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Konrad-Adenauer-Stiftung (Logo)Die Politische Meinung

Ein halbes Jahrhundert nach dem Start einer bundesweiten Regionalpolitik, die auf die Verringerung der Unterschiede zwischen prosperierenden Städten und zurückbleibendem Land durch Investitionen im ländlichen Raum und die Verlagerung von Betrieben aus den Ballungszentren ausgerichtet war, werden die Bemühungen zum interregionalen Ausgleich von vielen als gescheitert angesehen. Berichte über verödende Landstriche einerseits und Wohnungs- und Flächenmangel in den Städten andererseits bestimmen die Diskussion. In den Großstädten wird ein Investitionsstau beim Ausbau der überlasteten Infrastrukturen beklagt, während es im ländlichen Raum scheinbar nur um die Form und Dauer des notwendigen Rückbaus geht.

Doch stimmt dieses Bild überhaupt? Das Bild des ländlichen Raums, wie es im Feuilleton (großstädtischer) Printmedien gezeichnet wird, scheint nur die Uckermark oder die Eifel zu kennen. Die durchaus richtig beschriebenen Schrumpfungswehen einiger Gebiete werden vom Leser – oder bereits direkt vom Autor – oft auf alle ländlichen Regionen Deutschlands übertragen. Tatsächlich liegt die Wirtschaftsleistung, anhand des Bruttoinlandsproduktes je Einwohner gemessen, auf dem Lande im Durchschnitt weit niedriger als in den Städten. Doch zum einen gibt es hier wie dort große Unterschiede: Eine ganze Reihe von Städten hat wirtschaftlich den Anschluss an die dynamischen Zentren verloren, und einige ländlich-kleinstädtische Kreise sind durchaus sehr wirtschaftsstark.

Zum anderen vernachlässigt dieses Bild die Pendlerströme: Aus ländlichen Regionen in Metropolennähe pendeln viele Menschen zu städtischen Arbeitsplätzen und verfügen nicht selten über ein hohes Einkommen. In den Landkreisen, die an prosperierende Städte angrenzen, herrscht inzwischen in vielen Teilen Deutschlands nahezu Vollbeschäftigung.

Hohe Kaufkraft in vielen ländlichen Regionen

Die Perspektive auf Stadt und Land verändert sich zudem, wenn man die Preise mit in den Blick nimmt: Die Einkommensgegensätze zwischen Stadt und Land schrumpfen durch eine Preisbereinigung erheblich. In einer aktuellen Studie zur regionalen Armutsverteilung in Deutschland hat das Institut der deutschen Wirtschaft Köln herausgefunden, dass nach Kaufkraftbereinigung die Armutsquoten auf dem Lande mit wenigen Ausnahmen (zum Beispiel in Mecklenburg-Vorpommern) gering sind, während städtische Regionen mit Problemen im Strukturwandel und hoher Arbeitslosigkeit die „Armutshochburgen“ Deutschlands sind.

Führend sind dagegen ländliche Regionen Bayerns und Baden-Württembergs, in denen teilweise weniger als ein Zehntel der Bevölkerung als kaufkraftarm – mit weniger als sechzig Prozent des Durchschnittswerts der Kaufkraft in Deutschland – einzustufen ist. Hierbei handelt es sich um Landkreise, in denen es viele mittelständische Industriebetriebe gibt.

Teilweise sind dies sogenannte Hidden Champions, innovationsstarke Unternehmen mit oft mehreren Tausend Beschäftigten, die mit ihren technologisch anspruchsvollen Produkten den Weltmarkt beliefern. Zwar ist die Dichte leistungsstarker Industriebetriebe, wie sie im Südwesten Deutschlands besteht, in anderen Landesteilen unerreicht. Doch einen starken industriellen Mittelstand gibt es in diversen eher ländlich strukturierten Regionen; im Sauerland ebenso wie im Raum Münster-Osnabrück oder in Thüringen. Für das Verarbeitende Gewerbe gilt, dass die Verteilung wissensintensiver und innovationsstarker Branchen auf städtische und ländliche Räume relativ ausgeglichen ist – ganz anders als bei den Dienstleistungen mit einer starken Konzentration wissensintensiver Dienste auf die Großstädte und Ballungszentren.

Starke Differenzierung auch in den neuen Bundesländern

Die meisten ländlichen Regionen in peripherer Lage gibt es in den neuen Bundesländern, wo prosperierende städtische Zentren dünner gesät sind als im Westen. Aber auch in Ostdeutschland ist Land nicht gleich Land. In Talkshows nennen Politiker gern „die Uckermark und das Erzgebirge“, wenn sie von (angeblich) abgehängten peripheren Regionen sprechen. Tatsächlich könnten die beiden genannten Gebiete kaum unterschiedlicher strukturiert sein. Die Uckermark ist aufgrund ihres geringen Besatzes mit Gewerbe und der großen Entfernung zur Metropole Berlin tatsächlich durch immense Strukturprobleme geprägt. Mit einer Arbeitslosenquote von zuletzt etwa dreizehn Prozent ist sie eine der am stärksten von Unterbeschäftigung betroffenen Regionen Deutschlands – gemeinsam mit westdeutschen Städten wie Bremerhaven oder Gelsenkirchen.

Demgegenüber gibt es im Erzgebirge und in gut für Pendler erreichbaren Städten in seinem Vorland wie Chemnitz und Zwickau zahlreiche mittelständische Industriebetriebe. Die Arbeitslosigkeit fällt hier seit Jahren stetig und lag zuletzt bei circa sechs Prozent. In der öffentlichen Wahrnehmung kommt dieser Wandel jedoch nur sehr langsam an.

Unwidersprochen bleibt es, wenn in TV-Talkshows Brandenburg mit Süditalien gleichgesetzt wird, obwohl in den an Berlin angrenzenden Kreisen, in denen deutlich mehr als die Hälfte der Landesbevölkerung lebt, die Arbeitslosenquote teilweise bereits weniger als sechs Prozent beträgt und die Wirtschaft im entstehenden Berliner Speckgürtel vom (nun endlich) spürbaren Hauptstadtboom profitiert.

Drohender Arbeitskräftemangel

Mit Blick auf die zunehmend gute Arbeitsmarktlage nähern wir uns aber einem realen Problem an, das nicht nur die entlegene Peripherie, sondern mit ein paar Jahren Verzögerung viele ländliche Regionen in Ost- und Westdeutschland betrifft: Das Erwerbspersonenpotenzial schrumpft in vielen ländlichen Räumen, während es deutschlandweit zuwanderungsbedingt leicht steigt. Eine angesichts der guten Wirtschaftslage steigende Nachfrage nach Arbeitskräften trifft hier auf ein Jahr für Jahr rückläufiges Angebot, was die Arbeitslosigkeit auf dem Lande kontinuierlich sinken lässt.

Der demografische Wandel stellt Deutschland insgesamt und angesichts des neuen Urbanisierungstrends insbesondere das Land vor immense Herausforderungen. Zwar wird schon seit Jahren vor den Folgen der Alterung und Schrumpfung der Gesellschaft gewarnt, doch angesichts stark ansteigender Zuwanderung ist die Bevölkerung in den letzten Jahren wieder gewachsen.

Auch die Beschäftigung erreicht immer neue Rekordwerte, sodass der demografische Wandel als Bedrohungsszenario für Deutschland in der öffentlichen Debatte stark in den Hintergrund tritt.

Trotzdem kann in der Frage der demografischen Entwicklung keine Entwarnung gegeben werden, schon gar nicht für den ländlichen Raum. Durch die stärkere Immigration wird die seit etwa zwei Jahrzehnten in der deutschen Binnenwanderung wahrnehmbare Tendenz „zurück in die Stadt“ noch verstärkt. Die meisten Migranten gehen in die Städte, an der ungünstigen Demografie auf dem Lande ändert die Zuwanderung wenig. Die Arbeitsmigration vom Land in die Städte ist zwar angesichts einer fast überall geringen Arbeitslosigkeit nur noch von untergeordneter Bedeutung – auch die neuen Bundesländer sind seit ein paar Jahren insgesamt keine Abwanderungsregion mehr –, doch dafür spielt die Bildungsmigration eine größere und langfristig entscheidende Rolle. Der kontinuierlich steigende Studierendenanteil unter den Schulabgängern in Deutschland begünstigt die Metropolen und Universitätsstädte nachhaltig.

Gerade junge Frauen zieht es nach dem Schulabschluss in die Städte, was zu einem Überschuss junger Männer in vielen ländlichen Regionen geführt hat. Wenn die Phase der Partnerwahl und Familiengründung am Studienort stattgefunden hat, wird eine Rückkehr in die Herkunftsregion eines Partners sehr unwahrscheinlich – zumal der andere Partner dort keine Bindungen aufweist. Geht die Babyboomer-Generation in fünf bis fünfzehn Jahren in Rente, droht vielen ländlichen Regionen ein immenser Verlust an Erwerbsbevölkerung, der nur schwer durch Zuwanderer zu kompensieren sein dürfte.

Der Eröffnung neuer Fachhochschulen in kleineren Städten in eher ländlichen Regionen in den letzten zwanzig Jahren hat zwar dazu beigetragen, dass akademische Bildung in Deutschland nicht mehr ganz so stark auf relativ wenige Universitätsstädte konzentriert ist und die Industrieunternehmen in ländlichen Regionen leichter Bildungs- und Forschungspartner finden – etwa für duale Studienangebote –, sie kann aber die Bildungswanderung junger Menschen in die Großstädte allenfalls abmildern, nicht entscheidend verändern. Aus volkswirtschaftlicher Sicht kommt daher dem Produktivitätswachstum und Innovationen eine zentrale Rolle zu, damit die zahlreichen Betriebe außerhalb der Wirtschaftszentren und Ballungsräume den demografisch bedingten Arbeitskräftemangel abfedern können.

Während Firmen in den Wirtschaftszentren oft noch die freie Auswahl unter den Bewerbern haben, müssen Unternehmen auf dem Lande schon heute aktiv um Fachkräfte werben und teils den Blick nach Ost- und Südeuropa richten. Den starken Industrieunternehmen in Baden-Württemberg oder Bayern dürfte dies eher gelingen, doch Betriebe in weniger attraktiven Landstrichen mit geringerem Lohnniveau, etwa in Ostdeutschland, wird es schwerer fallen, ihren Arbeitskräftebedarf zu decken – selbst jenseits des Segments hoch qualifizierter Fachkräfte.

Interregionale Vernetzung vorantreiben

Besser sieht es in jenen ländlichen Regionen aus, die im weiteren Umland der wachsenden Großstädte liegen: Mit zunehmender Verteuerung des knappen Wohnraums in den Zentren wird die Suburbanisierung wieder Fahrt aufnehmen, und Firmen an Standorten, die noch relativ stadtnah sind, können am urbanen Arbeitskräftepool partizipieren. Nur durch eine gute Infrastrukturanbindung an die Zentren und die Vernetzung mit urbanen Gebieten können ländliche Regionen daher den bevorstehenden Demografie-Knick abfedern.

Künftig werden sich die bereits heute sehr unterschiedlichen Wirtschaftsstrukturen und Lebensverhältnisse im ländlichen Raum weiter ausdifferenzieren, wobei eine gute Vernetzung mit den wachsenden Ballungsräumen und kleineren Großstädten entscheidend für die Entwicklung der Regionen ist: Je weniger wirklich abgelegene Regionen es gibt, desto besser sind die Chancen für den ländlichen Raum insgesamt. Deutschland hat in dieser Beziehung weit bessere Voraussetzungen als praktisch alle anderen hoch entwickelten Flächenländer in Europa, da es durch seine historisch gewachsene föderale Struktur und relativ hohe Siedlungsdichte über sehr viele städtische Zentren verfügt, die auf ihr jeweiliges Umland ausstrahlen. Aber auch die digitalen Infrastrukturen müssen mithalten: Ein zügiger Ausbau des Breitbandnetzes, wie er mit der „Digitalen Agenda“ des Bundes endlich eingeleitet wurde, erlaubt es Unternehmen in kleineren Städten und ländlichen Räumen, am globalisierten Wirtschaftsgeschehen in der kommenden Ära der Industrie 4.0 teilzuhaben und eigene innovative Produkte in Kooperation mit Kunden und Forschungseinrichtungen zu entwickeln.

Für einen generellen Pessimismus gibt es keinen Anlass, doch der bevorstehende Renteneintritt der geburtenstarken Wirtschaftswunder-Jahrgänge bei gleichzeitig anhaltender Bildungsmigration in die Städte stellt viele ländliche Regionen tatsächlich vor große Herausforderungen. Der Wettbewerb um Fachkräfte wird sich erheblich verstärken, wobei gut vernetzte und attraktive ländliche Räume die besseren Karten haben.


Klaus-Heiner Röhl, geboren 1968 in Buchholz, Senior Economist, Institut der deutschen Wirtschaft Köln.


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