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„Demokratie bedeutet, dass wir an einem Tisch sitzen und unterschiedliche Meinung haben können“

Bericht von der Zukunftskonferenz der Konrad-Adenauer-Stiftung zum Thema „Gesellschaftlicher Zusammenhalt“

Von Marcus Nicolini3. Juli 2017


Es waren die großen Themen, die sich das vierte Themenfeld der KAS-Zukunftskonferenz vorgenommen hatte. Was sind in einer Gesellschaft, in der Fliehkräfte aus Individualismus und Egoismus zugenommen haben, einende Werte, die gesellschaftlichen Zusammenhalt in Politik, Wirtschaft und Sozialem sichern? Welches Mindestmaß an kulturellem Konsens, an „Kitt“, braucht es, und welche Spielregeln des gesellschaftlichen Miteinanders? Umfassende Antworten konnte der Zukunftstag darauf nicht liefern. Aber Denkanstöße.

250 junge Menschen blickten auf der Zukunftskonferenz der Konrad-Adenauer-Stiftung, auf das, was morgen kommt; den Blick auf Deutschland und darüber hinaus, 30. Juni / 1. Juli 2017.Konrad-Adenauer-Stiftung / Simone Neumann

Akzente hat gleich zu Beginn der Münchner Soziologe Prof. Armin Nassehi gesetzt. Der deutsch-persischstämmige Wissenschaftler identifizierte „Vertrauen“ und „Toleranz“ als wesentliche Komponenten für gesellschaftlichen Zusammenhalt. Auch als Fußgänger müsse man das Vertrauen haben, dass ein 30-Tonner an der roten Ampel halte. „Dann schaut man nicht so genau hin und geht mit ‚abgeschattetem Bewusstsein‘ durch die Gegend.“ Zum Vertrauen gehöre auch, dass Menschen nicht bei jedem Einzelaspekt gesellschaftlicher Diskussion denken, dass es ums „große Ganze“ gehe.

Videomitschnitt der kritischen Impulse von „Pulse of Europe“-Gründer Daniel Röder, BILD-Chefredakteurin Tanit Koch, Tagesspiegel-Herausgeber Sebastian Turner und Soziologie-Professor Armin Nassehi zu Beginn der Zukunftskonferenz

Zusammenhalt ist in einer Gesellschaft mit pluralen Lebensentwürfen besonders wichtig. Für Nassehi besteht der Grundkonsens deshalb im Akzeptieren und Aushalten der Lebensentwürfe Anderer. Dass diese im Einzelfall Aufregerthemen sein können, bei denen es um die „richtige“ oder „falsche“ Lebensform gehen kann, war am Freitag bei der Bundestagsabstimmung zur „Ehe für alle“ augenfällig. Aber auch Flucht und Nation sind Themen, in denen das Aushalten anderer Ansichten schwer sein kann - und gerade deshalb nötig ist. Politik, so Prof. Nassehi, könne nur kollektiv bindende Vorgaben machen, nicht die Gesellschaft an sich steuern. Sein Impuls an die großen Parteien CDU/CDU und SPD ist deshalb, ihr altes Narrativ neu zu entdecken und zu definieren, um Alternativen für Wahlen zu schaffen.

In der anschließenden Zukunftswerkstatt versuchten zwei weitere Referenten mit Migrationshintergrund, die deutsch-kurdisch-jezidische Filmemacherin Düzen Tekkal und der deutsch-kurdisch-alevitische Journalist Ali Can, sowie der Gesellschaftsforscher Prof. Thomas Klie eine weitere Annäherung an die Frage des gesellschaftlichen Kitts. Wenn dieser fehlt, wird wie bei einem kaputten Fenster (mit Glasscheiben und Fensterkitt) dann deutlich, „wenn es zieht“, so Thomas Klie. Dann müssten, so Moderator Friedrich Leist vom NDR, die Werte unserer Gesellschaft wieder besser vermittelt werden und Handeln angeregt werden, das Zusammenhalt stärkt.

Einig war sich die Runde über die verbindende Rolle des Ehrenamts. Die geflüchteten Zugewanderten hätten hier einen hohen Impuls zu helfen ausgelöst, sagt der Freiburger Professor Klie. Es gebe eine Vielfalt ehrenamtlichen Engagements. Diese Bereitschaft dürfe nicht verpuffen. „Wir brauchen eine andere Haltung zum Ehrenamt, flexiblere Formen, projektbezogen“, ist aber der junge Journalist Ali Can überzeugt. Das Denken in traditionelle Strukturen von Ehrenamt verhindere neue Formen von Engagement, die sich vor allem auch im Digitalen fänden. Vehement setzte sich die Journalistin Düzen Tekkal für gesellschaftliche Anerkennung von Ehrenamt ein. Das schließt für sie auch eine finanzielle Würdigung ein. „Wir geben den wirtschaftlich Stärksten die meiste Aufmerksamkeit, nicht denjenigen, die Gutes tun“, merkte auch Ali Can an. Das Ehrenamt sei kein Zeitfresser, sondern vermittle soziale Kompetenzen, die sonst nirgendwo erworben werden könnten.

Sorgsam gilt es Prof. Klie zufolge, auf Gegenden in Deutschland mit großen Einkommensunterschieden, vielen Langzeitarbeitslosen und geringer Bevölkerungsdichte zu achten, weil dort kaum ehrenamtliches Engagement stattfinde und gesellschaftliche Strukturen zusammenzubrechen drohten. Klie fordert deshalb mehr „ehrenamtliche Strukturpolitik“. In Kiezen und Quartieren gelte es, Bedingungen guten Lebens mit zu bedenken und zu fördern.

Die Erfahrung, die Gesellschaft mitgestalten zu können, könnten schon sehr junge Menschen machen. Thomas Klie glaubt, dass schon Kinder Verantwortung für andere übernehmen können, z.B. durch Mitbestimmung bei der Kita-Essensauswahl. Man müsse früh mit Demokratiebildung anfangen: „Wir brauchen bereits im Kindergarten das Erlernen von Demokratie“.

Neben dem Ehrenamt ist der Zukunftswerkstatt der religiös-kulturelle Dialog wichtig. Ali Can bringt mit seinem Verein „Interkultureller Frieden“ und der „Hotline für besorgte Bürger“ Linksautonome mit besorgten bzw. „besorgten“ Bürgern zusammen. Er ist davon überzeugt, dass mit wertschätzender Kommunikation mehr erreicht werden kann als mit erhobenem Zeigefinger. „Demokratie bedeutet, dass wir an einem Tisch sitzen und unterschiedliche Meinung haben können.“ Auch Düzen Tekkal findet den Dialog über religiösen und anderen Extremismus und die Macht der Begegnung wichtig. Sie sieht den Grundgesetzpatriotismus als unverzichtbaren Minimalkonsens an. Bei jungen Migranten gebe es eine große Diskrepanz zwischen dem Erfolg, den sie möchten, und der Bereitschaft, selbst aktiv zu werden. Viele Migranten fühlten sich abgehängt; sie müssen die Erfahrung von Wertschätzung machen. Wie die Erinnerung an Lehrer, die einen ungerecht behandelt hätten, dauerhaft erinnerbar ist, seien es Erfolge, die aufbauen. Tekkals Schwester Tugba Tekkal beispielsweise spricht deshalb mit Eltern von Flüchtlingsmädchen und holt sie aus den Familien zum Fußballspielen beim 1. FC Köln, damit sie dort erkennen, was sie alles können.

Ali Can glaubt, dass mehr „Migranten des Vertrauens“ gebraucht würden und dass man deutschen Einheimischen die Sorgen vor Migranten nehmen müsse, wie er im Abschlussworkshop deutlich macht. Dazu ist der im Münsterland aufgewachsene Journalist vor Weihnachten als Reporter mit Schokonikoläusen auf Pegida-Demonstranten in Dresden zugegangen. Indem er den Menschen offen und mit Interesse und Fragen begegnet, bringt er sie zum Überdenken ihrer Positionen und dazu, neugierig für andere Denkweisen zu werden und sich von Klischees zu lösen. Die Schokofiguren hätten die Menschen aus ihrer Schublade geholt und Denkmuster aufgebrochen. „Wenn man mit Andersdenkenden ins Gespräch kommen will, muss man das Denken des Anderen verändern. Wenn ich dem Anderen auf Augenhöhe begegne, fühlt er sich ernst genommen.“ Man müsse anderen Menschen mit einer „Woge aus Empathie“ entgegentreten: „Eine andere Wahl haben wir nicht.“

Dr. Marcus Nicolini ist Leiter der Journalistischen Nachwuchsförderung (JONA) der Konrad-Adenauer-Stiftung
Mitarbeit: Dr. Christian Koecke, Referent Politische Bildung Konrad-Adenauer-Stiftung

Über diese Reihe

Die Konrad-Adenauer-Stiftung, ihre Bildungsforen und Auslandsbüros bieten jährlich mehrere tausend Veranstaltungen zu wechselnden Themen an. Über ausgewählte Konferenzen, Events, Symposien etc. berichten wir aktuell und exklusiv für Sie unter www.kas.de. Hier finden Sie neben einer inhaltlichen Zusammenfassung auch Zusatzmaterialien wie Bilder, Redemanuskripte, Videos oder Audiomitschnitte.

Herausgeber
Konrad-Adenauer-Stiftung e.V.


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