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Konrad-Adenauer-Stiftung (Logo)Die Politische Meinung

Schmucke renovierte Bauernhäuser, in denen man auf viel Platz mit seiner Familie zusammenlebt, schmiegen sich um eine kunsthistorisch wertvolle Dorfkirche, gleich daneben befindet sich das ökologisch sanierte Schulhaus, in dem die Grundschüler des Ortes von ansässigen Lehrern unterrichtet werden und regelmäßig Kulturveranstaltungen der Gemeinde stattfinden; im Rathaus kann man den Bürgermeister treffen, um auf dem kurzen Dienstweg über Belange der Gemeinde zu sprechen, die Bewohner des Dorfes kennen und respektieren sich, man pflegt ein lebendiges Vereinsleben, die Freiwillige Feuerwehr, ein Kindergarten oder ein Altenpflegeverein stehen für aktiven Bürgersinn; im örtlichen Gasthaus trifft man sich am Stammtisch, im Tante-Emma-Laden kauft man ein und plauscht mit den Nachbarn; wenn man einmal in die nächstgrößere Stadt fahren will, gibt es passende Bus- oder Bahnverbindungen, und natürlich haben die Raiffeisenbank oder die Sparkasse genauso eine Filiale im Ort wie die Post; und wenn man krank ist, geht man zum Landarzt, der einen von Kindesbeinen auf kennt.

Solches Dorfleben gilt vielen als eine Art Utopie der kleinen Gemeinschaft. Doch das Land als antizivilisatorische Entschleunigungs- und Erholungszone ist häufig nur eine eskapistische Projektion von Stadtbewohnern, die unter hohen Mieten und Platznot leiden. Die Urbanisierung ist jedoch weltweit der herrschende Megatrend. Dagegen kämpfen viele ländliche Regionen und kleine Gemeinden in Deutschland mit Infrastrukturproblemen und Abwanderungstendenzen.

Von der Suburbanisierung zur Reurbanisierung

Wir erleben seit ein paar Jahren eine Pendelbewegung: erst die Zeiten der Suburbanisierung, als der Traum vom Einfamilienhaus im Grünen der Lebensrealität der Kleinfamilie entsprach. Nunmehr gibt es dagegen wieder einen Trend zur Reurbanisierung, der mit den gewandelten Geschlechterverhältnissen, aber auch damit zusammenhängt, dass die Städte attraktiver geworden sind: durch weniger Luftverschmutzung, weniger Lärm, besseren Nahverkehr, größere kulturelle und soziale Vielfalt. Dazu kommt ein demografischer Faktor: Das Statistische Bundesamt erwartet bis 2050 einen Einwohnerrückgang von zwölf Millionen, der vor allem auf Kosten des Landes gehe. Das beschert vielen Gemeinden und Regionen erhebliche Probleme. Auch kleine Städte leiden unter Finanznot und mangelnder Attraktivität, unter Zersiedelung, Flächenzerstörung und dem Verlust von Infrastruktur sowie architektonischer Substanz.

Nicht alle Probleme des Landes haben mit der demografischen Schrumpfung zu tun; auch die Veränderung der Wirtschaft – immer weniger Arbeitsplätze im Agrarsektor, weniger Handwerksbetriebe, weniger produzierendes Gewerbe, dafür mehr Jobs im Wissens-, Informations-, Medien- und Dienstleistungssektor – sowie die generelle Automobilität und neues Einkaufsverhalten haben dazu beigetragen, dass der Dorfbewohner heute nur noch selten im Dorf arbeitet, einkauft und ausgeht, sondern im nächsten Gewerbegebiet und in der durch Pendeln erreichbaren Stadt. Oder man lässt sich von Amazon zu Hause beliefern. Die infrastrukturell „gehandicapten“ Dörfer gleichen oft „Schlafdörfern“. Das Leben findet anderswo statt. Logisch, dass daraus eine Abwärtsspirale werden kann. Wer will die Stadt verlassen, um in einem ungeselligen Dorf zu leben, in dem die Kinder lange Wege bis zur nächsten Schule zurücklegen müssen und man sich ins Auto setzen muss, wenn man ein Restaurant besuchen möchte?

Gegenbewegung – Die Initiative „Rettet das Dorf!“

Die drohende Misere des Lebens auf dem Land hat aber inzwischen eine Gegenbewegung hervorgebracht. „Rettet das Dorf!“ lautet beispielsweise die Parole des Humangeografen Gerhard Henkel, der in der Fern- und Fremdbestimmung der kleinen Gemeinden einen anderen Grund für ihre Probleme sieht. Die Zusammenlegung von Gemeinden und der damit verbundene Verlust von 300.000 ehrenamtlichen Kommunalpolitikern habe zu einem Verlust an lokaler Kompetenz und gemeinwohlorientiertem Verhalten geführt. Dörfer, die ihre politische Selbstverantwortung verloren haben, könnten sich gegen die Folgen des Strukturwandels nur mäßig behaupten. Ein „kommunales Initiativ- und Förderprogramm“ sei nötig, um die negative Entwicklung auf dem Dorf umzukehren, Schrumpfungsprozesse wenn nicht zu bremsen, so doch sozialverträglich zu gestalten.

Politische Maßnahmen und mehr Geld vom Staat sind das eine. Notwendig ist aber gleichzeitig das zivilgesellschaftliche Handeln der Bewohner in den ländlichen Räumen selbst, wenn sie gegen die Abwärtsspirale sinkender Lebensqualität vorgehen wollen. Denn dünne Besiedelung – wenn der Megatrend zur Urbanisierung anhält – heißt nicht automatisch sinkende Lebensqualität, das zeigt ein Blick auf Skandinavien. Nur muss die Daseinsvorsorge anders organisiert werden als bisher. Wenn kleinere Läden dichtmachen, kann ein genossenschaftlich organisierter Dorfladen neu entstehen, der vielleicht auch ein Café einschließt, einen Postservice bietet und als sozialer Treffpunkt dient. Wenn der öffentliche Nahverkehr abgebaut wird, können Bürgerbusse die Mobilitätsbedürfnisse befriedigen. Rollende Arztpraxen können den Landarzt ersetzen. Die Kooperation benachbarter Gemeinden kann zum Beispiel bedrohte Schulstandorte oder ein Schwimmbad erhalten; man spricht dann von der sogenannten regionalen Cloud.

Der Staat sollte diese Modelle zivilgesellschaftlicher Aktivität unterstützen, indem er beispielsweise die Bürgerbusse finanziell fördert. Das Modell ist die Freiwillige Feuerwehr, deren Betrieb in Kooperation von Kommunen, Bürgern und Staat funktioniert. Soziologen sprechen in dem Zusammenhang davon, dass sich die Rolle des Staates wandelt: vom Leistungsstaat zum Gewährleistungsstaat.

Entscheidend aber ist in jedem Fall, dass die betroffenen Bürger ihre Sache selbst in die Hand nehmen, aus neuer kommunaler Selbstverantwortung Bürgervereine oder Bürgergenossenschaften gründen. Die „Raumpioniere“ oder „Avantgardisten des Umbruchs“ müssen sich dabei nicht nur konservativ auf die Aufrechterhaltung der Daseinsvorsorge konzentrieren. Sie könnten das Leben auf dem Land tatsächlich so umgestalten, dass es auch für die zivilisationsmüden Stadtbewohner wieder so attraktiv wird, um bewusst dorthin hinziehen zu können. Dazu würde gehören, dass viel mehr Kreativität in die Erhaltung historischer Bausubtanz investiert wird:

- dass man der Renovierung und dem Erhalt der Dorfkerne mehr Aufmerksamkeit schenkt als dem Ausweisen von Neubaugebieten;
- dass man den Denkmalschutz beachtet und ästhetische Kriterien ganz hoch ansetzt;
- dass man Solar-, Windkraft- oder Biogasanlagen ästhetisch ansprechend gestaltet; überdies kann die erneuerbare Energie auch die Ökonomie des Landes stärken.

Bürgervereine, die dezentral ein Windrad oder eine Biogasanlage betreiben, können Geld verdienen, welches sie für andere Infrastrukturen zur Verfügung hätten.

Kleine Museen, Kultur- oder Naturlehrpfade steigern das Interesse am ländlichen Raum und schaffen Ausflugsziele für Städter. Gasthöfe, die hochwertige regionale Küche bieten, mit Lebensmitteln von örtlichen Erzeugern, deren Anbau ökologischen und tierethischen Erfordernissen entspricht, haben ein unverwechselbares Alleinstellungsmerkmal. Biobauernhöfe, die auch Urlaubsmöglichkeiten für Touristen bieten, befördern die viel beschworene Landlust: Nicht nur unser Dorf soll schöner werden, sondern auch unser Land!

Notwendig sind entschiedener Biotopschutz und bewusste Gestaltung der gewachsenen Kulturlandschaften. Auch Naturräume bieten, wenn sie ökologisch intakt und ästhetisch ansprechend sind, dem Menschen der Erlebnisgesellschaft vielfältige Attraktionen. Eine Natur, die dem Empfinden Resonanzräume bietet, deren Schönheit erfahrbar ist, lockt den Städter zur Erholung aufs Land.

Und ein Dorf, das mehr oder mindestens genauso viel Gemeinschaft bietet wie das Leben in der Stadt, kann ein Magnet sein für Menschen, die die Globalisierung und Unübersichtlichkeit des modernen Lebens bedrohlich finden. Nur wenn das Land und die Dörfer schöner, lebendiger und gemeinsinnorientierter werden, haben sie eine Zukunft. Landflucht muss nicht unbedingt zu Landfrust führen.


Jochen Rack, geboren 1963 in Erding (Oberbayern), aufgewachsen in Nördlingen, Romanschriftsteller und langjähriger freier Journalist beim Bayerischen Rundfunk.

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