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"Netzwerke muss man mit Netzwerken bekämpfen"

Terrorismus-Experten über die Hintergründe der Anschläge in Barcelona und Präventionsmöglichkeiten im Interview

28. Aug. 2017


Unsere Experten für Terrorismus-Bekämpfung und religiösen Extremismus erklären, wie der IS funktioniert und welche besondere Bedeutung Spanien hat.

Zwei Polizisten stehen zur Sicherung in Barcelona auf der Straße an einer Bushaltestelle. | Foto: reutersreuters
Zwei Polizisten stehen zur Sicherung in Barcelona auf der Straße an einer Bushaltestelle. | Foto: reuters

Mehr als eine Woche nach den terroristischen Anschlägen in Barcelona und Cambrils sitzt der Schock noch tief. 16 Menschen starben, 120 Menschen wurden verletzt. Hinter den Anschlägen stecken zwölf Männer, die dem IS (Islamischer Staat) angehörten und gemeinsam die Anschläge in Katalonien geplant haben. Unter ihnen befanden sich vier Brüderpaare. Als Drahzieher soll der ehemalige Imam Abdelbaki Es Satty von Ripoll für die Radikalisierung der Jugendlichen verantwortlich sein.

Im Doppel-Interview mit kas.de erläutern unsere Terrorismus- und Islamexperten Dr. Kristina Eichhorst und Dr. Andreas Jacobs die Hintergründe, wie der IS seine Anhänger rekrutiert und warum die Maßnahmen zur Terrorbekämpfung auf europäischer Ebene noch nicht greifen.

Was weiß man bisher über die Attentäter, wie wurden die Brüderpaare radikalisiert?

Jacobs: Bislang weiß man, dass die vier Brüderpaare in Ripoll in Katalonien aufgewachsen sind und radikalisiert wurden. Und zwar von einem Imam, Abdelbaki Es Satty, der wohl als einziger der Gruppe polizei- und nachrichtendienstlich bekannt war. Es gab bei den Brüderpaaren Fälle von kleinkriminellen Biografien, was bei derartigen Anschlägen ein gängiges Muster darstellt. Interessant ist aber vor allen Dingen der Imam, der wohl der einzige war, der Kontakte zu islamistischen Gruppierungen im Ausland hatte.

»Rekrutierer nutzen vor allen Dingen Familienstrukturen.«

Gibt es ein Schema, nach denen die Menschen radikalisiert worden sind?

Jacobs: Vor allem über persönliche Netzwerke, durch einzelne Rekrutierer, indem charismatische Einzelpersonen an Jugendliche mit Migrationshintergrund (vor allem aus der zweiten und dritten Generation) herantreten und versuchen „Soldaten“ für terroristische Aktivitäten zu gewinnen. Was auch typisch ist: dass es Brüderpaare sind. In Paris, Brüssel und Boston waren es jedes Mal Brüderpaare. Das zeigt eben, dass Rekrutierer vor allen Dingen Familienstrukturen nutzen, um an Leute ranzukommen.

Eichhorst: In einer aktuellen Studie von Prof. Fernando Reinares, in der die Lebensläufe von 178 wegen islamistisch-terroristischer Aktivitäten Inhaftierten genauer untersucht wurden, bestätigt sich das Muster, dass ganz selten eine reine Online-Radikalisierung stattfindet, sondern zu 90 Prozent eine gemischte Radikalisierung, das heißt online und offline. Gerade bei der Offline-Radikalisierung sind die Multiplikatoren dschihadistischer Ideologie (sogenannte radicalising agents) besonders wichtig. Sie haben häufig einen Hintergrund, durch den sie sich eine gewisse Autorität und ein Charisma erarbeiten konnten. Sie kamen beispielsweise als foreign fighters aus Syrien oder aus dem Irak zurück. In einem Fall wurde ein Mann von Al Qaida ausgebildet, saß in Guantanamo, kam nach Spanien zurück und wurde dann irgendwann dort aus dem Gefängnis entlassen. Und man konnte feststellen, dass die Radikalisierten sich auch vorher schon in einem sozialen Umfeld befanden, das per se positiv aufgeschlossen gegenüber der dschihadistischen Ideologie war.

Was spricht dafür, dass es ein typisch islamistischer Anschlag war?

Jacobs: Es gibt ein IS-Muster: die Art und Weise der Rekrutierung, die Persönlichkeitsprofile der Attentäter, der Sprengstoff, der verwendet werden sollte, und die Art und Weise des Anschlags, mit einem Lieferwagen in eine Menschenmenge zu fahren wie in Nizza und Berlin. Das ist relativ typisch und zeigt ein eindeutiges Muster.

Eichhorst: In der Vergangenheit standen vor allem die „lone-wolf attacks“ im Fokus der Ermittlungen. Der Anschlag in Spanien bestätigt aber die jahrelange Theorie der Sicherheitsbehörden, dass es nicht nur diese einzige Anschlagsform gibt. Wir müssen das gesamte Spektrum im Auge behalten, von groß angelegten Al-Qaida-Planungen über mittelschwere Anschläge bis hin zu solchen „lone-wolf attacks“.

» Probleme gibt es beim länderübergreifenden Datenaustausch.«

Braucht es mehr europäische Zusammenarbeit? Zum Beispiel mehr Überwachung?

Eichhorst: Die ersten Initiativen zum Thema europäische Zusammenarbeit gab es schon nach den Anschlägen vom 11. September 2001. Wir haben bereits den EU-Koordinator für die Terrorismusbekämpfung, Gilles de Kerchove, dann das EU-Terrorismus-Abwehrzentrum und Europol sammelt seit Beginn des Phänomens der „Foreign Fighters“ Daten. Es wurden zwar viele Initiativen gestartet, aber die Effizienz ist verbesserungswürdig. Probleme gibt es beim länderübergreifenden Datenaustausch, der Interoperabilität der verschiedenen Datensysteme und nicht zuletzt gelten für jedes Land andere Datenschutzrichtlinien. All dies sind Hürden, die noch nicht genommen wurden.

Jacobs: Der spanische Fall ist auch vor dem Hintergrund des Anschlags auf den Berliner Weihnachtsmarkt interessant. Denn auch dort muss es Abstimmungsprobleme auf unterschiedlichen Ebenen gegeben haben. Die katalanische Polizei beklagt sich, dass die Behörden die Informationen über den Imam nicht weitergeleitet haben. Hier gibt es Nachbesserungsbedarf.

»Wir beschränken uns bisher in der öffentlichen Debatte zu stark auf die Radikalisierung über das Internet oder die sozialen Medien.«

Wie kann man die Sicherheit in Deutschland verbessern?

Eichhorst: Die bisherigen Erkenntnisse zeigen, dass wir uns bisher in der öffentlichen Debatte zu stark auf die Radikalisierung über das Internet oder die sozialen Medien beschränkt haben. Vielmehr sollten wir einzelne Personen in den Fokus nehmen, weil sie bei der Radikalisierung eine Multiplikatorenwirkung haben. Die Identifikation und Überwachung dieser einzelnen, radikalen Personen muss verbessert werden, damit man gesetzlich und gerichtlich besser gegen sie vorgehen kann. In Großbritannien hat die Inhaftierung des islamistischen Predigers Anjem Choudary, Führer von Islam4UK, dazu geführt, dass sein Netzwerk zerstört wurde. Vereinsverbote können ebenfalls ein wirksames Mittel sein.

Jacobs: Im Fall des spanischen Imams Es Satty war es typisch, dass er für eine Gemeinde gearbeitet hat. Neben der Überwachung muss viel stärker das soziale, persönliche Umfeld von potentiellen Gefährdern in die nachrichtendienstliche und polizeiliche Arbeit eingebunden werden. Die Menschen müssen ermutigt werden, dass sie Radikaliserungsbeobachtungen den Behörden melden.

Welche Maßnahmen können präventiv ergriffen werden?

Eichhorst: Zur Prävention von Radikalisierung wurden in den vergangenen Jahren zahlreiche Programme gestartet. Auf europäischer Ebene gibt es das „Radicalisation Awareness Network (RAN)“, in dem sich mehrere Organisationen aus diesem Bereich u.a. aus Deutschland, zusammengeschlossen haben. Somit sind wir da schon rechtgut aufgestellt. Diese Präventionsprogramme sollten sich aber noch stärker auf Gegenden fokussieren, von denen man weiß, dass sie salafistische Hotspots sind.

»Es gibt etwa 700 Gefährder aus der dschihadistischen Szene in Deutschland.«

Wie viele radikalisierten Islamisten gibt es in Deutschland?

Jacobs: Wir haben etwa 700 Gefährder aus der dschihadistischen Szene in Deutschland, die vom Verfassungsschutz überwacht werden. Die Hälfte hiervon befindet sich derzeit nicht in Deutschland, der Rest ist zum Teil bereits inhaftiert. Hinzu kommen etwa 10.000 Salafisten mit steigender Tendenz. In der islamistischen Szene bewegen sich 30.000 bis 40.000 Personen. Auf europäischer Ebene sehen die Zahlen etwas anders aus. In Frankreich sind die Zahlen erheblich höher, wo hingegen die Zahlen in Spanien niedriger ausfallen. Dies ist dadurch zu erklären, dass die Sozialstruktur der Muslime anders ist und die Migrationsbewegung dort später eingesetzt hat. In Spanien lebt erst die erste oder zweite Generation der Migranten. Bemerkenswert ist die starke Konzentration von Muslimen im Raum Barcelona und Andalusien. Im Großraum Barcelona lebt ein Viertel der Muslime.

»In der Vorstellungswelt der radikalen Dschihadisten soll das islamische Kalifat von Spanien über Portugal bis Indien reichen.«

Warum spielt Spanien aus dschihadistischer Sicht eine besondere Rolle?

Jacobs: Spanien hat in der islamistischen Geschichte eine besondere Rolle, weil es Teil des islamischen Reiches war, das berühmte al-Andalus. Auf Spanien wird immer wieder Bezug genommen, wenn es darum geht, das islamische Weltreich wieder zu erobern. In der Vorstellungswelt der radikalen Dschihadisten soll das islamische Kalifat von Spanien über Portugal bis Indien reichen. Deshalb ist es ein Topos in der dschihadistischen Welt, dass Spanien oder Andalus als Teile des verlorenen Reiches wiedererobert werden müssen. Frankreich oder Deutschland sind hingegen Neuland auf der islamistischen Weltkarte.

Die Anzahl der Anschläge häufen sich in Europa.

Eichhorst: In den vergangen Jahren gab es in Spanien fast 40 Anschlagsversuche, die verhindert worden sind. Allein zwischen 2013 und 2016 wurden 178 Terroristen verurteilt. Viele waren überrascht, dass es Spanien getroffen hat, aber die Anzeichen waren da.

Jacobs: Wir machen den Fehler, dass wir immer nur auf die tatsächlichen Anschläge schauen und nicht die Verhinderten und Aufgedeckten betrachten. Die Fülle der Versuche hängt mit der besonderen Attraktivität Spaniens, aber auch mit der Nähe zu Marokko und den verflochtenen Netzwerke der Islamisten und Dschihadisten zusammen.

»Wir brauchen einen breiteren Blick auf die Hintergründe, Vernetzungen und Ideologien, die mit diesem Phänomen zusammenhängen.«

Wie kann man die Themenbereiche der Inneren und Äußeren Sicherheit, der Terrorismusbekämpfung und der Radikalisierungsprävention stärker verknüpfen?

Eichhorst: Die Terrorabwehr muss den gesamten Lebenszyklus eines Terroristen in den Blick nehmen. Das beginnt mit der Prävention und endet mit der Deradikalisierung. Es braucht zudem eine enge Zusammenarbeit zwischen den europäischen Nachrichtendienste, um Anschläge zu verhindern. Wir werden immer besser darin zu erkennen, welche Faktoren relevant sind zum Beispiel die Überwachung von Multiplikatoren, Einzelpersonen, verbesserte Präventionsprogramme, die sich auf Hotspots fokussieren. Das Internet darf natürlich nicht aus dem Blick gelassen werden. Netzwerke muss man mit Netzwerken bekämpfen.

Jacobs: Vielleicht brauchen wir einen breiteren Blick auf die Hintergründe, Vernetzungen und Ideologien, die mit diesem Phänomen zusammenhängen. Ich habe das Gefühl, dass wir zu sehr durch die soziologische Brille auf individuelle Radikalisierungsverläufe schauen. Was uns in Deutschland fehlt, ist die stärkere Berücksichtigung ideologischer Zusammenhänge und die Kenntnis über ideologische Argumentationen im Bereich der Radikalisierungsmethoden. Es handelt sich um Ideologien und Vorstellungen aus dem Nahen Osten, die zu uns kommen und reflektieren, was dort geschieht.

Dr. Kristina Eichhorst ist seit März 2015 Koordinatorin für Terrorismusabwehr- und Konfliktmanagement der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin.
Dr. Andreas Jacobs ist seit Januar 2017 Koordinator für Islam und religiösen Extremismus der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin.

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