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Konrad-Adenauer-Stiftung (Logo)Die Politische Meinung

Mit der Heimat ist es so wie mit der Freiheit: Ihren nur scheinbar unermesslichen Wert ermisst man in dem Moment schmerzlich genau, wenn sie einem verloren geht. Jeder, der das eine wie das andere in seinem Leben erfahren musste, wird diesen Zusammenhang bestätigen. Heimat, das Gefühl, an einen Ort oder zu einer nicht notwendig besonderen, wohl aber bestimmten Gruppe von Menschen zu gehören, ist etwas Elementares und Kraftvolles. Je bedrohter dieses Gefühl nach Zugehörigkeit und Heimat erscheint, desto größer ist die Sehnsucht danach.

Wer das bestreiten möchte, der frage sich, warum das Magazin Landlust mit einer Auflage von 987.000 in 2016 mehr Leser gefunden hat, als die Volksparteien SPD und CDU Mitglieder haben – und zwar zusammen. Die Antwort: Weil eine Zeitschrift über das Landleben und die Natur fern der anonymen Städte und grauen Wohnblocks ihren Lesern wahrscheinlich etwas anzubieten vermag, was „Volks-Parteien“ trotz ihres anspruchsvollen Namens nur noch unzureichend vermitteln: einen Sehnsuchtsort, Heimat eben. Dabei ist Heimat etwas Hochpolitisches: So setzt ein Motto wie „Wir sind ein Volk“ die Existenz eines solchen, gemeinsamen Sehnsuchtsortes voraus.

Selbst derjenige, der noch nie etwas vom Subsidiaritätsprinzip, von der Katholischen Soziallehre oder von Oswald von Nell-Breuning gehört oder gelesen hat, wird schon intuitiv bestätigen, dass die kleine, die lokale Einheit immer die große, die anonyme Einheit schlägt, wenn es um Identitätsstiftung oder Handlungsfähigkeit geht. Wahr ist: Globalisierung oder Digitalisierung haben durch Produktivität und Effizienzsteigerung in den letzten zwei Jahrzehnten Hunderte Millionen Menschen weltweit aus der Armut befreit. Wahr ist aber auch: Globalisierung hat die Welt nicht nur effizienter, sondern auch schneller wie ungleicher und damit unberechenbarer gemacht.

Wunsch nach Übersichtlichkeit

Darum ist es nur allzu menschlich, dass viele Bürger gerade in den unübersichtlichen Zeiten des globalen Wandels umso mehr im Lokalen nach Orientierung suchen, und diese finden sie am ehesten im Kleinen, vor Ort, im Privaten. Der jetzige amerikanische Präsident hat kürzlich gezeigt, wie man mit einem solchen Gefühl des Lokalen „gegen die da oben“ nationale Wahlen für sich entscheiden und so globale Politik machen kann. So sagte ein ungefähr vierzigjähriger Wahlkampfhelfer aus Ohio einem Fernsehreporter auf die Frage, warum er Donald Trump unterstütze, entwaffnend off n: „Weil ich möchte, dass hier (im rust belt) alles wieder so wird, wie es war.“ Der Interviewte hatte das schlichte Gefühl, dass man ihn seiner gewohnten wie vertrauten Heimat beraubt hatte. Seine Antwort macht deutlich, welche Bindungswirkung und politische Sprengkraft ein Gefühl von Heimat, vom Lokalen inmitten einer global aufs Höchste vernetzten Volkswirtschaft zu entfalten vermag.

Denn mit Heimat und dem mit ihr verbundenen Wunsch nach Übersichtlichkeit lässt sich in der Tat ein Staat machen, aber ebenso gut populistische Stimmungen. Der Wille, für das eigene Tun vor Ort verantwortlich zu sein und über dieses die Kontrolle wiederzugewinnen, lokal seine Stimme zu erheben und national Gehör zu finden, das macht den Heimatbegriff so aktuell wirkmächtig wie politisch brisant.

Umgekehrt scheint transnational der Wille wie die Fähigkeit, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen, innerhalb globaler Arbeits- und Finanzmärkte einen zunehmend schwereren Stand zu haben. Dazu drei Beispiele:

Erstens: Wer so digital wie anonymisiert mit dem Geld anderer Leute bei null Prozent Zentralbankzinsen als Bank Eigengeschäfte tätigt, scheint weit weniger willens und in der Lage, auch für die damit verbundenen, exponentiell höheren Risiken global zu haften, als man das etwa vom örtlichen Bankdirektor mit Handschlagqualität hinsichtlich der Einlagen seiner Kun- den erwartet.

Zweitens: Kunden, die in einer fränkischen Metropole bei einer Kaffeekette aus Seattle von einer unbekannten Bedienung mit Vornamensschild ihren eigenen Vornamen auf einen litergroßen Kaffeebecher gemalt bekommen und plötzlich entscheiden sollen zwischen Latte Macchiato, Milchkaffee, Espresso, Cappuccino oder Chai Latte, sehnen sich plötzlich nach einfachem Filterkaffee, auch wenn der früher gar nicht so gut schmeckte, wie es ihnen die eigene Erinnerung glauben macht. Dahinter steht nichts anderes als die einfache Sehnsucht nach Vertrautheit, nach der elterlichen Küche, kurz: nach Heimat.

Drittens: Wer etwa in nur scheinbar anonymen, digitalen Räumen andere Menschen von einem dunklen Wohnzimmer aus morgens um drei Uhr virtuell aufs Übelste verunglimpft, der würde dies wahrscheinlich öffentlich und selbst am oft gescholtenen Dorfstammtisch so ungehemmt nicht tun, weil ihm in Echtzeit soziale Missbilligung zuteil würde. Heimat hat dabei nicht die Funktion der Sozialkontrolle, sondern der Herstellung eines Common Sense.

Wandel gestalten

Bei all solchen ökonomischen, privaten und selbst politischen Aktivitäten, bei denen man heutzutage die digitale Manipulation bis hinein in den demokratischen Wahlprozess fürchten muss, hat sich durch Globalisierung und Digitalisierung in den letzten zwei Jahrzehnten vieles radikal gewandelt. Dabei haben sich die Spielregeln wie Spielfelder grundsätzlich verändert. Hingegen sind die Menschen weitgehend so geblieben, wie sie immer waren, mit all ihren Stärken und Schwächen. Und zum Menschsein gehört, dass die meisten von uns mit Wandel, Unsicherheit und Entgrenzung nicht sonderlich gut umgehen können.

Wie aber kann ausgerechnet der vermeintlich einengende Heimatbegriff dabei helfen, mit solch gefühlter zunehmender Entwurzelung angemessen umzugehen, ohne in einen billigen Populismus zu verfallen? Zunächst gibt es Konstanten, die zu akzeptieren man gut beraten scheint: Gesellschaftlicher Wandel lässt sich zumindest auf lange Sicht selten staatlich verordnet aufhalten. Im 19. Jahrhundert gab es in der beginnenden Industrialisierung Arbeiter, die ihre neuen Maschinen zerstört haben. Diese Strategie ist ungefähr so effektiv wie die Abschaffung des Seismografen in der Annahme, dass es danach keine Erdbeben mehr geben würde.

Sozioökonomischer Wandel will vielmehr gestaltet werden, und genau dabei bietet der Heimatbegriff einen wichtigen lokalen Anker im Globalen. Wer seine Wurzeln kennt, wer seine Werte und Traditionen stärkt, statt sie zu kappen, der hat auch im scharfen Wind der Globalisierung einen sicheren Stand.

Bei festen Wurzeln sind wir nun beim Bild des Waldes und meiner Rolle als Vorsitzendem der deutschen Waldeigentümerverbände. Der Begriff „Wald“ steht für Wurzeln, für Tradition, für Verlässlichkeit und Zukunft gleichermaßen. Waldbewirtschaftung und Wald bedeuten für uns genau das: das Bewahren eines wichtigen Stückes unserer Heimat als Schutz in stürmischen Zeiten, wie Elias Canetti diesen Zusammenhang so unnachahmlich in seinem Werk Masse und Macht ausgedrückt hat, als er vom besonderen Verhältnis der Deutschen zum Wald schrieb. Bäume haben Wurzeln, und die sind verlässlicher als jede globale Kreditausfallversicherung. So wie wir Verantwortung für unsere Heimat tragen durch die Bewirtschaftung und damit den Schutz des Waldes, so glauben wir, dass auch mit dem Begriff Heimat verantwortungsvoller umgegangen werden sollte: Ein stets moralisierender Duktus und „Veggie Days“ schaffen kein Gefühl von Heimat, sondern zeugen eher vom Wunsch nach zentralistischer Bevormundung.

Weiterhin sind wir Waldeigentümer Gegner eines globalen Manchesterkapitalismus und überzeugte Anhänger der Sozialen Marktwirtschaft. Denn nur Letztere scheint nachhaltig, weil sie auf zwei so zentralen wie zukunftsfähigen Prinzipien fußt, ohne die keine Volkswirtschaft langfristig funktioniert:

Erstens: Eigentum verpflichtet und ist gleichzeitig rechtsstaatlich zu garantieren.

Zweitens: Es gilt das Subsidiaritätsprinzip. Probleme löst man am besten direkt dort, wo sie entstehen.

Ein solches Denken ist alles andere als hinterwäldlerisch – der Begriff der Nachhaltigkeit ist nicht von ungefähr von Forstleuten erfunden worden: Wir ernten nicht mehr, als wir säen. Gesunde, ökologisch wie ökonomisch attraktive Wälder stärken die Wirtschaftskraft unserer Heimat in einer Weise, um die man uns global beneidet. In genau diesem Sinne sind wir heimat- verbunden und dennoch technikaffin sowie nachhaltig produktiv, da unsere Wirtschaftsform nicht zulasten künftiger Generationen geht. Wir nutzen modernste digitale Technik, aber eben in einem lokalen Raum, den wir kennen und, vor allem, der uns am Herzen liegt und in dem viele von uns selbst wohnen. Unsere Heimat auszubeuten oder aufs Spiel zu setzen, wäre nicht nur ökonomisch kurzsichtig, sondern würde mit unseren traditionellen Werten kollidieren.

Politisch wie wirtschaftlich betrachtet ist ein solches Heimatverständnis als Grundlage unseres ökonomischen Handelns darum keine Kleinigkeit, sondern ein Schwergewicht und echtes Pfund: Die ländliche Region, die in unseren politischen Diskursen immer weniger vorkommt, bietet zig Millionen Menschen in Deutschland Heimat. Nur knapp fünfzig Prozent der Deutschen leben in städtischen oder dicht besiedelten Räumen. Dennoch fällt auf, dass dieses allzu ungenutzte Potenzial des guten ländlichen Lebens unter Stärkung des ländlichen Raumes politisch kaum vorkommt. Im Gegenteil: Populistische Kräfte sind oftmals besonders dort erfolgreich, wo die Wähler von dem, was zentral über ihre Köpfe hinweg entschieden wird, überrascht, abgehängt und in ihren Vorstellungen und Wünschen einfach ignoriert werden: in den strukturschwachen Gebieten.

Genau dies, das Umgehen des Subsidiaritätsprinzips, das Brachliegen- lassen beziehungsweise aktive Stilllegen des Potenzials unseres ländlichen Raumes, scheint nicht nur politisch kurzsichtig und gerade in postfaktisch-populistischen Zeiten gefährlich, sondern auch ökonomisch fatal und gefährdet den Kern unserer Heimat. Wieviel mehr könnten gerade ländliche Regionen zur ökonomischen, nachhaltigen Stärkung unserer Wirtschaftskraft wie auch zur Identitätsbildung beitragen, die uns Deutschen gerade in den letzten Jahren allzu oft abhanden gekommen scheint. Was also ist zu tun?

Auf einen solchen Strukturwandel mit dem Rückzug des Staates von Schule über Polizei bis zur örtlichen Post zu reagieren, scheint genau der falsche Weg. Vielmehr sollten Infrastruktur und Innovation gerade im ländlichen, regionalen Raum massiv gestärkt werden, von der Nutzung der vorhandenen natürlichen Ressourcen bis hin zum schnelleren Breitbandausbau und zu zukunftsfähigen Energiekonzepten, die sich in ihrer Ausgestaltung jedoch heimatbewahrend und nicht wie in ihrer gegenwärtigen Form meist heimatzerstörend auswirken. All diese Maßnahmen sichern in unsicheren Zeiten Heimat. Allein das Cluster Forst und Holz mit einer Wertschöpfung von 180 Milliarden Euro, 130.000 Unternehmen und 1,1 Millionen qualifizierten Beschäftigten macht als Paradebeispiel bereits vor, wie Zukunft ökonomisch aussehen kann: Es gilt, die Heimat zu stärken, allerdings nicht im Sinne eines economic nationalism im Sinne eines Donald Trump, sondern in einer globalen wie lokalen Symbiose der eingangs erwähnten Begriffe von Freiheit und Heimat. Laptop und Lederhosen, vom Lokalen im Globalen, nachhaltiger Umgang mit Eigentum, Investition in Heimat – all das schafft Zukunft.

But it’s not only the economy, stupid: Vertrauen und Verantwortung als tragende Säulen jeder Gemeinschaft haben den Heimatbegriff als politischen Schlüssel. Heimat ist dabei weder eine Orchidee unter Naturschutz noch ein sagenhaftes Märchenschloss, sondern der Heimatbegriff trägt politisch vor allem dann, wenn er eine hoffnungsvolle, eine konstruktiv gerichtete Utopie ist, die in die Breite ausstrahlt. Vertrauen in die Zukunft des eigenen Landes und die eigene Heimat reduziert zudem ganz nebenbei noch Komplexität und steigert Effizienz.

So wirken etwa die Norweger auf manche ihrer europäischen Nachbarn so heimatverbunden wie modern, ohne dabei nationalistisch abzugleiten.

Man fühlt sich als Norweger, ohne sich der Welt zu verschließen. Und man erwirbt durch gemeinsame Kreativität daheim Wohlstand, den man in einen der größten Pensionsfonds der Welt für jetzige und künftige Generationen global anlegen lässt: vom Lokalen im Globalen! Das ist wirklich nachhaltig und setzt neben einem Common Sense einen ungeschriebenen Gesellschaftsvertrag voraus: Man teilt neben der Heimat Norwegen eine gemeinsame, täglich gelebte Utopie, die durch gemeinsame Arbeit und gemeinsame Werte zur Vision und schließlich zur Realität wird.

Ort mit Zukunftspotenzial

In Deutschland tut man sich da schwerer: Wenn etwa in Berlin ein Hand- schlag zwischen Frau und Mann oder eine unscheinbare Halskette mit Kreuz zum schulischen Konfliktpunkt stilisiert wird oder wenn man hinsichtlich eines Ortes wie einer Unisex-Toilette richterlich wie privat Kulturkämpfe aus- fechten will, dann wird es mit jenem gesellschaftlichen Konsens, der Heimat und Vertrauen ihre Grundlage gibt, schwierig.

Dabei ist der völlige Rückzug in die eigenen vier Wände politisch keine tragfähige Lösung. Auf einem Bauernhaus in meiner Heimat steht der Giebelspruch „Mag auch die Welt ihr Wesen treiben, mein Haus soll meine Heim- statt bleiben“. Das politische Problem mit diesem Spruch wird deutlich, wenn man das hinter dem Spruch stehende Baujahr 1938 liest: Wer meint, Heimat sei nur ein privates Idyll, in das man sich politisch folgenlos zurückziehen könnte, um die Welt und die eigene Heimat sich selbst zu überlassen, der irrt und könnte selbst jenes Privathaus schneller an die gescholtene Welt verlieren, als ihm lieb ist.

Zukunftsfähiger scheint mir da der Giebelspruch ein Haus weiter: „Wir bauen hier so feste und sind doch fremde Gäste. Und wo wir sollen ewig sein, da bauen wir so wenig ein.“ Diese Präferenz hat eben mit unseren Werten und Traditionen zu tun, was aber darum kein Problem wird, weil Toleranz zu diesen Werten zählt und jeder nach seiner Fasson selig werden soll und darf.

Dies bedeutet: Die eigenen Wertvorstellungen bleiben für das eigene Politik- und Heimatverständnis nicht ohne Konsequenzen. Heimat ist weder eine utopische Idylle noch ein geschütztes Biotop. Heimat ist kein fiktives Märchenschloss, sondern eine stets nach vorn gerichtete Utopie, die gelebt werden will und gepflegt werden muss. Ein bisschen so wie der Wald. Ein Ort mit Geschichte, aber eben auch mit gewaltigem Zukunftspotenzial, von dem kreative, fleißige heimatbewusste Menschen leben dürfen und in dem sie Natur, ja Heimat mit Händen greifen können. Von solchen Menschen kann keine Gesellschaft genug haben.


Philipp zu Guttenberg, geboren 1973 in Mannheim, Land- und Forstwirt, Präsident der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzerverbände.

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