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Konrad-Adenauer-Stiftung (Logo)Die Politische Meinung

Ein Kreuz erregt in Berlin die Gemüter. Auf der Kuppel des künftigen Humboldt-Forums soll es zu sehen sein, auf der Kuppel des wieder aufgebauten Schlosses. Darunter anders als im Ursprungsbau keine Kapelle, keine Kirche, sondern ein Zentrum für die Kulturen der Welt. Das Kreuz – in diesem Fall mehr rekonstruiertes Architekturelement des 19. Jahrhunderts als aktuelles Glaubensbekenntnis – sorgt für Debatten.

„Beide Forscher – gemeint sind die Brüder Humboldt als Namensgeber des Forums – haben Gott nicht gebraucht“, schreibt der Tagesspiegel im Mai dieses Jahres. Auch der Berliner Kultursenator Klaus Lederer spricht sich gegen das Kreuz aus. Die großen christlichen Kirchen sind wenig überraschend dafür, auch der Zentralrat der Muslime unterstützt das christliche Symbol. Die Entscheidung ist gefallen, das Kreuz kommt – aber die Debatte geht weiter.

Das Kreuz: Symbol von Unterdrückung und der Unfreiheit oder Zeichen der Befreiung und der Werte, die Deutschland, die Europa prägen und möglich gemacht haben. Unter dem Kreuz jedenfalls versammelt sich freiwillig – nicht nur in Berlin – nur noch eine Minderheit.

„Woran glaubst Du?“ – so hatte die ARD ihre diesjährige Themenwoche überschrieben und in diesem Rahmen auch eine repräsentative Umfrage zum Thema mit infratest dimap veröffentlicht. Das Ergebnis ist ernüchternd: Weit über die Hälfte der Bevölkerung sieht Religion und Glaube kritisch (27 Prozent geben an: „gar keine Bedeutung“, 36 Prozent: „geringe Bedeutung“). 29 Prozent messen Religion und Glaube eine große, acht Prozent eine sehr große Bedeutung bei. Auffallend ist dabei die große Ost-West-Diskrepanz: Im Westen messen 41 Prozent dem Glauben eine hohe Bedeutung bei, im Osten mit 21 Prozent nur knapp die Hälfte. Sie seien „immun gegen Religion“, erklären Ostdeutsche mit hörbarem Stolz.

Die Statistik spricht eine ähnliche Sprache: Im Jahr 2015 gehören in Deutschland noch 46 Millionen Menschen offiziell einer der beiden christlichen Kirchen an (im Jahr 2010 waren es noch 48,5 Millionen). 4,5 Millionen bekennen sich zum Islam und 100.000 zum Judentum – so die aktuellen Zahlen aus dem Jahr 2015. Bei einer Umfrage nach den Glaubensinhalten sagt nur ein Drittel der Befragten (34 Prozent), dass es an die Auferstehung glaubt. Über sechzig Prozent beantworten die Frage mit „Nein“.

„Mission Respekt“

Deutschland – Missionsland? Als ich Kind war, prägte ein deutscher Spiritanerpater mein Bild vom Missionar. Er berichtete regelmäßig von seinen Missionsreisen entlang des Amazonas, mit dem Boot, dem Motorrad oder zu Fuß. Desobriga war mein erstes portugiesisches Wort, die „Seelsorgereise“. Inzwischen weiß ich, dass der Wortstamm ursprünglich „befreit“ oder „entpflichtet“ heißt. Und es ging tatsächlich darum, Pflichten zu erfüllen – der regelmäßige Sakramentenempfang gehörte dazu. Auf den eng beschriebenen Luftpostbriefbögen, die uns von seinen Abenteuern berichteten, fanden sich Zahlen über Zahlen von Taufen, Erstkommunionen, Beichten, Eheschließungen und – ja – Priesterweihen. Entlang des Amazonas – ein deutscher Pater auf Mission. Der Pater lebt heute noch dort und schreibt uns regelmäßig, und seine Arbeit, die sich im Laufe der Jahrzehnte sehr gewandelt hat, bewirkt sicher viel Gutes.

Sollte er nicht eigentlich nach Deutschland umziehen? Deutschland als Missionsland zu betrachten, ist nicht neu. Volksmission – der Begriff stand und steht seit dem 19. Jahrhundert in der evangelischen und katholischen Kirche für Evangelisierung innerhalb der Kirchen – heißt seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil vielerorts auch Gemeindemission, stößt aber nur noch auf geringe Nachfrage. Kirchenverantwortliche sprechen nicht nur im Hinblick darauf von einem Traditionsabbruch, längst nicht mehr nur im Osten der Republik ist Wissen über christliche Kultur sehr rar geworden. Aber Mission? Da schütteln auch gelernte (und gläubige) Katholiken den Kopf. „Nein danke.“ Missionieren möchte in unserer aufgeklärten Gesellschaft niemand, schon gar nicht missioniert werden. Denn Mission gilt als Inbegriff all dessen, was die Kirche in den vergangenen Jahrhunderten falsch gemacht hat: Dazu zählen Zwangstaufe, Gewalt und Kulturimperialismus. An diese Stelle sind in der westlichen Welt Religionsfreiheit und Toleranz getreten – Begriffe, die oftmals eine weit verbreitete Gleichgültigkeit übertünchen sollen. Das gilt für evangelische wie katholische Christen, die sich damit gleichzeitig von jeder Form des Kolonialismus abgrenzen wollen.

Dennoch gehört es zum Grundkern des christlichen Glaubens, ihn weiterzugeben und über ihn zu sprechen oder – kirchlich ausgedrückt – Zeugnis abzulegen. „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch bewegt“ (1 Petr 3,15). Auf diesem Hintergrund arbeiten Theologen und Theologinnen beider Konfessionen seit Jahrzehnten an einem neuen Missionsverständnis: Die Überschrift einer ökumenischen Tagung „Mission Respekt“ kann dabei als Motto für das missionarische Handeln der Kirchen stehen – im In- und im Ausland.

Mehr Katholiken weltweit, weniger in Europa

Interessant ist in diesem Kontext die Betonung der Ränder der Gesellschaft. Die Missionserklärung der evangelischen Kirchen „Gemeinsam für das Leben“ definiert eine Mission von den Rändern her: „Heute beanspruchen Menschen an den Rändern der Gesellschaft, selbst Subjekte der Mission zu sein, und betonen den verwandelnden Charakter der Mission.“ Papst Franziskus schickt in seiner programmatischen Schrift Evangelii Gaudium die Katholiken in die Randgebiete (EG 20): „Mir ist eine ‚verbeulte‘ Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Straßen hinausgegangen ist, lieber als eine Kirche, die aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit, sich an die eigenen Sicherheiten zu klammern, krank ist“ (EG 49).

„Außerhalb der Kirche kein Heil“ – so hörte sich die katholische Lehre noch im 20. Jahrhundert bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil an. Daraus ergab sich für die katholische Kirche die Notwendigkeit zur Mission – nur so konnten die Menschen gerettet werden. Mit dem Dokument des Konzils zur Kirche Lumen Gentium ändert sich die Sichtweise grundlegend. Denn dort halten die Konzilsväter (endlich) fest, dass auch Menschen außerhalb der Kirche das Heil finden können. Mission in diesem Kontext geschieht unter einer veränderten Perspektive: Es geht um Freiheit, es geht um Zeugnis! Wem das Herz voll ist, dem geht der Mund über. Oder, wie es die Apostelgeschichte formuliert: „Wir können nicht schweigen über das, was wir gesehen und gehört haben“ (Apg 4,20).

Vom christlichen Europa in den Rest der Welt

Das prägt die Arbeit derer, die früher ganz selbstverständlich Missionare waren. Und heute? Es ist nicht nur die Sorge vor dem negativ besetzten Begriff, die zum Wandel des Berufs beigetragen hat. Hatte doch die alte Mission eine klare (geografische) Richtung – vom christlichen Europa in den Rest der Welt. Die einen geben, die anderen nehmen. Und das „Nicknegerlein“ an der Weihnachtskrippe machte das mehr als deutlich.

Heute leben und arbeiten in Deutschland 587 ausländische katholische Priester – 173 von ihnen, die größte Gruppe, kommen aus Indien. Ein Indikator dafür, wie sich die Situation gewandelt hat. Die jüngste Statistik aus dem Vatikan5 nennt weitere: Im Jahr 2014 gab es einen Anstieg der Katholiken um 18.355.000 auf 1.272.281.000. Alle Kontinente verzeichneten ein deutliches Plus, nur in Europa sank die Zahl um 57.000. Allein in Afrika ein Zuwachs von über acht Millionen – der Schwerpunkt verschiebt sich, weg von Europa, weg von dem alten Abendland hin zu den Christinnen und Christen in Afrika, Asien und Lateinamerika. Denn die Zahlen der evangelischen Kirchen sprechen eine ähnliche Sprache.

„Umparken im Kopf“

Das macht deutlich: Das Miteinander in der Weltkirche ist schon lange keine Einbahnstraße mehr. Es geht um Kommunikation auf Augenhöhe, um ein Geben und Nehmen – und um ein gegenseitiges Geschenk. Für die deutsche Kirche, die sich jahrhundertelang in der gebenden, zeitweise auch in der (sehr unchristlich) überlegenen Rolle gefühlt hat, ein Lernprozess.

Viele weitere Schritte werden folgen. Einer betrifft ein „Umparken im Kopf“, ein Umlegen der Schalter: nicht angesichts der sinkenden Zahlen immer das „noch“ im Blick haben, sondern auf das „schon“ schauen. Den Anfang, den Aufbruch, das Neue im Blick. Der Pastoraltheologe Paul Zulehner schlägt vor: „Wir rechnen jetzt nicht mehr von 100 herunter, sondern von Null hinauf.“ Das bedeutet auch, Abschied zu nehmen vom Volkskirchengedanken – also der Vorstellung, dass eigentlich alle der Kirche angehören (sollten) und Kirche alles prägt. Vielmehr geht es darum, jede und jeden für das Christentum zu begeistern. Das ist dann nicht mehr nur die Aufgabe für einige weniger abenteuerlustige Priester und Ordensschwestern, die sich im fernen Dschungel auf den Weg machen, um Seelen zu retten. Mission im besten Sinne gehört zum christlichen Glaubensvollzug, überall und jederzeit.

So lässt sich dann auch das angestaubte Wort „Mission“ neu füllen. Zum einen, weil die Christen den Begriff nicht den Marketing-Leuten und dem „Mission-Statement“ der Unternehmen überlassen sollten. Und zum andern, weil es eine ganz alte Form der Mission gibt, die sich neu zu entdecken lohnt.

Der Kirchenvater Cyrill soll es im 5. Jahrhundert so formuliert haben: „Wenn ich jemanden für das Christentum gewinnen will, lasse ich ihn in meinem Hause wohnen.“ Und Papst Franziskus übersetzt es noch einmal deutlicher: „Geh und verkünde das Evangelium – notfalls auch mit Worten!“


Claudia Nothelle, geboren 1964 in Unna, von 2006 bis 2009 Chefredakteurin des RBB Fernsehens und bis 2017 Programmdirektorin beim Rundfunk Berlin-Brandenburg, freie Journalistin.


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