungslandschaft hob Krämer hervor, wobei er die Schließung von 200 Förderschulen infolge der Einführung der Inklusion in NRW kritisierte.

Schrumpfung kann Innovationen fördern
Der Landkreis Euskirchen zeigt beispielhaft, wie auch innerhalb eines ländlich geprägten Landkreises sowohl demografisch wie auch wirtschaftlich sehr unterschiedliche Herausforderungen zu bewältigen sind. Die Einwohnerdichte reicht von 44 Einwohnern/km² bis hin zu über 400 Einwohnern/km². Gleichzeitig ist die Ausgangslage u.a. mit Blick auf die Metropolregion Rheinland eine andere als in ländlichen Regionen ohne direkte Nähe zu Metropolen. Der ländliche Raum ist heterogen – politisch, geografisch, wirtschaftlich wie sozial – die politischen Antworten auf die jeweiligen Herausforderungen müssen es ebenso sein. Der Kreis Euskirchen hat in einer Demografieinitiative auf die zentralen demografischen Herausforderungen – weniger, bunter, älter – auf vielfältige und kreative Art reagiert: Iris Poth, Leiterin der Stabsstelle Struktur- und Wirtschaftsförderung und Demografiebeauftragte des Kreises Euskirchen sowie Geschäftsführerin der Nordeifel Tourismus GmbH ging auf einige von 50 seit 2011 entwickelten und umgesetzten Projektbeispiele aus den Handlungsfeldern Bildung, Integration und Inklusion, Kinder-, Jugend- und Familienfreundlichkeit, Wirtschaft und Arbeit, Lebensqualität und Infrastruktur sowie Verständnis zwischen den Generationen ein und betonte dabei das ehrenamtliche Engagement. Eindrücklich zeigten die vielfältigen Projektideen wie beispielsweise Sprachpatenprojekte, Aktionswoche der Generationen, Quartiersmanagement, kommunale Zukunftswerkstätte sowie Familienkarte oder Aktionen zur Fachkräftegewinnung eindrücklich, dass Schrumpfung Innovationen fördern und der demografische Wandel auch Chance sein kann. Der Kreis habe mit der Weiterentwicklung des Tourismuskonzepts und durch den Nationalpark Nordeifel seine Stärken als Naherholungs-, Urlaubs- und Erlebnisregion erfolgreich ausgebaut, so Poth: 2015 habe der Wirtschaftsfaktor Tourismus durch einen regelrechten Boom 265 Millionen Euro Bruttowertschöpfung ausgemacht, Tendenz steigend.

Genossenschaften als Modelle der Da(bleibe)vorsorge
Bernd Altgen, Vorstandsvorsitzender der VR-Bank Nordeifel eG und Aufsichtsratsvorsitzender der Dienstleistungsgenossenschaft Eifel DLG eG setzte sich in einem packenden Plädoyer für den Einsatz von Genossenschaften ein, als eine bewährte Möglichkeit, Herausforderungen der Daseinsvorsorge zu begegnen. Modern interpretiert vereinten Genossenschaften zahlreiche aktuell diskutierte Konzepte wie Schwarmintelligenz, Crowdfunding & Crowdinvesting, Shared Services & Sharing Economy oder Corporate Governance. Altgen erinnerte an die Kernthese des Kommunalpolitikers und Gründers der genossenschaftlichen Bewegung Friedrich Wilhelm Raiffeisen: „Was dem einzelnen nicht möglich ist, das vermögen viele“. Jeder vierte Bundesbürger sei Mitglied einer Genossenschaft (weltweit seien es 800 Millionen) in den verschiedensten Bereichen und Branchen: Neben Bioenergiedörfern, Verbrauchergemeinschaften oder Mikrofinanzfonds seien auch kommunale Genossenschaften zur Erbringung bislang kommunaler Leistungen potenzielle Anwendungsmöglichkeiten. Altgen appellierte an den „sozialen Menschen“, dessen helfende Hand bei der eigenen beginne: „Wie können Menschen aus der Komfortzone geholt und zum Mitmachen motiviert werden?“ Die Dienstleistungsgenossenschaft sowie die Generationengenossenschaft seien zwei gute Beispiele für funktionierende Interessenbündelungen: In der Dienstleistungsgenossenschaft Eifel DLG eG sind mittlerweile 45 Arbeitgeber mit über 3.900 Arbeitnehmern der Region Mitglied. Zweck ist die wirtschaftliche und soziale Förderung der Mitglieder durch die Entwicklung, Beratung, Bereitstellung und Einkauf von Leistungen in den Bereichen Personalführung, Chancengleichheit und Vielfalt, physische und psychische Gesundheit, individuelle und organisationsmäßige Widerstandsfähigkeit in Krisensituationen, Wissen und Kompetenz sowie Digitalisierung.

Die GenoEifel eG (Generationengenossenschaft) wiederum ist ein Zusammenschluss von Menschen, die sich gegenseitig in einem verbindlich organisierten Rahmen unterstützen. Dazu gehören Hilfen beim Einkaufen, bei Haus- oder Gartenarbeiten, Begleitung zu Arzt und Behörden, Besuchsdiensten, Vorlesen, Spazieren gehen oder kleine technische Hilfen und Reparaturen. Ziel ist die Förderung der Jugend- und Altenhilfe sowie die Unterstützung hilfsbedürftiger Personen durch die Mitglieder, die als Hilfspersonen nach Weisung der Genossenschaft tätig werden. Spannend ist dabei, dass Erbringung und Nutzung einer Leistung zeitlich losgelöst voneinander erfolgen: Wenn Zeit und Kraft vorhanden sind, werden Dienstleistungen erbracht (Rasen gemäht, Kinder versorgt o.ä.) und somit Guthaben angespart, das zu einem späteren Zeitpunkt abgehoben bzw. genutzt werden kann, wenn Hilfe nötig ist. Die Generationengenossenschaft befindet sich derzeit in der Anlaufphase und wird u.a. durch ein Leader-Programm finanziert.

Innovative Ideen vom Land
Chefkoch Oliver Röder lud mittags zum Imbiss aus dem Food Truck ein. Der Jungunternehmer und Sternekoch erinnerte sich an seine Anfangszeit auf der Burg Landlust. Freunde hätten ihn für verrückt erklärt, als es den Niedersachsen in den kleinen Eifelort zog, um diese Region kulinarisch zu vermarkten. Das Konzept ist aufgegangen. Nicht nur das Eifel-Gourmetfestival, das er gemeinsam mit Jungunternehmer Johannes von Bemberg jährlich veranstaltet, zeigt, dass auch vermeidlich verrückte Initiativen vom Land zum Standortfaktor werden können.

Am Nachmittag lieferten sich acht Referentinnen und Referenten den strengen Bedingungen des Adenauer-Labors aus und stellten in fünfminütigen Kurzimpulsen sieben innovative Ideen vom Land vor:

Fachkräfte aufs Land: Gefördert durch das Modellvorhaben „Land(auf)Schwung“ des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft soll das Projekt junge Exilsauerländer zurück in die Region holen. Mit Hilfe von HEIMVORTEIL2Go-Boxen werden im Hochsauerlandkreis Abiturienten und Studenten auf interessante Arbeits- und Karrieremöglichkeiten aufmerksam gemacht. Unternehmen aus der Region sind mit Produkten oder Give-aways in einem Informationspaket vertreten. Mit Hilfe dieses Regionalmarketings soll der Hochsauerlandkreis bekannt gemacht und Fach- sowie Führungskräfte innerhalb und außerhalb der Region angeworben werden. Über die sozialen Medien werden Rückkehroptionen erörtert und für die Heimat begeistert, um potenzielle Fachkräfte zu gewinnen und an die Region zu binden. „Die ländlichen Regionen müssen die eigenen Vorteile im Vergleich zur Stadt vermarkten und sich selbstbewusster aufstellen“, forderte Projektleiterin Sandra Schmitt.

Heimatliebe - Bürger packen an: Bürger aus sieben Dörfern im Höhengebiet von Bad Münstereifel haben 2012 den Verein „Dörfergemeinschaft am Thürne e.V." gegründet und setzen sich seitdem für die Verbesserung von Lebens-, Arbeits- und Wohnbedingungen ein, fördern die Gemeinschaft, Nachbarschaft sowie den Zusammenarbeit in den Dörfern. Die starke Initiative hat beispielsweise erreicht, dass den Dörfern seit 2016 ein modernes Elektroauto vom Kreis als Dauerleihe bereitgestellt wird, das als Dorfauto mit ehrenamtlichen Fahrern gebucht werden kann. Als Vorsitzender der Dörfergemeinschaft am Thürne e.V. berichtete Rainer Hilberath von den Herausforderungen in seiner Heimatregion und vom beherzten Engagement der Bürgerinnen und Bürger. Früher seien die verkehrsinfrastrukturellen Rahmenbedingungen besser gewesen als heute, so Vereinsvorsitzender Rainer Hilberath.

Mobile Dörfer: Lukas Böhm und Felix Peters, zwei prämierte Jungunternehmer vom Land, haben die Software „mobilesdorf“ entwickelt, um die Bereitstellung von Dorfautos zu organisieren und Kommunen und Vereine im ländlichen Raum zu Carsharing-Anbietern zu machen. Mit Hilfe einer innovativen Software-Plattform können Kommunen mit eigenen Fahrzeugen ein Carsharing-Angebot betreiben. Peters und Böhm haben die Software 2013 im Rahmen des LEADER-Projekts „Eifel mobil“ für die Reservierung eines Elektrofahrzeugs entwickelt. Seitdem haben sie die Software optimiert und in zahlreichen weiteren Projekten über Deutschland verteilt zum Einsatz gebracht.

Breitbandoffensive: Marcus Derichs, Breitbandbeauftragter des Kreises Euskirchen, hob die Bedeutung der schnellen Internetverbindung für die Zukunftsfähigkeit ländlicher Regionen hervor: „Dort, wo kein Eigenausbau mit hochbitratigen Breitbandanschlüssen durch Telekommunikationsunternehmen stattfindet, setzen der Kreis Euskirchen und seine Kommunen insbesondere auf Landesförderprogramme sowie das Bundeförderprogramm für den Breitbandausbau.“ Obwohl schnelles Internet so essentiell wie Strom oder Schienennetz sei, gehöre es nicht zur kommunalen Daseinsvorsorge und sei daher abhängig von der Wirtschaft oder Fördermitteln. Letztere konnte der Kreis Euskirchen in Kooperation mit dem Kreis Düren erfolgreich beantragen und gehört damit zu den ersten Kreisen, die Breitbandfördermittel erhalten haben.

„Wie gelingt es, Heimat zu gestalten, wenn man auf Fördermittel angewiesen ist?“ – fragte Bürgermeisterin Margareta Ritter, Vorsitzende der Lokalen Aktionsgruppe (LAG) Eifel zu Beginn ihres Kurzimpulses „Wir gestalten Heimat!“. In einem Masterplan Eifel gebündelt, konnten erhebliche Fördermittel in die Eifel investiert und mit Hilfe engagierter Bürgerinnen und Bürger in unterschiedlichsten Initiativen auf den Weg gebracht werden. Seit Ende 2007 gehört die nordrhein-westfälische Eifel zu den LEADER-Regionen in NRW. Die Mitarbeit in der Lokalen Aktionsgruppe (LAG) Eifel steht jedem Interessierten offen. In den letzten Jahren wurden viele innovative Projekte in Zusammenarbeit von öffentlichen und privaten Akteuren umgesetzt. Der LEADER-Ansatz beruht auf Hilfe zur Selbsthilfe: Menschen werden unterstützt, ihre Heimat mit eigenen Ideen attraktiv und zukunftsfähig zu gestalten. Sie sollen in die Lage versetzt werden, tragfähige Projekte auch ohne Förderung umzusetzen.

Energiequelle Land: Ende 2016 ging der größte Waldwindpark in Nordrhein-Westfalen mit zehn Windkraftanlagen (22,7 MW) auf Waldgrundstücken der Gemeinde Dahlem in Betrieb. Weitere fünf Windkraftanlagen sind genehmigt und im Bau. Fehlende Steuereinnahmen können auf diesem Weg als Energiestandort kompensiert werden: Die Jahrespacht eines Windrades gelangt direkt über die politischen Ortsvertreter an die Vereine und Projekte vor Ort: „Der Windpark ist damit ein wichtiger Bestandteil für eine zukunftsfähige Gemeinde Dahlem im ländlichen Raum“, betonte Bürgermeister Jan Lembach.

Ländliche Regionen als Marke etablieren: Landrat Heinz-Peter Thiel, zugleich Vorsitzender der Zukunftsinitiative Eifel, betonte die Stärken ländlicher Räume, ohne zu vergessen, dass diese von den Städten profitierten. Zur Stärkung des Standorts Eifel hat die seit 2005 bestehende Zukunftsinitiative Eifel einen Standortmarkenprozess eingeleitet, um die Region nach außen zu positionieren sowie zu stärken. Im Eifel-Ardennen-Raum sollen flächendeckende Prozesse und Aktivitäten initiiert und gefördert werden. Handlungsfelder reichen von Technologie und Innovation, Landwirtschaft, Handwerk und Gewerbe, Kultur und Tourismus oder Wald und Holz. Auf diese Weise können regionale Produkte mit einem positiven Eifel-Image kombiniert werden, um für die gesamte Region wie für die einzelnen Erzeuger eine höhere Wertschöpfung zu erbringen.

„Was wäre, wenn wir die Chancen der Digitalisierung für den Raum außerhalb der Großstädte nutzbar machen würden?“
Digitalisierung erleichtert Dezentralisierung. Die Vorteile von Ländlichkeit wiegen schwerer, wenn Nachteile minimiert werden können: Wenn durch 3D-Drucker, Drohnen oder selbstfahrende Autos Distanzen irrelevanter werden und neue Geschäftsmodelle entstehen. Vor allem müssen die Menschen Lust auf Digitalisierung haben, die Chancen erkennen und offen sein für die vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten. Gerald Swarat ging es in seiner Präsentation nicht um schnellere Leitungen, sondern v.a. um mehr Austausch und Handel durch die Bereitstellung relevanter Informationen. Dabei stellte er Ergebnisse aus dem Projekt „Digitale Dörfer“ vor und diskutierte einige Kernfragen im Umgang mit Digitalisierung: „Was wäre, wenn wir die Chancen der Digitalisierung für den Raum außerhalb der Großstädte nutzbar machen würden?“ – „Was wäre, wenn sich die ländliche Gemeinschaft weigert, sich dem prognostizierten Verfall zu ergeben?“ – mit diesen und weiteren provokanten Fragen betonte er die notwendige Veränderungsbereitschaft aller Beteiligten.

Swarat baut seit 2016 das Berliner Büro des Fraunhofer IESE (Kaiserslautern) auf und koordiniert Themen der Forschungsinitiative Smart Rural Areas, innerhalb dessen die „Digitalen Dörfer“ ein Projekt mit dem Land Rheinland-Pfalz sind. Eines der Ziele des Projekts sei es gewesen, einen Marktplatz zu schaffen, um regionale Produkte anzubieten. Digitalisierung sei auf die Bereitschaft der Menschen angewiesen, mitzumachen. Es gehe darum, Visionen zu erzeugen und Dinge auszuprobieren. Dort, wo gewollt, könne mit Hilfe der Digitalisierung, durch Vernetzung und Bereitstellung von Informationen, Angebote geschaffen werden: Mobilität, Gesundheitsversorgung oder Nahversorgung sind nur einige der zahlreichen möglichen Einsatzbereiche. Die anschließende Diskussion moderierte Christoph Wegener, Referatsleiter des Kompetenzzentrums Ländliche Entwicklung in der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung. Datenschutzfragen wurden dabei weniger besorgt diskutiert; stattdessen legten die Teilnehmenden Wert darauf, als Land nicht den Anschluss verpassen zu wollen und offen für Veränderung zu sein. Swarat sah hierin eine zentrale Bedingung für die Chancen neuer Wege in der Daseinsvorsorge: „Dort wo der Schmerz für Veränderungen noch nicht groß genug ist, findet die Veränderung nicht statt.“

Mit einem dreifachen Plädoyer für das Landleben endete der erste Konferenztag mit Krimiautor Ralf Kramp, Mundart-Experte Manfred Lang und Liedermacher Günter Hochgürtel von der „Eifel-Gäng“. Das Trio stellte sprachliche, kulturelle und emotionale Untiefen des vermeidlich gemeinen Eiflers heraus, die Dank der Simultanübersetzung vom Dialekt ins Hochdeutsche auch den bundesweit angereisten Teilnehmenden zugänglich wurden. Auch das kulturelle Angebot entscheidet eben über die Attraktivität von ländlichen Räumen und stiftet Heimat.

Entfernung vs. Zeit: Notärztliche Versorgung durch Telenotarzt
Der zweite Tag der Konferenz begann in Euskirchen: Landrat Günter Rosenke begrüßte als Schirmherr der Konferenz in der Kreisverwaltung, bevor Udo Crespin, Leiter der Gefahrenabwehr, über notärztliche Versorgung und Telenotarzt sprach. Die Herausforderung, in einem Flächenkreis die Anforderungen der notärztlichen Versorgung zu gewährleisten und trotz der zurückzulegenden Entfernung und steigenden Anforderungen in angemessener Zeit vor Ort zu helfen, hat zum Pilotprojekt Telenotarzt geführt. Der Notarzt sitzt dabei an einem Bildschirm in der Zentrale und überblickt per Kameraübertragung durch den Rettungsdienst den Einsatz. Eine Software überträgt die für Diagnose und Ersthilfe wichtigen Daten. So kann der Notarzt Anweisungen zur Behandlung geben oder entscheiden, dass doch noch ein Notarzteinsatz vor Ort notwendig ist. 2016 hat Euskirchen als erster Kreis in NRW die Funktionalität und Akzeptanz des Systems in der Praxis getestet. Der Telenotarzt kann keinen fahrenden Notarzt ersetzen. Bei einem Verkehrsunfall mit Schwerverletzten beispielsweise ist die Präsenz eines Notarztes vor Ort nötig. Aber mit Hilfe der Technik können trotz der enormen Steigerung der Notarzteinsätze vorhandene Personalressourcen optimiert werden, ohne dass die notärztliche Versorgung leidet. Crespin betonte die Bedeutung des Ehrenamts und sieht hier die Notwendigkeit, Anreize zu schaffen, beispielsweise durch eine berufliche Qualifizierung. Im Anschluss an den packenden Vortrag besuchten die Teilnehmenden die Leitstelle und besichtigten die Telenotarzt-Technik am Einsatzfahrzeug.

Mobilität im ländlichen Raum
Unterwegs nach Bad Münstereifel stellte Achim Blindert, Geschäftsbereichsleiter Umwelt und Planung des Kreises Euskirchen, Beispiele für eine flexiblere Mobilität im ländlichen Raum vor. Alle Busfahrten mit einer Besetzung von weniger als fünf Fahrten sind demnach auf Taxibus umgestellt worden. Fahrplan und Linienweg sind wie beim normalen Bus vorgegeben, aber der Fahrgast muss den Taxibus bestellen und somit verursacht dieser auch nur bei Benutzung Kosten. In Ergänzung zum Taxibus fährt in den Abendstunden und am Wochenende das Anrufsammeltaxi. Auch das muss vorbestellt werden, aber es gibt keinen Linienweg, sondern Bedienungsbereiche. Außerdem fährt dieses Taxi die Fahrgäste nicht nur bis zur Haltestelle, sondern bis zur Haustür. Zur Vereinheitlichung sollen die Anrufsammeltaxis in das Taxibussystem integriert werden. Die ÖPNV-Angebote müssten zudem noch viel besser vermarktet werden, so Blindert, damit sie auch genutzt würden. Zudem müssten in Zukunft die Verfügbarkeiten am Wochenende verbessert und ein Fahrradverleihsystem aufgebaut werden.

Stadtentwicklung und Stadtmarketing am Beispiel Bad Münstereifels
Auf dem Weg nach Bad Münstereifel waren drei Generationen von Bürgermeistern an Bord, die zusammengenommen seit 1996 im Amt waren und sind: Alexander Büttner war von 2004 bis 2015, somit zur Zeit der Entwicklung und Eröffnung des City Outlets Bürgermeister von Bad Münstereifel. Unterwegs blickte er auf die Anfänge des Outlets zurück, beschrieb die Ausgangslage des Projekts, Ziele, Hoffnungen, Herausforderungen sowie Kritik, um dabei auch die Möglichkeiten und Grenzen eines verantwortlichen Bürgermeisters zu verdeutlichen. Während heute von Wiederbelebung, kleinem Wirtschaftswunder, wach geküsster Stadt mit Pioniercharakter gesprochen wird, standen zu Beginn auch Sorgen wie die Ängste um einen Verkehrsinfarkt, den möglichen Verkauf der Seele der Kurstadt oder die Gefährdung des Kurortstatus zur Debatte. Büttner sah in dem Projekt eine Jahrhundertchance und hat es als solches auch unterstützt, wo er konnte. Die Kommunikation sei zentral gewesen, Rückschläge hätten verkraftet werden und Schwerpunkte gesetzt werden müssen. Vor allem sei elementar gewesen, sich nicht von einzelnen Berichterstattungen beirren zu lassen.

2014 öffnete in Bad Münstereifel das innerstädtische Outlet, das einmalig für Deutschland die historische Altstadt in das Vermarktungskonzept integrierte. Nachdem der Einzelhandel zuvor zurückging und Ladenlokale leer standen, ist seitdem nicht nur die Stadtsanierung vorangeschritten, sondern eine stete Steigerung der Besucherzahlen zu verzeichnen. Die Ladenlokale sind ausgelastet und neue Einkaufsflächen geplant.

Während der Diskussion im Bad Münstereifeler Rathaus mit Bürgermeisterin Preiser-Marian, Achim Bädorf und Marc Brucherseifer, freute sich Preiser-Marian über 250 neu entstandene Arbeitsplätze. Seit November 2015 im Amt, ist ihr Stadtmarketing bzw. Standortmarketing ein Kernanliegen – die Gründung eines Stadtmarketing-Vereins steht bevor. Sie betonte den Dreiklang aus Kneippkurort, Bildungsstadt und Outlet City. Alle drei Elemente zeichneten die Stadt aus und müssten weiterentwickelt werden. Die Politik müsse die Bürgerinnen und Bürger bei der Erarbeitung eines Stadtentwicklungskonzepts einbeziehen; ihrer Erfahrung nach bestehe in Bad Münstereifel großes Interesse an sowie Bereitschaft zu politischer Beteiligung.

City Outlet mit Pioniercharakter
Marc Brucherseifer, Geschäftsführer des City Outlets Bad Münstereifel, berichtete von seiner Motivation, in den Kneipport zu investieren: Gemeinsam mit Georg Cruse, dem Geschäftsführer des Bekleidungsunternehmens Robert Ley, habe er bei einem Schneespaziergang die Idee entwickelt, in der Innenstadt von Bad Münstereifel ein Outlet Center zu gründen. Ihn habe der Ort, an den er sich zunächst privat orientiert habe, fasziniert. Brucherseifer berichtete vom großen, zunächst kritischen medialen Echo, das unter anderem der Umzug des bekanntesten Stadtbürgers, Sänger Heino, hervorgerufen hatte. Letztlich haben sich jedoch Stadt, City Outlet und Heino versöhnt, was nicht nur sein Konzert zur Eröffnungsfeier belegt. Während 2010 kaum eine Bank bereit gewesen sei, den Umbau der größtenteils unter Denkmalschutz stehenden Gebäude zu finanzieren, habe das City Outlet einen positiven Gesamtimpuls ausgelöst, resümierte Brucherseifer.

Achim Bädorf, von 1992 bis 2004 Hauptverwaltungsbeamter der Stadt Bad Münstereifel – zunächst als Stadtdirektor, von 1996 bis 2004 als Bürgermeister – hat das „Kneipp-Heilbad des Westens“ durch ein persönliches Schicksal zu schätzen gelernt und im Kur- und Gesundheitsbereich eine berufliche Neuorientierung gefunden. Der geschäftsführende Vorsitzende des Verbandes deutscher Kneipp-Heilbäder und Kneipp-Kurorte sowie Geschäftsführer der Gesundheitsagentur NRW ist ebenfalls vom City Outlet überzeugt: „Ich hätte das Projekt auch hierher geholt!“ Die Weiterentwicklung des Konzepts und Verknüpfung mit weiteren Standbeinen der Stadt, verhindere eine gefährliche Monokultur. Er habe sich mit allen Gegenargumenten versöhnt; das Outlet-Management habe die notwendige Diversifizierung im Blick. Bädorf bezeichnete die Urbanität als Zukunftsoption und kritisierte den Mangel an Urbanität im ländlichen Raum. Bädorf erinnert an die finanziellen Schwierigkeiten während seiner Zeit im Amt infolge der Gesundheitsreform. Jetzt müsse es gelingen, den Gesundheitsbereich mit dem City Outlet zu verknüpfen und als zukunftsfähiges Standbein der Stadt zu etablieren. Mit dem jüngsten Oulet-Geschäft, einem Kneipp-Store, sei ein guter Anfang gemacht. Im Wettbewerb mit der Stadt hätten ländliche Räume unbestreitbare Vorzüge, die es zu bewahren und zu stärken gelte. In Bad Münstereifel sei glücklicherweise privates Unternehmertum auf eine zukunftsorientierte Verwaltung gestoßen. In der anschließenden Diskussion spielten Aspekte der Landes- und Regionalplanung eine Rolle, sowie die laufende Debatte um die Sonntagsöffnung.

Die erfolgreiche Neuerfindung von Bad Münstereifel und Revitalisierung der Innenstadt mit aufwändigen Kernsanierungen in der historischen Altstadt konnten die Teilnehmenden abschließend in einer Stadtführung besichtigen, bevor die anderthalbtägige Konferenz am frühen Nachmittag mit der Rückfahrt nach Euskirchen endete.

Welche politischen Strategien können auch anderenorts greifen?
Stärken stärken, Schwächen schächen, die Einzigartigkeit von Orten erkennen und diese, egal wie verrückt sie auch erscheinen, zu etablieren, eine zündende Idee zu haben und dabei gleichzeitig Mut und Fähigkeit zur Veränderung zu haben, können als kommunalpolitische Lehren dieser Konferenz gezogen werden. „Ländliche Räume leben vom Engagement ihrer Bewohner!“ – „Die ländlichen Regionen müssen die eigenen Vorteile im Vergleich zur Stadt vermarkten und sich selbstbewusster aufstellen.“ – Diese und weitere Plädoyers zum Landleben finden Sie neben kurzen Porträts der vielen interessanten Referentinnen und Referenten der Fachkonferenz in den Tagungsunterlagen.

Kontakt

AbbildungNadine Züll ›
Wissenschaftliche Mitarbeiterin
Tel. +49 2241 246-4431
Nadine.Zuell(akas.de


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